EWR 18 (2019), Nr. 4 (Juli/August)

David Salomon, Jürgen Matthias Springer, Anke Wischmann (Hrsg.)
Pädagogik in Zeiten von Krieg und Terror
Jahrbuch für Pädagogik 2017
Berlin: Peter Lang 2017
(313 S.; ISBN 978-3-631-75930-1)
Pädagogik in Zeiten von Krieg und Terror Mit über zwanzig Kriegen und bewaffneten Konflikten weltweit und eines omnipräsenten Diskurses über Gefahr, Bedrohung und Terror stellen sich für die Pädagogik aktuell Fragen, die nicht neu sind. Es geht um Fragen des (friedlichen) Zusammenlebens, der Ursachen und Folgen von Gewalt, Feindbildern und Zerstörung. Analog zu anderen Überlegungen, lässt sich auch hier sagen: Krieg und Terror als Phänomene der globalen sozialen Welt bilden Menschen unmittelbar und mittelbar, weil sie weder den Menschen noch der Pädagogik und Erziehungswissenschaft äußerlich sind. Vielmehr stehen wir (in unterschiedlichen Positionen und Nähe) inmitten dieser Verhältnisse und lernen und lehren in ihnen. Das Jahrbuch für Pädagogik 2017 widmet sich der „Pädagogik in Zeiten von Krieg und Terror“ und versammelt Autor*innen aus unterschiedlichen Disziplinen mit Beiträgen aus Deutschland, Großbritannien und Nigeria sowie aus internationalen und interkulturellen Begegnungen. Der Band beschäftigt sich mit historischen und gegenwärtigen Aspekten von Krieg, Terror und Gewaltverhältnissen, mit einer rassismuskritischen Thematisierung von Flucht und Migration sowie einer Auseinandersetzung mit der neuen Rechten und ihrer Instrumentalisierung von Krieg und Terror.

Deutlich wird die Notwendigkeit einer breiten und systematischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Phänomenen in diesem Kontext und sich anschließenden pädagogischen Herausforderungen. Das Jahrbuch regt auch zu einer Reflexion über Verstrickungen in unterschiedlichen pädagogischen Feldern an.

Die Herausgeber*innen begründen Anlass und Aufbau des Bandes mit Erfahrungen und Diskursen der Bedrohung, der Ausrufung von Ausnahmezuständen, terroristischen Anschlägen sowie der Konzeptionalisierung von Flucht und Asyl als Gegenstand von Sicherheitspolitik in Alltag, Medien und Politik. All dies tangiert Pädagogik, darunter auch „regressive Ideologien“ (11) und Mechanismen der Exklusion.

Der Band ist in drei Teile gegliedert: 1. Facetten von Krieg und Terror: Annäherungen; 2. Bildungsräume in Zeiten von Krieg und Terror; 3. Flucht, Rassismus und „Identität“: Problemfelder pädagogischer Praxis.

Der erste Teil beginnt mit einem umfassenden historischen Beitrag von Ingrid Lohmann, welcher auf die Schule im Ersten Weltkrieg fokussiert. Lohmann zeigt auf, wie alltäglich und allgegenwärtig nationale Erziehung nach der Jahrhundertwende war und wie es zu einer Trennung von aufklärerischen Idealen und nationalem Denken kam. Der Begriff der „Volksgemeinschaft“ (17) hat hier eine besondere Prominenz. Darin dokumentiert sich, wie Nation nicht nur als politische Einheit verstanden wird, sondern später auch als kulturelle und in Deutschland vor allem auch als „rassische“ (18). Der historische Beitrag steht vor der Herausforderung allgemeine Entwicklungen nachzuzeichnen und zugleich nicht einer einseitigen Erinnerungspolitik das Wort zu reden, welche widerständige Positionen auch erinnerungspolitisch marginalisiert. Der Verweis auf die Internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg im März 1915, organisiert von Clara Zetkin, tut gut und mahnt auch jene Ereignisse und Dokumente aufzuspüren, welche eventuell ob ihrer marginalen historischen Positionen, auch in der Erinnerung leicht vergessen bleiben. Für die weiteren Beiträge im Band, aber auch den Anschluss an aktuelle Debatten, sind die Ausführungen zu Geschlecht, Täterabwehr, „Lügenpresse“ (24), der Tageszeitung als Bildungsmittel, aber auch zu der Bedeutung von Emotionen in der Pädagogik, hier vor allem ‚Hass’ sowie die Darstellung von territorialen Karten in Atlanten und die Rolle von Sprache als Ordnungsinstanz, interessant. Im Beitrag von Gerd Steffens wird die Aktualität gegenaufklärerischen Denkens anhand Fichtes Rede an die Deutsche Nation betrachtet. In der Gegenüberstellung zu Frankreich wird der Volksbegriff in Deutschland als ethnisch/völkisch und dessen Bedeutung in der „Nationalerziehung“ herausgearbeitet. Diese Denktradition ist auch in aktuellen Menschenbildern und politischen Ansätzen zu finden. Hier werden Wahrheitsansprüche geltend gemacht, die jenseits von Rationalität liegen, etwa in einer gedachten ethno-identitären Ewigkeit (76). Dies wiederum stellt eine Lizenz zur Freistellung des Handelns von lästigen Begründungspflichten nach Regeln argumentativer Geltung und empirischer Nachprüfbarkeit aus. Hier schließt der Beitrag von Julians Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl an, die sich mit aktionistischen Vertretern identitären Denkens auseinandersetzen. Die Autor*innen haben 2016 eines der ersten Überblickswerke über die sog. Identitäre Bewegung vorgelegt. Im Beitrag werden Ethnopluralismus und antimuslimischer Rassismus als die zwei zentralen politischen Konzepte der Identitären vorgestellt, die sich selbst als Jugendbewegung, inklusive popkultureller Bezüge, – vor allem selbst – darstellt. Deutlich wird, dass die Gruppe ein soziales Verhältnis konstruiert, welches auf Abwehrkampf und Konkurrenz fußt. Die weiteren drei Beiträge des ersten Teils widmen sich vornehmlich einer semantischen Auseinandersetzung mit den Begriffen Terror, Krieg (David Salomon), Wahrheit (Goedart Palm) und auch „Flüchtling“ (129) und sich daran anschließende Konzeptionalisierungen (Daniel Burghardt).

Der zweite Teil umfasst Beiträge, die sich auf konkrete raum-zeitliche Ereignisse beziehen. So machen Grace Oluremilekun Akanbi, Alice Arinlade Jekayinfa und Bashira Olubode Lawal am Beispiel des Bürgerkriegs in Nigeria und Boko Haram anschaulich, wie Krieg und Gewalt zu Schulabbruch führen. Schulen und Bildung werden zu einem Kampfplatz für Terror (150). Hier schließen sich Fragen an, wie überhaupt noch ein Schulbesuch gewährleistet werden kann, aber auch wie Erziehung in einer Atmosphäre gelingen kann, die von Gewalt geprägt ist. Der Beitrag lädt dazu ein, sich Gedanken zu den langfristigen Konsequenzen von omnipräsenter Gewalt zu machen, auch darüber, wie Inhalte von Schulbildung in Konflikten herangezogen werden. Dass Bildung zu einer Frage der Sicherheit wird, greifen auch die anderen Beiträge auf. In Folge des Ausnahmezustands 2017 in Großbritannien werden – im Namen der Sicherheit – persönliche Freiheitsrechte eingeschränkt, erläutert Charlotte Chadderton. Universitäten werden verdächtigt, Orte der Radikalisierung zu sein und somit eine enge Zusammenarbeit mit staatlichen Anti-Terroreinheiten der Polizei legitimiert. ‚Sichere Orte’ spielen auch im Zusammenhang mit Erfahrungen von Flucht und Verlust von Orientierungswissen in der sozialen Arbeit in Deutschland eine Rolle. Sven Kluge sieht eine Aufgabe von Sozialpädagogik in der Unterstützung beim Aufbau von Vertrauen und einem Gefühl von Kohärenz. In seiner Tätigkeit in der Flüchtlingssozialarbeit macht er die Erfahrung, die vermutlich zahlreiche Professionelle der Migrationsforschung in den letzten Jahren irritiert zur Kenntnis nehmen mussten: Die Renaissance von scheinbar längst überkommenen, im Bereich der interkulturellen Pädagogik und Ethnologie jahrelang bearbeiteten, Debatten und Konzepten, etwa zu „Kulturkreisen“ (190).
Fatoş Atali-Timmer und Paul Mecheril konstatieren, wie auch an Bildungsorten rassistische Zuschreibungen und essentialisierende Einteilungen in Kategorien vollzogen werden, um „materielle und symbolische Ansprüche“ (200) zu sichern. Sie fordern Bildungsorte der Reflexion und die Auseinandersetzung mit rassistischen Unterscheidungsweisen.

Im dritten Teil werden konzeptionelle Fragen von Flucht, Rassismus und Identität aufgegriffen und Ansätze der Bearbeitung vorgestellt. Astrid Messerschmidt thematisiert die Verstrickung pädagogischer Konzepte etwa in abstammungslogische Begründungen von Ungleichwertigkeit, als Stabilisierung nationaler Identität und bürgerlicher Eigentumssicherung. Die „Obsession der Unschuld“ (217), so ihr Plädoyer, müsste überwunden werden, um auch aktuelle Gewaltstrukturen in institutionellen Praktiken in Frage zu stellen und Nach-Wirkungen von Rassismus und Antisemitismus offenzulegen. Jutta Wedemann wendet sich der salafistischen Radikalisierung von Jugendlichen und pädagogischer Gewaltprävention in der Schule zu und gibt einen Überblick. Das Verhältnis zu rechtsextremer Radikalisierung und entsprechenden pädagogischen Ansätzen sowie das begrifflich mitgeschleppte Sicherheitsparadigma werde dabei nicht näher bestimmt oder hinterfragt. Wedemann plädiert für eine integrierte Gewaltprävention in der Schulentwicklung. Johanna Sigl und Michaela Köttig spüren in Interviews von Aussteigern aus der rechtsextremen Szene, deren schulischen Erfahrungen nach, um daraus Schlüsse für einen Umgang mit Orientierung an rechten politischen Positionen zu finden. Sie stellen fest, dass nach wie vor Ansätze der Rechtsextremismus-Prävention nur bedingt in den schulischen Alltag eingeflossen sind. Die ‚Strategien’ der Lehrkräfte (Diskutieren, Ignorieren) tragen nicht zur Irritation des rechtsextremen Weltbildes bei. Die Autorinnen plädieren für eine rekonstruktive soziale Arbeit mit einem verstehenden Zugang im Einzelkontakt, der aber in Unterricht und Schulalltag schnell an zeitliche und strukturelle Grenzen stößt. Gordon Mitchell berichtet von drei verschiedenen Projekten, die eine Möglichkeit der Destabilisierung von festen Narrativen an ungewöhnlichen Orten aufzeigen sollen, um neues Denken und Perspektivwechsel zu provozieren.

Abschließend lässt sich konstatieren, dass das Jahrbuch eine aktuell wenig systematisch bearbeitete Thematik aufgreift. Die Inhalte der einzelnen Beiträge ergeben nach und nach ein Bild zentraler Themen, wie etwa Konkurrenz, ideologischer Traditionslinien, aber auch Geschlecht und Verdrängung. Leider nehmen die Beiträge nicht aufeinander Bezug, so dass die lesende Person diese Verbindungen selbst herstellen muss. Die Ausblendung der Zusammenhänge „zwischen Fluchtursachen und der Politik europäischer Staaten“ (9), welche die Herausgeber*innen monieren, bearbeitet der Band ebenfalls nicht. Die Integration des Themas „Flüchtling“ im Kontext von Krieg und Terror erscheint dann problematisch, wenn nicht auf Erfahrungen von Terror eingegangen wird, sondern ‚Fremdheit’ und ‚Heimat’ thematisiert werden. Insgesamt gibt der Band Einblicke und Überblicke über einige wesentliche Aspekte von Krieg und Terror. Insbesondere die konkret raum-zeitlichen und internationalen Beiträge erweitern dabei die Perspektive.
Anne-Christin Schondelmayer (Koblenz-Landau)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne-Christin Schondelmayer: Rezension von: Wischmann, David Salomon, Jürgen Matthias Springer, Anke (Hg.): Pädagogik in Zeiten von Krieg und Terror, Jahrbuch für Pädagogik 2017. Berlin: Peter Lang 2017. In: EWR 18 (2019), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978363175930.html