EWR 8 (2009), Nr. 6 (November/Dezember)

Tina Braun / Elke Liermann
Feinde, Freunde, Zechkumpane
Freiburger Studentenkultur in der Frühen Neuzeit
(Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie 12)
Münster: Waxmann 2007
(243 S.; ISBN 978-3-8309-1714-4; 29,90 EUR)
Feinde, Freunde, Zechkumpane Während die Lebenswelten der Studenten in Mittelalter und Moderne schon vor Jahrzehnten das Interesse von Historikern auf sich zogen, blieb die Frühe Neuzeit in dieser Hinsicht lange Zeit unterbelichtet. Lediglich Mitglieder studentischer Verbindungen schienen sich im Rahmen der so genannten Studentengeschichte für diese Epoche zu interessieren. Erst in den letzten Jahren gewinnt auch die Kultur- und Alltagsgeschichte des frühneuzeitlichen Studenten an Attraktivität, was nicht zuletzt einer allgemeinen Hinwendung zu kulturgeschichtlichen Themen und Fragestellungen zu verdanken ist. Einen wichtigen Ausgangspunkt stellt dabei die Überlieferung der akademischen Gerichtsbarkeit dar, durch welche sich wertvolle Aufschlüsse über studentische Lebenswelten gewinnen lassen. Jüngere Forschungen zur Alltags- und Kulturgeschichte der Universität zeigen sich daher nicht selten von den Methoden und Fragestellungen der historischen Kriminalitäts- und Konfliktforschung inspiriert.

Dies trifft auch auf das Buch von Tina Braun und Elke Liermann zu. Es umfasst zwei Magisterarbeiten, die im volkskundlichen Teilprojekt „Symbole, Rituale und Gesten in frühneuzeitlichen Konflikten und alltäglichem Handeln“ des SFB 496 an der Universität Münster entstanden sind. Ausgehend von demselben Quellenkorpus, nämlich Protokollen des Universitätsgerichts Freiburg, behandeln die Autorinnen unterschiedliche Aspekte der Freiburger Studentenkultur des späten 16. Jahrhunderts.

Tina Braun widmet sich in ihrer Studie der Frage, wie die Studenten ihre Freizeit gestalteten. Dazu isoliert sie aus den Protokollen ein Netzwerk von acht Studenten, die aufgrund bestimmter Faktoren miteinander in engem Kontakt standen. Namentlich Nationalität, Wohnform, Studienfach, persönliche Sympathie, aber auch der gesellschaftliche Status eines Studenten entschieden darüber, mit wem er Bekanntschaft schloss und seine Freizeit verbrachte. Die Analyse der verschiedenen Freizeitaktivitäten – Tanz, Musik, Spiel, Essen und Trinken sowie Ausflüge, Baden, das Abfassen von anonymen Spottschriften, den sog. Pasquillen, und der Besuch von Theateraufführungen – steht im Zentrum der Studie.

Die Autorin arbeitet klar heraus, dass sich die wichtigste Bezugsgruppe des Einzelnen am Studienort aus anderen Studenten formierte. Die Studentenschaft als Ganzes stellte dagegen nur ein loses Band dar. Gemeinsame Aktivitäten mit Aufsichtspersonen oder Personen aus der Stadt ergaben sich nur selten, und wo dies der Fall war, verliefen sie nicht immer ohne Konflikte. So bemühten sich die Studenten, Kontakte zu ledigen Frauen aufzubauen, umwarben sie durch musikalische Darbietungen und Zeichnungen, aber auch beim Tanz. Die daraus folgenden Auseinandersetzungen mit Bürgern, namentlich mit den Handwerkslehrlingen, interpretiert Braun als Verteidigung der Standesehre und als Auseinandersetzungen um den Vorrang im städtischen Raum.

Es sind solche Konflikte oder Ehrenhändel, denen sich Elke Liermann in ihrer Studie widmet. Nach der Vorstellung der Konfliktparteien – neben den Handwerkern auch die Stadtwache und andere Bürger – untersucht die Autorin die Gesten und Gebärden, die im Rahmen des Konfliktaustrags eingesetzt wurden, als Formen symbolischer Kommunikation. Sie unterscheidet hier zwischen provokativen Gesten – Anrempeln, starkes Ansehen, Eselsohren, Wetzen, Waffentragen, Vermummen, Juchzen sowie das Herausfordern aus dem Haus – und beschwichtigenden Gesten. Auch die verschiedenen Waffengattungen und der Gebrauch, den die Studenten davon machen, nehmen in der Arbeit breiten Raum ein. Mit ihren Ausführungen zur Geschichte des Fechtens betritt sie historiographisches Neuland.

Die Ehrenhändel werden von Liermann als Praxis des Mannseins beschrieben: Die Ehre des jungen Mannes, so die grundlegende Argumentationslinie, stützte sich auf Tugenden wie Wehrhaftigkeit und Verteidigungsfähigkeit, die im Rahmen des Konfliktaustrags durch provokative Gesten zur Schau getragen und unter Beweis gestellt wurden. Diese geschlechtergeschichtliche Engführung der Interpretation ist jedoch problematisch, scheinen in den Quellen doch immer wieder andere Tugenden oder Werte auf, die ebenfalls eine Rolle spielen. Diese werden von Liermann zwar auch angesprochen, dann aber ohne eingehende Begründung schnell wieder ad acta gelegt. Auch ist die Studie zu stark auf Synthesebildung angelegt, wo angesichts des Forschungsstandes zunächst die lokalen Umstände der Gewalt genau herauszuschälen gewesen wären. So erscheint Liermanns ambitionierte Deutung eines komplexen Untersuchungsgegenstandes letztlich doch zu einseitig und unausgewogen.

Die beiden Autorinnen gelangen in ihren Arbeiten also zu divergierenden Erklärungsansätzen für das Verhalten der Studenten in ihrer Freizeit. Während Braun die Rolle der Standesehre für das Freizeitverhalten der Studenten betont, rückt Liermann die Frage nach der Konstruktion von Männlichkeit in den Vordergrund. Zusammengenommen werfen beide Studien wichtige Fragen für die Erforschung der frühneuzeitlichen Studentenkultur auf und tragen dazu bei, die historische Bildungsforschung für kultur- und alltagsgeschichtliche Themen zu sensibilisieren. All jenen, die sich wissenschaftlich mit Aspekten der Universitätsgeschichte beschäftigen, kann das Buch daher durchaus empfohlen werden.

Beigefügt sind dem Band eine Reihe aufschlussreicher Abbildungen, die Studenten in Konfliktsituationen und bei Freizeitvergnügungen zeigen. Außerdem runden beide Autorinnen ihre Beiträge mit tabellarischen Übersichten ab, die aus der Auswertung der Gerichtsprotokolle erwachsen sind. Besonders aufschlussreich ist eine Übersicht, aus der hervorgeht, wie oft einzelne Studenten in Untersuchungen verwickelt waren (bis zu acht Mal innerhalb von drei Jahren). Bedauerlich ist dagegen, dass das einführende Kapitel zu Freiburg und seiner Universität namentlich nicht gezeichnet ist.
Mathis Leibetseder (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Mathis Leibetseder: Rezension von: Braun, Tina / Liermann, Elke: Feinde, Freunde, Zechkumpane, Freiburger Studentenkultur in der Frühen Neuzeit (Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie 12). Münster: Waxmann 2007. In: EWR 8 (2009), Nr. 6 (Veröffentlicht am 01.12.2009), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383091714.html