EWR 9 (2010), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sarah Widany
Lernen Erwachsener im Bildungsmonitoring
Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung in empirischen Studien
Wiesbaden: VS Verlag fĂĽr Sozialwissenschaften 2009
(173 S.; ISBN 978-3-531-16896-8; 29,90 EUR)
Lernen Erwachsener im Bildungsmonitoring Die systematische Beobachtung und Erfassung der verschiedenen Dimensionen eines Bildungssystems (Input, Prozess, Output) mittels objektiver Beobachtungs- und Erfassungsinstrumente, das also, was als „Bildungsmonitoring“ bezeichnet wird, erfährt in letzter Zeit von Politik und Wissenschaft große Aufmerksamkeit. Es ist die Folge des – erinnert man sich an die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – wieder erwachten Interesses an einer rationaleren Politikgestaltung und effektiveren Steuerung des Bildungsbereichs auf der Grundlage empirischer Daten (evidenzbasierte Steuerung). Während in der Phase der Bildungsreform die Hoffnungen der Politik auf der Bildungsökonomie ruhten (und enttäuscht wurden), richten sich die Erwartungen aktuell insbesondere an die Empirische Bildungsforschung.

Sarah Widany widmet sich in ihrer Studie dem Lernen Erwachsener im Bildungsmonitoring. Damit hat sie sich ein Thema ausgesucht, das eine hohe bildungspolitische Relevanz aufweist und wissenschaftlich noch nicht hinreichend erforscht wurde. Trotz einer intensiven Beschäftigung mit dem Lernen Erwachsener aus verschiedenen Perspektiven stellt die Untersuchung der Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung in empirischen Studien einen Bereich dar, der bis vor kurzem von der Erwachsenenbildungswissenschaft kaum wahrgenommen wurde. In letzter Zeit jedoch und im Zuge der Einführung der neuen europäischen Erhebung zum Erwachsenenlernen (Adult Education Survey, AES) wird zunehmend über die Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung unter methodisch-empirischen Gesichtspunkten nachgedacht.

Ausgehend von der disparaten Datengrundlage, die ein kohärentes weiterbildungsbezogenes Bildungsmonitoring erschwert, sowie von dem uneinheitlichen Bild, das verschiedene Erhebungen bezüglich Weiterbildungsbeteiligung vermitteln, sucht die Autorin in ihrer Arbeit nach „Erklärungsfaktoren für die unterschiedlichen Ergebnisse anhand der Spezifika der verschiedenen Studien“ (11). Sie stellt die Frage, inwiefern die teilweise erheblichen Unterschiede in der Teilnahmequote der verschiedenen Studien auf Unterschiede in Studiendesign und der Operationalisierung des zentralen Begriffs „Weiterbildungsbeteiligung“ zurückgeführt werden können und wie man diese Zahlen im Kontext des Bildungsmonitoring interpretieren kann (ebd.).

Ihre Studie gliedert sich in drei thematische Blöcke: Nach einer kurzen Einleitung in das Thema und die Fragestellung der Untersuchung folgt eine knappe Darstellung des Forschungsstandes zum Weiterbildungsmonitoring (13-14). Im ersten thematischen Block geht es um das Bildungsmonitoring (15-75), seine steuerungstheoretischen Hintergründe und seine Rahmenbedingungen. Im zweiten Themenkomplex beschäftigt die Autorin sich mit empirischen Studien zur Weiterbildungsbeteiligung (77-118). Hier werden die verschiedenen Studien, welche Daten zur Weiterbildungsbeteiligung erheben, unter methodischen Gesichtspunkten beleuchtet und gegenübergestellt. Der dritte und empirische Teil der Studie konzentriert sich auf den Vergleich zweier Erhebungen anhand ausgewählter Merkmale: des Sozioökonomischen Panels (SOEP) und des Berichtssystems Weiterbildung (BSW) (119-144). Ziel dabei ist, die vermuteten methodischen Effekte bei der Ermittlung der Beteiligungsquote „empirisch nachzuvollziehen“ (12). Anschließend werden die empirischen Ergebnisse im Kontext von Bildungsmonitoring betrachtet und interpretiert (145-146). Die Arbeit schließt mit einer knappen Zusammenfassung und Reflexion der Ergebnisse (147-148). In einem Anhang werden Auszüge aus den Fragebögen der herangezogenen empirischen Erhebungen dargestellt.

Bildungsmonitoring unter besonderer Berücksichtigung des Weiterbildungsbereichs wird in der Arbeit von Widany unter steuerungstheoretischen Gesichtspunkten betrachtet, da eine erziehungswissenschaftliche Theorie des selbigen bislang nicht existiert (15). Die Annäherung an das Thema erfolgt zunächst unter dem Paradigma der politischen Steuerung mit Verweisen auf steuerungstheoretische Überlegungen von Luhmann und Willke. Bildungsmonitoring wird als eine Form der wissensbasierten bildungspolitischen Steuerung betrachtet.

Widany referiert die deutsche Konzeption der Bildungsberichterstattung als Hauptprodukt von Bildungsmonitoring, die indikatorenbasiert ist und in wesentlichen Punkten dem Indikatorenmodell der OECD entspricht. Dabei berücksichtigt sie insbesondere die Abbildung des Weiterbildungsbereichs in den zwei Ausgaben des Nationalen Bildungsberichts (2006, 2008). Sie stellt fest, dass „der fast alleinige Bezug auf Daten des BSW für den Gegenstand der Teilnahme an Weiterbildung leicht reduktionistisch [wirke]“ (41). Die internationale Dimension des Bildungsmonitoring und seine Auswirkungen auf die nationale Bildungsstatistik werden von der Autorin im Kontext von Governance im transnationalen Bildungsraum diskutiert. Hier schließt sie an Diskussionsstränge an, die zum einen die Internationalisierung der Bildungspolitik und zum anderen die Internationalisierung der Bildungsstatistik thematisieren. Die Auswirkungen für die Konzeption und Durchführung von Erhebungen werden am Beispiel der europäischen Erhebung zum Erwachsenenlernen (AES) aufgezeigt.

Im zweiten Themenkomplex werden nationale Erhebungen zur Weiterbildungsbeteiligung unter methodischen und inhaltlichen Gesichtspunkten gegenübergestellt, mit dem Ziel, „Faktoren aufzuzeigen, die Einfluss auf die Qualität der Studien und deren Ergebnisse haben können“ (77).

Die empirischen Studien, die zu diesem Zweck ausgewählt wurden, werden dem Bereich der Umfrageforschung zugeordnet. Die Autorin will anhand der Merkmale „Grundgesamtheit“ und „Stichprobe“, „Erhebungsinstrumente“ und „Datenanalyse“ „einen theoretischen Hintergrund für das Analyseraster von Studien zur Weiterbildungsbeteiligung“ erarbeiten. Als relevant wurden folgende Studien identifiziert: Der Mikrozensus, die Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), die BIBB/IAB-Erhebung, das Soziökonomische Panel (SOEP) und das Berichtssystem Weiterbildung (BSW). Damit wurden die vier am häufigsten angeführten Befragungen zur Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland sowie die einmalig durchgeführte Studie des IW herangezogen. Der Vergleich beschränkt sich auf die dem Referenzjahr am nächsten liegende Erhebung und bezieht sich auf das Studiendesign sowie ausgewählte Kennzahlen. Diese werden anhand einer tabellarischen Darstellung gegenübergestellt, die den direkten Vergleich erleichtern. Nach einer Einführung in die Theorie der Operationalisierung werden die unterschiedlichen Arten der Operationalisierung des Begriffs „Weiterbildungsbeteiligung“ innerhalb der jeweiligen Studien angesprochen und anhand einer Schablone gegenübergestellt.

Der dritte Teil widmet sich dem empirischen Vergleich zweier Erhebungen zur Weiterbildungsbeteiligung und behandelt explizit methodische Aspekte der Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung wie beispielsweise Messanweisungen und deren Umsetzung in Fragebögen. Ausgewählt für den Vergleich wurden die Erhebungen des Berichtssystems Weiterbildung 2000 und des Sozioökonomischen Panels 2000. Ziel des Vergleichs ist es, herauszufinden „ob die unterschiedlichen Stichproben Auswirkungen auf die Abbildung von soziodemographischen Strukturen von Weiterbildungsbeteiligung haben, und ob die sozio-demographischen Merkmale als unabhängige Variablen in den jeweiligen Stichproben in einem unterschiedlichen Zusammenhang zu der abhängigen Variable Weiterbildungsbeteiligung stehen“ (119). Nach der empirischen Analyse der Daten kommt Widany zu dem Schluss, dass die soziodemographischen Merkmale der beiden Stichproben bis auf die Variable Geschlecht in ihrer Verteilung voneinander abweichen und dass diese Abweichungen nicht in einem zufälligen Bereich liegen (141). Die Arbeit schließt mit einem Plädoyer für eine stärkere Auseinandersetzung mit den Daten zur Weiterbildungsbeteiligung und deren Erhebungskontexten vor dem Hintergrund der Bedeutung, die Bildungsmonitoring als Steuerungsinstrument zugeschrieben wird (147).

Widany ist es gelungen, einen systematischen Überblick über die verschiedenen Arten der Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung in den wichtigsten empirischen Erhebungen in Deutschland zu geben. Gleichzeitig wird in ihrer Studie der bildungspolitische Kontext angerissen, der diese Art von Forschung forciert: Die empirische Wende hin zur evidenzbasierten Bildungspolitik und wissensbasierten Steuerung. Mit einer systematischen und differenzierten Vorgehensweise aufbauend auf Kenntnisse aus der sozialwissenschaftlichen Umfrageforschung führt sie eine Art Meta-Analyse empirischer Erhebungen zur Weiterbildungsbeteiligung durch. Dabei zeigt sie den Erkenntnisgewinn aus der Beschäftigung mit sekundäranalytischen Daten der empirischen Weiterbildungsforschung. Auf der Grundlage eigener Berechnungen zeigt sie beispielsweise die Eintrittswahrscheinlichkeit von Weiterbildungsbeteiligung bestimmter Zielgruppen in Relation zu den Chancen anderer Gruppen. Widanys Studie verdient insofern besondere Anerkennung, als die Autorin nicht einfach in die verbreitete Klage über die unzureichende empirische Erfassung der Weiterbildung einstimmt, sonder vielmehr aufzeigt, wie bereits vorliegende Daten und Informationen besser ausgewertet werden können. Dies liegt nicht nur im Interesse einer evidenzbasierten Bildungssteuerung, sondern sollte auch eine selbstverständliche Aufgabe empirischer (Weiter-) Bildungsforschung sein.

Demgegenüber vermag die Systematik, anhand derer der Vergleich der Operationalisierung von Weiterbildung in den verschiedenen Studien vorgenommen wird, nicht immer zu überzeugen: So werden beispielweise bei der Betrachtung der Operationalisierung von Weiterbildung unter funktionalen Gesichtspunkten (beruflich – nicht beruflich) in der Abbildung der BIBB/IAB Erhebung Indikatoren wie „Bedarf an Weiterbildung“ oder „Zufriedenheit mit dem Weiterbildungsangebot im Betrieb“ aufgeführt (110), während es in den Abbildungen zu den anderen Erhebungen hauptsächlich um die Teilnahme an verschiedenen Formen oder Themen der Weiterbildung geht. Gleiches gilt für die Teilnahmeveranlassung: Hier werden Gründe für Nicht-Teilnahme (z.B. kein Interesse an Weiterbildung) neben Motiven wie Umschulung oder Aufstiegsqualifizierung dargestellt (111). Diese Schwächen in der Darstellungssystematik können den guten Gesamteindruck jedoch nicht schmälern.
Alexandra Ioannidou (TĂĽbingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Alexandra Ioannidou: Rezension von: Widany, Sarah: Lernen Erwachsener im Bildungsmonitoring, Operationalisierung der Weiterbildungsbeteiligung in empirischen Studien. Wiesbaden: VS Verlag fĂĽr Sozialwissenschaften 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2010), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978353116896.html