EWR 12 (2013), Nr. 1 (Januar/Februar)

Jörg Mußmann
Inklusive Sprachförderung in der Grundschule
MĂŒnchen und Basel: Ernst Reinhardt Verlag 2012
(144 S.; ISBN 978-3-8252-3752-3; 19,99 EUR)
Inklusive Sprachförderung in der Grundschule Zur Besprechung des vorliegenden Bandes werden zunĂ€chst dessen Aufbau und Inhalt skizziert. Anschließend erfolgt die inhaltliche Diskussion.

Im Vorwort verweist der Autor darauf, dass in seinem Buch der sonderpĂ€dagogische Förderschwerpunkt Sprache im inklusiven Bildungssystem vorgestellt wird. Dabei weist er darauf hin, dass sich die SprachbehindertenpĂ€dagogik, die das Feld der Integration und Inklusion die letzten 30 Jahre weitgehend vernachlĂ€ssigt hat, mit diesem Buch nun auch an der Diskussion zum Thema Integration und Inklusion beteiligt. Das Buch soll die „Reflexions- und Handlungsbereiche fĂŒr die Grundschul- und SonderpĂ€dagogik“ (8ff) zusammenfĂŒhren. Ziel des Buches ist es: „theoretische, didaktische und methodische Einblicke in diese Spezialisierung aller LehrkrĂ€fte im Grundschulunterricht fĂŒr Unterricht Beratung und Kooperation“ (9) zu geben.

Kapitel 1 beschreibt „Spezifische Sprachförderung im inklusiven Unterricht“. Inhaltlich wird geklĂ€rt, was Sprache fĂŒr den Autor bedeutet und welche Bedeutung Kommunikation und Sprache und deren Behinderungen im Bildungssystem haben. Des Weiteren stellt Jörg Mußmann Probleme der inklusiven PĂ€dagogik und der exklusiven Sprachförderung vor und weist Grenzen der Inklusion im Bildungssystem auf.

Kapitel 2 stellt „Sprache als Medium des schulischen Lernen und sozialen Handelns“ dar. Hier wird die Sprachentwicklung sowohl im Erst- als auch im Zweitspracherwerb aufgezeigt. Ebenso werden mögliche Sprachentwicklungsstörungen sowie organisch bedingte Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen angesprochen.

In Kapitel 3 werden „Handlungsfelder mit dem Förderschwerpunkt Sprache in inklusiven Settings“ erlĂ€utert. Dieses Kapitel umfasst sowohl Überlegungen zur unterrichtsintegrierten Sprachförderung als auch zu bestimmten Interaktionsformen. Es bietet außerdem Überlegungen zur Elternberatung und -partizipation sowie zur Beratung von Kolleginnen und Kollegen der Regelschule. Außerdem werden Möglichkeiten der Unterrichtsreflexion thematisiert.

Kapitel 4 greift das Thema „Didaktik fĂŒr den Förderschwerpunkt Sprache im inklusiven Unterricht“ auf. In diesem werden sĂ€mtliche didaktische Aspekte der Unterrichtsplanung dargestellt.

Das Buch schließt mit dem 5. Kapitel „Zusammenfassung und Ausblick“ ab.

Jörg Mußmann bietet mit seiner Herangehensweise an „Inklusive Sprachförderung in der Grundschule“ einen guten Überblick ĂŒber sprachbehindertenpĂ€dagogische Überlegungen in Bezug auf Aspekte des gemeinsamen Unterrichts von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern mit und ohne Sprachbehinderungen. Wie alle BĂŒcher dieser Reihe (UTB PĂ€dagogik) ist es mit Symbolen, Literaturhinweisen und online-Zusatzmaterial versehen, so dass Kernaussagen schnell gefunden werden können und sich interessierte Lesende weiter in einzelne Aspekte vertiefen können.

Der Band bietet Studierenden und BerufsanfĂ€nger/-innen der SonderpĂ€dagogik einen guten Überblick darĂŒber, welche Aspekte eine Sprachförderung im sonderpĂ€dagogischen und integrativen Unterricht beinhalten kann. Ebenso kann es fĂŒr GrundschulpĂ€dagogen/-innen, die sich intensiver mit dem Thema Kinder mit SprachauffĂ€lligkeiten im Unterricht beschĂ€ftigen wollen, interessant sein. Es gelingt dem Autor Kommunikations-, Sprach- und Sprechstörungen differenziert darzustellen. Zugleich werden sowohl Kooperationsmöglichkeiten mit Eltern und Kollegen/-innen als auch didaktisch-methodische AnsĂ€tze erlĂ€utert. Alle genannten Aspekte werden aus sonderpĂ€dagogischer Sicht dargestellt. PĂ€dagogen/-innen anderer Fachrichtungen mĂŒssen sich unter UmstĂ€nden in das verwendete Vokabular einarbeiten.

Das Buch hat den Anspruch, die neuen Bedingungen von Kindern mit Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten in der Regelschule fĂŒr die SprachbehindertenpĂ€dagogik zu klĂ€ren (vgl. 8). Dies gelingt am Anfang des Kapitels, indem das Thema Inklusion einleuchtend beschrieben wird und wo Mußmann auch „Grenzen des Inklusiven Bildungssystems“ aufzeigt. Der Autor greift hier auf die Darstellung der Dimensionen von Behinderungen der ICF zurĂŒck. Allerdings ist zu fragen, ob die ICF wirklich dazu herangezogen werden kann, Grenzen der Inklusion zu beschreiben oder ob diese Darstellung nicht vielmehr aufzeigen sollte, wo pĂ€dagogische UnterstĂŒtzung – auch im Regelschulsystem – notwendig wĂ€re. Es ist dem Autor zuzustimmen, wenn er schreibt: „Bei der Frage, wie sich Unterricht hinsichtlich seiner Zieldifferenzierung und Anforderungen an die individuellen BedĂŒrfnisse und FĂ€higkeiten anpassen muss, muss geklĂ€rt werden, welche Lernbehinderungen ĂŒberhaupt zu Barrieren und damit zur Behinderung des SchĂŒlers mit individuellen BeeintrĂ€chtigungen fĂŒhren können“ (21). Aus Rezensentinnensicht sollte es Anliegen dieses Buches sein, dazu Möglichkeiten aufzuzeigen und nicht schon im ersten Kapitel darauf zu verweisen, dass manchen sprachlichen Behinderungen nur durch exklusive Maßnahmen begegnet werden kann.

Insgesamt bietet der Band einen guten Überblick ĂŒber Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen, Kooperations- und Beratungsmöglichkeiten fĂŒr Eltern und Kollegen/-innen und mit dem Hamburger Modell auch ein didaktisch-methodisches Beispiel fĂŒr inklusiven Unterricht. Damit erfĂŒllt das Buch die vom Autor im Vorwort genannte Zielstellung. Leider bleibt zur Frage, wie inklusive Sprachförderung in der Grundschule gestaltet werden könnte, am Ende jedoch vieles offen und man kann sich dem Autor in folgender Aussage anschließen: „Eine spezielle inklusive Didaktik gibt es ebenso wenig wie eine exklusive Didaktik fĂŒr den Förderschwerpunkt Sprache“ (112). Auch nach der Erarbeitung dieses Buches wird jede Lehrerin sich fĂŒr ihr inklusives Setting und fĂŒr die von ihr betreuten SchĂŒler/-innen ĂŒberlegen mĂŒssen, wie sie gemeinsam mit den Kollegen/-innen den Unterricht fĂŒr SchĂŒler/-innen mit (sprachlichen) Behinderungen konzipiert.
Annette Damag (Koblenz-Landau)
Zur Zitierweise der Rezension:
Annette Damag: Rezension von: Mußmann, Jörg: Inklusive Sprachförderung in der Grundschule. MĂŒnchen und Basel: Ernst Reinhardt Verlag . In: EWR 12 (2013), Nr. 1 (Veröffentlicht am 19.02.2013), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978382523752.html