EWR 2 (2003), Nr. 3 (Mai/Juni 2003)

Irmtraud Schnell
Geschichte schulischer Integration
Gemeinsames Lernen von SchülerInnen mit und ohne Behinderung in der BRD seit 1970
Weinheim und München: Juventa 2003
(328 Seiten; ISBN 3-7799-1707-6; 25,00 EUR)
Geschichte schulischer Integration Die Historiographie der Integrationspädagogik hat eine ebenso lange Tradition wie der gemeinsame Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen selbst: Da dieser Unterricht in der Entstehungsphase häufig vor Gericht und durch öffentlichen Protest erst erstritten werden musste, und weil die finanziellen Restriktionen im Bildungswesen anhaltend zu Widerspruch herausfordern, sind die Akteure dieses Feldes einschlägig bekannt und verschiedene Entwicklungslinien - bislang verstreut und weniger systematisch - dokumentiert. Auf den jährlich stattfindenden "Integrationsforscher-Tagungen" kann man nach wie vor die Gründungspersönlichkeiten der Disziplin antreffen; hier sind ihre Erfahrungen im Gespräch schließlich auch direkt zugänglich.

Nicht zu übersehen ist allerdings, dass in den kommenden Jahren ein Generationswechsel ansteht: Diejenigen Wissenschaftler/innen, die in den vergangenen dreißig Jahren durch die empirische Begleitung von Schulversuchen, durch die Veranstaltung von Tagungen sowie durch die Herausgabe von inzwischen "klassischen" Handbüchern die disziplinäre wie auch die professionelle Etablierung der Integrationspädagogik/inklusiven Pädagogik unterstützt haben, werden aus Altersgründen die Hochschulen und Universitäten verlassen. Mitunter folgt – wie an der Universität Saarbrücken - der Emeritierung des Hochschullehrers die Schließung des gesamten integrationspädagogischen Forschungsbereiches; anderswo ist die Wiederbesetzung dieser Professuren sehr unsicher.

Solche Situationen des Übergangs bewirken offenbar innerhalb des Faches einen Prozess der Selbstverständigung – des Resümees und der Orientierung auf sich abzeichnende Entwicklungen gleichermaßen. Insofern ist der Zeitpunkt des Erscheinens der "Geschichte schulischer Integration" gewiss kein zufälliger. Irmtraud Schnell, als Sonderschullehrerin in Integrationsklassen sowie als Wissenschaftlerin in der Begleitforschung des gemeinsamen Unterrichts und in der integrationspädagogischen Lehrerbildung tätig, gehört zum Kreis der gut informierten Zeitzeugen der Entstehung und Etablierung der Integrationspädagogik in der Bundesrepublik.

Das Wissen um die Geschichte dieser "neuen sozialen Bewegung" ist bislang zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten mehr oder weniger gründlich zusammengefasst worden: Als obligatorischer Bestandteil integrationspädagogischer Handbücher und Festschriften, hinsichtlich der Veränderungen im sonderpädagogischen Verständnis von Behinderung sowie mit Bezug auf die Entwicklung neuer Infrastrukturen sonder- und integrationspädagogischer Unterstützung. Informationen zur Geschichte der Integrationspädagogik waren mithin weit verstreut und zumeist auf eine übergreifende Fragestellung hin fokussiert oder aus der Perspektive einer bestimmten Akteursgruppe – wie etwa der Eltern von Kindern mit Behinderungen – heraus entstanden.

Eine zusammenfassende Monographie fehlte bislang; nun liegt sie als Bearbeitung der Dissertation von Irmtraud Schnell vor. Die Autorin möchte insbesondere herausarbeiten, "welche Kräfte" die schulische Integration "bewirkt…, welche Bedingungen sie begünstigt haben…, aber auch, welche Widerstände dabei überwunden werden mussten und noch immer im Wege stehen"; Motivation war der Autorin ihre eigene "Verwunderung darüber, dass Menschen mit Behinderung schon im Schulalter nur eingeschränkte Möglichkeiten erhalten, sie aus der Stellung der Bittenden nicht entlassen werden, gleichzeitig aber auch allen anderen Schüler/innen eine Begegnung mit der Vielfalt des Lebens vorenthalten wird" (14).

Aus diesem Erkenntnisinteresse heraus ist die hier zu besprechende "Geschichte schulischer Integration" nicht in Form einer Aufsummierung der als historisch empfundenen Termine angelegt, sondern als eine Geschichte der Konflikte innerhalb und zwischen den Akteursgruppen schulischer Integration: Nachgezeichnet werden deshalb die in den vergangenen dreißig Jahren hinsichtlich der schulischen Integration erkennbar gewordenen Positionierungen von Eltern, Wissenschaftlern und Lehrern sowie von Fachverbänden, Schulbehörden und politischen Parteien.

Weil Behinderung nicht als ein naturgegebenes Phänomen, sondern erst vor konkreten pädagogischen und sozialen Kontexten sichtbar wird, ist auch die Geschichte schulischer Integration nicht losgelöst vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Folgerichtig setzt die Darstellung dieser Geschichte mit einem Aufriss von "Gesellschaft und Politik der 60er Jahre" ein (21). In der damaligen Entwicklung einer politischen Kultur, die "radikale Demokratieansätze", die "Politisierung der Jugend", die Etablierung einer "Protestkultur" sowie "Bildungsreform" als "öffentliches Thema" einschloss, sieht die Autorin entscheidende Grundlagen zur Ausbildung der Idee schulischer Integration (21). Zugleich fragt sie aber auch, "ob es die alte Abneigung gegen Veränderung ist, wie sie sich in den 50er und 60er Jahren in der Bundesrepublik zeigte, die bis heute die Verwirklichung inklusiver Erziehung und Bildung verhindert" (21).

Durch die Untersuchung, wie sich die verschiedenen Akteursgruppen schulischer Integration in diesem Spannungsfeld zwischen Beharrungsvermögen und Veränderungsbedürfnis bewegt haben und auch gegenwärtig bewegen, werden zunächst Konflikte innerhalb dieser Gruppen sowie die Funktion von Argumenten für/gegen schulische Integration transparent. Hinsichtlich der Gruppe der Eltern wird beispielsweise die Auseinandersetzung innerhalb der "Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V." nachgezeichnet, in deren Verlauf integrationsinteressierten Eltern immer wieder vorgeworfen wurde, sie würden Sondereinrichtungen ablehnen, weil sie die Behinderung ihres Kindes nicht annehmen könnten (vgl. 47 ff.). Für die Gruppe der Wissenschaftler zeigt die Autorin u.a. auf, wie durch die Vermischung von professioneller und disziplinärer Ebene traditionelle Sonderpädagogen immer wieder zu dem Schluss kommen konnten, dass durch schulische Integration das Ende kompetenter sonderpädagogischer Förderung drohe (vgl. 72 ff.). Konflikte, aber auch Affinitäten wirkten somit nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen den verschiedenen Akteursgruppen: Eine Verschränkung von disziplinären und berufsständischen Interessen kann die Autorin beispielsweise in der Argumentation der behindertenpädagogischen bzw. behindertenpolitischen Fachverbände aufzeigen, die zu den sonderpädagogischen Fachdisziplinen "meist in enger Beziehung stehen" (191). So entstand die kuriose Situation, dass "in den Verbänden noch überlegt wurde, ob schulische Integration für die betreffende Gruppe möglich und sinnvoll sei", während zeitgleich "Kinder mit Behinderungen längst ohne größere Probleme allgemeine Schulen" besuchten (193).

Indem die Autorin die disziplinäre und die professionelle Geschichte schulischer Integration als Konflikt um unterschiedliche Erklärungs- und Handlungsmodelle zur Akzeptanz bzw. zum Umgang mit Verschiedenheit darstellt, gewinnt der Leser einen differenzierten und argumentativ sorgfältig belegten bildungspolitischen und institutionengeschichtlichen Überblick, wie er vor dem Erscheinen dieser Monographie bisher nicht zugänglich war. Hinsichtlich zweier Aspekte, die nicht im Zentrum des Bandes stehen, gleichwohl bei Teilen der Leserschaft von Interesse sind, wünschte man sich für nachfolgende Auflagen einige weiterführende Hinweise: Leser/innen nicht nur aus den neuen Bundesländern wären sicherlich an Informationen über die Rezeption der Integrationspädagogik in der DDR sowie über die Besonderheiten der Verankerung von schulischer Integration in den neuen Bundesländern interessiert. Und eher theoretisch interessierten Leser/innen käme eine ausführlichere Diskussion der Auswirkungen integrationspädagogischer Entwicklungen auf das Selbstverständnis der Sonderpädagogik sicherlich entgegen.

Festzuhalten bleibt: Mit der Monographie von Irmtraud Schnell liegt die erste umfassende, sorgfältig recherchierte und systematisch geordnete Geschichte schulischer Integration in Deutschland vor. Sie ermöglicht Studierenden aller Lehrämter, Mitgliedern von Selbsthilfeinstitutionen wie auch Professionellen der Behindertenhilfe die Einordnung historischer Argumente in den bildungspolitischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhang. Sie leistet jedoch nicht nur den systematisierenden Blick in die Vergangenheit, sondern bestimmt zu einem Zeitpunkt personeller und thematischer Übergänge zugleich handlungspraktische und wissenschaftliche Orientierungen: Integrationspädagogik in ihrer professionellen wie in ihrer disziplinären Ausprägung wendet sich seit drei Jahrzehnten Schülern zu, die in benachteiligten oder behindernden Lebenssituationen lernen. Somit interessiert sie sich für eine Schülerschaft, die durch die Ergebnisse der PISA-Studie erneut in das öffentliche Interesse gerückt ist, die jedoch – zumindest hinsichtlich der Schüler mit Behinderungen – von der PISA-Studie selbst empirisch nur marginal berücksichtigt worden ist. PISA hat jedoch verdeutlicht, dass praktisches wie empirisches Interesse an dieser Schülerschaft nach wie vor nicht obsolet ist. Irmtraud Schnell fasst daher zusammen: "Die Integrationsbewegung hat lange darum gerungen, für Kinder mit Behinderungen den Schlüssel zur allgemeinen Schule zu ergreifen. Jetzt geht es meines Erachtens von Neuem an die Ausgestaltung und Verteidigung des Innenraumes." (285)
Ada Sasse (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ada Sasse: Rezension von: Schnell, Irmtraud: Geschichte schulischer Integration, Gemeinsames Lernen von SchülerInnen mit und ohne Behinderung in der BRD seit 1970, Weinheim und München: Juventa 2003. In: EWR 2 (2003), Nr. 3 (Veröffentlicht am 01.06.2003), URL: http://klinkhardt.de/ewr/77991707.html