EWR 11 (2012), Nr. 6 (November/Dezember)

Wolfgang Einsiedler (Hrsg.)
Unterrichtsentwicklung und Didaktische Entwicklungsforschung
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011
(184 S.; ISBN 978-3-7815-1794-3; 16,90 EUR)
Unterrichtsentwicklung und Didaktische Entwicklungsforschung Die gestiegene Bedeutung evidenzbasierter Verfahren in der Unterrichtsforschung und die diese begleitende gewachsene Zahl empirisch gewonnener Erkenntnisse fĂŒhren vielfach nicht oder nur sehr indirekt zu VerĂ€nderungen in der Unterrichtsgestaltung. Doch selbst bei Versuchen der BerĂŒcksichtigung empirisch fundierter Erkenntnisse wird nicht selten auf eine systematische Erfassung der Effekte verzichtet, die sich an aktuellen Standards der Unterrichtsforschung orientiert, um die Anwendung der empirisch gewonnenen Grundlagen zu ĂŒberprĂŒfen.

Das hier besprochene Buch versucht einer Kluft zwischen anspruchsvollen forschungsbasierten Erkenntnissen und entsprechenden Forschungskonzepten einerseits und unterrichtlichem Handeln andererseits durch die Entwicklung und Zusammenfassung von Grundlagen und durch geeignete Praxisbeispiele entgegenzuwirken.

Im ersten Grundlagenbeitrag werden von Kurt Reusser Probleme, Strategien und Werkzeuge fĂŒr den Weg von der Unterrichtsforschung zur Unterrichtsentwicklung skizziert. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme aktueller Tendenzen der Unterrichtsentwicklung werden Potentiale einer designbasierten (fach-)didaktischen Entwicklungsforschung kurz umrissen. Im Gegensatz zur stark experimentell orientierten Grundlagenforschung geht es in auf ökologische ValiditĂ€t abzielenden anwendungsorientierten EntwicklungsforschungsansĂ€tzen darum, die Implementation praktikablen Unterrichts zu erkunden. Bei den genannten Beispielprojekten werden nicht nur beim Design der Lernumgebung Forschungserkenntnisse berĂŒcksichtigt, sondern es werden auch die Effekte in Form des Lernzuwachses erfasst. FĂŒr Reusser ist die kooperative Weiterentwicklung von Unterricht durch Lehr- und Forschungspersonen von besonderer Bedeutung.

Im zweiten Grundlagenbeitrag fĂŒhrt Wolfgang Einsiedler in die Didaktische Entwicklungsforschung ein. Zur Überwindung der Diskrepanz zwischen bildungswissenschaftlicher Grundlagenforschung und Unterrichtsmethodik skizziert er verschiedene TransferverstĂ€ndnisse und -konzepte. Im Anschluss werden typische Transferprobleme benannt und verschiedene LösungsansĂ€tze entwickelt. Ein eigenes Unterkapitel bildet die Darstellung der AnsĂ€tze Design-Based-Research sowie Pragmatische und Symbiotische Unterrichtsforschung. Zur KlĂ€rung des VerhĂ€ltnisses von Entwicklungsforschung und Didaktik und zur Generierung von Konzepten wird der Blick auf Disziplinen erweitert, die sich schon lĂ€nger mit der Verzahnung von Forschung und Entwicklung mit Grundlagenforschung beschĂ€ftigen. Abschließend werden Aufgaben, Umsetzungsbeispiele und Standards (Theoriefundierung, Erprobung in Lernumwelten, Wirkungs- und Aktivierungsevaluation, Symbiotische Unterrichtsforschung, Erreichung pragmatischer Ziele, Berichterstattung) der Didaktischen Entwicklungsforschung dargelegt.

Joachim Kahlert und Klaus Zierer betonen im dritten Grundlagenbeitrag „Didaktische Entwicklungsforschung aus Sicht der pragmatischen Bildungsarbeit“ einerseits Grenzen der Erforschbarkeit von Bildungsprozessen und der auf dieser Basis gesichert entwickelbaren Anregungen fĂŒr die Praxis, andererseits aber auch die Notwendigkeit der Formulierung geeigneter Empfehlungen zur Weiterentwicklung didaktischer Handlungen. Sie schlagen die Entwicklung von didaktischen Arbeitsmodellen als gemĂ€ĂŸigt kontextbezogene Modellierungstypen vor. Die dominierende Peer-Review-Kultur in der erziehungswissenschaftlichen Publikationspraxis ist fĂŒr die Autoren nicht nur begrenzt zur Feststellung wissenschaftlicher QualitĂ€t geeignet, sie fĂŒhrt auch zu einer GeringschĂ€tzung der von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern generierten didaktischen Literatur in der Scientific Community. Defizite der QualitĂ€tssicherung von didaktischen Publikationen gilt es durch aktive Beteiligung von Forscherinnen und Forschern an einer „Gestaltungsöffentlichkeit“ anzugehen.

Cornelia GrĂ€sel beschĂ€ftigt sich im vierten Grundlagenbeitrag mit der „Kooperation von Forschung und LehrerInnen bei der Realisierung didaktischer Innovationen“. Unter BerĂŒcksichtigung verschiedener Studien sieht sie deutliche BeschrĂ€nkungen traditioneller Top-Down-Strategien fĂŒr den Transfer wissenschaftlich gewonnener didaktischer Erkenntnisse in die Praxis. An zwei Beispielen illustriert sie Möglichkeiten mittels Lerngemeinschaften von Wissenschaft und Praxis Transferhandlungen zu unterstĂŒtzen. Im Anschluss benennt sie empirische Befunde.

In den vier Projektbeschreibungen werden jeweils unterschiedliche UmsetzungsansĂ€tze prĂ€sentiert. Agi SchrĂŒnder-Lenzen und Stephan MĂŒcke stellen die Entwicklung und Evaluation des Sprachförderprogramms FÖRMIG vor. Auch sie setzen ein Netzwerkprogramm gegen Top-Down-Strategien der Vermittlung. Deutliche Effekte werden ausgemacht, wenn es gelang die Akteure in das Programm einzubinden. Eva-Maria Kirschhock und Meike Munser-Kiefer erlĂ€utern in einem zweiten Beitrag die Entwicklung und empirische ÜberprĂŒfung eines Lesestrategietrainings. Ihre Projektbeschreibung orientiert sich an den von Einsiedler in seinem Grundlagenbeitrag entwickelten Standards Didaktischer Entwicklungsforschung. Eva Heran-Dörr, Alexander Rachel und Christine Waltner berichten in ihrem Praxisbeitrag ĂŒber die Entwicklung und Evaluation einer Lehr-Lernumgebung zum Magnetismus fĂŒr den naturwissenschaftlichen Sachunterricht der Grundschule. Dabei wurde eine unter Laborbedingungen erprobte Lernumgebung in Schulklassen realisiert. Die Forschungsergebnisse sollen in die Weiterentwicklung der Lernumgebung einfließen. Silke Grafe stellt in einem letzten Praxisbeitrag die Verzahnung von Forschung und Entwicklung in einem Projekt zur Förderung von ProblemlösefĂ€higkeiten unter Einbezug von Computersimulationen in der Sekundarstufe I vor. Sie zielt dabei sowohl auf die Weiterentwicklung theoretischer Grundlagen als auch auf die ÜberprĂŒfung und Nutzbarmachung von Unterrichtskonzepten.

Der Band vereint verschiedene Autorinnen und Autoren sowie AnsĂ€tze der Unterrichtsentwicklung und Didaktischen Entwicklungsforschung, die teilweise schon frĂŒher in diesen Feldern publiziert haben. Es bleibt fĂŒr die Unterrichtsentwicklung zu hoffen, dass der im deutschen Sprachraum noch weniger als im anglo-amerikanischen Sprachraum verfolgte und ausgearbeitete Ansatz einer systematischen VerknĂŒpfung von Bildungsforschung und Bildungspraxis durch diese Publikation einen neuen Schub erfĂ€hrt. Dieser Band kann dabei nicht nur als Anstoß fĂŒr eine innovative, anspruchsvolle Verzahnung der genannten Pole dienen, sondern auch einen Ausgangspunkt fĂŒr weitere Publikationen im Bereich der Didaktischen Entwicklungsforschung bilden.

In Folgepublikationen gilt es insbesondere noch stĂ€rker herauszuarbeiten, wie quantitative, qualitative und kombinierte Verfahren und die damit verbundenen spezifischen GĂŒtekriterien in die Didaktische Entwicklungsforschung und deren Standards eingebunden werden können. Die Praxisbeispiele geben sinnvolle Anregungen fĂŒr die Gestaltung weiterer Forschungsprojekte. In ihrer ExemplaritĂ€t hervorzuheben sind insbesondere jene Beispiele, die explizit Bezug zu dem Grundlagenteil des Buches nehmen. Zur Erweiterung der Vielfalt wĂ€ren in kĂŒnftigen Publikationen insbesondere auch Forschungsprojekte von Interesse die noch gezielter, wie etwa in explorativen Studien, Kontexte der Umsetzung von Erkenntnissen der Bildungsforschung erfassen. Auch Forschungs- und Entwicklungsprojekte, bei denen spezifische Kontexte nicht erst weitgehend am Ende des Forschungsprozesses einfließen, sondern in denen in kĂŒrzeren Zyklen Forschungs- und Entwicklungsprozesse aufeinander bezogen werden, können neue Perspektiven fĂŒr die Entwicklungsforschung eröffnen. Bei der Realisierung weiterer innovativer Projekte gilt es auch zu prĂŒfen, inwiefern die von Einsiedler entwickelten Standards einer adaptierten Weiterentwicklung bedĂŒrfen.
Thomas Irion (Leipzig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Thomas Irion: Rezension von: Einsiedler, Wolfgang (Hg.): Unterrichtsentwicklung und Didaktische Entwicklungsforschung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011. In: EWR 11 (2012), Nr. 6 (Veröffentlicht am 28.11.2012), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151794.html