EWR 19 (2020), Nr. 4 (September / Oktober)

Andreas Pehnke (Hrsg.)
Willy Steiger (1894-1976)
Vom Zeitzeugen des Völkermords an den Armeniern zum Reformpädagogen und Schriftsteller Biografie und Werkauswahl
Markkleeberg: Sax Verlag 2019
(712 S.; ISBN 978-3-86729-234-4; 40,00 EUR)
Willy Steiger (1894-1976) Während sich die Historische Bildungsforschung zuletzt vermehrt mit der sozial- und ideengeschichtlichen Einordnung des Phänomens der Reformpädagogik beschäftigt hat, leistet Andreas Pehnke mit seinem 712 Seiten umfassenden Buch über den bisher kaum bekannten sächsischen Reformpädagogen und Lehrer Willy Steiger einen Beitrag zur quellenorientierten Auseinandersetzung mit reformpädagogischer Schul- (und Lehrer-)wirklichkeit. Er steht damit in der Tradition einer Forschungsrichtung, die insbesondere in den Jahren vor der Jahrtausendwende unser Verständnis historischer Reformpädagogik gegenüber den kanonisierten Darstellungen (Nohl, Scheibe, usw.) bedeutsam erweitert hat.

Es handelt sich bei Pehnkes Buch – dem Untertitel zufolge – um eine Biografie und Werkauswahl. Der mit Abstand größte Teil ist den Publikationen Steigers gewidmet: pädagogische Zeitschriftenaufsätze, monografische Darstellungen seiner pädagogischen Arbeit, Unterrichtsmaterialien, pädagogische Ratgeber sowie ein autobiografischer (Anti-)Kriegsroman. Darüber hinaus wurden einige biografische Dokumente – hauptsächlich Briefe – veröffentlicht. Im Anhang finden sich ein Verzeichnis der Publikationen Steigers sowie ein Personenregister. Da den biografischen Darstellungen gegenüber den Quellen eher wenig Raum gegeben wird, würde der Rezensent das Buch als Quellenauswahl mit biografischen Kommentaren charakterisieren.

Steiger war in den 1920er Jahren Lehrer an der als Versuchsschule geführten staatlichen Volksschule in Hellerau bei Dresden. Hier ist er vor allem durch seine reformpädagogische Tätigkeit in den frühen 1920er Jahren hervorgetreten. Mit dem „blauen Nest“, einer von ihm über mehrere Jahre geführten Schulklasse, entfernte er sich weit von der üblichen Grammatik des Schulehaltens. Selbsttätigkeit, ausgesprochen weitgehende Autonomie beim Lernen, Gelegenheitsunterricht, psychologisch feinfühlige individuelle Förderung, vor allem aber ein durch zahlreiche Feiern und teils mehrwöchige Klassenfahrten geprägtes intensives Gemeinschaftsleben waren Merkmale seiner Arbeit.

Pehnke behandelt die unterschiedlichen Lebensabschnitte Steigers verschieden ausführlich. Einen klaren Schwerpunkt bildet dessen reformpädagogisches Engagement in der frühen Weimarer Republik. Ein zweiter Akzent wird auf Steigers Erfahrungen im Ersten Weltkrieg gelegt.

Der erste Abschnitt des Buches hat stärker als die darauffolgenden den Charakter einer biografischen Darstellung: Man erhält ein relativ geschlossenes Bild von Steigers Kindheit, seiner Wandervogel-bewegten Jugend, seiner Ausbildungszeit am Leipziger Lehrerseminar und seiner Jahre als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Bereits im zweiten Abschnitt, der Steigers reformpädagogischem Wirken während der Weimarer Republik gewidmet ist, tritt Pehnke als Biograf deutlich in den Hintergrund. Wir finden im Wesentlichen einen Wiederabdruck von Schriften Steigers. Diese werden von Pehnke zwar kontextualisiert; Steigers Biografie erschließt sich nun aber hauptsächlich gebrochen durch seine Publikationen. Unter diesen sind vor allem „S‘ blaue Nest“ sowie „Fahrende Schule“ hervorzuheben. In beiden Büchern dokumentiert Steiger die Arbeit mit seiner Versuchsklasse in Hellerau, wobei die „Fahrende Schule“ ganz dem Thema Klassenfahrten gewidmet ist.

Mit gerade einmal 25 Seiten kommt der Abschnitt zur NS-Zeit aus. Steiger, der in den Weimarer Jahren der SPD angehört hatte, wurde im April 1933 vom Schuldienst enthoben, durfte seine Tätigkeit als Lehrer im Januar 1934 aber wiederaufnehmen – allerdings nicht in seiner angestammten Schule. 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen, Ende Juni 1944 als dauernd untauglich entlassen. Pehnkes biografische Darstellungen sind hier allerdings ziemlich knapp gehalten und auch aus den veröffentlichten Quellen ergibt sich kein vollständiges Bild jener Jahre.

Der letzte Abschnitt ist den Jahren der SBZ/DDR gewidmet. Steiger wirkte bis 1954 wieder als Lehrer in Hellerau. Anschließend war er als pädagogischer Schriftsteller aktiv. Neben Aufsätzen in pädagogischen Zeitschriften verfasste er Gesundheits- und Erziehungsratgeber. Auch diese Lebensjahre Steigers erschließen sich hauptsächlich im Spiegel seiner Publikationen.

Warum lohnt sich die Auseinandersetzung mit Steigers Leben und Wirken? Zum einen, weil er einen außergewöhnlich radikalen Gegenentwurf zur herkömmlichen Form des Schulehaltens an einer staatlichen Regelschule über mehrere Jahre hinweg praktisch umgesetzt hat, zum anderen aber auch, weil sich an seinem Lebensweg das Wechselspiel zwischen pädagogischen Ambitionen und politischen Rahmenbedingungen studieren lässt, die solche Ambitionen begünstigen, erschweren, verunmöglichen oder auch umformen können. Hier stößt man bei Pehnkes Edition aber an Grenzen, denn die präsentierten Quellen werfen da viele spannende Fragen auf, zu denen man in den biografischen Ausführungen Pehnkes keine ausreichenden Antworten findet.

Dass es möglich ist, im Zuge der dichten biografischen Darstellung eines Protagonisten dessen pädagogische Arbeit empathisch zu rekonstruieren und zugleich seine Anpassung an politische Rahmenbedingungen kritisch zu diskutieren, hat etwa Jörg-Werner Link mit seiner Studie über den Landschulreformer Wilhelm Kircher gezeigt [1]. Diese Ausgewogenheit vermisst der Rezensent bei Pehnke, der doch merklich zur Idealisierung seines Protagonisten tendiert. Solchen Aspekten seiner Biografie, die nicht in das gewünschte Bild passen, scheint Pehnke aus dem Weg zu gehen.

So berichtet er zwar knapp von Steigers Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP, seine äußerst kurze Erklärung der Hintergründe dafür lässt allerdings Fragen offen (543). Er erwähnt zwar eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1936, in der sich „keinerlei Anlehnungen an die nationalsozialistische Erziehungspolitik bzw. deren Erziehungsverständnis oder an die sprachliche Diktion der Nazis“ fänden (544). Hingegen fehlt ein Hinweis darauf, dass die von Steiger gemeinsam mit Wilhelm Grampp erstellte „Praktische Menschenkunde“ (es handelt sich um eine Sammlung von Schüleraufgaben zum Thema menschlicher Körper) 1938 noch einmal neu aufgelegt wurde.

Diese Neuauflage enthält allerdings einige Hinzufügungen im Sinne nationalsozialistischer Rassenhygiene. Da heißt es u.a.: „Erbkranker Nachwuchs. Wie fürchterlich sich bisher manche Krankheiten auf die Nachkommen übertrugen, ist aus Blatt 2, V zu erkennen. Male die Kranken dieser Familie rot aus! Ist es nicht ein Segen fürs ganze Volk und für die Beteiligten selbst, wenn so belastete Menschen, wie Schwachsinnige, Irre, Gewohnheitstrinker u.a., heute keine Kinder haben sollen? (Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.)“ [2]. Da Steiger diesen Text nicht allein veröffentlichte, bleibt offen, wieweit ihm die Verantwortung für eine derartige Anpassung zuzuschreiben ist. Darauf gar nicht einzugehen, ist aber problematisch.

Auch Steigers Arbeit in der SBZ/DDR würde der Rezensent aufgrund der abgedruckten Texte kritischer beurteilen als Pehnke selbst. Dieser betont Steigers Eintreten für die Reformpädagogik in DDR-Zeiten. Man könnte aber auch darauf hinweisen, dass sich Steiger in seinen nach 1945 veröffentlichten Texten selbst an die nunmehr gültige Pädagogik anpasste und sich dabei von seinen alten Idealen deutlich entfernte. So machte er sich etwa für eine junge Lehrerin stark, „die eine vorzügliche Ausbildung durchlaufen hat“, und deren Unterrichtsstil ziemlich genau dem Gegenteil dessen entsprach, was er selbst seinerzeit im blauen Nest gelebt hatte: Disziplin, Schweigen während des Unterrichts, „folgerichtiges“ Üben, Stofforientierung („Das nervöse Kind“, 656 in Pehnkes Edition).

Da der Völkermord an den Armeniern im Untertitel erwähnt wird, muss darauf noch kurz eingegangen werden: Steiger befand sich als Offizier der Orientarmee zum fraglichen Zeitpunkt im betreffenden Gebiet, weshalb die Vermutung plausibel ist, dass er zum Zeugen dieses Völkermordes wurde. Ob das aber tatsächlich der Fall war und welche Vorgänge Steiger im Einzelnen miterlebt hat, geht aus den Pehnke zugänglichen Quellen – wie er selbst anführt – nicht hervor (12). In seinem autobiografischen Roman erwähnt Steiger die systematische Vernichtung der armenischen Bevölkerung nur in einer kurzen Episode, die in Pehnkes Edition nicht mehr als eine Seite einnimmt. Der Titel weckt hier also mehr Erwartungen, als das Buch erfüllen kann.

Der Wert von Pehnkes Edition liegt darin, dass hier zahlreiche Quellentexte versammelt sind, die in ihrer Gesamtheit ein facettenreiches Bild vom Leben und Wirken dieses Pädagogen ergeben. Das Buch bietet damit spezialisierten Forschenden einen bequemen ersten Zugang zu Willy Steiger. Was diese vermissen könnten, ist eine explizite Diskussion und Begründung der von Pehnke getroffenen Textauswahl. Zu bedauern ist auch, dass Pehnke hinsichtlich seiner biographischen Quellen nur zu Beginn des Buches (10) pauschal auf Steigers privaten Nachlass verweist und nicht detaillierter ausführt, worauf sich seine Darstellungen jeweils stützen. Einschlägig interessierte Einsteigerinnen und Einsteiger werden sich an derlei weniger stoßen. Sie werden das Buch mit Gewinn studieren, geht doch von der Unmittelbarkeit solcher Quellen eine Anziehungskraft aus, die oft erst den Impuls zur eingehenderen Auseinandersetzung mit der Thematik gibt.

[1] Link, Jörg-Werner (1999): Reformpädagogik zwischen Weimar, Weltkrieg und Wirtschaftswunder. Pädagogische Ambivalenzen des Landschulreformers Wilhelm Kircher (1898 - 1968). Hildesheim: Lax.
[2] Steiger, Willy/Grampp, Wilhelm (1938): Praktische Menschenkunde in 130 Bildern zum Ausmalen und 170 einfachen Schülerversuchen. Dresden: Huhle, S. 6.
Wilfried Göttlicher (Brünn)
Zur Zitierweise der Rezension:
Wilfried Göttlicher: Rezension von: Pehnke, Andreas (Hg.): Willy Steiger (1894-1976), Vom Zeitzeugen des Völkermords an den Armeniern zum Reformpädagogen und Schriftsteller. Biografie und Werkauswahl. Markkleeberg: Sax Verlag 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978386729234.html