EWR 12 (2013), Nr. 3 (Mai/Juni)

Uwe Maier
Lehr-Lernprozesse in der Schule: Studium
Allgemeindidaktische Kategorien fĂĽr die Analyse und Gestaltung von Unterricht
Bad Heilbrunn / Stuttgart: Klinkhardt / UTB 2012
(271 S.; ISBN 978-3-8252-3767-7; 19,99 EUR)
Lehr-Lernprozesse in der Schule: Studium Allgemeindidaktische Modelle zur Planung, Durchführung und Analyse von Unterricht sind seit langem Gegenstand der deutschsprachigen schulpädagogischen Forschung. In einer langjährigen Tradition sind eine ganze Reihe von „Didaktiken“ entwickelt worden, von denen allerdings nur wenige als stark rezipierte Modelle gelten. Neben der geisteswissenschaftlich fundierten Bildungstheoretischen Didaktik von Wolfgang Klafki und deren Weiterentwicklung gelten insbesondere die lerntheoretische Didaktik und später lehrtheoretische Didaktik als bedeutsame Theorieentwicklungen, die seither auch häufig als Ausbildungsgegenstand der Lehrerbildung herangezogen wurden. In den letzten Jahren hat u.a. auch die Bildungsgangdidaktik beträchtliche Beachtung gefunden.

Uwe Maier knüpft mit dem vorliegenden Buch einerseits an diese allgemeindidaktische Theoriebildung an und schlägt ein Planungsmodell als Weiterentwicklung der lehrtheoretischen Didaktik vor, das zur Planung von Unterrichtseinheiten genutzt werden soll. Der Band ist andererseits als Lehrbuch für Lehramtsstudierende konzipiert, das in die Grundlagen der Analyse und Gestaltung von schulischen Lehr-Lernprozessen einführen will. Entsprechend haben die ersten vier Kapitel einführenden Charakter. Gleichzeitig lassen sie sich als theoretische Fundierung des im fünften Kapitel dargestellten Planungsmodells lesen.

Im ersten Kapitel gibt Maier einen Überblick über die Theorieentwicklung und ausgewählte Modelle der Allgemeinen Didaktik, wobei „lediglich die Grundfragen der Hauptströmungen in der Allgemeinen Didaktik angerissen [werden], um anschließend eine Einordnung der eigenen Überlegungen begründen zu können“ (12). Diese Überlegungen münden nach Abwägung von Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Didaktikmodelle in dem Schluss, die lehr-lerntheoretische Theorielinie weiterentwickeln zu wollen. Für ausführlichere Darstellungen wird auf Überblicksliteratur verwiesen. Die Gliederung des Kapitels erfolgt anhand der Leitbegriffe „Bildung und Kultur“, „Kommunikation und Interaktion“, „Subjekt und Individuum“ sowie „Lernen und Gehirn“, was zu einer interessanten, für die studentische Leserschaft gleichwohl anspruchsvollen Darstellung führt, insbesondere aufgrund der schlaglichtartigen Ausführungen zu den einzelnen Didaktikmodellen. So werden etwa nur die Grundfragen von Klafkis didaktischer Analyse vorgestellt; zu der Weiterentwicklung findet sich bemerkenswerterweise wenig. Insbesondere für die Konzeption eines Lehrbuchs erscheint es wenig sinnvoll, eine derart verkürzte Form der Darstellung zu wählen. Das Unterkapitel „Grundlinien einer lehr-lerntheoretischen Didaktik“ basiert darüber hinaus auf einer knappen Literaturgrundlage; relevante Publikationen z.B. aus der Nachfolge von Aebli werden an dieser Stelle nicht einbezogen.

Die folgenden Kapitel behandeln dagegen ein breites Themenspektrum und liefern im Sinne eines Lehrbuchs grundlegendes Überblickswissen: So räumt der Autor im zweiten Kapitel über neurobiologische und lernpsychologische Grundlagen mit gängigen „Neuromythen“ hinsichtlich neurowissenschaftlicher Befunde auf und gibt u.a. einen Überblick über Wissensarten und Lerntheorien. Darüber hinaus wird die Bedeutung von Emotionen und Lernmotivation für Lernprozesse beleuchtet. Hierbei gelingt eine gut zusammengefasste und verständlich geschriebene Darstellung.

Das dritte Kapitel zu Befunden aus der Lehr-Lernforschung skizziert bekannte Schulleistungsstudien, erläutert die Vorgehensweise und Ergebnisse von Metaanalysen und thematisiert Kriterien für Unterrichtsqualität. Maier stellt u.a. eine Auswahl von fünf Merkmalen effektiven Unterrichts und deren Anwendung in Lehr-Lernprozessen überblicksartig dar.

Modelle für Lehr-Lernprozesse – sowohl fächerübergreifende (etwa Lehr-Lernmodelle für kumulatives Lernen und instructional design-Modelle) als auch domänenspezifische Modelle in den Bereichen der Naturwissenschafts-, Sprachen- und Mathematikdidaktik – werden im vierten Kapitel vorgestellt. Eingegangen wird darüber hinaus auf das Thema Leistungsdiagnostik in Lehr-Lernprozessen.

Im letzten Kapitel wird schließlich das vom Autor ausgearbeitete Planungsmodell vorgestellt, das fünf Planungskategorien umfasst: (1) „Von den curricularen und fachwissenschaftlichen Vorgaben zu Lernzielen“, (2) „Von den Lernvoraussetzungen zur Verlaufsplanung“, (3) „Methodische Dimensionen des Lehr-Lernprozesses“, (4) „Organisatorische Aspekte des Lehr-Lernprozesses“ sowie (5) „Reflexion des Lehr-Lernprozesses“. Die Überlegungen von Maier fokussieren insbesondere Planungsüberlegungen hinsichtlich der Diagnostik und Kompetenzentwicklung, wobei das Planungsmodell weniger eine richtungsweisende Weiterentwicklung darstellt, sondern insgesamt gesehen die bisherige Theoriebildung in anderer Form und Begrifflichkeit modifiziert. Bemerkenswerterweise verabschiedet sich der Autor von einem Planungsmodell für einzelne Unterrichtsstunden und schlägt stattdessen die Planung für Unterrichtssequenzen vor, wobei wiederum Teilziele für eine Lehr-Lernsequenz ausgearbeitet werden sollen. Ob Lehramtsstudierende dies in der konkreten Planung von Einzelstunden unter Beachtung der Zielgerichtetheit von Unterricht etwa in kürzeren schulpraktischen Ausbildungsphasen umsetzen können, bleibt fraglich.

Abgesehen davon ist es für die Konzeption eines Lehrbuchs insgesamt bedauerlich, dass Maier die Möglichkeit verschenkt, die Allgemeine Didaktik umfassender und für die studentische Leserschaft in systematischer Weise darzustellen. Deutlich wird hierbei nicht zuletzt die grundsätzliche Herausforderung, Lehrbuch einerseits und Fachbeitrag zur Allgemeindidaktischen Theoriebildung andererseits in einem Buch zu vereinen. Es wird sich zeigen, wie stark der Titel als hilfreiches Lehrbuch und/oder als bedeutsamer Beitrag zur Weiterentwicklung der Allgemeinen Didaktik rezipiert werden wird.
Andreas Bach (Flensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andreas Bach: Rezension von: Maier, Uwe: Lehr-Lernprozesse in der Schule: Studium, Allgemeindidaktische Kategorien fĂĽr die Analyse und Gestaltung von Unterricht. Bad Heilbrunn / Stuttgart: Klinkhardt / UTB 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 3 (Veröffentlicht am 28.05.2013), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978382523767.html