EWR 18 (2019), Nr. 1 (Januar/Februar)

Christine Riegel / Barbara Stauber / Erol Yildiz
LebensWegeStrategien
Familiale Aushandlungsprozesse in der Migrationsgesellschaft
Opladen: Barbara Budrich 2018
(320 Seiten; ISBN 978-3-8474-2117-7; 38,00 EUR)
LebensWegeStrategien „Wie gelingt es [Menschen] in sozialen Kontexten, die tendenziell als marginalisiert und deprivilegiert bezeichnet werden können, handlungsfähig zu bleiben und Perspektiven und Spielräume zu entwickeln, um die gegebenen Verhältnisse und die darin nahegelegten Handlungs- und Lebensmöglichkeiten nicht nur zu bewältigen, sondern gegebenenfalls auch zu erweitern?“ (9) Dieser Frage gehen die Herausgeber_innen und Autor_innen mit einer Studie zu Alltagspraktiken, Lebenswegen und familialen Aushandlungsprozessen in migrationsgesellschaftlichen Verhältnissen nach.

Die Forschungsmethoden basieren auf einem qualitativ-rekonstruktiven Ansatz. Auf Grundlage von ethnografischer Feldforschung, Gruppendiskussionen mit Familien(-mitgliedern) sowie narrativen biografischen Einzelinterviews wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz Daten zu 30 Familien erhoben, die über eine Migrationsgeschichte verfügen und die in strukturell benachteiligten Stadtteilen von Großstädten leben. Mit diesem Setting wurde analysiert, „wie Familien und ihre einzelnen Mitglieder Sinnkonstruktionen vornehmen, welches implizite Wissen und welche Grundüberzeugungen sie ihrem Handeln zugrunde legen und wie die expliziten Legitimations- und Begründungsmuster ihres Handelns aussehen.“ (71) Der grundsätzlich forschungsimmanente Einbezug von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen sowie von Ein- und Ausgrenzungsprozessen hat dabei – so betonen die Autor_innen – besondere Relevanz. Eine durchgehend wechselseitige Bezugnahme auf theoretische Bezüge und empirische Befunde ist als besonders wertvoll hervorzuheben.

Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist der Gedanke, dass im Rahmen migrationsgesellschaftlicher Verhältnisse und sozialer und räumlicher Segregation ungleiche Lebensbedingungen bestehen. Der Fokus der Studie liegt auf sozialen Kontexten von Migration und Familie und in diesem Zusammenhang auf familiär-kollektiven sowie individuell-biografischen Bedeutungen für Möglichkeiten der Lebensgestaltung.

Damit wird bereits die Analyseperspektive deutlich, welche die Autor_innen einnehmen: Sie richten den Blick nicht auf Defizite, die einer bestimmten Zielgruppe mit einer tendenziell problematisierenden und kulturalisierenden Sichtweise zugeschrieben werden. Stattdessen wird eine Perspektive eingenommen, die subjekt- und agency-bezogen auf kollektive und individuelle Ressourcen und Potenziale fokussiert.

„Familie“ wird dabei als komplexes inter-generationales und geschlechterbezogenes Beziehungsgeflecht, als soziales Konstrukt, als Herstellungs- und Aushandlungsprozess verstanden. Familienverhältnisse werden als Ergebnisse
aktiver und komplexer Auseinandersetzungen mit Lebensbedingungen in der Migrationssituation – und nicht nur als Reaktionen auf gesellschaftliche Verhältnisse vor Ort – verstanden. Es „zeigt sich, dass das Konstrukt von Familie sowie familiäre Herstellungs- und Aushandlungsprozesse immer auch hinsichtlich sozialer und gesellschaftlicher Macht- und Dominanzverhältnisse zu betrachten sind – mit Blick auf das Zusammenwirken von globalen und internationalen Ungleichheitsverhältnissen sowie gegenderten, heteronormativen, rassialisierenden, klassen- und körperbezogenen Differenz- und Zugehörigkeitsordnungen, in denen Familien ganz unterschiedlich positioniert sind und damit verschiedene Möglichkeiten haben, ihr Leben sowie Familie zu gestalten“ (45).

Migration als Teil der Familiengeschichte wird als potenziell bedeutsamer Faktor vorgestellt – Migration verweist aber auch auf Mobilität, Möglichkeiten und Begrenzungen der Lebensgestaltung im globalisierten Raum und kann innerhalb von Familien für die Einzelnen ganz unterschiedliche Relevanz haben.

An der Publikation haben neben den Herausgeber_innen Christine Riegel, Barbara Stauber und Erol Yıldız nahezu alle Projektmitarbeiter_innen mitgewirkt (Lalitha Chamakalayil, Gwendolin Gilléron, Sevda Can Güneş, Miriam Hill, Julia Tschuggnall und Safiye Yıldız).
Im Rahmen der theoretischen Bezüge erfolgt eine Diskussion und Konzeptionalisierung des Begriffs der Lebensstrategie: Hierbei geht es (auch) um das Aufgreifen von Neuerzählungen migrierter Familien und um (oftmals) nicht sichtbare und nicht erzählte Migrationsgeschichten. Auch Biografie und insbesondere die Verknüpfung mit Positionierungen sowie die hegemonie- und dominanzkritische Perspektive auf familiale Aushandlungsprozesse im Kontext von Migration werden theoretisiert und reflektiert. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Reflexion von Bildung und (Erwerbs-)Arbeit in der Migrationsgesellschaft, der sich nicht nur in den theoretischen Bezügen, sondern auch in den vorgestellten Fallanalysen und in übergreifenden Analysen zeigt. Auch hier wird der Blick auf strukturelle Ungleichheiten, Zuschreibungen und Positionierungen gerichtet, um im Rahmen der Untersuchung zu analysieren, wie diese von Familien verhandelt und welche entsprechenden familiären Strategien entwickelt werden.

Auf methodologische Ausführungen und eine Kontextualisierung und deskriptive Annäherung an die sechs Forschungsorte (je zwei Stadtviertel in je einer Großstadt in Deutschland, Österreich und der Schweiz) folgen Fallanalysen, die auch das analytische Vorgehen illustrieren. Anhand der Vorstellung von vier Familien und der Auswertung von Interviews, die mit verschiedenen Familienangehörigen geführt wurden, werden induktiv zentrale familial ausgehandelten Themen und ihre Bedeutungen herausgearbeitet, kontextualisiert und diskutiert. Über die Themenfelder (u.a. Fluchterfahrungen, Arbeit und Berufstätigkeit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, Erziehung und Bildung sowie Transnationalität) zeigt sich bereits die Komplexität und Vielfalt familialer Lebensbedingungen, Konstellationen, Bedeutungen und Handlungspraxen.

In der anschließenden Präsentation übergreifender Forschungsergebnisse werden fünf Fokussierungen vorgenommen.
Das empirische Material verweist in einer ersten Fokussierung darauf, dass Bildung im Rahmen familialer Kontexte zum einen als relevanter Aspekt für individuelle Entwicklung Bedeutung zugeschrieben wird (breit angelegte Bildungsverständnisse, die dem Umgang mit Ungewissheiten im Leben dienen, aber auch im Sinne von Selbstverwirklichung). Zum anderen wird Bildung als Mittel zur Qualifizierung betrachtet (als Grundstein für die berufliche Karriere, als Erleichterung für die Arbeitsmarktintegration). Die Autor_innen heben an dieser Stelle die hohe Bildungsaspiration der Interviewpartner_innen hervor – ein Befund, der auch von anderen Studien geteilt wird.

Die zweite Fokussierung thematisiert (Erwerbs-)Arbeit und problematisiert hier insbesondere strukturelle Verhältnisse der Nicht-Anerkennung von Bildungsabschlüssen, der Arbeit in Berufsfeldern, die nicht der eigenen Qualifikation entsprechen, der irregulären und illegalisierten Berufstätigkeit sowie rassistischer Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Die biografischen Narrative ermöglichen dabei, nicht nur die Folgen der Lebens- und Arbeitsbedingungen für Individuen und Familien nachzuzeichnen, sondern auch die Entwicklung von kreativen Umgangsweisen und Gegenstrategien sichtbar zu machen.

In einer dritten Fokussierung werden intergenerationale Bezüge und die Frage der Tradierung von Lebensstrategien thematisiert. Schwerpunkte sind hier die Analysen von Unterstützungsstrategien, Marginalisierungserfahrungen, Care-Arbeit sowie der Weitergabe von Bildungs- und Arbeitsorientierungen und genderbezogenen Werten.

Weitere Fokussierungen beziehen sich auf transnationales Leben und Migration als transnationales Familienprojekt sowie auf Positionierungen und Aushandlungsprozesse im städtischen Raum. Hier werden auch die Diskurse in und zu den Stadtteilen diskutiert, die von Bewohner_innen aufgegriffen und verhandelt werden.

Der Titel des abschließenden Kapitels („Von der Peripherie ins Zentrum – eine andere Sicht der Dinge“) liest sich als Programm: in der Untersuchung werden alltägliche Praktiken der Migration ins Zentrum gerückt, unter expliziter Einbeziehung dominanter gesellschaftlicher Verhältnisse – und auch in Abgrenzung zu (nach wie vor dominierenden) Forschungsansätzen zu Migration und Familie, die gesellschaftspolitische Verhältnisse ausklammern und Migrationsfamilien als Sonderfall untersuchen. Migrationsforschung, so die Kritik der Autor_innen, „die sich als Forschung über Migrant_innen versteht, ist nicht in der Lage, über eine nach ethnisch-nationalen Herkünften sortierte Analyse hinauszugehen“ (286). Anspruch einer kritischen Migrationsforschung indes sollte sein, der Komplexität migrationsbedingter Lebensverhältnisse gerecht zu werden. Eine kontrapunktisch-postmigrantische Lesart wird hier als sinnvolle Herangehensweise vorgestellt, die auch in der Analyse Anwendung gefunden hat. Dieser Ansatz strebt danach, hegemoniale Lesarten zu hinterfragen, gegenhegemoniale Perspektiven einzubringen und letztlich herausarbeiten und den Blick darauf zu richten, „was nicht der Fall ist“ (72).

Des Weiteren erfolgen an dieser Stelle (selbst-)kritische und (selbst-)reflexive Betrachtungen, die auch die eigene Herangehensweise im Rahmen der Forschungstätigkeit berücksichtigen. Herausforderungen zeigen sich beispielsweise dann, wenn die zentralen Begriffe, auf die in der Studie Bezug genommen wird, mit normativen Zuschreibungen belegt sind. Zu problematisieren sei ebenso die potenzielle Adressierung und Anrufung von Teilnehmer_innen als „Migrationsandere“: Einerseits ist die Forschung darauf angewiesen, mit bestimmten zuschreibenden und auf Differenzlinien basierenden Begriffen zu arbeiten, andererseits werden dadurch diese Zuschreibungen reproduziert. Hier zeigen sich kaum auflösbare Spannungsfelder, welche im Rahmen von hegemonie- und dominanzkritischer Forschung offenzulegen, bewusst zu machen und in Bezug auf die Wirkmächtigkeit zu reflektieren und zu befragen sind. Diesen Ansprüchen an die eigene Forschungstätigkeit werden die Autor_innen – nicht zuletzt durch die transparente Darstellung eigener Auseinandersetzungsprozesse – durchaus gerecht.

LebensWegeStrategien stellt einen wichtigen, wenn nicht unverzichtbaren Beitrag dar, um einerseits Defizite in der Migrations- und Familienforschung auszugleichen und neue Forschungsergebnisse einzubringen und andererseits nachvollziehbar und theoriegeleitet darzulegen, wie alternative Forschungspraktiken umgesetzt werden können.
Ulrike Lingen-Ali (Oldenburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ulrike Lingen-Ali: Rezension von: Riegel, Christine / Stauber, Barbara / Yildiz, Erol: LebensWegeStrategien, Familiale Aushandlungsprozesse in der Migrationsgesellschaft. Opladen: Barbara Budrich 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 1 (Veröffentlicht am 22.03.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978384742117.html