EWR 9 (2010), Nr. 1 (Januar/Februar)

Ute Clement / Anke Piotrowski (Hrsg.)
Kompetenz zwischen Potenzial und Standard
Stuttgart: Steiner 2008
(212 S.; ISBN 978-3-515-09217-3; 37,00 EUR)
Kompetenz zwischen Potenzial und Standard „Kompetenz – zwischen Potenzial und Standard" entstand als Gemeinschaftswerk einer Arbeitsgruppe am Institut für Berufsbildung an der Universität Kassel. Die beiden Herausgeberinnen Ute Clement und Anke Piotrowski haben hierbei die meisten Kapitel verfasst. Das Buch ist systematisch gegliedert nach den Themen Kompetenzdefinition, -beschreibung, -ordnung, -entwicklung, -messung sowie -anerkennung, was der Leserschaft eine geeignete Strukturierungshilfe bietet. Die Einleitung bzw. das erste Kapitel umreisst die Argumentation der gesamten Veröffentlichung, basierend auf der Einführung und Bestimmung eines lern- und anforderungsbezogenen Kompetenzbegriffs. Im zweiten Kapitel wird aus lerntheoretischer Sicht die Problematik der kompetenzorientierten Lehr-/Lernprozesse thematisiert. Das dritte Kapitel beinhaltet eine Auseinandersetzung mit dem Kompetenzkonstrukt aus der Anforderungsperspektive und das vierte und letzte Kapitel eine abschliessende Übersicht über diverse Praxisbeispiele.

Diese Veröffentlichung hat zum Ziel, die unterschiedlichen kompetenzorientierten Ansätze bezüglich Lehren und Lernen zu systematisieren. Clement und Piotrowski sehen besonders bezüglich der Vergleichbarkeit und Qualitätskontrolle von erworbenen Kompetenzen im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung Handlungsbedarf. Als Bezugsnorm schlagen sie den Begriff "Kompetenz" vor, „[…] mit deren Hilfe Lehrangebote gestaltet, Lernwege organisiert, Lernergebnisse gemessen und zertifiziert sowie schliesslich Personalentwicklung koordiniert werden können“ (7). Die Autorinnen sind davon überzeugt, dass eine Systematisierung im Bildungssystem über Lernergebnisse und Outputorientierung zu erfolgen hat. Das Buch ist somit in den aktuellen Diskurs um Output-Steuerung und Standards einzuordnen und leistet einen Beitrag in dieser teilweise kontroversen Diskussion.

Hierbei sei die Unterscheidung in zwei unterschiedliche Blickwinkel hilfreich: einerseits die Lernperspektive, in der Lehr-/Lernarrangements und deren Orientierung an Kompetenzen im Zentrum stehen, andererseits die Anforderungsperspektive, die als Orientierungsmassstab für Personalentwicklung und „curriculare Ziele“ dienen soll.

Den Kern des ersten Kapitels bildet die Darlegung des Erkenntnisinteresses. Clement betont, dass es von eminenter Bedeutung sei, kompetenzorientierte Ausbildungen und informelles Lernen zu stärken. Diesbezüglich braucht es jedoch die Etablierung eines Systems, das vorhandene Kompetenzen anerkennt und somit auf Vorhandenem aufbaut. Des Weiteren sind gemäss Clement differente Kompetenzen für Handlungserfolge massgebend. Aus diesem Grund ergibt sich aus den Perspektiven des Lernens und der Anforderung eine unterschiedliche Gewichtung der wesentlichen Elemente einer Kompetenzdefinition. So wird Kompetenz aus Sicht der „Logik des Lernens“ eher als Potential einer Person verstanden; dagegen betont eine Anforderungsperspektive die Performanz des handelnden Individuums. Daher müssen einerseits Elemente für den Erwerb von Kompetenzen und andererseits Standards festgelegt werden.

Im zweiten Kapitel wird das Thema "Kompetenzen" aus Sicht der „Logik des Lernens“ beleuchtet. Juliane Dieterich-Schöpff sieht in einer klaren Kompetenzbeschreibung die Möglichkeit zur Transparenz und Vergleichbarkeit. Um Kompetenzen angemessen einzuordnen, greift sie auf die Taxonomie nach Anderson und Krathwohl zurück. Hierbei handelt es sich um ein zweidimensionales System, das die folgenden fünf kumulativ-hierarchischen Kategorien umfasst: Erinnern, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Bewerten und Schaffen. Die Taxonomie wird um persönlichkeitsbezogene Aspekte erweitert und es wird zwischen Faktenwissen, konzeptuellem und prozeduralem Wissen, sowie Metakognition unterschieden. Die Behandlung des Problems der adäquaten Erfassung von Kompetenzen rundet das Kapitel ab. Clement und Piotrowski plädieren hierbei für eine Neukonzeption der Leistungsüberprüfungen. Einerseits brauche es dabei die Messung von personengebundenen und verhaltensbezogenen Aspekten, andererseits sei eine Veränderung der Aufgabenstruktur unerlässlich. Des Weiteren müssten Leistungsmessungen die vier Elemente Diagnose, Analyse, Reflexion und Prognose beinhalten, damit vorhandene Kompetenzen identifiziert, anerkannt und entsprechende Lernsettings zur Weiterentwicklung erfasst werden könnten.

Das dritte Kapitel wendet sich der Thematik der Anforderungsperspektive zu. Ein Individuum sei dann kompetent, wenn es bestimmte Handlungen beherrsche und auch zeigen könne. Angesprochen ist also ein „[...] sichtbares und messbares Handeln“ (74). Um aber Kompetenzen zu beschreiben, sind verschiedene Verfahren der Analyse von Arbeitssituationen notwendig. Diesbezüglich beschreibt Clement diverse angelsächsische und deutsche Verfahren (z.B. den Position Analysis Questionnaire oder das Tätigkeitsanalyse-Inventar).

Um Kompetenzen einzuordnen, wird in Anlehnung an die Experten-Novizen-Forschung auf das Modell von Dreyfus und Dreyfus (1987) zurückgegriffen, damit eine Präzisierung von Lernzielformulierungen erfolgen kann. Darauf bauend thematisiert Hartmut Wolter die Kompetenzentwicklung. In diesem Zusammenhang werden einerseits diverse lernfördernde Arbeitsbedingungen genannt sowie auf multiple Einflussfaktoren des Lernens in Betrieben hingewiesen. Darüber hinaus betont er die Bedeutung von praktischen, komplexen und problemorientierten Aufgabenstellungen, „dabei ist im Sinne einer zukunftsorientierten Bildungsarbeit eine Balance von formalen, nicht formalen und informellen Lernprozessen anzustreben, um eine möglichst hohe reflexive Handlungsfähigkeit zu erwirken“ (100).

Das vierte und letzte Kapitel ergänzt und illustriert die theoretische Auseinandersetzung der vorhergehenden Abschnitte mit aktuellen Praxisbeispielen aus der allgemeinen und beruflichen Bildung. Diesbezüglich werden von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren differente Konzepte (z.B. Europäischer Qualifikationsrahmen – Ute Clement; Bildungsstandards – Carmen Hahn; Kompetenzraster aus Beatenberg – Christian Martin) vorgestellt. Das Ziel besteht erstens darin, Kompetenzen aus praxisorientierter Sicht zu beschreiben, zu messen und zu erfassen und zweitens auf die Bedeutung der Anerkennung und Anrechnung von formalem, non-formalem und informellem Lernen hinzuweisen. Einzelne Beiträge werden diesem Anspruch jedoch nicht gerecht und verharren in einer blossen Wiedergabe ihrer Konzepte.

Der Gegenstand dieser Publikation ist komplex wie auch weitläufig und erfordert eine klare Strukturierung für eine aufmerksame Leserschaft. Die Beleuchtung der Kompetenz aus zwei Blickwinkeln, die zwischen einer Lern- und Anforderungsperspektive unterscheidet, erleichtert den Zugang zu dieser Thematik und ist erhellend. Aufbau und Argumentation sind durchgehend gut nachvollziehbar, Inhalt und Form sind kohärent und es findet eine fundierte Kontextualisierung der einzelnen Beiträge statt. Ein weiteres Verdienst besteht darin, dass zentrale Aussagen entweder zusätzlich grafisch dargestellt oder durch eine besondere Markierung gekennzeichnet werden.

Am wenigsten vermögen das Unterkapitel „Kompetenzen beschreiben“ (in Kapitel 3) sowie das gesamte vierte Kapitel zu überzeugen, da diese vorwiegend in einer Auflistung unterschiedlicher Ansätze bestehen. Darüber hinaus wäre eine tabellarische Übersicht der diversen Konzepte am Ende des Buches hilfreich gewesen. Des Weiteren wird der Begriff "Kompetenz" vorwiegend in Bezug zum wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland gesetzt, was somit die internationale Dimension der Kompetenz in den Hintergrund treten lässt. Wünschenswert wäre es ferner, Umsetzungsmöglichkeiten der erläuterten theoretischen Desiderata aufzuzeigen und schlussfolgernd eine Zusammenführung der beiden Perspektiven vorzunehmen. So bleibt das Buch der Leserschaft eine Synthese und Konklusion schuldig, insbesondere da zahlreiche differente Definitionen, Darstellungen und Beschreibungen von Kompetenzen unverbunden nebeneinander bestehen.

Diesen Einwänden zum Trotz ist resümierend festzuhalten, dass es sich um ein ansprechendes, ja gelungenes und fundiertes Werk zum aktuellen Diskurs zur Kompetenzorientierung und Output-Steuerung handelt, das den Leitbegriff Kompetenz aus unterschiedlichen Blickwinkeln erfasst sowie beschreibt. Die Beiträge sind sehr gehaltvoll sowie stringent und ermöglichen somit eine intensive und vertiefte Auseinandersetzung mit der Kompetenzthematik.
Yves Karlen (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Yves Karlen: Rezension von: Clement, Ute / Piotrowski, Anke (Hg.): Kompetenz zwischen Potenzial und Standard. Stuttgart: Steiner 2008. In: EWR 9 (2010), Nr. 1 (Veröffentlicht am 05.02.2010), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978351509217.html