EWR 14 (2015), Nr. 4 (Juli/August)

Bettina Amrhein / Myrle Dziak-Mahler (Hrsg.)
Fachdidaktik inklusiv
Auf der Suche nach didaktischen Leitlinien für den Umgang mit Vielfalt in der Schule
LehrerInnenbildung gestalten, Band 3
Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2014
(272 S.; ISBN 978-3-8309-3017-4; 27,90 EUR)
Fachdidaktik inklusiv Der von Bettina Amrhein und Myrle Dziak-Mahler herausgegebene Band dokumentiert die im September 2012 vom Kölner Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL) ausgerichtete Fachtagung „Fachdidaktik inklusiv“. Der Anspruch des Buches ist es, mit den insgesamt fünfzehn Beiträgen der beiden Hauptteile sowie den vier Beiträgen im Rahmen der Einleitung des Werkes Annäherungen an eine inklusive (Fach-)Didaktik zu bieten, welche es nach Ansicht der Herausgeberinnen trotz erster Vorarbeiten nach wie vor nicht gibt. Es fehlen somit tragfähige Konzepte bei gleichzeitig hohem Umsetzungsdruck in Schule, weshalb eine inklusive (Fach-)Didaktik ein ernstzunehmendes Desiderat darstellt, mit dem sich der Band auseinandersetzen will. Ein zweiter Anspruch, der mit dem Band verbunden ist und im Vorwort von Hans-Joachim Roth ausformuliert wird, ist es, das Thema (schulbezogener) Inklusion „nicht in einem engen Verständnis, sondern in einem weiten Sinne“ (8) zu bearbeiten. Damit stellen die Herausgeberinnen den Anspruch, einen Beitrag jenseits der aktuell vielfach zu beobachtenden Verkürzung von Inklusion auf die Defizitperspektive und Fragen von Behinderung bzw. Beeinträchtigung zu leisten. Es erfolgt damit zu Beginn der Versuch einer klaren Positionierung innerhalb des vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Diskurses um Inklusion im Bildungsbereich und die Formulierung eines bedeutsamen Anspruches an die Beiträge. Alle Beiträge stammen von Akteur_innen aller Lehrer_innenausbildungsphasen, was prinzipiell als Gewinn gewertet werden kann.

Im ersten, fächerübergreifenden Teil werden essentielle Grundfragen und Grundlagen einer zu entwickelnden inklusiven Didaktik bearbeitet bzw. zusammengetragen. So setzen sich zum Beispiel Kersten Reich und Bettina Amrhein mit zentralen Prinzipien einer noch zu entwickelnden inklusiven Didaktik auseinander und Kerstin Ziemen analysiert „didaktische Konzepte und Ideen, die bislang weniger prominent die didaktische Landschaft mitbestimmen“ (48), aber die Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen in Schule unterstützen bzw. sichern sollen. Neben einer soziologisch fundierten Auseinandersetzung mit dem Inklusionsbegriff – von Franziska Herrmanns – werden aber u. a. auch Einblicke in universitär unterstützte und begleitete phasenübergreifende Professionalisierungsprozesse zur Umsetzung schulischer Inklusion im Kontext von Schulentwicklungsprozessen und Schulbegleitforschungen gegeben (Andreas Köpfer & Ursula Böing).

Im zweiten Teil werden fachspezifische Aspekte inklusiver Didaktik sowohl für den Bereich der Primarstufe als auch für den Bereich der Sekundarstufe diskutiert und dargestellt. Da die Beiträge überwiegend von Autor_innen stammen, die an der Universität zu Köln tätig sind, beziehen sich schulpraktische Konkretisierungen der Beiträge des fachspezifischen Teils auf das Land Nordrhein-Westfalen und die entsprechenden (z.B. schulrechtlichen) Rahmenbedingungen.

Die Ausführungen im fachspezifischen Teil bleiben mitunter auf einer sehr allgemeinen bzw. über die im fächerübergreifenden Teil zugrunde gelegten Prinzipien wenig hinausgehenden respektive diese nur in Teilen konkretisierenden Ebene. Teilweise sind die Ausführungen in den Beiträgen des fachspezifischen Teils zudem nicht konsistent zu den Beiträgen des ersten, fächerübergreifenden Teils. Dies spiegelt jedoch den Status quo inklusionsbezogener fachdidaktischer Entwicklungen in den verschiedenen Fächern durchaus wider. Fraglich ist dennoch hiervon ausgehend, warum der Sachunterricht als zentrales und fächerintegrierendes Grundschulfach jedoch im vorliegenden Werk nicht repräsentiert ist, obgleich die fachdidaktischen Diskussionen um Inklusion hier im Vergleich zu anderen Grundschulfächern verhältnismäßig weit sind. [1]

Der vorliegende Band stellt erste, allerdings nicht unbedingt neue Annäherungen an eine inklusive Didaktik zusammen. Der Anspruch, Annäherungen an inklusive Fachdidaktiken zu liefern, gelingt nicht umfassend bzw. nur punktuell in vagen Zügen und wird oft auf methodische Fragen verkürzt, wobei es mitunter an grundlegenden bildungstheoretischen Überlegungen mangelt. Während im fächerübergreifenden Teil insgesamt bekannte, grundlegende Prinzipien einer inklusiven Didaktik zusammengetragen werden, wird im fachspezifischen Teil des Bandes das „kleine Einmaleins guten integrativen und inklusiven Unterrichts“ (z. B. Vielfalt anerkennen, individuelle Lernwege, selbstbestimmtes und kooperatives Lernen ermöglichen, innere Differenzierung, Kooperation und Team-Teaching etc.) auf die verschiedenen Disziplinen zu wenden versucht. Die Konkretisierungen der jeweiligen Beiträge liefern dabei keine neuen Erkenntnisse. Zum Teil wird der in der Einleitung des Bandes erhobene Anspruch, sich auf Inklusion „in einem weiten Sinne“ (8) zu beziehen von den Beiträgen deutlich verfehlt bzw. nicht konsequent eingehalten. Auch fehlen insgesamt detaillierte Auseinandersetzungen mit Fragen grundlegender Veränderungen von Unterricht und Schule, wie exemplarisch die Frage nach der Partizipation von Lernenden bei didaktischen Fragen, die im fächerübergreifenden Teil zumindest angedeutet wird. Somit entsteht der Eindruck, dass einem Großteil (zumindest der fachspezifischen Beiträge) teilweise kein grundlegend verändertes Verständnis von Schule und Unterricht zugrunde liegt. Vielmehr fällt im Widerspruch zum Titel eine Verengung auf sonderpädagogische Fragestellungen auf. Problematisch erscheinen diese Tendenzen, da sie von den Herausgeberinnen trotz bzw. gerade wegen der an den Band gestellten Ansprüche nicht kritisch reflektiert werden.

Gleichwohl werden detaillierte Einblicke in eine sich verändernde Ausbildungspraxis gegeben, und es wird die Suche nach dem Wesen inklusiver Didaktik in den verschiedenen Fächern gegeben. Der Band zeigt letztlich zweierlei Dinge deutlich: Erstens, dass erste Schritte in Richtung einer inklusiven (Fach-)Didaktik in den letzten Jahren bereits gegangen worden sind, aber teilweise unstrukturiert verlaufen. Und zweitens: Nach wie vor bedarf es dringend der Diskussionen und gehaltvollen Anregungen für allgemeine und fachspezifische Konzepte einer inklusiven Didaktik.

[1] Pech, D. / Schomaker, C.: Inklusion und Sachunterrichtsdidaktik. Stand und Perspektiven. In: Ackermann, K.-E. / Musenberg, O. / Riegert, J. (Hrsg.): Geistigbehindertenpädagogik!? Disziplin – Profession – Inklusion. Oberhausen: Athena, 2013, 341–359.
Toni Simon (Paderborn)
Zur Zitierweise der Rezension:
Toni Simon: Rezension von: Amrhein, Bettina / Dziak-Mahler, Myrle (Hg.): Fachdidaktik inklusiv, Auf der Suche nach didaktischen Leitlinien für den Umgang mit Vielfalt in der Schule LehrerInnenbildung gestalten, Band 3. Münster / New York / München / Berlin: Waxmann 2014. In: EWR 14 (2015), Nr. 4 (Veröffentlicht am 07.08.2015), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383093017.html