EWR 18 (2019), Nr. 5 (November/Dezember)

Nina Göddertz
Antiautoritäre Erziehung in der Kinderladenbewegung
Rekonstruktive Analysen biographischer Entwürfe von Zwei-Generationen-Familien
Wiesbaden: Springer VS 2018
(357 Seiten; ISBN 978-3-658-21282-7; 54,99 EUR)
Antiautoritäre Erziehung in der Kinderladenbewegung Die vorliegende Publikation „Antiautoritäre Erziehung in der Kinderladenbewegung. Rekonstruktive Analysen biographischer Entwürfe“ entstand im Rahmen der 2011 ins Leben gerufenen Nachwuchsforscher*innengruppe „Die Kinderladenbewegung: Biographische Auswirkungen und gesellschaftspolitische Einflüsse institutioneller Erziehungsarrangements“. Mit dem biographischen Fokus versucht die Nachwuchsforscher*innengruppe ein Desiderat zu bearbeiten, welches aufgerufen wurde und wird, wenn das Thema Kinderladenbewegung zur Sprache kommt: Wie wurde der „Kinderladen“ eigentlich von den involvierten Familien wahrgenommen? Was für eine lebensgeschichtliche Bedeutung hat die Kinderladenbewegung? So ist auch einleitend in den Vorbemerkungen das Anliegen der Forscher*innengruppe formuliert als Idee, die „länger- und langfristigen biographischen Auswirkungen von öffentlicher Kindererziehung“ (S. VII) erforschen zu wollen. Wurden vor allem durch die zahlreichen Publikationen von Meike S. Baader [1] schon viele wichtige Fragen zur Pädagogik in der frühen Kinderladenbewegung bearbeitet, zeigt diese Studie (und auch die beiden anderen publizierten Arbeiten aus der Nachwuchsforscher*innengruppe [2]) mit einem biographischen Zugang eine Perspektive, die so bisher noch unbearbeitet blieb. Das Erkenntnisinteresse von Nina Göddertz lag bei der Erforschung der Lebenswelten von Kinderladenfamilien vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurse und auf der „Frage nach dem Umgang mit Begünstigungen oder Verhinderungen der eigenen Mündigkeit im Kontext der Familie und der Erziehung“ (S. 133).

Nina Göddertz erläutert im theoretischen Teil der Arbeit die Grundprämissen der Kinderladenbewegung zum einen über zeitgenössische Zugänge, als auch über in der Kinderladenbewegung viel rezipierten Texte der 1920er Jahre und Quellen aus der Kinderladenbewegung selbst. Auf zeithistorischer Ebene nimmt sie Bezug auf die klassischen Schriften zur Erziehung von Theodor W. Adorno, um den zeitgenössischen philosophischen Diskurs (vgl. S. 4) zu beleuchten und stellt in einem nächsten Schritt Parallelen und Ansatzpunkte zu der ersten Generation der „Kritischen Erziehungswissenschaft“ her, wobei sie Klaus Mollenhauer, Herwig Blankertz, und Wolfgang Klafki heranzieht, um anhand dieser das Resonanzgeschehen der Kritischen Theorie aufzuzeigen. In einem nächsten Schritt werden diese Aspekte dann mit gut gewählten Quellenbeispielen aus den Schriften der Kinderladenbewegung mit der dortigen Diskurspraxis verknüpft (vgl. z.B. S. 47, 50, 72). Auch wenn die Rezeption der adornoschen Klassiker nur auf wesentliche Aspekte reduziert wurde ist der theoretische Zugang ein innovativer, der dem besonderen, wenn nicht gar einzigartigem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der Kinderladenbewegung gerecht wird [3]. Als weitere Grundlage für die empirische Untersuchung dienen Nina Göddertz einige Analysen zum Begriff der „antiautoritären Erziehung“ bei dem sie dann die Originaltexte der 1920er Jahre heranzieht, und Protokolle und Schriften der Kinderladenbewegung analysiert. Historisch und archivinteressierte Leser*innen vermissen hier im Anhang leider eine geordnete Listung der gedruckten Quellen in einem gesonderten Quellenverzeichnis. Methodisch greift die Arbeit auf das Verfahren des narrativen Interviews zurück, gekoppelt mit einer Form der Oral History, um Ereignisse im Lebenslauf um „eine neue Dimension der Erfahrung und Erinnerung“ (S. 138) zu erweitern. Die Interviews wurden mit der Elterngeneration und der Kindergeneration von „Kinderladenfamilien“ geführt, die jeweils getrennt interviewt wurden. Zur strukturierten Darstellung und Aufbereitung wurden Familienportraits über zwei Generationen entwickelt (vgl. S. 148). Auf Basis der ausführlichen Analyse der Interviews arbeitet die Autorin in einem Prozess des Vergleichens mit der Zuordnung über minimale und maximale Kontrasten drei Modelltypen heraus. Das Ergebnis stellt den Annahmen Schützes folgend eine „gesättigte Typologie“ (vgl. S. 145) dar, in der sich auch über den Einzelfall hinaus soziale Phänomene von Lebensläufen abbilden.

Im ersten Muster (A) mit dem Titel „Traditionelle Entwürfe“ identifiziert die Autorin Familien, die ihren Kindern zwar viel Freiraum bieten, jedoch dennoch auf traditionelle Werte setzen. Sie arbeitet heraus, dass ein politisches Umfeld für das Aufwachsen eine Rolle spielte, die zeitgenössischen politischen oder erziehungswissenschaftlichen Diskurse jedoch keine Auswirkung auf die Familiengestaltung gehabt haben, traditionelle Rollenkonzepte und Familienmodelle wurden hier nicht aufgelöst. Das zweite Muster (B) mit dem Titel „Differente Entwürfe“ vereint Familien, bei denen sich die Mütter von den gesellschaftspolitischen Ereignissen herausgefordert sahen und die Väter sich eher in klassische Familienkonzepte zurückzogen und diese mit einer neuen Ehefrau umsetzten. Die zeitgenössischen erziehungswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurse werden somit innerfamiliär different verarbeitet. Bei den Kindern führen diese ambivalenten Konzepte der Eltern in beiden Fällen zu einer erinnerten Überforderung mit der Freiheit im Kinderladen (vgl. S. 265 ff.). Ergebnis ist ein „Rollback“ in der zweiten Generation, die „Kinderladenkinder“ setzen ein Halt und Orientierung gebendes klassisches Familienmodell um, aus dem sie, auch wenn teilweise Ausbruchsphantasien bestehen, keinen Ausweg sehen (vgl. S. 268). Das dritte Muster (C) das die Autorin mit „Transformatorische Entwürfe“ betitelt, zeichnet sich vor allem durch ein Streben nach Authentizität sowohl auf Ebene der Eltern- als auch der Kindergeneration aus. Obwohl auch hier wie in Muster A das Modell der klassischen Kleinfamilie als gesetzt gilt „wird [deutlich] Bezug genommen zu gesellschaftspolitischen Geschehnissen und theoretischen Diskursen, somit gewinnen die Erziehungsziele Widerstand und Ungehorsam durchaus [an] Bedeutung und einer schlichten Anpassung an das Bestehende wird eine Absage erteilt“ (S. 331). Zusammengefasst „changieren [die Muster] zwischen den Polen Tradition, Differenz und Transformation“ die sich in allen lebensgeschichtlichen Deutungen der Biographieträger*innen beider Generationen in mehr oder weniger ausgeprägter Weise in den Umsetzungen des eigenen Familienlebens und der Erziehung widerspiegeln (S. 336-337).

Die Arbeit von Nina Göddertz zeigt deutlich und anschaulich die Heterogenität von alternativem Leben um 1968 auf und eröffnet Denkräume für die Vorstellung weiterer Formen der Mikrogeschichte, die von dem klassischen Bild von 1968 – oft auch hagiographisch eingefärbt – abweichen. Zugleich zeigt sie die „Verwobenheit von individuellen Biographieverläufen mit den zeithistorischen Bedingungen auf“ (S. 339) und dokumentiert, dass sich die Diskurse um eine „neue Erziehung“ in allen untersuchten Kinderladenfamilien spiegeln. Nina Göddertz erweitert so das Forschungsfeld „Pädagogik um 1968“ um die hochrelevante Akteur*innenperspektive der Kinderladenaktivist*innen und ihrer Familien und leistet einen wichtigen Beitrag dazu, das dialektische Verhältnis von Erziehungs- und Familiengeschehen einerseits und gesellschaftspolitischen Geschehnissen und Diskursen andererseits genauer zu beleuchten.

[1] hier z. B. Seid realistisch, verlangt das Unmögliche. Wie 68 die Pädagogik bewegte. Weinheim: Beltz 2008. 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Impulse und Folgen eines kulturellen Umbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik. Weinheim: Beltz 2010. Die Erziehung der '68er und die Folgen. Das Beispiel der Kinderläden und Elterninitiativen. In: Pädagogik, 70/ 2018, 76-79.
[2] Heyden, F.: Die lebensgeschichtliche Bedeutung des Kinderladens. Eine biographische Studie zu frühkindlicher Pädagogik. Wiesbaden: Springer VS 2018. Mauritz, M. Emanzipation in der Kinderladenbewegung. Wie das Private politisch werden sollte. Wiesbaden: Springer VS 2018.
[3] Thole, F.: Revival der Psychoanalytischen Pädagogik. Die „Neue Erziehung“ und die Komposition des Theorie-Praxis Verhältnisses in den Anfängen der Kinderladenbewegung. In: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, 21/2015, 243-266.
Friederike Thole (Kassel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Friederike Thole: Rezension von: Göddertz, Nina: Antiautoritäre Erziehung in der Kinderladenbewegung, Rekonstruktive Analysen biographischer Entwürfe von Zwei-Generationen-Familien . Wiesbaden: Springer VS 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 5 (Veröffentlicht am 18.12.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365821282.html