EWR 9 (2010), Nr. 3 (Mai/Juni)

Kirstin M├╝ller
Schl├╝sselkompetenzen und beruflicher Verbleib
Bielefeld: W. Bertelsmann 2008
(506 S.; ISBN 978-3-7639-1106-6; 44,90 EUR)
Schl├╝sselkompetenzen und beruflicher Verbleib Die Forschungsarbeit von Kirstin M├╝ller untersucht, inwieweit ausgew├Ąhlte Schl├╝sselkompetenzen den beruflichen Verbleib von Absolventen bestimmter Ausbildungsg├Ąnge beeinflussen. Die 506 Seiten umfassende Dissertation ist ├╝bersichtlich strukturiert und beinhaltet als Anhang eine CD-ROM mit den Daten der Untersuchung.

Ausgangslage f├╝r die explorative Studie sind Forschungsdefizite, welche sich aus dem bisherigen Mangel an systematischen Untersuchungen zur Wirkung von individuellen Kompetenzen und Eigenschaften auf den beruflichen Verbleib ergeben. Des Weiteren wird die mangelnde Erhebung von Schl├╝sselkompetenzen bei jungen Erwachsenen am ├ťbergang von Berufsausbildung in eine Besch├Ąftigung angef├╝hrt. Die von Kirstin M├╝ller vorgelegte Untersuchung greift damit Forschungsdefizite auf, die nach wie vor von aktueller Bedeutung sind.

Im Rahmen der Forschungsarbeit werden zwei berufsfachschulische Ausbildungsg├Ąnge (Physiotherapeut/-in und Wirtschaftsassistent/-in Fachrichtung Informationsverarbeitung) und ein dualer Ausbildungsgang (B├╝rokaufmann/-frau) ber├╝cksichtigt. Die explorative L├Ąngsschnittestudie basiert auf einem quantitativen Vorgehen, wobei die Datenerhebung regionalspezifisch f├╝r den Freistaat Sachsen erfolgte.

Um die Forschungsfrage abzuleiten, welche den Ausgangspunkt der hypothetisch-deduktiven Untersuchung darstellt, gibt das zweite Kapitel einen ├ťberblick ├╝ber den Stand der beruflichen Verbleibsforschung. Im Zusammenhang damit werden die in der Untersuchung ber├╝cksichtigten Verbleibskriterien hergeleitet sowie das auf subjektiven und objektiven Kriterien basierende Vorgehen der Arbeit erl├Ąutert. Eine exemplarische Untersuchung von Verbleibsstudien aus Deutschland f├╝hrt schlie├člich zur Ableitung von sogenannten ÔÇ×traditionellen Pr├ĄdiktorenÔÇť des beruflichen Verbleibs, wie zum Beispiel Schulbildung, Geschlecht, Alter (89). Der unzureichenden Ber├╝cksichtigung von Kompetenzen als m├Âgliche Pr├Ądiktoren des beruflichen Verbleibs wird begegnet, indem anhand der Resonanz auf die Schl├╝sselqualifikationsdebatte im Besch├Ąftigungs- und Bildungssystem sowie der Berufs- und Wirtschaftsp├Ądagogik aufgezeigt wird, welche Bedeutung den Schl├╝sselkompetenzen f├╝r den beruflichen Verbleib beigemessen wird. Dabei wird auch die internationale Dimension der Debatte um Schl├╝sselkompetenzen im Rahmen der Ergebnisse des DeSeCo - Projektes aufgegriffen. In der zusammenfassenden Darstellung werden diejenigen Schl├╝sselkompetenzen abgeleitet und f├╝r die Untersuchung ausgew├Ąhlt, welche den h├Âchsten Einfluss auf den beruflichen Verbleib erwarten lassen:

  • Kommunikative Kompetenz, in Verbindung mit kooperativen Aspekten,
  • Lernkompetenz, bezogen auf das selbstregulierte Lernen,
  • Motivation, im Sinne der Leistungsmotivation,
  • Selbstkompetenz, welche die Komponenten Selbstkonzept, Selbstwertgef├╝hl und Selbstwirksamkeit beinhaltet (136f).


Die ausgew├Ąhlten Schl├╝sselkompetenzen rekurrieren auf den Katalog von Witt und Lehmann (135f).

Die Herleitung und Darstellung der genannten Kompetenzen m├╝ndet schlie├člich in die Formulierung der Forschungsfrage: ÔÇ×Inwieweit beeinflussen die ausgew├Ąhlten Schl├╝sselkompetenzen den beruflichen Verbleib von B├╝rokaufleuten, Physiotherapeuten und Wirtschaftsassistenten unter gleichzeitiger Ber├╝cksichtigung soziodemographischer Merkmale, pers├Ânlicher Ziele, Kontroll├╝berzeugungen und Pers├Ânlichkeitsdimensionen?ÔÇť(137)

Im dritten Kapitel der Arbeit werden Design und Instrumente der umfangreichen empirischen Untersuchung beschrieben und erl├Ąutert. Die Daten wurden im Rahmen von zwei Erhebungswellen zwischen Dezember 2003 und November 2005 erfasst.
In der ersten Erhebungswelle wurden die Schl├╝sselkompetenzen von Auszubildenden der genannten Berufsausbildungen mittels einer schriftlichen Befragung bei 1840 Probanden erhoben. Vier Voruntersuchungen erm├Âglichten dabei die Anpassung der Messinstrumente an die spezifischen Anforderungen und Voraussetzungen der Untersuchung sowie die Testung der Fragebogen. Die Voruntersuchungen basieren zum Teil auf dem ÔÇ×Zwei - Phasen - PretestingÔÇť nach Pr├╝fer und Rexroth (2002) des Zentrums f├╝r Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) und gehen ├╝ber die dort festgelegten Standards hinaus (142). Die Instrumente zur Erhebung der ausgew├Ąhlten Schl├╝sselkompetenzen sind aus vergleichsweise breit angelegten Forschungskontexten ├╝bernommen. Dabei wird die Auswahl und Adaption der Instrumente ausf├╝hrlich dargestellt und begr├╝ndet. Dieser Abschnitt zeigt jedoch auch die Schwierigkeit auf, geeignete Instrumente zur Erhebung der ausgew├Ąhlten Schl├╝sselkompetenzen festzulegen. Im Ausblick der Arbeit geht Kirstin M├╝ller auf diese Problematik ein und sieht Bedarf f├╝r weitere Forschungst├Ątigkeit. Unter anderem k├Ânnte diese in Form einer explizit eigenst├Ąndigen Entwicklung von Kompetenzkonzepten unter gezielter Einbeziehung von Resultaten der Arbeitsmarktforschung stattfinden (436).

Mithilfe der zweiten Erhebungswelle wurde der berufliche Verbleib von 897 Absolventen aus den oben genannten Ausbildungsberufen erfasst. Dabei wurde ein zeitraumbezogenes Design gew├Ąhlt, um Fehlinterpretationen durch zeitpunktbezogene Analysen zu vermeiden. Es wurden zum einen Status sowie Eingliederungs- und Erwerbsverlauf der Probanden durch Selbsteinstufung erhoben. Dies erfolgte mithilfe eines eigens f├╝r die vorliegende Arbeit entwickelten beruflichen Kalendariums (822f). Zum anderen wurden die ausgew├Ąhlten Verbleibskriterien operationalisiert und durch einen Fragebogen bei den Probanden erfasst. Die Instrumente zur Erfassung der Verbleibskriterien wurden ebenfalls in einer Voruntersuchung mittels Evaluationsinterviews und Standardpretests erprobt und adaptiert.

Das vierte Kapitel der Arbeit widmet sich der Darstellung und Auswertung der Ergebnisse der Studie. Dazu wurde auf Grundlage von sequenzanalytischen ├ťberlegungen eine Typisierung von vier unterschiedlichen Verlaufsmustern des Eingliederungs- und Erwerbsverlaufs entwickelt. Die Feststellung der Wirksamkeit von Schl├╝sselkompetenzen bei Auszubildenden auf deren beruflichen Verbleib erfolgte durch die Untersuchung der Zugeh├Ârigkeitswahrscheinlichkeit von Absolventengruppen mit bestimmten Kompetenzmustern zu den beschriebenen Verlaufsmustern (268f).

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen ein uneinheitliches und schwaches Bild bez├╝glich der Zusammenh├Ąnge zwischen der Auspr├Ągung von Schl├╝sselkompetenzen und dem beruflichen Verbleib der Absolventen. Dabei werden die unterschiedlichen Erwerbschancen der untersuchten Ausbildungsberufe ber├╝cksichtigt. Wenn Schl├╝sselkompetenzen ├╝berhaupt als relevant f├╝r einzelne Gr├Â├čen des beruflichen Verbleibs gelten k├Ânnen, so trifft dies nur auf einzelne Aspekte oder Cluster, teilweise auch in negativer Weise, zu und der Erkl├Ąrungsgehalt ist ├╝berwiegend gering. Die differenzierten Ergebnisse zeigen jedoch auf, wie riskant es ist, pauschale Aussagen ├╝ber die Wirksamkeit von Schl├╝sselkompetenzen auf den beruflichen Verbleib zu treffen (434f).

In der Zusammenfassung und dem Ausblick werden das Forschungsdesign und die Instrumente der Studie noch einmal kritisch hinterfragt, die Komplexit├Ąt des Untersuchungsgegenstands verdeutlicht und schlie├člich Anregungen f├╝r weitere Forschungsarbeiten mit ├Ąhnlicher Fragestellung formuliert. Abschlie├čend wird ein Forschungsdesiderat formuliert, welches die Schaffung einer berufsp├Ądagogischen Verbleibstheorie propagiert, um kompetenzf├Ârdernde Ma├čnahmen zur Optimierung des ├ťbergangsprozesses abzuleiten.

Die sehr aufw├Ąndig und sorgf├Ąltig ausgearbeitete L├Ąngsschnittstudie von Kirstin M├╝ller, die einen wenig untersuchten Forschungsbereich innerhalb der beruflichen ├ťberg├Ąnge abdeckt, ist eine bereichernde Lekt├╝re. Insbesondere die wiederholt (selbst-)kritische Betrachtung des Untersuchungsdesigns und des ausgew├Ąhlten Instrumentariums zeichnet den Forschungsbeitrag von Kirstin M├╝ller aus.
Urs Frey (Freiburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Urs Frey: Rezension von: M├╝ller, Kirstin: Schl├╝sselkompetenzen und beruflicher Verbleib. Bielefeld: W. Bertelsmann 2008. In: EWR 9 (2010), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.06.2010), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978376391106.html