EWR 9 (2010), Nr. 1 (Januar/Februar)

Doreen Holtsch
Die Berufsschule als ProduktionsstÀtte von Unternehmen
Unternehmerische Intentionen Jugendlicher im dualen System
Internationale Hochschulschriften Bd. 506
MĂŒnster: Waxmann 2008
(268 S.; ISBN 978-3-8309-1966-7; 24,90 EUR)
Die Berufsschule als ProduktionsstĂ€tte von Unternehmen Die Förderung von UnternehmensgrĂŒndungen entwickelte sich in den letzten Jahren zum Lieblingsthema von Staat, Hochschulen und UnternehmensverbĂ€nden selbst. Bildungsmaßnahmen zur Erweckung von unternehmerischem Denken und Handeln wurden bislang vorwiegend im universitĂ€ren und hochschulischen Bereich eingesetzt und hier wiederum vor allem im Bereich Betriebswirtschaftslehre. Die bislang wenig differenziert und fundiert erforschte Thematik lebt derzeit primĂ€r von einzelnen praxisorientierten Initiativen.

„Die Berufsschule als ProduktionsstĂ€tte von Unternehmen“ ist eine der wenigen Studien, die den Fokus zum einen auf ein Modell zur Erhebung von GrĂŒndungsabsichten als flĂ€chendeckende Bildungsmaßnahme legt und zum anderen die Berufsschule ins Zentrum rĂŒckt. Die Notwendigkeit einer Vermittlung unternehmerischen Denkens und Handelns im berufsbildenden Bereich sieht die Autorin insbesondere aufgrund zweier wirtschaftlicher Entwicklungen in Deutschland gegeben, nĂ€mlich die Verschiebung des Arbeitsvolumens hin zum Dienstleistungssektor sowie die Verringerung des Arbeitsvolumens selbst und die damit einhergehende vermehrte Arbeitslosigkeit. Sie zeigt diese gesamtwirtschaftliche Problemstellung am Beispiel des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern auf, das primĂ€r landwirtschaftlich und touristisch geprĂ€gt ist und eine hohe Arbeitslosigkeit aufweist. Gerade hier sei laut der Autorin zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation eine „wesentliche Aufgabe [...] in der Förderung von UnternehmensgrĂŒndungen“ zu sehen (11f).

Genannten Entwicklungen mit einer entsprechenden Bildungsmaßnahme im Bereich Berufsbildung entgegenzuwirken, begrĂŒndet Holtsch mit drei Annahmen: erstens, der Übergang von der Berufsausbildung in das Erwerbsleben ist dynamischer, aber gleichzeitig unsicherer geworden; zweitens die HĂ€lfte aller SelbstĂ€ndigen in Deutschland verfĂŒgen ĂŒber eine berufliche Ausbildung, die SelbststĂ€ndigkeit ist also nicht nur Hochschulabsolventen vorbehalten und drittens, manche Jugendliche gehen nach der Berufsausbildung an eine Hochschule: Die Vorbereitung auf SelbststĂ€ndigkeit sollte jedoch bereits vor dem Studium beginnen. Trotz ihrer Potentiale wird der Berufsausbildung in unternehmerischen Diskursen kaum Beachtung geschenkt. BegrĂŒndet sei dies durch Gesetze und Leitbilder. In Bezug auf Mecklenburg-Vorpommern argumentiert die Autorin, dass die im Bundesland ĂŒberwiegenden Dienstleistungsbereiche Handel und Tourismus in Hinblick auf eine SelbststĂ€ndigkeit insbesondere fĂŒr Jugendliche viele Chancen biete (15). Sie grenzt ihre Untersuchung aus diesem Grund auf die kaufmĂ€nnische Ausbildung ein. Diese EinschrĂ€nkung auf nur einen einzigen Ausbildungsbereich ist zu bedauern. Spannend wĂ€re gewesen, zu erfahren, ob generell bei Jugendlichen in der dualen Ausbildung GrĂŒndungsabsichten bestehen.

Holtsch untersucht die GrĂŒndungsabsichten und unter welchen Bedingungen diese beeinflusst werden, anhand einer Befragung. Sie zieht zur Feststellung von unternehmerischer Intention Jugendlicher im dualen System zwei sozialpsychologische Intentionsmodelle (Ajzen, Shapero und Sokol) heran, die um einige Determinanten im Hinblick auf die Berufsschule erweitert werden. Die Autorin erfragt außer der ErwĂŒnschtheit, der Machbarkeit und der Einstellung zum Unternehmersein auch soziodemographische Merkmale (z.B. Geschlecht, Geburtsjahr, etc.) und Kontexte (z.B. Rollenbilder, etc.). Die Untersuchung wurde anhand standardisierter schriftlicher Fragebögen mit 1595 Jugendlichen vor Ort durchgefĂŒhrt. Die Ergebnisse werden ĂŒbersichtlich dargestellt und generell ist die Arbeit gut gegliedert und durchstrukturiert, was ermöglicht, die Untersuchung detailliert nachzuvollziehen.

GemĂ€ĂŸ der Autorin ist es entscheidend, zuerst nach der GrĂŒndungs-Motivation und den entsprechenden FĂ€higkeiten und Kenntnissen der Jugendlichen zu fragen, bevor entsprechende Lern-Lehr-Arrangements konzipiert werden. Sie begrĂŒndet diese Annahme mit der Möglichkeit einer gezielten Intervention. Allerdings stellt sich hier die berĂŒhmte Frage, ob das Huhn oder das Ei zuerst war: Die GrĂŒndungsabsichten von Jugendlichen in der Berufsbildung zu erfragen, nachdem sie in einem institutionellen Rahmen mit der Thematik in BerĂŒhrung gebracht wurden und sich nicht mehr auf persönlich eingeholte Information stĂŒtzen mĂŒssen, scheint auf den ersten Blick ebenso sinnvoll. Entsprechend obiger Überlegung fallen auch die deskriptiven Untersuchungsergebnisse aus. Unter anderem findet sie heraus, dass „die Einstellung zum Unternehmersein [...] fĂŒr die Entwicklung von unternehmerischen Intentionen nicht bedeutsam [ist]“ und „die Berufsschule [...] keinen Einfluss auf die Ausbildung der unternehmerischen Intention der BerufsschĂŒler [hat]“ (184).

Holtsch stellt fest, dass die Unentschlossenheit der Auszubildenden bezĂŒglich unternehmerischen Intentionen ausgeprĂ€gt ist. Sie möchten sich ihre berufliche Zukunft offen halten und favorisieren die SelbststĂ€ndigkeit nicht unbedingt. Diejenigen, die ein grĂŒndungswilliges Engagement vertreten, das sind gemĂ€ĂŸ ihrer Auswertung 29%, sind primĂ€r mĂ€nnlichen Geschlechts und eher Ă€lter. Die Autorin interpretiert die mehrheitliche ZurĂŒckhaltung positiv, indem sie hervorhebt, dass eine GrĂŒndung wohlĂŒberlegt und reflektiv angegangen werden sollte. Dabei ignoriert sie die von Entrepreneurshipforschern vertretene Ansicht, dass die ZurĂŒckhaltung und Hemmung gegenĂŒber SelbststĂ€ndigkeit oftmals aus einer zu geringen Informiertheit bzw. Fehlinformiertheit heraus entsteht. Weiter stellt sie entgegen ihren eigenen Vorannahmen fest, dass Jugendliche, die zu Kaufleuten im Einzelhandel ausgebildet werden, keine stĂ€rkere unternehmerische Intention als andere in die Untersuchung eingebundene Auszubildende im kaufmĂ€nnischen Bereich haben.

Nachdem in der Untersuchung bei der Determinante „ErwĂŒnschtheit“ festgehalten wird, dass vor allem die Peergroup Einfluss auf die GrĂŒndungsintention hat und „die Meinung von Lehrpersonen [...] weniger normativ wirk[t]“ (187), spiegeln die Untersuchungsergebnisse im konkreten Fall der Berufsschulen in Mecklenburg-Vorpommern jedoch vor allem wider, „wie die Berufsschullehrer als Multiplikatoren mit dem Thema UnternehmensgrĂŒndung gegenĂŒber Jugendlichen umgehen“ (190). Die Autorin schreibt die Tatsache, dass die Berufsschulen keine unternehmerische SelbststĂ€ndigkeit vermitteln, an dieser Stelle nicht wie zu Anfang des Buches Leitbildern und Gesetzen zu. Vielmehr interpretiert sie nun, dass Negativbilder, die Unternehmern anhaften (z.B. geleistete Überstunden, kein gesellschaftliches Ansehen), dafĂŒr ausschlaggebend seien. Zusammenfassend lĂ€sst sich, so die Autorin, festhalten, dass „die Herausbildung der unternehmerischen Intention eher auf personenbezogene als auf Kontextmerkmale zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann“ (191).

Dieses Resultat verwundert nicht und in diesem Rahmen ist auch das methodische Vorgehen zu kritisieren: Eine rein auf SelbstauskĂŒnften beruhende Untersuchung mit Auszubildenden, die im schulischen Kontext primĂ€r durch Lehrpersonen „ohne entwickeltes Bewusstsein fĂŒr UnternehmertĂ€tigkeit und ĂŒberholter Praxiserfahrung“ (199) mit dieser Thematik in BerĂŒhrung gebracht wurden, lĂ€sst keine anderen Ergebnisse erwarten.

Obwohl gemĂ€ĂŸ den Forschungsergebnissen die Berufsbildung fĂŒr die unternehmerische Ausbildung „praktisch bedeutungslos“ (191) erscheint, bekrĂ€ftigt die Autorin dennoch, dass die „Aufgabe der WirtschaftspĂ€dagogik [...] in der Unternehmerausbildung“ (205) liege. FĂŒr eine praktische Umsetzung mĂŒssten massive Änderungen in der Schulorganisation- und Entwicklung sowie in der Lehrerbildung stattfinden. Betreffend die Lehr-Lerngestaltung schlĂ€gt Holtsch konkret vor, AufklĂ€rungsarbeit in einem obligatorischen Lernfeld zu leisten, Vertiefungen in WahlpflichtfĂ€chern anzubieten und Projektarbeit zu unterstĂŒtzen.

Trotz einiger WidersprĂŒchlichkeiten und unausgeschöpfter Potentiale ist diese Studie ein notwendiger Beitrag zur Vermittlung unternehmerischen Denkens und Handelns in der Berufsbildung. Bedauerlich ist es daher vor allem, dass eine BeschrĂ€nkung auf den kaufmĂ€nnischen Bereich vorliegt. Holtsch zeigt auf, dass das Thema „unternehmerische SelbststĂ€ndigkeit“ zu wenig institutionalisiert ist und „Aussagen zu den potentiellen Einflussmöglichkeiten der Berufsschule auf die GrĂŒndungsabsichten [...] erst möglich [werden], wenn die UnternehmensgrĂŒndung ein Teil des berufsschulischen Alltags geworden“ (191) und eine „Akzeptanz und Umsetzung des Themas [...] unter den Schulleitern und Lehrern“ (205) vorhanden ist. Wie die Autorin zusammenfasst: es wird die „Beantwortung weiterer Forschungsfragen notwendig“ sein (205).
DĂ©sirĂ©e Anja JĂ€ger (ZĂŒrich)
Zur Zitierweise der Rezension:
DĂ©sirĂ©e Anja JĂ€ger: Rezension von: Holtsch, Doreen: Die Berufsschule als ProduktionsstĂ€tte von Unternehmen, Unternehmerische Intentionen Jugendlicher im dualen System Internationale Hochschulschriften Bd. 506. MĂŒnster: Waxmann 2008. In: EWR 9 (2010), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2010), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383091966.html