EWR 5 (2006), Nr. 6 (November/Dezember)

René Börrnert
Erziehungs-Wissenschaftliches Arbeiten im Studium
Eine EinfĂĽhrung
MĂĽnster, New York, MĂĽnchen, Berlin: Waxmann 2006
(128 S.; ISBN 978-3-8309-1650-7; 14,90 EUR)
Erziehungs-Wissenschaftliches Arbeiten im Studium Es gibt innerhalb erziehungswissenschaftlicher Studiengänge verschiedene Auffassungen darüber, wie den Studierenden ein Mindeststandard wissenschaftlichen Arbeitens näher gebracht werden soll. Eine Möglichkeit ist, solche Techniken, gleichsam von den Lernenden unbemerkt, didaktisch zusammen mit dem eigentlichen Veranstaltungsthema zu vermitteln. Daneben tauchen in Vorlesungsverzeichnissen (nicht nur) unter pädagogischen Rubriken immer wieder Seminare zur „Einführung in wissenschaftliches Arbeiten“ o.ä. auf. An den meisten Lehrstühlen gehören außerdem Informationsbroschüren über die formal ansprechende Gestaltung von Seminar-, Magister- und Diplomarbeiten oder neuerdings der „Master Thesis“, Praktikumsberichte etc. zur Grundausstattung.

Der Bindestrich im Titel von Börrnerts Buch legt zunächst nahe, hier stehe gerade der wissenschaftliche Anspruch eines speziellen – nämlich pädagogischen – Studiums im Vordergrund. Auf den zweiten Blick erkennt der Leser jedoch, dass es sich inhaltlich vielmehr um allgemein geistes- bzw. sozialwissenschaftliche, qualitativ/quantitative Methodenkompetenz (Textanalyse, Interpretation [Philosophie], Beobachtung, Test, Experiment [Psychologie], Gruppendiskussion [Soziologie]) handelt und auch nur handeln kann. Diese wird aber – wo immer möglich – auf pädagogische Sujets übertragen, will doch der Autor den engen Bezug zwischen Wissenschaftsgeschichte, Pädagogikgeschichte und Methodenlehre verdeutlichen und der Erziehungswissenschaft disziplinär durchaus eigenständige Rezeptionsweisen bescheinigen.

Als hauptsächliche Motivation für eine weitere Publikation zu einem zwischenzeitlich etwas abgegriffenen Thema wird die durch professoralen Duktus verursachte Überfrachtung solcher bereits existierender Lehrbücher genannt. Ihnen gelte es hinsichtlich des zweckdienlichen Blicks auf eine studentische Hausarbeit weniger Verwirrendes entgegen zu setzen.
Das in zehn Kapitel untergliederte Buch deckt mehrere Ebenen ab. Es führt einerseits wissenschaftssystematisch in das Fach Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft ein, erläutert deren spezifische Erkenntnisinteressen, Forschungsstrategien und -methoden von der Erhebung über die Aufbereitung bis zur Auswertung des Quellen- resp. Datenmaterials. Verwendete Begriffe werden dabei stets nachvollziehbar erklärt, ein breit gefächerter prozeduraler Kanon besprochen.

Diese Themengebiete begegnen den Studierenden jedoch zwangsläufig im Studium, wenngleich Börrnert die qualitativen Methoden, was Seminarangebote betrifft, gegenüber den quantitativen im Hintertreffen wähnt. Viel interessanter, weil möglicherweise kein vordergründig prüfungsrelevanter „Stoff“, dürften für Studierende indes die Fragen „Wie finde/selektiere/lese ich Texte effizient?“ oder „Was muss ich beim Schreiben von Hausarbeiten beachten?“ sein. Während also das methodische Instrumentarium ohnehin auf der curricularen Tagesordnung steht, erschließen sich jene das ganz praktische Organon betreffenden Hinweise nicht von alleine. Zudem stellt Forschen im engeren Sinne, wie der Autor auch bekräftigt, im Studium eine Ausnahme dar. Der eigentliche Ertrag für die angesprochene Zielgruppe der Studierenden liegt daher m.E. im 3., 8. und 9. Kapitel. Davon abgesehen, eröffnet das Buch zwei weitere Adressatenkreise, die Börrnert nicht explizit nennt, der Verlag durch den Klappentext-Zusatz „(...) – nicht nur für Studierende“ aber wohl antizipiert: Abiturienten, welche sich einen ersten inhaltlichen Überblick über das verschaffen wollen, was ihnen unter Umständen bevorsteht; Graduierte, die in Forschungsprojekte involviert sind und/oder eine Promotion anstreben und dafür eine erste (!) methodische Orientierung benötigen.

Doch zurück zu den vom Autor direkt Angesprochenen und deren subtilen Sekundärtugenden: Disziplin, Motivation, Selbstvertrauen, Konzentration. Die Strukturierung der Literaturarbeit (33-43) stellt im Buch einen relativ kurzen Abschnitt dar, wartet aber mit wertvollen Tipps auf. So werden Gespräche mit Dozenten und erfahrenen Studenten, Bibliotheksführungen, die Fernleihe oder die Anschaffung von grundlegenden Werken und „Klassikern“ (auch preisgünstig über Antiquariate) als Recherchegrundlage ans Herz gelegt. Neben der Differenzierung verschiedener Literaturtypen und -arten präsentiert Börrnert diverse Suchmodi, welche in Bibliothekskatalogen zum jeweils gewünschten Ergebnis führen sollen (Stichwort, Autorenname, freie Recherche). Analytisch wird der Leseprozess von einer primären Inhaltsüberschau zum schließlich exakten Nachlesen unterteilt. Kurios ist freilich der Hinweis, wie ärgerlich die Beschmutzung fremden Eigentums in Form eines aus der Bibliothek entliehenen Buches durch Anstreichungen sei, die zudem nachfolgende Leser verwirren würden. Deshalb dürfe keine permanente Kennzeichnung mit Textmarkern erfolgen, sondern lediglich ein Bleistift verwendet werden. Ich fürchte nur, auch darüber können sich weder die Bibliothek noch kommende Rezipienten sonderlich glücklich schätzen.

So hilfreich die vielfältigen Ratschläge auch sind (bis hin zu Symbolempfehlungen für Randnotizen), so notwendig eine gewisse Ordnung hinsichtlich des Vorgehens wie der Zielsetzung und -erreichung auch erscheint (Notizen, Zettelkasten), befördert der Autor damit eine gewisse „Überregulierung“. Zwar beugt das offerierte, schriftlich zu fixierende Arbeitsorganisations-System Frustrationen vor, doch für „kreatives Chaos“ bleibt überhaupt kein Raum mehr. Der Schreibtisch muss ordentlich sein (viele Bücher behindern angeblich die Konzentration), man soll besser tagsüber als nachts arbeiten, Musik ist tabu. Die akademische Freiheit, die studentische Mündigkeit geht hier zu Gunsten einer dogmatischen Strukturierung verloren. Für unsichere Geister, welche den straffen Stundenplan und die klaren Aufgabenstellungen der Schule vermissen, mag dies förderlich sein. Man kann sich aber auch dermaßen viele Gedanken über seine Vorgehensweise machen, dass nach dem x-ten Mindmapping nur mit großer Verzögerung zum eigentlichen Kern, nämlich dem Lesen bzw. Schreiben, vorgedrungen wird.

Immerhin erfährt der Leser zu Beginn des Kapitels über „Wissenschaftliches Schreiben“ (97-113), dass auch andere einmal 200 Seiten umsonst zu Papier gebracht und daraufhin ihre Karteikarten zerrissen haben. Im Unterschied zum industriellen Fabrikationsprozess verfüge der wissenschaftliche Produzent lange Zeit über kein (fertiges) Produkt, und selbst im Nachhinein kann es sich noch als vergebliche Liebesmüh erweisen. Der drohenden Verzweiflung stellt Börrnert erlernbare, grundlegende Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens entgegen: Vollständigkeit, Systematik, Widerspruchsfreiheit, methodische Reflexion und Exaktheit werden dem Prüfer beweisen, dass der/die KandidatIn in der Lage ist, auf diesem Fundament eigene Gedanken zu entwickeln und in einen wissenschaftlichen Diskurs zu treten. Auch hier darf der erhobene Zeigefinger nicht fehlen: Eine große Portion Fleiß sei unabdingbar. Es folgen detailreiche Explikationen zu Schreibstil, formaler Gestaltung von Studienarbeiten, Zitierweise, Forschungstagebuch und Selbstkontrollmechanismen. In solchen Passagen, wo die Handreichungen unmittelbare Bedeutung für die „produzierenden“ Studierenden gewinnen, hat das Buch seine stärksten Momente und bietet alles, was das akademische Herz begehrt.

Die Publikation wird von zusammenfassenden Empfehlungen und einem rekapitulierenden Übungsteil beschlossen. Auch dort begegnet noch einmal die Ermahnung, wissenschaftliches Arbeiten sei in erster Linie Fleißarbeit. Der ehrgeizige Pflichtgedanke sollte aber doch auch durch den Spaß daran komplementiert werden, der einem durch allzu bevormundende Direktiven schnell abhanden kommt – das bezieht sich selbstverständlich nicht auf unverhandelbare, universale wissenschaftstheoretische und methodologische Grundsätze.

Nicht nur in den von mir herausgehobenen Abschnitten findet sich jedoch eine Fülle bedenkenswerter Fingerzeige, die je nach individueller Veranlagung als absolut verbindlich oder „nur“ anregend-bereichernd aufgefasst werden können. Das Buch ist sowohl für niedrigere Semester, in denen das „Studentendasein“ noch grundsätzlicher Orientierung bedarf, wie auch für höhere, in denen dann nach spezifischeren Informationen gesucht wird, zu empfehlen. Als enormer Vorteil erweist sich die übersichtliche Gestaltung, die gute Lesbarkeit und der handliche Umfang. Trotzdem gelingt es dem Autor, sehr viele Themenbereiche prägnant und gleichzeitig anspruchsvoll abzudecken. Diese Attribute machen „Erziehungs-Wissenschaftliches Arbeiten im Studium“ zu einer regelrechten Fibel desselben. Prädikat: Für konfuse Nachtschwärmer und Musikliebhaber ebenfalls bestens geeignet!
Andreas Ledl (Flensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Ledl: Rezension von: Börrnert, RenĂ©: Erziehungs-Wissenschaftliches Arbeiten im Studium, Eine EinfĂĽhrung. MĂĽnster, New York, MĂĽnchen, Berlin: Waxmann 2006. In: EWR 5 (2006), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2006), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383091650.html