EWR 18 (2019), Nr. 2 (März/April)

Sammelrezension zum Thema: Unterrichtsvideographie in Forschung und Lehrer/innenbildung

Barbara Asbrand / Matthias Martens
Dokumentarische Unterrichtsforschung
Wiesbaden: Springer VS 2018
(348 S.; ISBN 978-3-658-10891-5; 29,99 EUR)
Astrid Baltruschat
Didaktische Unterrichtsforschung
Wiesbaden: Springer VS 2018
(191 S.; ISBN 978-3-658-17069-1; 34,99 EUR)
Magdalena Sonnleitner / Stefan Prock / Astrid Rank / Petra Kirchhoff (Hrsg.)
Video- und Audiografie von Unterricht in der LehrerInnenbildung
Planung und Durchführung aus methodologischer, technisch-organisatorischer, ethisch-datenschutzrechtlicher und inhaltlicher Perspektive
Opladen und Toronto: Barbara Budrich 2018
(244 S.; ISBN 978-3-8252-4956-4; 19,99 EUR)
Dokumentarische Unterrichtsforschung Didaktische Unterrichtsforschung Video- und Audiografie von Unterricht in der LehrerInnenbildung Die Nutzung von Unterrichtsvideos in schulpädagogischer Forschung und in den verschiedenen Phasen der Lehrerbildung hat sich in den letzten Jahren ausdifferenziert. Fortschreitende technische Entwicklungen in Produktion und Speicherung haben dazu geführt, dass Videos entstanden sind, die sich hinsichtlich Beschaffenheit und inhaltlichem Fokus unterscheiden. Bezüglich der Beschaffenheit differieren Videos z.B. danach, ob sie eigenen oder fremden Unterricht zeigen, ob sie authentische Unterrichtsinteraktion erfassen oder aber auf einem Drehbuch basieren, ob sie Unterrichtssequenzen in Gänze oder aber ausschnitthaft darstellen. Der inhaltliche Fokus ist eng mit Fragen der Positionierung der eingesetzten Kamera(s) und Mikrofone und damit mit Fragen der Erfassbarkeit des Handelns von Einzelschülern, von Schülergruppen bzw. der Lerngruppe, von Lehrerhandeln oder aber der unterrichtlichen Gesamtinteraktion verbunden.
Die technischen Entwicklungen erleichtern zwar einerseits den Einsatz von Unterrichtsvideos in Forschung und Veranstaltungen der Lehrerbildung, andererseits sind mit größeren Möglichkeiten des Videoeinsatzes auch gesteigerte Entscheidungszwänge verbunden. Forscherinnen und Forscher sowie Lehrerbildnerinnen und -bildner stehen vor der Anforderung, sich begründet für bestimmte Videos und deren Einbettung in forschungsmethodische Vorgehensweisen bzw. didaktische Settings zu entscheiden.
Die drei besprochenen Bände greifen diese Entscheidungsnotwendigkeit auf und bieten Hintergrundwissen an, das bei der Entscheidungsfindung hilfreich sein kann.


Barbara Asbrand und Matthias Martens legen ein Lehrbuch vor, das in die von ihnen ausgearbeitete dokumentarische Unterrichtsforschung einführt. In vier Kapiteln thematisieren sie sowohl theoretische und methodologische Grundlagen als auch methodische Verfahrensschritte des Einsatzes der Dokumentarischen Methode im Allgemeinen und im Kontext der Unterrichtsforschung im Speziellen. Damit richtet sich der Band an Personen, die sich forschend mit Unterricht auseinandersetzen, sei es in Forschungsprojekten oder aber im Rahmen Forschenden Lernens bzw. der Methodenausbildung im Studium.

Das erste Kapitel bietet eine Behandlung von Grundbegriffen der Dokumentarischen Methode. Gleichzeitig setzen Asbrand und Martens in diesem Kapitel eigene Schwerpunkte, beispielsweise, indem sie auf ihr Verständnis einer rekonstruktiven Kompetenzforschung und den Zusammenhang zwischen rekonstruktiver Unterrichtsforschung und didaktischer Normativität eingehen. Das darauffolgende Kapitel dürfte dann vor allem für jene Leserinnen und Leser relevant sein, die einen ersten Zugang zur Gesprächsanalyse innerhalb der Dokumentarischen Methode suchen. Im Zentrum steht hier eine Darstellung zentraler methodischer Schritte der Interpretation. Zum Nachvollzug des Dargestellten und zugleich zum Kennenlernen der methodischen Arbeitsweise dienen drei beispielhafte Interpretationen. Zumindest kurz wird zudem auf Möglichkeiten der Typenbildung eingegangen, welche im vorherigen Kapitel bereits ausführlicher auf stärker theoretischer Ebene behandelt wurde. Nach diesen Grundlegungen thematisiert das dritte Kapitel den Forschungsgegenstand Unterricht. Entfaltet wird ein Verständnis, das Unterricht auf Sozial-, Sach- und Zeitebene als komplexes Phänomen kennzeichnet. Nach Ausführungen dazu, vor welchen methodischen Herausforderungen eine rekonstruktive Unterrichtsforschung angesichts dieser unterrichtlichen Komplexität steht, wird das Potenzial dokumentarischer Unterrichtsforschung an Beispielen erläutert. Im letzten, sehr umfangreichen Kapitel wird schließlich das Vorgehen bei der Analyse von Unterrichtsvideografien nachgezeichnet. Die Grundzüge der Gesprächsanalyse werden hier auf die Arbeit mit Videos übertragen und weiterentwickelt. Forschungspraktische Ausführungen zur Gestaltung des Forschungsprozesses sowie zu den Schritten der Interpretation gehen der Darstellung dreier anschaulicher Interpretationsbeispiele voraus.

Asbrand und Martens ist es insgesamt betrachtet gelungen, sowohl theoretische und methodologische Grundlagen als auch methodische Schritte der dokumentarischen Unterrichtsforschung verständlich darzulegen. Immer wieder wird erkennbar, dass die Forschungsrichtung im Wechselspiel Kontur gewinnt: Die Methodologie orientiert die Forschungspraxis und entwickelt sich ihrerseits durch eine Rekonstruktion des methodischen Vorgehens weiter. Die zahlreichen Beispiele, Zusammenfassungen vor jedem Kapitel sowie ein informatives Glossar am Ende tragen dazu bei, dass der Band an ein Lehrbuch gerichteten Ansprüchen gerecht wird.

Astrid Baltruschat thematisiert mit der didaktischen Unterrichtsforschung eine von ihr im Rahmen eines DFG-Projektes konzipierte, videobasierte Forschungsrichtung. In fünf Kapiteln wird deren Konzept hergeleitet, dargelegt und aus verschiedenen Perspektiven heraus betrachtet. Da hierbei explizit Bezüge zur Lehrerbildung hergestellt werden, richtet sich der Band sowohl an Personen, die Unterricht erforschen, als auch an Lehrerbildnerinnen und Lehrerbildner.

Um zu eruieren, was der Gegenstand didaktischer Unterrichtsforschung ist, werden im ersten Kapitel zwei Perspektiven rekonstruiert, die sich in videographierten Unterrichtssequenzen dokumentieren: jene der abbildenden und jene der abgebildeten Bildproduzentinnen und -produzenten. Im Vergleich zeigt sich, wie ertragreich es sein kann, die Perspektive der Filmenden zu rekonstruieren, da bereits diese bspw. durch die Positionierung der Kamera gewisse Interpretationsmöglichkeiten unterrichtlicher Interaktionen eröffnen, andere jedoch tendenziell verschließen. Didaktische Unterrichtsforschung zeichnet sich vor diesem Hintergrund durch eine Reflexion des Beobachterstandorts aus, was auch einen (selbst-)reflexiven Umgang mit der Verwendung theoretischer Begrifflichkeiten umfasst. Aufbauend auf dieser Herleitung der Forschungsrichtung wird Unterricht im zweiten Kapitel in Anlehnung u.a. an die Dokumentarische Methode als Praxis verstanden, die von den Akteurinnen und Akteuren hergestellt wird. Die dieser Praxis zugrundeliegende Aktivitätsstruktur besteht aus drei Polen: Lehrerhandeln, Schülerhandeln und Sachverhalt, wobei der Bezug auf letztgenannten unter Rückgriff auf didaktische Konzeptionen als notwendig dargestellt wird. Forschungsmethodische Zugänge zu einem so verstandenen Unterricht sind Gegenstand des dritten Kapitels. Herausgestellt werden Nähen zu einer qualitativ-empirischen Unterrichtsforschung, die Unterrichtsprozesse über die Fokussierung sozialer Situationen rekonstruiert. Zielpunkt der didaktischen Unterrichtsforschung ist dabei das Verstehen der didaktischen Logik von Unterrichtssituationen, was anhand einer beispielhaften Analyse verdeutlicht wird. Zum Abschluss skizziert die Autorin Entwicklungsperspektiven für eine interdisziplinäre Unterrichtsforschung im Anschluss an die dreipolige Aktivitätsstruktur und wirft einen Blick darauf, was ein von ihr favorisierter Dialog zwischen wissenschaftlicher und unterrichtlicher Praxis für die Lehrerbildung bedeuten könnte.

Baltruschat skizziert in ihrem Band das Konzept einer neuen Unterrichtsforschung, die das Potenzial besitzt, Mikroprozesse von Unterricht unter Einbezug didaktischer Überlegungen zu analysieren. Der Mehrwert dieses Ansatzes liegt darin, sowohl didaktische als auch soziale Aspekte in den Blick zu nehmen, Unterricht also nicht als reine Interaktion zwischen Akteurinnen und Akteuren zu verstehen, sondern (auch) vom „Fluchtpunkt des Unterrichtsgegenstands“ (90) aus zu deuten. Die verschiedenen im Band gegebenen Zugänge zu einer solchen didaktischen Unterrichtsforschung könnten für eine qualitativ-rekonstruktiv ausgerichtete Erforschung unterrichtlicher Prozesse ebenso inspirierend sein wie für die Gestaltung einer videobasierten Lehrerbildung.

Der von Magdalena Sonnleitner, Stefan Prock, Astrid Rank und Petra Kirchhoff herausgegebene Sammelband befasst sich weniger mit Unterrichtsforschung denn mit dem Einsatz von Unterrichtsvideos in verschiedenen Phasen der Lehrerbildung. In vier Kapiteln werden sechs Perspektiven auf das Thema eingenommen: Methodologische, technische, organisatorische, forschungsethische, datenschutzrechtliche und inhaltliche Aspekte geraten in den Blick. Diese Perspektivenvielfalt soll v.a. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Lehrerbildnerinnen und -bildner bei der Entscheidungsfindung im Kontext von Videoproduktion und -nutzung in der Lehre unterstützen.
Nach einer lesenswerten Einleitung, in der die Herausgebenden u.a. einen Schwerpunkt auf Chancen der Videonutzung in der Lehrerbildung legen, werden die oben genannten Perspektiven sukzessive entfaltet. Die Autorinnen und Autoren – zum einen Beteiligte des Regensburger Projekts der Qualitätsoffensive Lehrerbildung, zum anderen weitere Expertinnen und Experten – präsentieren in den insgesamt elf Einzelbeiträgen Forschungsbefunde sowie eigene Erfahrungen, auf Grundlage derer sie praktische Handlungsempfehlungen formulieren. Eine Ausnahme hiervon bildet der erste Beitrag von Nicola Meschede und Mirkam Steffensky, in dem insofern eine methodologische Perspektive dargelegt wird, als u.a. Arten von Unterrichtsvideos sowie Ziele, Potenziale, Verwendungsweisen und Herausforderungen bei der Nutzung von Unterrichtsvideos in der Lehrerbildung differenziert thematisiert werden. Die Darlegung der technischen und organisatorischen Perspektiven im zweiten Kapitel bietet eine Besprechung von Geräten der Unterrichtsvideo- und -audiographie, eine Behandlung einiger Grundregeln zum Einsatz von Kamera und Mikrofon im Klassenzimmer und praktische Hinweise zur Vor- und Nachbereitung von Video- und Audioaufnahmen. Aufbauend auf der Behandlung grundlegender forschungsethischer und rechtlicher Perspektiven auf die Thematik beinhaltet das dritte Kapitel Hinweise und Vorlagen zum Einsatz von Informationsschreiben und Einwilligungserklärungen im Zuge der Datenaufzeichnung. Der Band endet mit inhaltlichen Perspektiven, d.h. mit vier Beiträgen, in denen aktuelle Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur videobasierten Lehrerbildung vorgestellt werden. Diese Beiträge lassen erkennen, wie Videos in konkreten Kontexten eingesetzt werden können.

Die Herausgebenden verfolgen mit dem Band das Anliegen „einen theoretisch fundierten und zugleich an der Praxis orientierten Leitfaden zum Einstieg“ (13) in die videobasierte Lehrerbildung zu bieten. Diesem Anliegen wird der Band dadurch gerecht, dass er Lehrenden und Forschenden Überblickswissen bietet, das punktuell auch vertieft wird. Ein Sachregister am Ende, Gliederungen und Zusammenfassungen vor jedem Beitrag, der Einsatz von Tabellen und Abbildungen sowie die farbliche Absetzung von Experten- und Praxistipps tragen zur insgesamt sehr guten Lesbarkeit des Bandes bei.
Jan-Hendrik Hinzke (Bielefeld)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jan-Hendrik Hinzke: Rezension von: Asbrand, Barbara / Martens, Matthias: Dokumentarische Unterrichtsforschung. Wiesbaden: Springer VS 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 2 (Veröffentlicht am 10.05.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365810891.html