EWR 20 (2021), Nr. 3 (Mai/Juni)

Heike Henning
All inclusive?!
Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzpädagogik
M√ľnster: Waxmann Verlag 2020
(264 S.; ISBN 978-3-8309-4276-4; 29,90 EUR)
All inclusive?! 15 Jahre nach Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention wird Inklusion vermehrt au√üerhalb von Schule und Unterricht diskutiert und praktiziert. Inklusive k√ľnstlerische Praktiken zeigen auf, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Behinderung und Bef√§higung ver√§ndern und in den verschiedenen Communities zu neuen Darstellungsformen f√ľhren. Der 20 Beitr√§ge umfassende Sammelband All inclusive?! Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzp√§dagogik ist in der Reihe Innsbrucker Perspektiven zur Musikp√§dagogik erschienen. Er entstand anl√§sslich der gleichnamigen Veranstaltung, die vom 12.-13. Oktober 2018 im Haus der Musik in Innsbruck stattfand. Die Veranstaltung richtete sich an Wissenschaftler*innen sowie an Musik- und Tanzp√§dagog*innen; dementsprechend vielf√§ltig sind die Beitr√§ge. Sie erstrecken sich inhaltlich von theoretischen Perspektiven √ľber Praxisberichte aus dem Feld der Musik- und Tanzp√§dagogik bis hin zu der Arbeit mit Menschen im hohen Alter.

Im ersten Kapitel All inclusive?! Theoretische Zug√§nge zur Inklusion befassen sich Michael Turinsky mit einer Kritik am Inklusionsbegriff, Lisa Pfahl mit k√ľnstlerischen Repr√§sentationen von Behinderungen, Persson Perry Baumgartinger & Anita Moser mit der inklusiven Kulturarbeit und Renate Reitinger mit Musikhochschulen im Spiegel von Chancengleichheit. Dieses erste Kapitel des Sammelbandes findet seinen Abschluss mit einer Wiedergabe der Podiumsdiskussion ‚ÄěDie Qualit√§t des Nicht-Synchron-Seins ‚Äď Gedanken zur Funktionalit√§t und Widerspenstigkeit‚Äú.

Im zweiten Kapitel Inklusion in musik- oder tanzp√§dagogischen Kontexten wird in neun Beitr√§gen das Ph√§nomen Inklusion aus der Perspektive der Musik- und Tanzp√§dagogik behandelt. Im Themenfeld Musikp√§dagogik befassen sich Erik Esterbauer mit der Beziehungsqualit√§t inklusiven Arbeitens, Julia Lutz mit der Planung und Durchf√ľhrung musikalischer Aktivit√§ten in heterogenen Gruppen, Julia Eibl mit Zielen und Inhalten des Instrumentalunterrichts, Shirley Salmon mit der Verwendung des Orff-Schulwerks im inklusiven Musikunterricht und Nora Schnabl-Andritsch, Virginie Roy & Michelle Proyer mit poly√§sthetischen Ans√§tzen. Im Themenfeld Tanzp√§dagogik setzt sich Mirjam Hoffmann mit Capoeira als einer inklusiven Praxis auseinander, Evelyne-Walser-Wohlfarter & Bernhard Richarz berichten von ihrem Tanzprojekt und Beate Hennenberg & Hana Zanin von tanzk√ľnstlerischen Aktivit√§ten. Stephanie Bangoura erl√§utert ihre Methode einer rituellen Tanzp√§dagogik.

Im dritten Kapitel Musik- und tanzp√§dagogische Praxen in inklusiven und musikgeragogischen Kontexten besch√§ftigen sich Mona Heiler mit einem Community-Music-Projekt im √∂ffentlichen Raum, Stefan Greuter mit einem inklusiven Bandprojekt, Bettina B√ľttner-Krammer mit einem inklusiven Bildungsformat der Wiener Symphoniker, Regina Brandhuber mit einer Gewinnerin des Wettbewerbs Jugend musiziert, Christine Sch√∂nherr mit k√ľnstlerisch-geragogischen Angeboten und Marc Brand mit dem Musiklernen im gehobenen Alter.

Das Potential des Sammelbandes liegt in der Gegen√ľberstellung von verschiedenen Praxiseinblicken und theoretischen Perspektiven. Daher wird im Folgenden n√§her auf die Beitr√§ge von Michael Turinsky und Evelyne Walser-Wohlfarter & Bernhard Richarz eingegangen, welche Inklusion im und durch das Tanzen unterschiedlich thematisieren.

Turinskys Beitrag bildete den Er√∂ffnungsvortrag f√ľr das Symposium. Er beginnt mit einer Kritik und Zur√ľckweisung des Inklusionsbegriffs: Seine Arbeit als K√ľnstler mit Behinderung sei n√§mlich immer schon inklusiv gewesen und er brauche daher keinen p√§dagogischen Begriff, welcher sein Schaffen kategorisiere. Dadurch offeriert Turinsky einen Denkansto√ü f√ľr eine inklusive Musik- und Tanzp√§dagogik, welche nicht ihren inklusiven vor den k√ľnstlerischen Anspruch stellt, sondern vielmehr das Potential einer k√ľnstlerischen T√§tigkeit als inklusive Praktik a priori begreift, da ‚Äď je nach Kunstform und Kunstbegriff ‚Äď Inklusion m√∂glich ist, ohne explizit so benannt werden zu m√ľssen. Erst in einem zweiten Schritt lie√üen sich anhand der k√ľnstlerischen Praktiken inklusiven Didaktiken grundieren, um schlie√ülich daraus eine inklusive Musik- und Tanzp√§dagogik zu entwickeln. Im zweiten Teil seines Beitrages geht er auf seine choreographische Methode ein. Es gehe ihm darum ‚Äěein produktives Spannungsverh√§ltnis zu entfalten. N√§mlich zwischen dem, was ich mit einem Thema intendiere, und dem Eigensinn, den der K√∂rper mitbringt.‚Äú (S. 14). Die Nutzung dieses Spannungsverh√§ltnisses l√§sst sich als einen kreativen Impuls verstehen, welcher festgelegten Normativit√§ten widerstrebt, da der k√ľnstlerische Prozess an und mit den Beteiligten entwickelt wird. Damit wird Turinskys k√ľnstlerische Arbeitsweise im Bereich der inklusiven Tanzp√§dagogik deutlich, welche sich an den jeweiligen K√∂rpern der Tanzenden ausrichtet und infolgedessen auch die ‚ÄěWiderst√§ndigkeit des K√∂rpers‚Äú (S. 14) als besonders produktiv f√ľr die k√ľnstlerische Arbeit erachtet.

Evelyne Walser-Wohlfarter und Bernhard Richarz berichten in ihrem Beitrag von ihrer Arbeit mit inklusiven Tanzgruppen im Rahmen ihres seit mehreren Jahren bestehenden Projekts tanzf√§hig. Sie bezeichnen ihre Arbeit als ‚ÄěTanz in k√∂rperlicher Vielfalt oder √Ąsthetik der Differenz‚Äú. (S. 165). Dem Projekt liegt ein Inklusionskonzept zugrunde, welches davon ausgeht, dass alle Menschen tanzf√§hig und zur k√ľnstlerischen Improvisation mittels ihres K√∂rpers im Tanz f√§hig sind. Sie benennen f√ľnf Rahmenbedingungen f√ľr die erfolgreiche Umsetzung ihres Projekts: eine inklusive Haltung, die √Ėffnung der Gruppe f√ľr alle Menschen, Barrierefreiheit auf mehreren Ebenen, eine prozessorientierte Arbeitsweise und die F√§higkeit zur Bewegung und Kreativit√§t. Anders als Turinsky weisen sie den Inklusionsbegriff nicht direkt zur√ľck, sondern fassen ihn sehr weit, da sie ihr Projekt f√ľr alle interessierten Menschen mit und ohne Behinderung √∂ffnen. Durch die weit gefassten Teilnahmebedingungen und dem zugrunde liegenden Inklusionskonzept, welches Vielfalt in diversen Aspekten zur erw√ľnschten Norm erhebt, erh√§lt das k√ľnstlerisch-√§sthetische Format des Projekts tanzf√§hig seine Pr√§gung.

Zusammenfassend l√§sst sich festhalten, dass der Sammelband einen umfassenden √úberblick √ľber aktuelle inklusive p√§dagogische Praktiken und Fragestellungen bietet. Die Vielfalt der Beitr√§ge zeichnet den Sammelband besonders aus und sorgt jedoch aufgrund der Vielzahl gleichsam daf√ľr, dass jeweils nur ein kurzer Einblick in die jeweiligen Themenfelder und Projekte m√∂glich ist. Insgesamt eignet sich der Sammelband besonders f√ľr K√ľnstler*innen und P√§dagog*innen, die im Feld der inklusiven Musik- und Tanzp√§dagogik t√§tig sind, aber auch f√ľr Wissenschaftler*innen, da er inspirierende Ankn√ľpfungspunkte f√ľr eine Weiterentwicklung von Inklusion im Feld der Musik- und Tanzp√§dagogik in Theorie und Praxis bietet.
Rouven Seebo (Innsbruck)
Zur Zitierweise der Rezension:
Rouven Seebo: Rezension von: Henning, Heike: All inclusive?! Aspekte einer inklusiven Musik- und Tanzp√§dagogik. M√ľnster: Waxmann Verlag 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 3 (Veröffentlicht am 07.07.2021), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383094276.html