EWR 18 (2019), Nr. 3 (Mai/Juni)

Juliane Karakayali / Çagri Kahveci / Doris Liebscher / Carl Melchers (Hrsg.)
Den NSU-Komplex analysieren
Aktuelle Perspektiven aus der Wissenschaft
Bielefeld: Transcript 2017
(238 S.; ISBN 978-3-8376-3709-0; 29,99 EUR)
Den NSU-Komplex analysieren Zahlreiche Publikationen sind seit der Selbstenttarnung des sog. Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) veröffentlicht worden. In diesen wurde versucht, die Umstände der Mordserie des Trios zu rekonstruieren und ihr Unterstützer*innennetzwerk aufzudecken sowie das Versagen des Verfassungsschutzes in der Angelegenheit ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rücken. Die Besonderheit des vorliegenden Sammelbands ergibt sich jedoch zweifellos aus dem Umstand, dass er sich nicht zur Aufgabe gemacht hat, den NSU-Komplex aus einer interdisziplinären, wissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten, sondern die Versäumnisse der Wissenschaft selbst zum Ausgangspunkt der Analyse macht, indem die Wirkungsweisen der Wissenschaft selbst auf den NSU-Komplex bearbeitet, sowie Defizite benannt und Hindernisse bei der Aufklärung zur Diskussion gestellt werden.

Vorausgegangen war der Publikation eine Konferenz, die im Dezember 2015 unter dem Titel „Blinde Flecken. Interdisziplinäre Perspektiven auf den NSU“ in Berlin stattgefunden hat. Diese wollte den NSU nicht allein den Strafverfolgungsbehörden und Untersuchungsausschüssen der Parlamente überlassen, sondern ihn mit einem praxisnahen Anspruch zum Gegenstand der Wissenschaft machen. Entsprechend thematisieren kulturwissenschaftliche, soziologische, linguistische, politik- und rechtswissenschaftliche Forschungsarbeiten bislang vernachlässigte Perspektiven in der wissenschaftlichen Herangehensweise an die Thematik. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse, wie sich die einzelnen Disziplinen begünstigend auf den NSU-Komplex auswirkten, fallen erschreckend aus. So wurde der NSU-Komplex zwar bislang vor allem aus der Perspektive der (Rechts-)Extremismusforschung beleuchtet, aber auch diese, so betonen gleich mehrere Beiträge, weist zahlreiche Defizite auf. Insbesondere Massimo Perinelli macht deutlich, dass „bevor also darüber debattiert werden“ könne, „wie eine Forschung zum NSU aussehen sollte, […] erst mal entschieden werden“ müsse, „welche Wissensbestände dafür zu Grunde gelegt werden können und welche nicht“ (154). Das über die Geheimdienste entstandene Wissen über Rassismus und Neonazismus, auf welches sich nicht selten auch Wissenschafter*innen beziehen, nennt er „korrumpiertes Wissen“, da es „das Wissen derjenigen, die rassistischer Gewalt ausgesetzt sind“ (146), verdränge und überlagere. Die bereits vielseitig kritisierte Extremismusforschung, die das Mitwirken und die Verbreitung von Ideologien der Ungleichheit in der Mitte der Gesellschaft ausspart, aber auch die Sozialpädagogik, die ausgehend von dem Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit Mitte der 1990er vielfach rechten Jugendlichen die Möglichkeit bot, rechte Räume und Strukturen aufzubauen, weisen demnach bis heute große, unaufgearbeitete Versäumnisse auf. Aber auch die rassistischen Ermittlungspraxen der Polizeibehörden, die in den Kreisen der Opfer und Betroffenen recherchierten, müssen in Zusammenhang mit dem Fokus auf Gewalt, Kriminalität und Fundamentalismus unter als migrantisch ausgemachten Personen im Kontext der Migrationsforschung gesehen werden.

Zu weiteren zentralen Kritikpunkten der einzelnen Beiträge zählen darüber hinaus u.a. der Täter_innenfokus in der Berichtserstattung, die die „wichtige Rolle von Angehörigen, Rechtsanwält*innen und Zivilgesellschaft für die Aufklärung von rassistischen Gewalttaten“ (18) weitgehend aussparte. Doris Liebscher zeigt zudem in ihrem Beitrag die Grenzen des Justizsystems selbst auf, indem sie deutsche Gerichte als rassistisch vorstrukturierte Räume und rassistische Praxen in den Gerichten in den Blick nimmt, in denen „migrantische Stimmen [...] nicht ermutigt, sondern zum Schweigen gebracht“ (98) werden. Derya Gür-Şeker, Kristina Lamers, Sarah Malzkorn, Dilek Saka, Manuela Stöneberg und Tim Wübbels analysieren in einem weiteren Beitrag die Aussageabsichten und Benennungspraktiken anhand der spezifischen Wortwahl, die während der Verhandlungen benutzt wird. Eindrücklich wird dabei aufgezeigt, wie Diskriminierungen im Gerichtssaal durch Sprache transportiert und verstärkt werden. Der Beitrag „Von Solingen zum NSU“ von Çağrı Kahveci und Özge Pınar Sarp wiederum kontextualisiert die Morde des NSU als Fortsetzung einer großen Zahl rassistischer Morde seit den 1980er Jahren und der rassistischen Pogrome nach der deutschen Vereinigung. Auch Mängel, wie das weitgehende Fehlen kritischer Rassismusforschung sowie einer systematischen Aufarbeitung der durch das unermüdliche Engagement zahlreicher Aktivist*innen gesammelten Informationen (beispielsweise durch Prozessbeobachtung), aber auch Defizite im Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis werden eindringlich benannt. So zielen die einzelnen Analysen nicht zuletzt auf eine Reflexion der Verstrickungen der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen und Wissenschafter*innen in die rassistischen gesellschaftlichen Verhältnisse ab. Entsprechend fordern sie ein, die verwendeten Begrifflichkeiten, Analysemuster sowie das Wissen, auf dem bisherige Forschungsarbeiten aufbauten, ebenfalls als Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Narrative und hegemonialer, diskriminierender Denkmuster zu betrachten. Durch Nichtthematisierungen tragen auch sie dazu bei, dass Vergessenes, Verdrängtes und Verschwiegenes nicht in wissenschaftliche Auseinandersetzungen integriert werden. Das „Nicht-Wissen-Wollen“ (60) findet sich jedoch nicht nur in der Wissenschaft. So zeigen Ayşe Güleç und Johnna Schaffer in ihrem Beitrag, dass gerade in der Berichtserstattung über den NSU selten Empathie für Betroffenen vermittelt wird. Die damit verbundene Ignoranz, werten sie als eine spezifische gesellschaftliche Ausdrucksform von Rassismus, obgleich Empathie mit den Betroffenen eine wichtige gesellschaftliche Ressource sein könnte und müsste. Um dieser Unfähigkeit zur Empathie entgegenzuwirken, skizzieren die beiden Autor*innen Strategien wie beispielsweise den kollektiven Schmerz sichtbar zu machen, öffentliches Sprechen der Betroffenen zu ermöglichen, Bilder der Betroffenen zu zeigen oder auch Gedenkveranstaltungen abzuhalten und auf diesem Wege das Silencing zu durchbrechen. Darüber hinaus wird der Blick auch auf Widerstandsformen gegen hegemoniale Narrative des Verschweigens und Vergessens gerichtet. Am Beispiel der Familie Yozgat aus Kassel wird nachgezeichnet, welcher Vehemenz und Hartnäckigkeit es bedurfte, um gesehen und gehört zu werden. Der Sammelband inkludiert – wenn auch etwas unvermittelt – zudem auch internationale Perspektiven und so skizziert Eddy Bruce-Jones in seinem Beitrag die Wichtigkeit einer unabhängigen Rassismusforschungs- und Dokumentationsstelle nach dem Vorbild des britischen Institute of Race Relations (IRR). Daniel Holder wiederum verdeutlicht am Beispiel des Nordirlandkonflikts die Verstrickungen („Kollusion“) zwischen Sicherheitsbehörden und paramilitärischen Einheiten.

Letztlich machen die 14 Beiträge von 20 Autor*innen auch deutlich, welchen Beitrag die Wissenschaft zur Aufklärung der vom NSU begangenen brutalen Mordserie leisten könnte. Als konkrete Strategien wird beispielsweise gleich von mehrere Autor*innen die Überfälligkeit und Wichtigkeit genannt, „Wissen aus den politischen Bewegungen des Antirassismus und Antifaschismus sowie das migrantisch situierte Wissen“ (10) in die anerkannten Wissensbestände und damit auch als Basis der Forschung und Wissenschaft zu integrieren. Somit wird deutlich, dass das entsprechende Wissen vorhanden ist, es jedoch an der Wissenschaft läge, dieses zu systematisieren und zu archivieren, um es nutzbar zu machen. Als kleines Manko des Sammelbands kann das weitreichende Aussparen der Thematisierung pädagogischer Fragestellungen in Hinblick auf den NSU-Komplex gewertet werden, da es gerade auch in der Bildungswissenschaft und hier insbesondere der politischen Bildung dringend vonnöten wäre, sich mit Fragen der Vermittlung der Geschichte und Bedeutung des NSU im schulischen Kontext, in der Demokratiebildung, Citizenship Education und Präventionsarbeit zu beschäftigen und bisherige Defizite zu benennen.

Gerade auch in Hinblick auf das nahende Ende des NSU-Prozesses in München verdeutlicht sich die Aktualität des Sammelbands, der nicht nur eine wichtige Ergänzung und Erweiterung zu den bisher erschienenen Publikationen darstellt, sondern dessen wertvolle Denkanstöße und innovative Perspektiven weit über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex hinausreichen.
Judith Goetz (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Judith Goetz: Rezension von: Karakayali, Juliane / Kahveci, Çagri / Liebscher, Doris / Melchers, Carl (Hg.): Den NSU-Komplex analysieren, Aktuelle Perspektiven aus der Wissenschaft. Bielefeld: Transcript 2017. In: EWR 18 (2019), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.07.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383763709-1.html