EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember)

Donlic, Jasmin / Jaksche-Hoffman, Elisabeth / Peterlini, Hans Karl (Hrsg.)
Ist inklusive Schule möglich? Nationale und internationale Perspektiven
Bielefeld: transcript 2019
(312 S.; ISBN 978-3-8376-4312-1; 29,99 EUR)
Ist inklusive Schule möglich? Nationale und internationale Perspektiven Inklusive Bildung ist im letzten Jahrzehnt zu einem bedeutenden Thema auf der bildungspolitischen Agenda vieler europäischer Staaten avanciert. So haben sich, nicht zuletzt durch die mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention erwachsenden Pflichten, viele Staaten (in unterschiedlicher Intensität) bemüht, ihre Bildungssysteme inklusiver zu gestalten. Mit den zunehmenden Implementierungsversuchen inklusiver Bildung geht mit Beginn der 2010er Jahren auch eine Konjunktur der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik einher. Dabei erfolg(t)en, insbesondere seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts, theoretische als auch empirische Unternehmungen, welche sich innerhalb des so genannten ‚breiten Verständnisses‘ von Inklusion verorten. So geht es nicht bloß um den gemeinsamen Unterricht von Schüler/-innen mit und ohne Behinderung, sondern um eine Überwindung der in eine solche Zielsetzung eingelagerten Dichotomie sowie die ermächtigende Bearbeitung der wirkmächtigsten Differenzkonstruktion der Moderne, z.B. im Kontext von gender, ‚race‘, ‚class‘, sexueller Orientierung, Religion und eben auch dis/ability.

Der vorliegende, von Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman und Hans Karl Peterlini herausgegebene Sammelband nimmt sich dieser bildungspolitischen und inklusionstheoretischen Entwicklungen an und versucht, eine Art internationale Zusammenschau rezenter wissenschaftlicher, bildungspolitischer als auch pädagogischer Entwicklungen vorzunehmen. Als Struktur dieser Unternehmung dient die bereits im Titel des Werks vorgetragene Fragestellung, ob eine inklusive Schule überhaupt möglich sei. Dies mag die mit dem Themenfeld vertrauten Leser/-innen zunächst irritieren, schließlich wurde diese Frage wissenschaftlich längst (positiv) beantwortet. Beim Lesen der Einleitung löst sich diese anfängliche Verwunderung allerdings auf, wird die Fragestellung doch insofern präzisiert, als der Fokus auf das Wie verengt wird, also den Modi, Kontexten und Bedingungen, die es braucht, um inklusive Bildung Realität werden zu lassen. Aufgrund der Komplexität des Gegenstandbereichs schicken die Herausgeber/-innen am gleichen Ort vorweg, dass ein solches Anliegen gezwungener Maßen fragmentarisch bleiben müsse und es sich daher bei den im Band versammelten Beiträgen um Streif- und Blitzlichter handele, die um die erwähnte Fragestellung kreisen.
Das Buch enthält insgesamt 16 auf Deutsch sowie Englisch verfasste Beiträge und gliedert sich in drei Bereiche.

Im ersten Teil, welcher die Überschrift „Theoretische Grundlagen“ trägt, nehmen Patricia Stošić und Isabell Diehm in ihrem Text zunächst einen ertragreichen Vergleich der gesellschaftstheoretischen Annahmen zu Integration und Inklusion im Kontext von Migration vor – um dann nachzuzeichnen, wie beide Termini in bildungspolitischen sowie pädagogischen Feldern aufgeladen werden. Die dabei erzielten Befunde werden schließlich in Relation zu Diskursen zu Integration und Inklusion im Kontext von Behinderung gesetzt. Hans Karl Peterlini lotet im zweiten Beitrag des Teils in Referenz auf phänomenologische Bezüge von Georges Canguilhem und Peter Gstettner Möglichkeiten für einen Perspektivenwechsel von selektiven Normalitätsvorstellungen zu einem inklusiven ‚So Sein‘ aus.

Der zweite Teil des Bandes ist mit „Strukturelle Fragestellungen und Bedingungen“ betitelt. In diesem Teil finden sich Diagnosen zum Stand der Implementierung inklusiver Bildung für Österreich (Ewald Feyerer) mit Blick auf Kärnten (Ernst Kočnik et al.), Italien (Dario Ianes et al.) sowie der Schweiz (Niels Anderegg) – wobei stets die Frage mitgeführt wird, aufgrund welcher Sachverhalte eine breitere Umsetzung behindert wird. Diese Fokussierung wird durch zwei weitere Artikel mit zusätzlichen Aspekten ergänzt. Michelle Proyer und Kolleg/-innen gewähren interessante Einblicke in die ‚teil-partizipative‘ Entwicklung des mittlerweile berühmt gewordenen Zertifikatskurses für Lehrkräfte mit Fluchthintergrund an der Universität Wien – und setzen dieses Format in Relation zu ähnlichen Qualifizierungsmaßnahmen aus anderen europäischen Ländern. Bettina Fritsche und Andreas Köpfer widmen sich der kulturvergleichenden Rekonstruktion der Interviews von Assistenzkräften in inklusiven schulischen Settings in Deutschland, Großbritannien und Kanada. Wie die beiden Autor/-innen eindrucksvoll aufzeigen, sind die professionellen Praktiken länderübergreifend von einem eigensinnigen Ringen um Autonomie in unterschiedlich konturierten, heteronomen Strukturen geprägt.

Die bereits in den beiden vorigen Teilen festzustellende, inhaltliche Heterogenität stellt sich schließlich im dritten Teil, der die Überschrift „Feldbezüge und Praxiserfahrungen“ trägt, noch deutlicher dar. Herausgeberin Elisabeth Jaksche-Hoffman stellt ihre Arbeit mit phänomenologischen Vignetten in der Lehrer/-innenbildung zu inklusiver Pädagogik vor. Simon Reisenbauer vergleicht Lehrer/-innenperspektiven auf den inklusiven Unterricht in Addis Ababa und Bangkok. Peter Holzwarth und Kolleg/-innen berichten zu zwei Projekten, in deren Rahmen die Life Skills von Schüler/-innen aus Roma-Communities bzw. jungen Personen mit Fluchthintergrund durch die Verwendung von digitalen Medien gefördert werden sollen. Als besonders ansprechend erweist sich der Beitrag von Yalız Akbaba und Anja Hackbarth, die unter einer Perspektivierung, welche theoretische Elemente aus den Disability und Cultural Studies ertragreich kombiniert, zwei Fotogramme aus unterschiedlichen Kontexten inklusiver Bildung mit einer bemerkenswerten Schärfe und Eloquenz analysieren. Des Weiteren finden sich Texte zur Entwicklung inklusiver Bildung im Kontext indigener Bevölkerungsgruppen in Kanada (Marianne Vardalos), undokumentierter Migrant/-innen in den Vereinigten Staaten (Emina Osmandzikovic), Barrieren zur Umsetzung inklusiver Bildung in Bosnien-Herzegowina (Jasmin Donlic) sowie ein weiterer Beitrag, der sich der Diskriminierung von Schüler/-innen aus Sinti- und Roma Familien in Kroatien annimmt (Martina Jalšovec).

Insgesamt ist zum Sammelband zu konstatieren, dass dieser viele interessante Einblicke in aktuelle theoretische, bildungspolitische sowie praxisbezogene Entwicklungen auf internationaler sowie (von einem österreichischen Standpunkt aus betrachtet) nationaler Ebene ermöglicht. Zu würdigen ist insbesondere, dass es den Herausgeber/-innen sehr gelungen ist, durch die Vielzahl an unterschiedlichen Aspekten und Problematisierungen verschiedener Differenzkonstruktionen tatsächlich dem vielfach beschworenen, aber nur selten überzeugend in Form von Publikationen repräsentierten, ‚breiten Verständnis‘ von Inklusion zu entsprechen. So weist der Band, wie weiter oben bereits markiert, ein gewisses Maß an Heterogenität auf, wobei die gewählten Topoi durchaus als bedeutend und die Qualität der Beiträge überwiegend als bereichernd erachtet werden können.

Gleichzeitig führt diese Heterogenität allerdings auch zu einigen Problemen. Zum Beispiel erscheint die vorgenommene Zuordnung von Artikeln in die erwähnten drei Teile, nicht immer als ganz schlüssig. Diesbezüglich hätte eine differenziertere Einteilung der Teile sowie eine auf inhaltliche Homogenität abzielende Einordnung von Artikeln zu einer stringenteren Struktur sicherlich beigetragen. Zweitens drängt sich beim Lesen und der Zusammenschau des Sammelbands mitunter die Frage auf, ob durch eine gezieltere bzw. präzisere inhaltliche Fokussierung die Qualität des Sammelbandes noch gesteigert hätte werden können – anstatt in die Breite zu gehen. Zwar steht jeder Beitrag gewissermaßen ‚für sich‘. Aufgrund der zu Beginn der Rezension skizzierten Konjunktur und auch Unübersichtlichkeit des Feldes hätte eine Vertiefung spezifischer Schwerpunkte allerdings wahrscheinlich eine reizvolle Alternative dargestellt. Die inhaltliche Klammer, die Frage nach dem Wie der Ermöglichung inklusiver Bildung, wird von den Autor/-innen schließlich mal mehr, mal weniger gewinnbringend aufgegriffen.

Insgesamt handelt es sich bei dem Sammelband von Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman und Hans Karl Peterlini um ein Werk, das viele interessante Einblicke in unterschiedliche Terrains der Inklusionsforschung gibt und als Ressource für verschiedene Kontexte der Lehre im Bereich der inklusiven Bildung eingesetzt werden kann.
Tobias Buchner (Linz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Tobias Buchner: Rezension von: Peterlini, Jasmin Donlic, Elisabeth Jaksche-Hoffman, Hans Karl (Hg.): Ist inklusive Schule möglich? Nationale und internationale Perspektiven. Bielefeld: transcript 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 5 (Veröffentlicht am 22.12.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383764312.html