EWR 7 (2008), Nr. 1 (Januar/Februar)

Christoph Wulf / Jörg Zirfas (Hrsg.)
Pädagogik des Performativen
Theorien, Methoden, Perspektiven
Weinheim et. al.: Beltz 2007
(240 S.; ISBN 978-3-407-32074-2; 34,90 EUR)
Pädagogik des Performativen Die Beschäftigung mit dem Performativen verspricht seit einiger Zeit auch im Rahmen erziehungswissenschaftlicher Reflexion den Gewinn neuer Perspektiven und Fragestellungen. Der unter dem Titel „Pädagogik des Performativen“ herausgegebene Band geht diesem Versprechen nach und versammelt eine große Zahl an Aufsätzen. Wie fruchtbar die Beschäftigung mit dem Performativen sein kann, zeigt sich an der Bandbreite der behandelten Themen. Diese erstreckt sich von Filmreflexionen über Fragen der Geschlechterforschung und Jugendkulturforschung hin zu grundlagentheoretischen Überlegungen – um nur einige Schlaglichter zu werfen.

Im einleitenden Artikel der beiden Herausgeber wird bereits im Untertitel das Versprechen einer Zusammenführung erziehungswissenschaftlicher und performativitätstheoretischer Reflexionen angesprochen: Nichts weniger als „[e]in neuer Fokus erziehungswissenschaftlicher Forschung“ (7) eröffne sich durch diese Zusammenführung. Die Herausgeber (und mit ihnen ein Großteil der versammelten Autor/innen) können dabei auf eigene Arbeiten im Rahmen der Beschäftigung mit Mimesis und Ritual zurückgreifen, an die das Performativitätstheorem hohe Anschlussfähigkeit besitze. So wird auch über (fast) die gesamte Breite des Bandes hinweg das einleitend dargestellte Verständnis von Performativität als inszenierendes und aufführendes Geschehen geteilt (16f.). Die bildungstheoretische Relevanz einer solchen Perspektive bestehe, so die Herausgeber, einerseits in der Offenlegung eben jener inszenierenden Momente pädagogischen Geschehens (18) und andererseits in der Legitimierung qualitativer Forschungszugänge (20). „Bildung“ wird dabei als klassisch individualisierendes Geschehen im Rahmen von sich ändernden Welt-, Selbst- und Sozialbezügen des Menschen verstanden (29). Deren Aufführung verknüpfe sich mit mimetischen und ereignishaften Momenten – was die außerordentliche Reichweite der performativen Perspektive demonstriere: „Das für performative Handlungen relevante praktische Wissen ist körperlich und ludisch sowie zugleich historisch und kulturell; es bildet sich in face-to-face Situationen und ist semantisch nicht eindeutig; es hat imaginäre Komponenten, lässt sich nicht auf Intentionalität reduzieren, enthält einen Bedeutungsüberschuss und zeigt sich in rituellen Inszenierungen und Aufführungen von Pädagogik, Religion, Politik und alltäglichem Leben“ (32). Angesichts der hier angedeuteten Breite des Konzepts stellt sich allerdings die Frage, worin die Besonderheit des Performativitätstheorems liegt und wie der Begriff der „Performativität“ vom Begriff der Handlung und auch des Rituals abzugrenzen wäre. Kurz: Worin besteht das Spezifische und das Neue des performativen Fokus?

Die meisten der unter den verschiedenen Themenbereichen „Ästhetische und soziale Bildung“, „Identitätsbildung“, „Institutionelle und virtuelle Bildung“ sowie „Performative Ethnographie“ versammelten Arbeiten stellen dann auch den Anschluss ihrer eigenen Arbeiten zum Performativitätstheorem her – und ermöglichen auf diesem Wege das Abschreiten einer thematischen Breite, wie sie unter anderen Foki kaum zu bieten wäre. Unter anderem zeigt Birgit Althans anhand empirischer Forschungen zu verschiedenen religiösen Praktiken Berliner Jugendlicher die spezifische Wirklichkeitsdimension praktischer Vollzüge auf (vgl. v.a. 166ff.).

Die Wirklichkeit konstituierende Dimension des Performativen wird auch im Aufsatz Benjamin Jörissens zum zentralen Fokus anhand des Beispiels virtueller Spielergemeinschaften. Die Fruchtbarkeit des performativen Blickwinkels gegenüber rein handlungstheoretisch oder interaktionistisch gelagerten Konzepten zeigt sich hier insbesondere an der Anschlussfähigkeit an medientheoretische Überlegungen: „Man vollzieht etwas im Gebrauch der Bilder. Dabei erweist sich jedes auf dem Bildschirm erscheinende Bild bei genauer Betrachtung als unmittelbar mit pragmatischen Vollzügen verknüpft, denn jedes Bild entsteht unmittelbar als Ergebnis eines Amalgams, im welchem die Handlungen des Benutzers, die semiotischen Anweisungen der bildhaften „Benutzeroberfläche“ und die bilderzeugenden digitalen Operationen des Computers miteinander verschmolzen sind“ (193f.).

Herauszuheben sind die im letzten Abschnitt des Bandes unter dem Stichwort „Performative Ethnographie“ versammelten Überlegungen, die sich in besonderem Maße den Konsequenzen einer performativitätstheoretischen Perspektive widmen. So stellt Bohnsack in seinen methodologischen Überlegungen fest, dass „Performativität … nicht primär ein Darstellungsmodus, eine Metapher des Theatralischen“ darstelle. Vielmehr sei in Erweiterung der Arbeiten der Herausgeber eine „analytische Differenzierung und die entsprechende empirische Rekonstruktion“ (204) der von Bohnsack im Rückgang auf die Mannheimsche Soziologie entwickelte Doppelstruktur von Handeln zu leisten. Bohnsack selbst sieht vor allem in der Differenz von Performativität und Performanz die Differenz von Struktur und Prozess angelegt, die für seine Fokussierung auf methodologische Konsequenzen hinsichtlich rekonstruktiver Verfahren empirischer Sozialforschung interessant wird (vgl. 207f.).

Dass Performativität nicht eine alternative Perspektive darstelle, sondern vielmehr gängige Konzepte von Handlung, Subjekt und nicht zuletzt auch Fragen des Theoretisierens selber affiziert, wird von Forster überzeugend dargestellt. Forster arbeitet heraus, dass damit nichts weniger als die Möglichkeit von Kritik befragt wird und damit die Grundlage jedes theoretischen Selbstverständnisses überhaupt (vgl. v.a. 234f.). Andrea Bramberger kann dies in ihrem Aufsatz ausgehend von Fragen des doing gender und mit Bezug auf Haraways Konzept des ‚situierten Wissens‘ ebenfalls aufzeigen und folgendermaßen resümieren: „Die Kernaussage lautet: Performativität erfasst uns in der Theoriebildung mit. Performativität lässt sich einerseits beobachten, andererseits sind Beobachten und Schreiben performative Akte“ (104).

Dem Band gelingt es insgesamt, die Aufgeschlossenheit verschiedener erziehungswissenschaftlicher Forschungsstränge für die Dimension des Performativen aufzuzeigen. Die Sprengkraft des Performativen wird insbesondere durch die ‚Produktion von Theorie’ und damit auch deren Platzierung und Selbstverständigung greifbar, wobei jedoch Teile der Diskussion um Performativität vom Großteil der Autorinnen ausgespart werden. Die Breite möglicher Anschlüsse gerät allerdings dort zum Nachteil, wo der „neue Fokus“ gegenüber anderen Konzepten Berliner Provenienz, z.B. Mimesis oder Ritual, ununterscheidbar wird. Da jedoch die Aufsätze – bis auf den Herausgeberbeitrag zu Beginn – stets nicht mehr als ca. 10 Seiten (!) umfassen, scheint ein editorischer Rahmen für die kursorische Kürze mitverantwortlich zu sein. Zu bedauern ist außerdem, dass Überlegungen ausbleiben, welche die Beiträge zueinander in ein Verhältnis setzen. Anregungen, sich dem Performativen und dessen Konsequenzen für erziehungswissenschaftliches Denken zu widmen, werden in und durch den Band allemal gegeben.
Kerstin Jergus (Halle/Saale)
Zur Zitierweise der Rezension:
Kerstin Jergus: Rezension von: Wulf, Christoph / Zirfas, Jörg (Hg.): Pädagogik des Performativen, Theorien, Methoden, Perspektiven. Weinheim et. al.: Beltz 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 1 (Veröffentlicht am 06.02.2008), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978340732074.html