EWR 19 (2020), Nr. 4 (September / Oktober)

Gerhard Eikenbusch
Jugendliche in den Sekundarstufen
Entwicklungsprozesse, Lebenslagen, pädagogische Perspektiven
Weinheim: Beltz 2019
(297 S.; ISBN 9783407631244; 27,99 EUR)
Jugendliche in den Sekundarstufen Seit den 2000er Jahren erfährt das Jugendalter in den Bildungswissenschaften zunehmend an Interesse. Neben verschiedenen Jugendstudien, wie den Shell Studien oder den Sinus-Jugendstudien, die sich in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit mittlerweile gut etabliert haben, gewinnt diese Thematik auch in wissenschaftlichen Publikationen an Aufmerksamkeit. Das Buch „Jugendliche in den Sekundarstufen“ greift dieses Thema auf und richtet sich dabei explizit an Lehrkräfte, um ihnen eine differenzierte Sichtweise auf die Entwicklung und Lebenslage von Kindern und Jugendlichen aus den Sekundarstufen aufzuzeigen. Es will darlegen und helfen, Schülerinnen und Schüler in ihrer Individualität und Differenz wahrzunehmen, deren Situation und Lebenswelt auf Grund von Wissensbezügen gelingender einzuschätzen und den Unterrichtsalltag damit reflektierter zu konzipieren. Dabei stehen zwei Fragen im Mittelpunkt des Bandes: Wie ticken Jugendliche? Und was lässt sich daraus für die Gestaltung des Unterrichts ableiten? Diese breit formulierten Fragen deuten m.E. bereits auf die Schwierigkeit und die Herausforderung des Unterfangens dieses Buches hin, das komplexe Themenfeld von Jugend und Unterricht zu sichten und zu bearbeiten. Der Band öffnet mit einem Einstieg an einem Fallbeispiel, an dem sich das zweite Kapitel mit einer umfassenden Übersicht über zentrale Erkenntnisse über Lebenslagen und Entwicklungstheorien anschließt. Das dritte und vierte Kapitel setzt sich mit den Perspektiven und Konsequenzen auf Schule und Unterricht und deren praxisbezogenen Gestaltungsmöglichkeiten auseinander.

Das Buch nimmt eingangs (Kapitel 1) die eigenen Sichtweisen und Vorstellungen von Lehrkräften über Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe als Ausgangspunkt und verdeutlicht so den Einfluss auf deren Annahmen darüber, wie Jugendliche sich aus ihrer Sicht und der der Erwachsenen verhalten oder entwickeln sollen. Diese Sichtweisen gilt es zu erweitern und aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick zu nehmen, um pädagogisches Handeln reflektiert und überlegt gestalten zu können.

Das zweite Kapitel umfasst eine breite Bestandsaufnahme über die Lebenslagen der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarschulzeit. Mit Bezug auf historische Diskurse wird gezeigt, wie sich Jugend als eigener Lebensabschnitt etabliert hat, obwohl sich dieses Konstrukt und Deutungsmuster erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Eine einheitliche Definition von Jugend, als eine Übergangsphase von der Kindheit zum Erwachsensein, ist in der Fachdiskussion nicht formuliert oder zu finden, schon der Altersbereich, der das Jugendalter bestimmen soll, ist diffus. Im Folgenden werden in Bezug auf unterschiedliche Begrifflichkeiten wie Adoleszenz, Pubertät und Jugend Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich gemacht. Eikenbusch spricht von einem historischen Wandel und einer immer stärkeren Ausdifferenzierung und Komplexität des Jugendbegriffs.

Eine verstärkte Auseinandersetzung in den unterschiedlichen Disziplinen wie der Bildungsforschung oder der soziologisch orientierten Jugendforschung findet seit der Jahrtausendwende statt. Mit dem Fokus „was denken Jugendliche“ und „wie handeln sie“ werden diese zunehmend als professionelle Gestalter, Subjekte und Konstrukteure für ihr Handeln und für ihr Lernen gesehen und adressiert. Damit die Schule und Lehrkräfte hier sinnvoll unterstützen können, werden des weiteren wichtige Bereichen der Lebenslagen von Jugendliche in Deutschland vorgestellt und erörtert. Jeder Bereich wird anhand von aktuellen Studien, Theorien, Graphiken, Tabellen oder durch Hervorhebung grauunterlegter Textblöcke dargelegt. Bei den Bereichen handelt es sich einmal um die Familie und den damit verbundenen Familienbeziehungen, die sozioökonomische Lage, die Wohnsituation, Religiosität, politisches Engagement, Schule, Schulzeit und Klasse, Peers, Cliquen und Gesundheit etc. Es sind eine Vielzahl an Themen und Wissensbeständen, die in diesem Kapitelteil aufgegriffen und diskutiert werden. Die meist allgemein gehaltenen und kurzen Darstellungen wecken Interesse, allerdings werden die Beiträge nicht weiterführend aufeinander bezogen und bleiben eher für sich stehen.

In einer weiteren sich anschließenden Bestandsaufnahme geht es um die Entwicklung junger Menschen. Klassische Entwicklungstheorien von Freud, Piaget und Kohlberg werden ausgebreitet, da diese, so der Autor, häufig von Lehrkräften herangezogen werden. Die jeweiligen Ausführungen sollen ermöglichen, sich mit diesen Ansätzen kritisch zu beschäftigen und die in den Theorien enthaltenen Implikationen zu reflektieren. Jede der drei Ansätze wird nach einer kurzen Beschreibung mit der Frage „… für die Schule?“ nochmals ausgeführt und kritisch bewertet. Da diese Ansätze bei weitem heute nicht mehr ausreichen, fügt der Autor weitere Theorien der Entwicklungspsychologie an, die ein erweitertes Verständnis von „Entwicklung“ beinhalten. Damit schließen sich nun drei weitere wesentliche Bereiche zur körperlich, sexuellen und kognitiven Entwicklung an.

Der Duktus des Bandes plädiert stark dafür, die Schülerinnen und Schüler als Werk und Gestalter ihrer selbst zu verstehen. Dazu werden im dritten Kapitel des Bandes theoriebezogene Grundlagen gelegt, beispielsweise durch die von Erik H. Erikson, der in seinen Arbeiten die Phasen der psychosozialen Entwicklung als epigenetisches Prinzip unter dem Aspekt von universellen und inneren Entwicklungsgesetzen zu fassen versucht. Die Adoleszenz nimmt hierbei eine herausragende Rolle ein. Das von Eriksons entworfene Konstrukt des Moratoriums und sein Modell psychosozialer Entwicklung wird von Eikenbusch in „sieben Anregungen für einen entwicklungsfördernden Unterricht“ übertragen und praxisbezogen konkretisiert. Auch die weiteren Theorieansätze (von E. H. Erikson, K. Hurrelmann, L. Krappmann, M.A. Meyer etc.) werden durchgehend konsequent in Bezug auf die Umsetzungsmöglichkeiten im Unterricht transferiert. Zentral ist dabei immer das autonome Subjekt, das aktiv und intentional gestalten kann, um die eignen Entwicklungsressourcen zu stärken. Gerade die 14 Fallvignetten im vierten Kapitel bieten einen anschaulichen Transfer auf unterschiedliche Handlungssituationen in der Praxis. Die Fälle sind jeweils einem Themenbereich zugeordnet und beziehen sich sachbezogen auf die vorangegangenen Kapitel. Sie dienen als Ausschnitt einer realen Situation, haben einen klaren Unterrichtsbezug und motivieren zur Beschäftigung mit berufsbezogenen Problemfeldern. Damit ermöglichen sie das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichen, sozialen und subjektiven Handlungspraktiken aufzuzeigen [1].

Der Band schließt mit einem offenen Ausblick auf die von J. Muths 1966 aufgestellte These „Lernen und Entwicklung bei Schülerinnen und Schülern sei ein Beruf“ und bekräftigt damit erneut, Jugendliche als Mitwirkende, selbständig Denkende und Arbeitspartner zu sehen.

Dem Autor ist es gelungen einen breiten Blick auf die Thematik Jugendliche in den Sekundarstufen zu werfen und in seinen Facetten zu problematisieren. Seine explizite und immer widerkehrende Rückwendung auf die konstruktiven Fähigkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten der Jugendlichen im Sinne einer aktionalen Perspektive (W. Greve) zieht sich als roter Faden durch den gesamten Band. Die vielschichtige Betrachtung in den einzelnen Kapiteln lässt jedoch eine inhaltliche Verbindung der einzelnen und oft sehr kurz gehaltenen Beiträge (z.B. durch kapitelabschließende Resümees oder Zusammenfassungen) vermissen. Dadurch stehen die Einzelbeiträge trotz der Zuordnung zur Thematik mitunter unzusammenhängend und isoliert da.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten Band, der eine vielfältige theorie- und praxisbezogene Auseinandersetzung mit dem Thema Jugend ermöglicht. Für Lehrerinnen und Lehrer bieten die Fallvignetten konkrete und praxisnahe Beispiele in denen Handlungsanforderung abgeleitet, problematisiert und reflektiert werden können.

[1] E. Kiel / J. Kahlert / L. Haag (2014): Was ist ein guter Fall für die Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern? Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 32(1), 21-33.
Anja Nold (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anja Nold: Rezension von: Eikenbusch, Gerhard: Jugendliche in den Sekundarstufen, Entwicklungsprozesse, Lebenslagen, pädagogische Perspektiven. Weinheim: Beltz 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/ueberblick2003-10.html