EWR 3 (2004), Nr. 5 (September/Oktober 2004)

Stefan C. Wolter / Stefan Denzler / Grégoire Evéquoz / Siegfried Hanhart / Olivier Nussbaum / Thomas Ragni / André Schläfli / Bernhard Weber
Nachfrageorientierte Finanzierung in der Weiterbildung
Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle f√ľr Bildungsforschung 2003
(110 Seiten; ISBN 3-908117-67-4; 20,00 EUR)
In einer sich globalisierenden und gleichzeitig individualisierenden Welt, die durch einen beschleunigten technischen Fortschritt und fortdauernde Innovationsprozesse in der Arbeitswelt gekennzeichnet ist, verlieren die in der Erstausbildung erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen immer mehr an Bedeutung. Das Lebenslange Lernen ist zur Grundlage der wissensbasierten Gesellschaft avanciert.

Dennoch verzeichnen L√§nder wie Deutschland oder die Schweiz eine eher niedrigere Weiterbildungsbeteiligung [1]. Gleichzeitig bestehen relativ hohe Disparit√§ten hinsichtlich der Teilnehmer nach dem Bildungsniveau, die insbesondere bildungsfernere Bev√∂lkerungsgruppen, wie Geringqualifizierte, Frauen, √§ltere Arbeitnehmer und Ausl√§nder betreffen. Die Teilnehmerquoten und die ungleiche Partizipation an Weiterbildung wird zunehmend auch unter finanziellen Aspekten er√∂rtert. Im Hinblick auf die Finanzierung von Weiterbildung richtet sich nun der Fokus auf eine effiziente und effektivere, sowie gerechtere Ressourcenverteilung. In diesem Zusammenhang wird zunehmend √ľber eine nachfrageorientierte Finanzierung der Weiterbildung diskutiert.

Dies ist der Ansatzpunkt des vorliegenden Bandes. Beauftragt durch den schweizerischen Bundesrat hat das Forum Weiterbildung Schweiz zusammen mit dem Bundesamt f√ľr Berufsbildung und Technologie eine Expertengruppe eingesetzt, deren Ziel es war M√∂glichkeiten und Perspektiven zu analysieren, die das Weiterbildungssystem so √§ndern oder erg√§nzen, dass an die Stelle oder zus√§tzlich zur Finanzierung des Bildungsangebots die Nachfrage finanziert wird mit dem Ziel, die Beteiligung an der Weiterbildung zu st√§rken und den Zugang zum lebenslangen Lernen f√ľr alle zu gew√§hrleisten [2].

Der Band gliedert sich inhaltlich in drei wesentliche Abschnitte. Ausgehend von dem skizzierten Auftrag setzt sich die Studie zunächst aus volkswirtschaftlicher Perspektive mit theoretischen Annahmen zur Finanzierung von Weiterbildung und zu den Finanzierungsinstrumenten auseinander (1. Teil). Insbesondere gehen die Autoren dabei der Frage nach wer Weiterbildung finanzieren soll und welcher Nutzen bei Weiterbildung anfällt. Dementsprechend wird dann bei der Betrachtung der Finanzierungsinstrumente nach Finanzierungsmöglichkeiten mit ausschließlich privaten Nutzen oder mit teilweise oder ausschließlich öffentlichen Nutzen differenziert. Bei letzterem wird dann sowohl auf angebotsorientierte als auch auf nachfrageorientierte Finanzierungsinstrumente eingegangen.

Im zweiten Teil der Studie erfolgt auf der Grundlage von Statistiken eine Darstellung der Partizipation an Weiterbildung in der Schweiz und der f√ľr die Weiterbildung relevanten Einflussgr√∂√üen. Illustriert wird u.a., dass die Weiterbildungsbeteiligung mit steigendem Bildungsniveau zunimmt, Frauen und Teilzeitbesch√§ftigte weniger Unterst√ľtzung erfahren und dass sich eine deutliche Abh√§ngigkeit zwischen der Wahrscheinlichkeit einer vom Arbeitgeber finanzierten Weiterbildung und der formalen Ausbildung feststellen l√§sst.

Daran anschlie√üend werden Modelle und Erfahrungen zur aktuellen Finanzierung der Weiterbildung in der Schweiz als auch im Ausland beleuchtet (3. Teil). Fragen nach der Art der Weiterbildungsfinanzierung, nach den vorherrschenden Praktiken und angewandten Modellen bilden den Rahmen f√ľr diesen Abschnitt. Die Analyse der Weiterbildungssituation in der Schweiz wird durch die Finanzierung der Weiterbildung aus Arbeitgebersicht, sowie durch die Verb√§nde und Gewerkschaften und durch verschiedene Fondsmodelle bestimmt. Abgerundet wird diese Darstellung durch Skizzierung nachfrageorientierter Finanzierungsmodelle, die hinsichtlich ihrer Wirksamkeit auf die Weiterbildungsteilnehmer untersucht werden. Bemerkenswert ist dass, in einem Unterabschnitt auf die Weiterbildungsma√ünahmen f√ľr Arbeitslose (durch die Arbeitslosenversicherung) eingegangen wird, scheint doch diese "Randgruppe" in der aktuellen Diskussion um nachfrageorientierte Finanzierung der Weiterbildung h√§ufig nicht ber√ľcksichtigt zu werden. Durch das in den letzten Jahren stark angestiegene Interesse an der nachfrageorientierten Weiterbildungsfinanzierung k√∂nnen die Autoren auf diverse ausl√§ndische Modelle zur√ľckgreifen, die von Bildungssparen, √ľber die vieldiskutierten Bildungsgutscheine, Lernversicherungen und Bildungsurlaub bis hin zu bipartiten Fonds reichen.

Der dritte Teil der Studie m√ľndet schlie√ülich in einer Zusammenfassung und Schlussfolgerungen f√ľr die nachfrageorientierte Finanzierung von Weiterbildung. Die Expertengruppe gelangt zur der Auffassung, dass es z.B. aufgrund der hohen Ungleichheit hinsichtlich der Weiterbildungsbeteiligung durchaus Argumente gibt, die f√ľr ein √∂ffentliches finanzielles Engagement sprechen. Mithin sollte sich diese Unterst√ľtzung aber in den Bereichen entfalten, in denen sie private Investitionen nicht verdr√§ngt und somit Substitutions- und Mitnahmeeffekte verhindert und dadurch explizit die bildungsfernen und bildungsbenachteiligten Individuen erreicht. Dazu scheinen die nachfrageorientierten Finanzierungsinstrumente am ehesten geeignet. Abschlie√üend wird festgehalten, dass die Kenntnisse √ľber die Verwendung und die Wirkung von diesen Finanzierungsinstrumenten jedoch noch sehr gering ist, so dass keine empirischen Aussagen getroffen werden k√∂nnen und Pilotversuche bzw. -projekte unerl√§sslich sind.

Die Studie wird ihrem Anspruch eine Grundlage f√ľr die politische Diskussion √ľber die √∂ffentliche Finanzierung von Weiterbildung und f√ľr die Planung k√ľnftiger Pilotversuche [3] zu geben gerecht. Gerade f√ľr den nicht in √∂konomischen Themen geschulten Leser bereitet dieser einf√ľhrende Band, unterst√ľtzt durch Grafiken, die volkswirtschaftliche Perspektive der Finanzierung von Weiterbildung anschaulich und kompakt auf. Ebenso ist die Darstellung der Partizipation an Weiterbildung und die Finanzierung selbiger in der Schweiz, sowie die Vorstellung ausl√§ndischer Modelle und Erfahrungen informativ, jedoch im Sinne einer Einf√ľhrung, nicht zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Thematik angedacht.

Interessant w√§re, jedoch nicht im oben skizzierten politischen Auftrag vorgesehen, bspw. eine Einbindung in die gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Weiterbildungslandschaft beeinflussen und eine n√§hergehende Ausf√ľhrung der Ressourcen, die neben den finanziellen M√∂glichkeiten, das Weiterbildungsverhalten von bildungsfernen Bev√∂lkerungsgruppen bedingen [4].



Anmerkungen:

[1] In Deutschland liegt die Weiterbildungsbeteiligung bei ca. 43 %. Vgl. Kuwan, H./Thebis, F./Gnahs, D./Sandau, E./Seidel, S.: Berichtssystem Weiterbildung VIII. Hrsg. v. Bundesministerium f√ľr Bildung und Forschung. Bonn 2003, S. 17.

In der Schweiz liegt die Weiterbildungsbeteiligung bei ca. 40 %. Vgl. Wolter et al. : a.a.O., S. 5.

[2] vgl. Wolter et al. : a.a.O., S. 8.

[3] vgl. r√ľckseitiger Klappentext des Bandes

[4] Die Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens unterteilt bspw. in psychische, institutionelle, monetäre und Zeit- Ressourcen, die allesamt die Entscheidung an Weiterbildung zu partizipieren beeinflussen.
Stefanie Stolz (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Stefanie Stolz: Rezension von: Wolter, Stefan C. / Denzler, Stefan / Ev√©quoz, Gr√©goire / Hanhart, Siegfried / Nussbaum, Olivier / Ragni, Thomas / Schl√§fli, Andr√© / Weber, Bernhard: Nachfrageorientierte Finanzierung in der Weiterbildung, Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle f√ľr Bildungsforschung 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 5 (Veröffentlicht am 05.10.2004), URL: http://klinkhardt.de/ewr/90811767.html