EWR 7 (2008), Nr. 4 (Juli/August)

Paulo Freire
Pädagogik der Autonomie
Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis
Münster u.a.: Waxmann 2008
(133 S.; ISBN 978-3-8309-1870-7; 9,90 EUR)
Pädagogik der Autonomie Der vorliegende Band ist die erste deutsche Übersetzung des 1996 erschienenen Buchs von Paulo Freire ‚Pedagogia da Autonomia. Saberes necessários à prática educativa’. In seinem letzten Buch lädt uns Freire ein, darüber nachzudenken, welches Wissen für die Bildungspraxis notwendig ist. Der Befreiungspädagoge Freire schreibt dabei nicht über didaktische oder gar „technologische“ Kompetenzen für die pädagogische Arbeit, vielmehr geht es ihm um die ethische Dimension der Bildungspraxis. In diesem Werk rückt Freire außerdem den institutionalisierten Aspekt der Bildung in den Vordergrund, indem er explizit über Lehrerbildung spricht. Freire setzt auch hier seine Position fort, Pädagogik als Politik zu behandeln sowie Bildungstheorie und Erziehungspraxis als untrennbare Größen anzusehen.

Der dritte von Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann und Dieter Kinkelbur herausgegebene Band der Schriften Freires wird mit einer kurzen Einleitung eröffnet, in der die Leser Grunddaten zu Person und Werk Paulo Freires sowie ein Geleitwort seiner Witwe, Ana Maria Araújo Freire, finden. Der Haupttext ist in drei Kapitel unterteilt, welche zentrale und sich bedingende Aspekte der Bildungs- und Erziehungspraxis zur Sprache bringen. Erstens, eine Grundhaltung der Lehrpersonen, welche die ‚Bankiersmethode’ grundsätzlich ablehnt und Lehrende und Lernende nicht auf ‚Subjekte’ und ‚Objekte’ reduziert (24). Zweitens, implizit in der Ablehnung einer ‚Bankiersmethode’ der Erziehung enthalten ist der Tatbestand, dass Bildung und Erziehung sich nicht in der Weitergabe von Inhalten und Kenntnissen erschöpfen, sondern „Möglichkeiten für ein eigenständiges Erarbeiten oder die Weiterentwicklung der Kenntnisse“ eröffnen sollen (45). Schließlich drittens, die spezifisch menschliche Basis der Bildungspraxis. Die Sicherheit über die eigene Existenz „drückt sich darin aus, wie er [die Lehrperson, MPA] auftritt, Freiheiten respektiert, eigene Positionen hinterfragt und akzeptiert, sich selbst zu korrigieren“ (85).

Im Vorwort erklärt Freire seine Motive, die Lehrpraxis im Zusammenhang mit der Autonomie der Edukanden zu diskutieren. Es geht ihm um die „Verteidigung und Ausübung der universalen Ethik des Menschen“ (20). Wie im ersten Kapitel deutlich wird, gibt es für Freire kein Lehren ohne Lernen, dies ist eine sich seit der ‚Pädagogik der Unterdrückten’ stets wiederholende Figur in Freires Arbeit. Freire spricht von ‚demokratischen’, ‚kritischen’ und ‚fortschrittlichen’ Erzieherinnen und Erziehern und postuliert Elemente einer Praxis, die sich der ‚Bankiersmethode’ verweigert und stattdessen eine praktiziert, „die ‚Problembewusstsein’ schafft.“ (27) Freire fordert mit diesem Konzept althergebrachte Vorstellungen über den Charakter der Interaktion im Klassenzimmer heraus. Die Lehrperson darf nicht als übergeordnet oder ranghöher gedacht werden, weil sie über Wissensinhalte verfügt, die der Lernende noch nicht kennt; vielmehr soll sie als Beteiligte an demselben Lern- und Bildungsprozess wie der Edukandus gesehen werden. Dialog soll die Bildungspraxis orientieren – Lehren und Lernen – das eine geschieht nicht ohne das andere. Im Kapitel 1 werden einige zentrale Anforderungen für diese dialogische Bildungsarbeit diskutiert: ‚präzise Methoden’, ‚Forschung’, ‚Respekt gegenüber dem Wissen der Schüler und Schülerinnen’, ‚kritisches Hinterfragen’ eigener Positionen, ‚Ästhetik und Ethik’, also ‚Anstand und Schönheit’, ‚Umsetzung des gelehrten durch eigene Beispiele’, ‚Risikofreude und Anerkennung von Neuem sowie die Zurückweisung jeglicher Form von Diskriminierung’, ‚kritische Reflexion der Praxis’ und ‚Anerkennung und Annahme von kultureller Identität’. Fatalistische Denkweisen („die Welt ist so, was kann man da machen?“) werden dadurch vermieden und die „epistemologische Neugierde“ der Schülerinnen und Schüler geweckt. Es geht Freire um ein ethisches Engagement der Lehrpersonen für das, was sie zusammen mit ihren Schülern lernen können – implizit ist die zentrale Figur der Befreiung der Unterdrücker selbst.

Die Überschrift von Kapitel 2 – „Lehren heißt nicht, Kenntnisse weiterzugeben“ – spricht bereits Freires konstruktivistische Sicht von Bildungsprozessen an. Sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen sind an ein und demselben Prozess beteiligt. Dies zieht Respekt für die Schülerinnen und ihre Weltsichten nach sich. Folgende Prinzipien müssen beachtet werden: ‚Bewusstsein, dass Lernen nie zu Ende geht’, ‚Berücksichtigung der Bedingtheit menschlichen Lernens’, ‚Respekt gegenüber der Autonomie des Lernenden’, ‚gesunder Menschenverstand’, ‚Demut, Toleranz und Einsatz für die Rechte der Lehrenden’, ‚steter Realitätsbezug’, ‚Freude und Hoffnung’, ‚Glaube an die Möglichkeit von Veränderung/Verbesserung’ sowie Neugierde. Lehren und Lernen bedeutet viel mehr als Wissen über ein bestimmtes Thema im Hier und Jetzt zu vermitteln, sie schließen auch die Konstruktion und Transformation der Zukunft ein.

Das letzte Kapitel des Bandes – „Lehren ist ein menschliches Spezifikum“ – stellt die Frage „Wie kann meine Neugierde zum Ausdruck kommen und weiter wachsen?“ (85) und diskutiert einige Elemente ihrer Antwort. Zum einem geht es um das Verhältnis von Lehrautorität und Fachkompetenz, zum anderen um das Engagement, mit dem sich die Lehrperson in die Praxis begibt. Des Weiteren spielt die „Einsicht, dass Bildung die Welt verändern kann“ (91) eine wichtige Rolle; für Freire kann Bildung nie ‚neutral’ sein, sie ist immer ein bewusstes ‚in die Geschichte-Eingreifen’. Sie muss die Spannung zwischen Freiheit und Autorität mit bedenken und die Tatsache, dass Bildung ideologisch ist, berücksichtigen.

Indem Freire das ‚notwendige Wissen für die Bildungspraxis’ thematisiert, orientiert und motiviert er Lehrpersonen zugleich – an dieser Stelle ist der Entstehungskontext des Bandes in Erinnerung zu rufen: der niedrige soziale Status und die unmoralisch niedrigen Gehälter im Lehrberuf in Brasilien. Freire schreibt: „Der Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer für ihre Rechte und ihre Würde muss als ein wichtiges Element ihrer Lehrpraxis als ethische Praxis verstanden werden.“ (62)

Die Größe von Freires Buch ist nicht in seinen Ausmaßen zu suchen. Vielmehr sind die auf den 133 Seiten diskutierten anregenden Ideen sowie die Zielstrebigkeit, mit der er sich für eine bessere und freiheitliche Bildungspraxis einsetzt, von größter Relevanz. Keine der vorgetragenen Ideen des Buches ist wirklich neu in der Freireschen Pädagogik, sie werden von ihm von Anfang an vertreten, wie er bereits im Vorwort betont. Sie sind jedoch wichtige Überlegungen und haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht an Aktualität und Dringlichkeit verloren.

Der narrative Stil Freires und die manchmal wenig stringente bzw. etwas unsystematische Argumentation des Autors lassen die Lektüre zuweilen etwas schwierig werden, womit sich die Frage nach der Eignung des Textes für Studienanfänger stellt. Dies gilt auch für die konsequente Vermischung der bildungstheoretischen und -praktischen Dimensionen. Die Auseinandersetzung mit dem Band ist dennoch in jeglicher Hinsicht als bereichend anzusehen und daher wiederum auch Anfängern zu empfehlen. Es gehört zu den Verdiensten der Herausgeber und Übersetzer, dieses Buch in verständlicher Form in deutscher Sprache zugänglich gemacht zu haben.
Marcelo Parreira do Amaral (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marcelo Parreira do Amaral: Rezension von: Freire, Paulo: Pädagogik der Autonomie, Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis. Münster u.a.: Waxmann 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 4 (Veröffentlicht am 06.08.2008), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383091870.html