EWR 10 (2011), Nr. 5 (September/Oktober)

Stefan Köngeter
Relationale Professionalität
Eine empirische Studie zu Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen
(Grundlagen Sozialer Arbeit; Bd. 22)
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2009
(322 S.; ISBN 978-3-8340-0640-0; 29,80 EUR)
Relationale Professionalität Im Zentrum dieser Studie steht die „empirische Rekonstruktion des beruflichen Handelns in den Erziehungshilfen und ihre professionstheoretische Generalisierung“. Mit einem einleitenden Perspektivwechsel verdeutlicht Stefan Köngeter im Rahmen seiner Dissertation zunächst, dass im Berufsfeld der Sozialen Arbeit, insbesondere in den Erziehungshilfen, immer „alle Akteure Teil eines gemeinsamen Handlungszusammenhangs sind“, die sowohl an der Reproduktion“ von Problemen beteiligt sind, „als auch an der Produktion einer Lösung.“ Da lebenspraktische Wandlungsprozesse stets auch von außen befördert und behindert werden können, ist das Ziel seiner Untersuchung die Analyse der besonderen „professionellen Spannungsmomente“, die „im beruflichen Handeln in den Erziehungshilfen bearbeitet werden müssen“.

Die Studie verfolgt die zentrale Forschungsfrage „Worin besteht die für das Handlungsfeld der Erziehungshilfen spezifische Professionalität?“ und hat zum Ziel, Strukturmerkmale der Gedankenfigur „Arbeitsbündnis/Arbeitsbeziehungen“ in der Arbeit mit Eltern in den Erziehungshilfen in einem Modell zu verdichten. Das Involviert-Sein der Professionellen in ein Netz von AkteurInnen (Eltern, Kinder) und der Umgang mit dieser Spannung wird hier als „Relationale Professionalität“ beschrieben.

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut: Nach einer theoretischen Einführung in sozialpädagogische Diskurse zur Professionalität der Sozialen Arbeit erfolgt ein Vergleich zweier theoretischer Zugänge: Köngeter erläutert das Modell des Arbeitsbündnisses (nach Oevermann) aus „psychoanalytischer Tradition“ und die „Fallkonstruktion der Sozialen Arbeit“ des Konzeptes „Arbeitsbündnis der Sozialen Arbeit“ nach B. Müller. Hinsichtlich der Frage nach dem „Möglichkeitsraum sozialpädagogischer Professionalität“ nimmt er dabei eine „dritte Position“ ein, welche die „Dichotomie aus Professionalisierungsbedürftigkeit und Professionalisierbarkeit“ durch ein „dynamisches Modell“ ersetzt. Im Rahmen der Reflexion dieser „Mehr-Ebenen-Perspektive auf die sozialpädagogische Professionalität“ betrachtet Köngeter weitere Konzepte (z.B. die Lebenswelttheorie nach Thiersch) und diskutiert die organisationale Neuordnung der Sozialen Arbeit (z.B. die Konzepte Neuer Steuerung) und die jeweilige Herstellung von professionellen Bedeutungsstrukturen aus kulturanalytischer Perspektive (nach Klatetzki).
Im Anschluss an die Klärung des Forschungsstands der Professionalitätsstudien stellt Köngeter den Aufbau seiner Studie vor, deren Themen zirkulär zueinander stehen: Theorien (Kap.2), Methoden (Kap.3), Rekonstruktionen (Kap.4-6), Generalisierungen (Kap.7) und Modifikationen (Kap.8).

Köngeters Anliegen ist es, im Rahmen der Mehr-Ebenen-Analyse insbesondere Konzepte der Erziehungshilfen zu untersuchen, in denen die Mitwirkungsrechte der AdressatInnen nach dem SGB VIII (KJHG) im Mittelpunkt der Hilfen stehen. Die forschungsmethodologische Anlage der Studie basiert im wesentlich auf Interviews mit Eltern. Auf der Basis von insgesamt 19 Interviews einer Evaluation im Jahr 2001-2003, die hier sekundäranalytisch untersucht werden, bilden vier ausgewählte rekonstruierte Narrationen den Schwerpunkt des Samples. Sie wurden mit Hilfe der Grounded Theory in Verbindung mit der objektiv-hermeneutischen Sequenzanalyse ausgewertet.

Zunächst analysiert Köngeter die institutionellen Bedingungen der Erziehungshilfen und verweist anhand der vorher besprochenen drei unterschiedlichen theoretischen Zugänge auf die Interaktionsstruktur der Familie und die Spannungsmomente professioneller Sozialer Arbeit bei der Hilfe in „Krisen“: Wann und wie eine „familiale Krise “ festzustellen ist, ist laut Köngeter, ein schwieriger Prozess, in dem die Jugendhilfe die Modi „Hilfe“ und „Erziehung“ anzubieten hat, deren Interaktionsstrukturen unterschiedliche Bedingungen aufweisen. Dabei fokussiert Erziehung „das Aufwachsen des Kindes “, was sowohl unter „Freiwilligkeit“ als unter „Zwang“ denkbar ist, während sich die „Hilfe“ eher an „der Position der Erwachsenen in der Familie“ orientiert und als Angebot der „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verstehen ist. Beide Aspekte „Hilfe“ und „Erziehung“ sind demnach in der Beziehung verschiedenen Ambivalenzen ausgesetzt, die Köngeter anhand der Gesetzeslage (SGB VIII, GG, BGB) erläutert.

Auf dem Hintergrund der vorliegenden Konzepte und Interviewrekonstruktionen wird „der Möglichkeitsraum einer Professionalisierung im Bereich Erziehungshilfen“ in drei Schritten ausgelotet: Im Kapitel „Reformstrategien der Erziehungshilfen - zwischen konzeptionellem Anspruch und organisationaler Wirklichkeit“ verweist Köngeter auf die „Organisationspädagogische Reformstrategie“, die sich ab den 90er Jahren zunehmend durchsetzte. Er beschreibt das Konzept der flexiblen Hilfen als „lern-und veränderungsfähige Jugendhilfeeinheiten (JHE)“.

In einem ersten Teil der Interviewrekonstruktionen werden Schwierigkeiten und Chancen und deren unterschiedliche Handhabung in den drei untersuchten Landkreisen bearbeitet. Der zweite Punkt widmet sich der „verfahrensbezogenen Reformstrategie“, der Hilfeplanung. Nach einer Darstellung der gesetzlichen Grundlagen und der fachlichen Herausforderungen werden die Spannungsmomente in den verschiedenartigen Kooperationsstrukturen zwischen JHE, Jugendamt, Eltern, AdressatInnen und anderen Institutionen, wie z.B. Schulen, aus dem Material heraus rekonstruiert. Schließlich wird die „Eltern- und familienorientierte Reformstrategie “ als „kohärente Strategie“ anhand unterschiedlicher konzeptioneller Zugänge zur Elternarbeit in stationärer und nicht-stationärer Form beschrieben.

Köngeter beginnt in seiner Rekonstruktion der Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen mit der sequentiellen Fallrekonstruktion der Familie Arnold, die einen krisenhaften Verlauf der Hilfen in unterschiedlichen Institutionen der Sozialen Arbeit beschreibt, bevor sie eine positive Arbeitsbeziehung im Rahmen einer JHE aufbauen konnte. Drei weitere Fälle werden als „Fallvignetten“ dargestellt. Es handelt sich dabei um die Arbeitsbeziehungen von drei Familienzusammenhängen, in denen verdeutlicht wird, inwieweit die systemischen Familienkonstellationen, die Infrastruktur der Hilfen vor Ort sowie personale Ressourcen in der JHE einen entscheidenden Einfluss auf den Aufbau positiver Arbeitsbeziehungen, bzw. auf konfliktreiche Arbeitsbeziehungen mit den Eltern haben.

In drei Punkten arbeitet Köngeter das „relationale Modell der Arbeitsbeziehungen“ durch Kontrastierungen und einer Definition für die Arbeitsbeziehungen in den Erziehungshilfen heraus: Typische Spannungsmomente aus den Fallbeispielen werden anhand einer Grafik dargestellt. Zweitens rekonstruiert Köngeter in einem systematischen Fallvergleich, „wie in den jeweiligen Hilfeprozessen diese Spannungsmomente bearbeitet wurden“ und nimmt eine Verdichtung zu den drei Hauptkategorien „Vernetztheit, Prozessualität und Feldförmigkeit“ vor. Drittens führt ein Abgleich der Hauptkategorien mit den dahinter liegenden Spannungsmomenten zu einem „deskriptiven Modell relationaler Arbeitsbeziehungen in den Erziehungshilfen“. Anhand der vier Fallbeispiele erfolgt eine weitere Ausdifferenzierung in Subkategorien (z.B. Anerkennungsverhältnisse, Grenzziehungen, Verkettungen, Dynamik, Emotionalität, Vielschichtigkeit).

Das letzte Kapitel dient der theoretischen Reflexion der Ergebnisse vor dem Hintergrund der eingangs vorgestellten professionstheoretischen Modelle. Köngeter geht davon aus, dass die Bestimmung jeglichen professionellen Handelns von der jeweiligen theoretischen Perspektive abhängig ist und für jedes Handlungsfeld neu zu benennen ist. Für das Feld der Erziehungshilfen präzisiert Köngeter sein Modell der relationalen Professionalität und der Arbeitsbeziehungen in Abgrenzung zu den Arbeitsbündnismodellen von Oevermann und Müller.

Im nächsten Schritt wird das relationale Modell unter dem Aspekt „drei Modi des professionellen Handelns“ einer weiteren Reflexion unterzogen: Zunächst anhand der Ausführungen Oevermanns, deren Modus Köngeter als „klinische Professionalität “ beschreibt, dann am Beispiel des Modus der „reflexiven Professionalität“ nach Dewe und Otto.

Im dritten Teil stellt er nochmals die Spezifika des Modus‘ der „relationalen Professionalität“ für die Erziehungshilfen vor und vergleicht die „Strukturmerkmale der Professionsmodi“ in einer Tabelle. Er schließt mit dem Gedanken, mit seinem Modell eine „Art Navigationsinstrumentarium“ geschaffen zu haben, mit dessen „Hilfe der Möglichkeitsraum einer gelingenden Professionalität ausgelotet werden kann“, da diese immer relational sei und sich an der Theorie und an dem jeweiligen Feld festmache.

Die Dissertation Köngeters zur „Relationalen Professionalität“ ist ein sehr anspruchsvolles und komplexes Unterfangen, welches versucht, verschiedene theoretische Strömungen und Bedingungen des Handelns in den Erziehungshilfen relational zu fassen. Das theoretische Kapitel 2 reflektiert in umfangreicher und detaillierter Weise die einschlägigen professionalisierungstheoretischen Ansätze. Die darauf aufbauende Beschreibung der Praxis der Erziehungshilfen ist äußerst aktuell.

Im empirischen Teil gelingt es Köngeter, die angesprochenen aktuellen Reformstrategien und die damit einhergehenden neuen Bedingungen der Praxis der Erziehungshilfen als Teil einer veränderten Professionalität zu fassen und anhand von Fallbeispielen deren Grenzen und Chancen zu benennen. Durch das breit dargestellte empirische Material sind die Schritte der Hinführung zum Modell der „relationalen Professionalität“ plausibel und nachvollziehbar beschrieben. Die abschließende Verdichtung erfolgt ebenso praxisnah an weiteren Fallbeispielen.

Das innovative am Modell der „relationalen Professionalität“ ist es, Professionalität nicht als „starres“ und anhand vorgegebener Konzepte didaktisch vorgeprägtes Handeln zu sehen, sondern die spezifische Professionalität immer im Kontext des jeweiligen Feldes (und Falls) zu bestimmen. Das Konzept Arbeitsbeziehungen ermöglicht dabei einen Blick auf die jeweiligen individuellen Perspektiven. Es ist demnach ein sowohl für WissenschaftlerInnen als auch für PraktikerInnen sehr lohnendes und empfehlenswertes Buch, weil der Ansatz und die dadurch herausgearbeiteten Strukturmerkmale gedanklich übertragbar auf weitere Handlungsfelder der Sozialen Arbeit sind.
Anja Terner (Hannover)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anja Terner: Rezension von: Köngeter, Stefan: Relationale Professionalität, Eine empirische Studie zu Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen (Grundlagen Sozialer Arbeit; Bd. 22). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2009. In: EWR 10 (2011), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2011), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383400640.html