EWR 2 (2003), Nr. 1 (Januar 2003)

Heinz Rhyn (Hrsg.)
Beurteilung macht Schule
Leistungsbeurteilung von Kindern, Lehrpersonen und Schule
Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 2002
(160 Seiten; ISBN 3-258-06506-3; 18,00 EUR)
Beurteilung macht Schule Das Sprichwort "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" wird im vorliegenden Buch widerlegt. Der (schiefe) Turm von PISA, der dem potentiellen Leser auf dem Einband ins Auge springt, legt die Vermutung, Hoffnung oder Sorge nahe, einen (weiteren) Analyseversuch zur Erkl├Ąrung der im deutschsprachigen Raum vor allem f├╝r Deutschland, aber auch f├╝r die Schweiz unbefriedigenden Ergebnisse vorzufinden. Dem ist jedoch nur zum kleinen Teil so. Lediglich in einem Beitrag werden gezielt die Ergebnisse der Studie analysiert.

Stattdessen legen insgesamt neun Autorinnen und Autoren aus vorwiegend Schweizer Perspektive den Fokus der Betrachtung auf (eine weit definierte) Leistungsbeurteilung insgesamt. Der Herausgeber versteht das Buch als "├ťbersicht ├╝ber das aktuelle und teilweise heftig diskutierte Thema der Beurteilung", wobei die Einteilung in die Themenfelder

  • Beurteilung von Kindern und Jugendlichen,
  • Beurteilung von Schule
  • Beurteilung von Schulsystemen sowie
  • Beurteilung von Beurteilungen

deutlich macht, wie weit das abzudeckende Spektrum ist. Skepsis ist angesichts des ├╝berschaubaren Umfangs des Buches (160 Seiten) angebracht: Kann ein derart weites Feld selbst als ├ťbersicht ad├Ąquat dargestellt werden? Es kann durchaus.

Barbara S├Ârensen Criblez skizziert in ihrem Beitrag den Wandel entwicklungspsychologischer Einsch├Ątzungen, wann ein Kind einzuschulen sei und die Folgen daraus. Ist ein Kind irgendwann "reif" f├╝r die Schule? Muss es auf seinem Weg zur "Schulf├Ąhigkeit" unterst├╝tzt werden? Hat eine solche Unterst├╝tzung vor allem an der kognitiven Entwicklung oder eher ganzheitlich ausgerichtet zu sein? Ist es vielleicht gar unsinnig, ├╝berhaupt von einer allgemeinen, f├╝r alle gleichen Schulf├Ąhigkeit auszugehen und sollte nicht eher die Schule versuchen, sich "sch├╝lerf├Ąhig" zu machen, also Raum f├╝r unterschiedlichste Lernbiografien zu bieten? Anhand solcher Fragen diskutiert die Autorin Aufgaben von Kindergarten und Primarstufe und pl├Ądiert f├╝r eine zunehmende Aufweichung institutioneller und p├Ądagogischer Grenzen zwischen ihnen. Ein anregender Beitrag zu dieser auch im Kontext von PISA vieldiskutierten Lebensphase. Heinz Rhyn und Urs Moser thematisieren die g├Ąngigen G├╝tekriterien der Leistungsmessung sowie die Problematik ihrer Einhaltung. Bezugsnormen der Leistungsbeurteilung werden dabei ebenso wie ausgesuchte Erhebungsverfahren (Pr├╝fungen und Tests) und Formen der Beurteilung (Noten, Verbale Beurteilung, Selbstbeurteilung) angesprochen.

Regula Kyburz-Graber wechselt die Perspektive und wendet sich der Beurteilung von Lehrpersonen zu. Die Vielschichtigkeit der Auswahl von Kriterien erfolgreicher Lehrt├Ątigkeit wird plastisch. Ihr Appell f├╝r einen aktiven Einbezug der zu Beurteilenden leitet zu Markus Roos ├╝ber, der einen ├ťberblick ├╝ber die M├Âglichkeiten und Ansatzpunkte der Beurteilung von Unterricht anbietet. Schritte einer Unterrichtsbeurteilung werden aufgef├╝hrt und an Beispielen veranschaulicht. Der Text regt die Phantasie an, welche M├Âglichkeiten f├╝r die zumindest in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckende Praxis der Unterrichtsevaluation liegen k├Ânnten. Philipp Gonon konzentriert sich auf die Perspektive der "Qualit├Ątssicherung" in der Schule. Die Verlagerung eines internen Ma├čstabs ("Wird Schule ihren eigenen Zielen gerecht?") hin zu externen Vergleichsankern ("Was erwarten unsere Kunden?") im Kontext von Qualit├Ątssicherung und -entwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund ├Âkonomisch orientierter Globalisierungstendenzen, wird dargestellt. So begr├╝ndet Gonon, warum eine dauerhafte Einf├╝hrung von Qualit├Ątssicherung in Schulen so schwierig ist und pl├Ądiert abschlie├čend f├╝r die Ausweitung von Freiheiten als entscheidenden Ma├čstab.

In einem ersten Beitrag zur Beurteilung von Schulsystemen stellt Lucien Criblez die historische Herkunft sowie aktuelle Funktionen des Schulsystems dar und konzentriert sich dabei insbesondere auf gesellschaftliche Grundfunktionen der Leistungsbeurteilung wie die der Selektion und Berechtigung (Allokation). Urs Moser ist der einzige, der die PISA-Studie aufgreift und deren (schweizer) Ergebnisse diskutiert. Dies geschieht differenziert, kreativ und teilweise fernab g├Ąngiger Erkl├Ąrungsmuster. So findet sich hier ein fundierter Beitrag zur PISA-Analyse f├╝r die Schweiz ohne erhobenen Zeigefinger, die in der Art der Fragen auch auf andere L├Ąnder ├╝bertragbar sein d├╝rfte. Margit Stamm richtet ihre Aufmerksamkeit auf die (leistungs-)steuernde Wirkung bzw. Nicht-Wirkung von Lehrpl├Ąnen. Um die von ihr konstatierte Wirkungslosigkeit von Lehrpl├Ąnen zu ├╝berwinden bzw. zu kompensieren, pl├Ądiert sie f├╝r eine Einigung auf Mindeststandards (in der Schweiz). Eine Entwicklung, die auch f├╝r Deutschland ansteht bzw. auf Kultusministerkonferenz-Ebene bereits in vollem Gange ist.

Der letzte Teil des Buches wendet sich der Metaperspektive, also der "Beurteilungsbeurteilung" zu. Christina Allemann-Ghionda nimmt, ├Ąhnlich wie Rhyn und Moser im vorderen Teil des Buches G├╝tekriterien, Funktionen und Verfahren der Leistungsbeurteilung im internationalen Vergleich in den Blick. Da sich dies fast ausschlie├člich auf die Beurteilung von Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern bezieht, w├Ąre der Beitrag inhaltlich wohl besser in Teil 1 aufgehoben. Aus dem letzten Beitrag von Heinz Rhyn bleibt besonders die Erl├Ąuterung des Begriffs der Leistung in Erinnerung. Er arbeitet heraus, dass "Leistung" ein besonders voraussetzungsreicher Terminus ist und eigentlich nur im Plural gedacht werden kann. Phrasen wie "Unsere Schule muss leistungsbetonter werden" klingen vor dem Hintergrund der dargestellten Vielschichtigkeit nur noch platt.

Dem Anspruch, einen (ersten) ├ťberblick ├╝ber Beurteilung im schulischen Kontext zu geben, wird das Buch zusammenfassend gerecht. Es werden Schlaglichter auf ein breites Spektrum relevanter Themen im Kontext von Leistungsbeurteilung geworfen. Der Leser, insbesondere wenn es sich nicht um einen Experten handelt, wird umfassend mit der Materie vertraut gemacht. Der Einbezug aktueller Fakten, eine gute Leserlichkeit sowie ein hoher Anregungsgehalt erleichtern die Lekt├╝re zudem. Gerade durch die Breite des thematischen Zugriffs wird deutlich, wie sehr (Leistungs-)Beurteilung Schule insgesamt und eben nicht nur den Alltag von Lehrpersonen (als Beurteilende) sowie Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern (als Beurteilte) bereits pr├Ągt und wohl zuk├╝nftig verst├Ąrkt pr├Ągen wird. Diese Tendenz, die u.a. im Erstarken empirischer Bildungsforschung, aber auch in der bildungspolitischen Ausrichtung auf Leistungsbeurteilung abzulesen ist, wird von den Autoren insgesamt begr├╝├čt, aber durchaus kritisch begleitet. So k├Ânnte es ein Verdienst dieses Buches werden, Anregungen f├╝r eine konstruktive Weiterentwicklung von Leistungsbeurteilung gegeben sowie auf Fallstricke und Fehlerquellen hingewiesen zu haben.
Lothar M├╝ller (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Lothar M├╝ller: Rezension von: Rhyn, Heinz (Hg.): Beurteilung macht Schule, Leistungsbeurteilung von Kindern, Lehrpersonen und Schule, Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 1 (Veröffentlicht am 01.01.2003), URL: http://klinkhardt.de/ewr/25806506.html