EWR 14 (2015), Nr. 1 (Januar/Februar)

Barbara Koch-Priewe / Tobias Leonhard / Anna Pineker / Jan Christoph StörtlÀnder (Hrsg.)
Portfolio in der LehrerInnenbildung
Konzepte und empirische Befunde
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013
(304 S.; ISBN 978-3-7815-1931-2; 19,90 EUR)
Portfolio in der LehrerInnenbildung FĂŒr angehende LehrerInnen ist die Entwicklung von Reflexionskompetenz des eigenen Lern- und Lehrhandelns ein wesentlicher Ausbildungsbestandteil. Zudem ist die Reflexionskompetenz in der spĂ€teren BerufstĂ€tigkeit weiter auszubauen. Da dem Portfolio als didaktischem Instrument gemeinhin zugeschrieben wird, dass es die ReflexionsfĂ€higkeit der GestalterInnen unterstĂŒtzen kann, wird dieses Element im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Phasen der LehrerInnenbildung vermehrt eingesetzt. Folglich stellen Barbara Koch-Priewe, Tobias Leonhard, Anna Pineker und Jan Christoph StörtlĂ€nder im vorliegenden Sammelband die nachvollziehbare Frage: Wie gestaltet sich derzeit die Arbeit mit Portfolios im Kontext der LehrerInnenbildung? Der Band fasst Ergebnisse des Internationalen Portfolio-Symposiums (IPS) im Jahr 2012 zusammen. Hierbei beziehen sich die 17 BeitrĂ€ge mit einer Ausnahme auf entsprechende Erfahrungswerte aus dem deutschsprachigen Raum.

Bereits im Vorwort lĂ€sst sich erkennen, dass dem HerausgeberInnenteam thematische Transparenz und Übersichtlichkeit wesentliche Anliegen sind. Die LeserIn erhĂ€lt einen Einblick in den Aufbau und die Kernaussagen der fortlaufenden Artikel, welche in sechs Abschnitte unterteilt werden. Nach einer allgemeinen EinfĂŒhrung in verschiedene Portfolioformen im universitĂ€ren Kontext wird im ersten Abschnitt dargestellt, wie sich die Varianten des Portfolios bislang in der deutschen LehrerInnenbildung etablieren ließen.

Darauf folgend wird auf das Portfolio als Instrument zur Kompetenzentwicklung in den drei Phasen der LehrerInnenbildung eingegangen. An dieser Stelle zeigt sich, dass die HerausgeberInnen bei der Zusammenstellung der Artikel bemĂŒht waren, nicht nur Bedingungen fĂŒr eine gelingende Portfolioarbeit herauszustellen, sondern ebenso institutionelle Anforderungen zu bedenken. Besonders interessant sind die Schilderungen von Peter Bade ĂŒber die Portfolioerfahrungen im Hamburger Referendariat. Bade beschreibt die ambivalenten Erlebnisse der SeminarleiterInnen und ReferendarInnen hinsichtlich Akzeptanz und Ausmaß der Arbeit mit Portfolios: FĂŒr die Seminarleitungen stand der Wunsch nach einer persönlichen Betreuung im Spannungsfeld zu den bereits bestehenden curricularen Anforderungen im Referendariat. Die positiven Erfahrungen der ReferendarInnen hinsichtlich der offenen Gestaltungsform und einer damit verbundenen Ergebnisvielfalt stehen einer empfundenen Zusatzbelastung mit einem unklaren Mehrwert gegenĂŒber. Hervorzuheben sei jedoch, dass trotz der unterschiedlichen Einbindung ein einheitliches Mindestmaß an Portfolionutzung umgesetzt wurde. Mit solchen AusfĂŒhrungen lĂ€sst sich im Sammelband nachvollziehen, dass der Prozess zur Etablierung eines Portfolios Herausforderungen aufwirft, jedoch gleichzeitig ein hohes Entwicklungspotential zulĂ€sst. Zudem ist hervorzuheben, dass nicht lediglich BeitrĂ€ge zu den Ausbildungsphasen an der UniversitĂ€t und im Referendariat eingebunden werden. In seinem Artikel stellt etwa Harry Neß darĂŒber hinaus einen Bezug zum Konzept des lebenslangen Lernens her. Die gestiegenen Erwartungen an das Handeln von LehrerInnen setzen eine komplexe ReflexionstĂ€tigkeit voraus, welche die nicht formale und informelle Lernbiografie mit einbeziehen mĂŒsse. Neß stellt die Entwicklung eines Professionalisierungs-Portfolios dar, in welchem Lernprozesse nicht auf die unterrichtende TĂ€tigkeit reduziert werden. Vielmehr werden im Rahmen des lebenslangen Lernens die Kompetenzen der ganzheitlichen Lehrperson als Wert genutzt. Eine weitere Auseinandersetzung mit diesen Aspekten wĂ€re lohnend gewesen.

Im dritten Abschnitt wird in vier BeitrĂ€gen die Reflexion als Kernelement der Portfolioarbeit aufgegriffen. Im ersten Artikel geht Tobias Leonhard auf den nicht unproblematischen Einsatz des Portfolios als Instrument sowohl zur Förderung der Reflexionskompetenz als auch zur gleichzeitigen Leistungsbewertung ein. Auf Gelegenheiten zur Reflexion vom Eignungspraktikum bis zum Abschluss des Vorbereitungsdienstes wird in dem darauffolgenden Beitrag ĂŒber das phasenĂŒbergreifende Portfolio seitens Anna Pineker und Jan Christoph StörtlĂ€nder Bezug genommen. Spannend lĂ€sst sich ebenfalls die sich gegenseitig bedingende Reflexion von PortfolionutzerInnen und den durchfĂŒhrenden Institutionen verfolgen, die Achim Broszjewski darstellt. Abschließend weist Rose Vogel auf mögliche Anregungen zur Selbstreflexion in fachdidaktischen Lehr-Lern-Partien im Mathematikstudium hin.

Der vierte Teil des Bandes wird vertiefend dem Spannungsfeld zwischen gewĂŒnschten Lerneffekten (angehender) LehrerInnen einerseits und notwendigen Leistungsbewertungen im Rahmen der Lehrerausbildung andererseits gewidmet. Insbesondere der Beitrag von Fisun Akşit und Julia Harting zur Umstrukturierung der tĂŒrkischen LehrerInnenbildung ist informativ zu lesen, weil sich dieser Artikel auf Portfolioerfahrungen in der tĂŒrkischen Lehrerbildung bezieht. Es wird veranschaulicht, inwieweit die Einbindung von Portfolios durch bildungspolitische Rahmenbedingungen bestimmt wird. Die seit 2005 gestartete Bildungsreform rĂŒckte einen neuen Handlungsschwerpunkt von LehrerInnen in den Vordergrund: Neben der ÜberprĂŒfung der Leistungen wird der Begleitung des individuellen SchĂŒlerInnenlernens vermehrt Bedeutung beigemessen. Die AutorInnen problematisieren die Akzeptanz des Portfolios in einem weiterhin auf schriftlichen Abfragen basierenden Bewertungssystem. Als Lösungsansatz schlagen sie neben einem konstruktivistischen Blickwinkel auf die LehrtĂ€tigkeit eine Modifizierung der curricularen Anforderungen vor. SelbstverstĂ€ndlich kann in einem Sammelband, in welchem der Fokus auf den Portfolioeinsatz im deutschsprachigen Raum gelegt wird, keine entsprechende Vertiefung erfolgen. Es wĂ€re jedoch erfreulich, wenn die gewonnenen Erkenntnisse an anderer Stelle erneut aufgegriffen werden könnten.

Auf die digitale Umsetzung des Portfolios im Lehramtsstudium wird im fĂŒnften Teil mit zwei BeitrĂ€gen, nĂ€mlich von Gerd BrĂ€uer und Stefan Keller sowie von Klaus Himpsl-Gutermann und Peter Groißböck, eingegangen.

Der letzte Abschnitt nimmt einerseits auf den Portfolioeinsatz und die Forschungsthemen der jeweiligen AutorInnen Bezug, andererseits zeigt er Perspektiven fĂŒr zukĂŒnftige Untersuchungen auf. Das von Tina Hascher und Christine Sonntagbauer gestaltete Kapitel zeigt abermals die Vorgehensweise des vorliegenden Bandes, nicht lediglich zu bilanzieren, sondern zu hinterfragen und DenkanstĂ¶ĂŸe zu geben.

Dem zum Einstieg formulierten Anspruch, eine Bestandsaufnahme der bisherigen Portfolioerfahrungen im deutschsprachigen Raum vorzunehmen, sind die HerausgeberInnen gerecht geworden. Der Aufbau der gut lesbaren BeitrĂ€ge ermöglicht eine themenspezifische LektĂŒre. Es wird vorwiegend der Portfolioeinsatz in den ersten beiden Phasen der LehrerInnenbildung thematisiert. Somit ist der Sammelband insbesondere fĂŒr ein Zielpublikum ansprechend, welches in die Umsetzung des Portfolios in diesen Ausbildungsphasen eingebunden ist. FĂŒr Leserinnen und Leser, die sich bereits mit der Thematik im wissenschaftlichen Bereich befasst haben, ist außerordentlich erfreulich, dass neben einer konzeptionellen Bilanzierung viele BeitrĂ€ge die Einbindung empirischer Untersuchungen auszeichnet. Indem die Bedingungen fĂŒr eine gelingende Umsetzung analysiert und mit Hinweisen auf möglichen Nachsteuerungsbedarf verknĂŒpft werden, gibt der Band nicht nur einen guten Einblick in den aktuellen Stand, sondern regt zugleich zu weiteren Forschungsvorhaben an.
Désirée SchrÀer (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
DĂ©sirĂ©e SchrĂ€er: Rezension von: Koch-Priewe, Barbara / Leonhard, Tobias / Pineker, Anna / StörtlĂ€nder, Jan Christoph (Hg.): Portfolio in der LehrerInnenbildung, Konzepte und empirische Befunde. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2013. In: EWR 14 (2015), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2015), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151931.html