EWR 18 (2019), Nr. 2 (März/April)

Ewald Feyerer / Wilfried Prammer / Eva Prammer-Semmler / Christine Kladnik / Margit Leibetseder / Richard Wimberger (Hrsg.)
System. Wandel. Entwicklung.
Akteurinnen und Akteure inklusiver Prozesse im Spannungsfeld von Institution, Profession und Person
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2018
(402 S.; ISBN 978-3-7815-2225-1; 24,00 EUR)
System. Wandel. Entwicklung. Die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die durch die Leitidee der Inklusion angestoßen wurden, gehören zu den großen Umgestaltungsprozessen unserer Zeit. Nicht nur die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention stellt das Erziehungs- und Bildungssystem vor immense Herausforderungen und ist Gegenstand zahlreicher Forschungsbemühungen. Auch andere Differenzlinien und deren intersektionale Verschränkung werden seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Der vorliegende Sammelband, der im Nachgang zur Inklusionsforscher_innentagung 2017 in Linz erschienen ist, setzt sich mit inklusiven Prozessen im schulischen, außerschulischen sowie im hochschulbezogenen Bereich auseinander.

Den Auftakt zum Band bilden fünf Beiträge, in denen Grundlagen inklusiver Systementwicklung fokussiert werden. Feusers Beitrag kann als eine kritische Bestandsaufnahme gesehen werden. Seine Forderung nach einer Abkehr vom mehrgliedrigen Schulsystem ist dabei nicht neu. Kronauer fokussiert in seinem Beitrag stärker den Begriff der Exklusion sowie Ausgrenzungstendenzen in unserer Gesellschaft. Dlugosch sieht in sog. Netzwerkanalysen ein „hilfreiches Instrumentarium“ (55), um sich Fragen der Steuerung inklusiver Prozesse zu widmen. Aus der Governance-Perspektive nehmen Feyerer und Altrichter Reformbewegungen im österreichischen Bildungssystem in den Blick genommen. Pfahl, Plangger und Schönwiese zeigen institutionelle Eigendynamiken und Ambivalenzen im Bildungssystem auf. Die in diesem ersten Teil aufgeworfenen Fragen zur Entwicklung von Systemen machen die große thematische Bandbreite der Publikation bereits deutlich. Es folgen 45 kürzere Beiträge, welche die im ersten Teil behandelten Inhalte und Fragen teilweise aufgreifen oder beispielhaft vertiefen. Aufgrund der großen Anzahl an Beiträgen kann im Folgenden nur eine exemplarische Erwähnung erfolgen.

Im zweiten Teil liegt der Fokus auf Entwicklungsprozessen in Richtung eines inklusiven Schulsystems. Dabei wird am Beispiel Kanadas auch eine internationale Perspektive einbezogen. Die Etablierung demokratischer Strukturen sowie interdisziplinäre Kooperationen und Netzwerkarbeit werden in diesem Teil als wesentliche Schritte für mehr Teilhabe diskutiert.

Beispielhaft für die theoretischen, wissenschaftstheoretischen und politischen Zugänge zu Inklusion, die den dritten Teil des Bandes bilden, sei hier der Beitrag von Geldner erwähnt. Geldner greift Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen auf, wie zum Beispiel der, dass Selektionsprinzipien trotz des Diskurses um Inklusion unangetastet bleiben, und fragt danach, inwiefern solche Entwicklungen als „konstitutiver Bestandteil des Anspruchs der Ermöglichung umfassender gesellschaftlicher Teilhabe“ (151) zu verstehen sind. Hegemonietheoretische Positionen im Anschluss an die Theorie Ernesto Laclaus bilden die Grundlage für die Überlegung, dass Prozesse gesellschaftlicher Teilhabe immer mit hegemonialen Forderungen verbunden sind und so notwendigerweise mit Ausschließungen einhergehen. Daraus leitet Geldner ab, dass „anstelle kontingenter Setzungen eines ‚wahren‘ Inklusionsverständnisses“ (155) Inklusionsforschung sich Fragen nach der Bestimmung und Hervorbringung ihres Gegenstandes stellen müsste, das hieße auch, die Bedingungen der Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs kritisch zu befragen. Geldners Zugang mit seinem Rückgriff auf Lacleau ist anregend, da er dazu auffordert, Grenzziehungen in den Blick zu nehmen.

Der vierte Teil des Sammelbands befasst sich mit Schulentwicklungsprozessen und Schulleitung im Kontext von Inklusion. Hier sei der Beitrag von von Bargen herausgegriffen. Im Rahmen einer Studie wurden Interviews mit Schulleitungen in Nordrhein-Westfalen geführt und mittels der Grounded Theory ausgewertet. Der Beitrag fokussiert auf das herausgearbeitete Phänomen der „intuitiven Selbstprofessionalisierung“ (203), das aufgrund der Kürze des Beitrags nur anhand einiger exemplarischer Zitate illustriert werden kann. Anhand der Interviews kommt von Bargen zu dem Schluss, dass eine klare Position und Haltung zu inklusiver Schulentwicklung von den Schulleitungen erst entwickelt würde, was systematische Schulentwicklungsprozesse erschwere. Der Beitrag kann angesichts der sehr begrenzten Zeichenzahl nur einen kleinen Ausschnitt der Studie präsentieren und leider keine vertiefende Diskussion bieten, die der Thematik angemessen wäre.
Auf der Grundlage unterschiedlich angelegter empirischer Studien werden im fünften Teil Ergebnisse vorgestellt, die die Sichtweisen verschiedener Akteurinnen und Akteure im Kontext von Inklusion aufzeigen.

Im sechsten Kapitel wird die Ausbildung an Hochschulen in den Blick genommen. Die Herausforderungen, die sich bei der Umstrukturierung und Neugestaltung von Studiengängen ergeben, werden ebenso aufgezeigt wie Fragen zum Professionsverständnis und den Kompetenzen angehender Pädagoginnen und Pädagogen. Erfahrungen mit hochschuldidaktischen Konzepten, die die Herausforderungen der Inklusion aufgreifen, werden dargestellt.
Im letzten Teil des Bandes finden sich Beiträge unter der Überschrift „Inklusion intersektional, interinstitutionell und transitorisch“. Die Überschrift deutet bereits an, dass es sich bei diesem Teil um eine Zusammenstellung von Beiträgen zu ganz unterschiedlichen Themen handelt, wie zum Beispiel Sozialraumorientierung, Kinder- und Jugendarbeit oder partizipativer Forschung. Hier sei exemplarisch der Beitrag von Schuppener, Goldbach und Bock erwähnt, der sich mit dem Konzept der Leichten Sprache im Kontext beruflicher Teilhabe auseinandersetzt. Der Beitrag stellt Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt vor, in dem die Nutzung und Verständlichkeit von Texten in Leichter Sprache in Einrichtungen im Arbeitskontext untersucht wurden. Der Beitrag liefert wichtige Erkenntnisse zum bislang kaum empirisch erforschten Konzept der Leichten Sprache. Gleichzeitig lässt sich an dem Beitrag beispielhaft einmal mehr das breite inhaltliche Spektrum des Sammelbands aufzeigen, dessen Inhalte sich jenseits des Schlagworts Inklusion teilweise kaum aufeinander beziehen lassen.

Fazit: Der Sammelband bietet eine Fülle an Themen, Perspektiven und aktuellen Forschungsergebnissen rund um Entwicklungsprozesse, die in ganz unterschiedlichen Kontexten zu Inklusion oder Exklusion führen. Der Band widmet sich dem Thema auf unterschiedlichen Ebenen: Er beinhaltet sowohl grundlagentheoretische als auch empirische Beiträge, es werden schulische und außerschulische Handlungsfelder berücksichtigt und – wenn auch im geringeren Umfang – neben Behinderung auch andere Diversitätsaspekte thematisiert. Damit bildet der Sammelband die Komplexität des Themas ab und adressiert Leserinnen und Leser aus Wissenschaft (vorwiegend aus dem Gebiet der Erziehungswissenschaft) und Praxis. Zweifelsohne bringen einen die Beiträge zum Nachdenken, aufgrund der Kürze der Beiträge können die Themen oder Studien an vielen Stellen aber nicht voll entfaltet werden. Eine klarere thematische Eingrenzung und Auswahl der Beiträge hätte dem Band – und auch den einzelnen Beiträgen – sicherlich gutgetan. Trotzdem bietet der Band einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung im Kontext von Inklusion.
Teresa Sansour (Heidelberg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Teresa Sansour: Rezension von: Feyerer, Ewald / Prammer, Wilfried / Prammer-Semmler, Eva / Kladnik, Christine / Leibetseder, Margit / Wimberger, Richard (Hg.): System. Wandel. Entwicklung, Akteurinnen und Akteure inklusiver Prozesse im Spannungsfeld von Institution, Profession und Person. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.05.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378152225.html