EWR 15 (2016), Nr. 3 (Mai/Juni)

Swantje Hadeler
Fordern und F├Ârdern
Leistungsanforderungen und Differenzierung in der Lern- und F├Ârderumwelt privater Grundschulen
Wiesbaden: Springer VS 2015
(386 S.; ISBN 978-3-658-09875-9; 49,99 EUR)
Fordern und F├Ârdern Swantje Hadelers Dissertation besch├Ąftigt sich mit dem schulischen Anspruchsniveau sowie der Differenzierung im Unterricht an zwei privaten Schulen, deren Profile sich durch eine Kombination aus Kreativit├Ątsp├Ądagogik und hohen Leistungserwartungen auszeichnen und die sich in ihrem Selbstverst├Ąndnis der F├Ârderung von Begabung, Intelligenz und Pers├Ânlichkeit verschreiben (sog. BIP-Schulen).

Nach einer kurzen Einleitung zeigt die Autorin die Wichtigkeit der Institution Schule als Einflussfaktor f├╝r schulisches Lernen auf, wobei sie auf das Angebot-Nutzungsmodell von Helmke zur├╝ckgreift und dabei die Komplexit├Ąt und den n├Âtigen Einbezug des Kontexts betont ÔÇô auf welche im sp├Ąteren Verlauf der Arbeit aber kaum ein R├╝ckbezug erfolgt. In Kapitel 2 wird ausf├╝hrlich auf die Charakteristika einer wirksamen Schule eingegangen, wobei der Fokus auf Sch├╝lerleistungen und dem Einfluss von Anspruchsniveau und Differenzierung liegt. Der Forschungsstand hierzu wird sowohl national als auch international recht breit rezipiert, jedoch nicht kritisch eingeordnet. So fehlen etwa Anmerkungen zu Stichprobengr├Â├čen, zu Durchf├╝hrung und Umfang der Studien und oftmals dazu, in welchem Land die Untersuchung durchgef├╝hrt wurde, sodass f├╝r Lesende, welche diese Studien nicht kennen, kaum eine Einsch├Ątzung der Qualit├Ąt oder des Kontexts m├Âglich ist. Dar├╝ber hinaus sind kaum Studien zu finden, die nach 2009 ver├Âffentlicht wurden, was einige aktuelle Entwicklungen und Ergebnisse vermissen l├Ąsst.

Kapitel 3 gibt eine Einf├╝hrung zum Thema Privatschulen in Deutschland und einen aufschlussreichen, wenngleich ebenfalls nicht immer ganz aktuellen ├ťberblick ├╝ber rechtliche Grundlagen, Entwicklungen und die Leistungsvergleiche zwischen ├Âffentlichen und privaten Schulen. Darauffolgend beschreibt Hadeler in Kapitel 4 sehr ausf├╝hrlich die Geschichte und Konzeption der BIP-Schulen. Auff├Ąllig ist dabei, dass ÔÇô aufgrund des in der Tat mageren Forschungsstandes ÔÇô stark auf Ver├Âffentlichungen rekurriert wird, die auf die Schulgr├╝nder Gerlinde und Hans-Georg Mehlhorn oder auf Forschung der BIP-Einrichtungen (z.B: Bildungsagentur der Mehlhornschulen) zur├╝ckgehen. Gegen Ende des Kapitels baut Hadeler eine Br├╝cke zwischen Theorieteil, BIP-Konzeption und ihren im anschlie├čenden Kapitel 5 ausf├╝hrlicher beschrieben Forschungsfragen. Hadeler geht es weniger um tats├Ąchliche Leistungsentwicklungen der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler, als vielmehr erstens um die Umsetzung eines hohen Anspruchsniveaus an die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler (z.B: strenge Bewertungsma├čst├Ąbe) und Differenzierungsma├čnahmen im Unterricht (z.B: Unterricht im Team, Aufgabendifferenzierung) sowie zweitens um die Wahrnehmung dieser Apekte durch die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler im Vergleich beider BIP-Schulen.

Um die Fragen zu beantworten, greift Hadeler auf die fokussierte Ethnografie zur├╝ck (Kapitel 7). F├╝r ihre Studie (Kapitel 8 und 9) wurde pro Schule eine dritte Klasse ausgew├Ąhlt und ├╝ber zwei Jahre insgesamt dreimal in einem jeweils einw├Âchigen Feldaufenthalt beobachtet. Zus├Ątzlich wurde an beiden Schulen eine Gruppendiskussion mit Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern und ein Interview mit der Schulleitung durchgef├╝hrt. F├╝r die Auswahl von je zwei leistungsstarken und -schwachen Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern der beiden Klassen, die dann im Fokus der Unterrichtsbeobachtungen standen, wurden die Testergebnisse der PERLE-Studie herangezogen. Insgesamt konnten 50 Unterrichtsprotokolle erstellt und mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet werden. Zudem erfolgt eine Verkn├╝pfung der Protokolle mit den Ergebnissen aus den Interviews und den Gruppendiskussionen.

In Kapitel 10 werden die Ergebnisse zur Umsetzung von Leistungsanforderungen und Differenzierung an den beiden Schulen dargestellt. W├Ąhrend f├╝r den Bereich Leistungsanforderungen insgesamt und den Teilbereich Umsetzung der Differenzierungsma├čnahmen auf schulischer Ebene alle Protokolle herangezogen werden, wird f├╝r die Umsetzung der Differenzierung auf unterrichtlicher Ebene der Fokus lediglich auf vier leistungsschwache Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler gelegt. Dies ist aus platz- und ressourcenbedingten Gr├╝nden durchaus verst├Ąndlich, zumal Lesende sich zu diesem Zeitpunkt bereits etwa auf Seite 300 befinden, jedoch w├Ąre ein Vergleich zu den leistungsstarken Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern durchaus interessant gewesen. Zus├Ątzlich zu den Protokollen werden f├╝r die vier leistungsschwachen Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern jeweils die quantitativen Testscores und Ergebnisse der PERLE-Studie berichtet. Leider werden die Hintergrundinformationen zu den einzelnen Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern im Anschluss nicht mit den qualitativen Beobachtungssequenzen verkn├╝pft ÔÇô eine Triangulation der Daten wird hier also nur begrenzt eingesetzt. Beispielsweise wird nicht versucht, das ausf├╝hrlich berichtete Selbstkonzept der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler mit den beobachteten H├Ąufigkeiten der Lehrer-Sch├╝ler-Interaktion in Verbindung zu bringen. Als Ergebnis der ersten Fragestellung kann eine Umsetzung der beiden ausgew├Ąhlten Aspekte auf verschiedenen Ebenen beider Schulen berichtet werden. So finden sich sowohl in den Rahmenbedingungen der Schulen als auch auf unterrichtlicher Ebene mehrere Bewertungsma├čst├Ąbe, Aussagen zu Notengebung und Leistungskontrollen sowie Wettbewerbsaspekte, die auf ein hohes Anspruchsniveau der BIP-Schulen hindeuten. Ebenso konnten in Bezug auf die Differenzierungsma├čnahmen Aspekte wie Klassenteilung, Aufgabendifferenzierung oder Unterrichten im Team aufgezeigt werden. Wie diese Aspekte das Lehren und Lernen beeinflussen, wird weniger detailliert dargelegt.

Das folgende Kapitel 11 besch├Ąftigt sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden BIP-Schulen. Dabei k├Ânnen f├╝r die beiden untersuchten Aspekte viele gemeinsame Kernmerkmale herausgearbeitet werden, die vor allem auf schulischer Ebene des Anspruchsniveaus (z.B: gleiche Bewertungsma├čst├Ąbe, vergleichbarer Standpunkt zu Noten) und auf unterrichtlicher Ebene der Differenzierungsma├čnahmen (z.B: Aufgabendifferenzierung, Betonung der Heterogenit├Ąt der Sch├╝lerschaft) zu finden sind. Hingegen gibt es vergleichsweise gro├če Unterschiede beim Anspruchsniveau auf unterrichtlicher Ebene und f├╝r Differenzierung auf schulischer Ebene: Die Schulen unterscheiden sich beispielsweise bez├╝glich ihrer Personalstrukturen und der H├Ąufigkeit des Team-Unterrichts, wenn man sich die Differenzierungsma├čnahmen aus schulorganisatorischer Perspektive ansieht. Bez├╝glich der unterrichtlichen Umsetzung des Anspruchsniveaus l├Ąsst sich feststellen, dass die eine Schule eher Belohnungsanreize setzt, w├Ąhrend die andere die Anstrengungsbereitschaft der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler in den Mittelpunkt stellt.

In Kapitel 12 analysiert Hadeler die beiden Gruppeninterviews hinsichtlich der Wahrnehmung von Leistungsanforderungen und Differenzierung durch die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler. Insgesamt zeigt sich, dass die Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler beider Schulen die unterschiedlichen Bedingungen und Merkmale der Lern- und F├Ârderumwelt sehr reflektiert und konkret wahrnehmen. Inwiefern sich daraus F├Ârderwirkungen der ausgew├Ąhlten Aspekte und der BIP-Konzeption ableiten lassen, bleibt jedoch unklar.

Auch wenn Hadeler in ihrem abschlie├čenden Kapitel versucht, neben Forschungsdesideraten die Grenzen der Studie aufzuzeigen, w├Ąre ein noch kritischeres Hinterfragen und ein koherenterer Aufbau einiger Abschnitte w├╝nschenswert gewesen. Zudem w├╝rde ein Vergleich mit weiteren privaten wie ├Âffentlichen Schulen die Aussagekraft der Arbeit deutlich erh├Âhen. So kann die Autorin den Untertitel ihrer Arbeit ÔÇ×Leistungsanforderungen und Differenzierung in der Lern- und F├Ârderumwelt privater GrundschulenÔÇť nur bedingt einl├Âsen: Sie untersucht nicht das breite Feld verschiedener privater Grundschulen, sondern vergleicht lediglich die beiden BIP-Schulen. Insgesamt kann dieses Buch f├╝r Personen empfohlen werden, die sich mit den Teilaspekten schulische Leistungsanforderungen und Differenzierung im Detail besch├Ąftigen wollen oder die Interesse am p├Ądagogischen Konzept der BIP-Schulen und dessen praktischer Umsetzung haben.
Tanja Mayer (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tanja Mayer: Rezension von: Hadeler, Swantje: Fordern und F├Ârdern, Leistungsanforderungen und Differenzierung in der Lern- und F├Ârderumwelt privater Grundschulen. Wiesbaden: Springer VS 2015. In: EWR 15 (2016), Nr. 3 (Veröffentlicht am 25.05.2016), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365809875.html