EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember)

Philipp Müller
Geschichte machen
Historisches Forschen und die Politik der Archive
Göttingen: Wallstein 2019
(517 S.; ISBN 978-3-8353-3599-8; 44,90 EUR)
Geschichte machen Archive als Orte der Wissensaufbewahrung und -aggregierung und somit auch als Vorbedingung oder gar Akteure im Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion anzusehen, hat seit einigen Jahren Konjunktur (1). Die von Philipp Müller als gekürzte Version seiner Habilitationsschrift vorgelegte Monografie untersucht in einer dezidiert historischen Perspektive Archivpraktiken im 19. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund seiner Befunde stellt er harte Zäsuren und etablierte Narrative bezüglich der Geschichte der Archive sowie der Historiographie überzeugend in Frage, wonach die Erweiterung des institutionellen Aufgabenfeldes der Archive um eine historische Nutzung zäsurhaft mit der Französischen Revolution oder mit abstrakten Reformideen von ‘oben’ verbunden war. Leitend für die Studie ist die Frage nach «der Rolle und Bedeutung von Archiven bei der Verfertigung historischen Wissens im 19. Jahrhundert» (16). Analysiert werden die «institutionellen Bedingungen, unter denen Archivmaterial zu historischen Forschungszwecken eingesehen werden konnte» (16).

Im Zentrum von Müllers Untersuchung steht somit die langsame und im Zuge eines «politisch-gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses» (16) erfolgte Öffnung der zunächst als rechtspolitische Institutionen positionierten Archive auch für Anliegen historisch Forschender im Laufe des 19. Jahrhunderts. Entsprechend setzt seine an den Beispielen Preußens und Bayerns stringent entwickelte Argumentation mit der Darstellung des Archivs als rechtspolitische Institution ein, die wesentlich durch die aus der frühneuzeitlichen Arkanpolitik tradierte Sekretierung von Material charakterisiert war. Das Verständnis der Archive als Orte geheimer Sammlungen von rechtspolitischen Beweisen blieb über das gesamte 19. Jahrhundert bestehen und wies den Archiven eine zentrale Funktion bei der rechtlichen und herrschaftspolitischen Absicherung eines Landes zu. Die Archivpraktiken umfassten zunächst denn auch vor allem das Sammeln, Erweitern und Ordnen von Rechtsbeweisen, um Anfragen von Regierungen und Verwaltungen möglichst rasch und fundiert bearbeiten zu können.

Diesem originären Zweck des Archivs und insbesondere der Maxime der Geheimhaltung liefen die im Laufe des 19. Jahrhunderts vermehrt aufkommenden Anfragen um Einsicht in das Aktenmaterial zunächst zuwider. Historisch Forschende und Gelehrte mussten als Bittsteller auftreten. Erfolg war ihnen keineswegs immer beschieden, und auch wenn ihre Suppliken Gehör fanden und Akteneinsicht gewährt wurde, blieb diese stets punktuell. Vorgelegt wurden Archivmaterialien erst nach der Zensur durch die Archivare und auch die im Archiv angefertigten Exzerpte der Forschenden wurden einer Nachzensur unterzogen. Dennoch etablierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt auch aus einem staatlichen Interesse an einer «patriotische[n] Geschichtsschreibung» (197) heraus eine Archivnutzung, die historische Forschung zusehends mit einschloss.

Wie dieser dynamische Prozess ablief, untersucht Müller in neun Kapiteln, die wiederum in drei Hauptteile gegliedert sind. Die Studie fußt hauptsächlich auf der Quellengrundlage des Schriftgutes von Archivverwaltungen und Regierungen, aber auch der Akademien der Wissenschaften in Münchner und Berliner Archiven. Daneben werden zudem persönliche Briefe der historisch Forschenden sowie ihre historischen Studien herangezogen.

Ein erster Teil der Monografie stellt das Archiv als rechtspolitische Institution vor und diskutiert u. a. das Sammeln und Ordnen von Archivmaterialien oder die alltägliche Nutzung der Archive. Dabei wird auch weniger Offensichtliches beleuchtet: etwa die Lichtverhältnisse, die die alltägliche Arbeit der Archivmitarbeiter beeinflussten, oder die neben den Archivaren tätigen «(un-)sichtbaren ‘Techniker’», die mit der Reinigung oder Heizung der Archive beauftragt waren (120; 126). Müller arbeitet in diesem Teil vor allem drei für die Archive charakteristische Elemente heraus: zentral sei, dass sie eine rechtssichernde Funktion für Staat und Gesellschaft innehatten, durch die Regierungsbehörden kontrolliert und verwaltet wurden, und dass ein kleiner, streng hierarchisch geordneter Personalbestand ihren Geschäftsbetrieb trug (S. 132).

Im zweiten und umfangreichsten Teil der Studie werden aufkommende Forderungen nach einer Öffnung der Archive untersucht. Mit einem starken Fokus auf Praktiken werden beide Seiten, also sowohl die Bittsteller als auch die Archive, in den Blick genommen. Zur Darstellung kommen so die in der Tradition der frühneuzeitlichen Supplikationen gestellten Bittgesuche um Archivnutzung historisch Forschender oder das Lobbying bei einflussreichen Akteuren, welche das Bittgesuch unterstützen sollten. Auf Archivseite werden die administrative Prüfung der Gesuche, aber auch Investigationen zur Persönlichkeit der Gesuchsteller beleuchtet. Müller verweist hier auf das Paradox, dass das Supplizieren kein verbürgtes Recht und somit von der willkürlichen Gnade des Fürsten abhängig war, so dass die das traditionelle Archivverständnis herausfordernde Praxis des Supplizierens dasselbe gleichzeitig auch zementierte – konnte der Fürst doch gerade mit dem Entscheid über die Bittgesuche die Oberaufsicht über die Archive und somit die arcana imperii bewahren. Mit dem Fokus auf Archivpraktiken gelingt es Müller in den beiden ersten Teilen der Studie herauszuarbeiten, wie beharrlich ältere Traditionen fortbestanden, so dass gerade mit dem Rückgriff auf die frühneuzeitliche Supplikationspraxis die zäsurhafte Deutung der Französischen Revolution als «Ursprung für ein grundlegend neues Verhältnis zwischen Archiven und historischer Forschung um 1800» (417) kaum mehr plausibel erscheint. Damit stützt Müller Befunde der Neuzeithistorikerin Sylvia Paletschek, wonach die Humboldt’sche Universitätsreform in Preußen eine «invention of tradition der Gelehrten zu Beginn des 20. Jahrhunderts» sei (32).

Der dritte Teil der Studie diskutiert schließlich die Wechselwirkung von Archivpolitiken und Historiographie. Der vordergründige Antagonismus von auf Sekretierung beruhender Staatsreputation, öffentlicher Ordnung und einer auf persönlicher Akteneinsicht fußenden Historiografie wird aufgelöst und gezeigt, wie die Zusammenarbeit von politischen und wissenschaftlichen Akteuren letztlich sowohl der Politik als auch der Geschichte zu mehr Legitimation verhalf. Der Band enthält schließlich ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister. Abbildungen werden dort eingesetzt, wo sie auch inhaltlich einen Zugewinn darstellen.

Gerne mehr erfahren hätte man über den Ausschluss von Frauen aus den Archiven und den Folgen für weibliche Forschungstätigkeit, zumal sowohl in der Einleitung als auch im Schlussteil der Studie darauf verwiesen wird (23f.; 422). Insgesamt legt Müller aber eine sorgfältig durchdachte, klug aufgebaute und quellengesättigte Studie vor, die nie die große Argumentationslinie verliert und es auch versteht, fast anekdotenhafte Details wieder darauf zu beziehen. So erfährt man etwa, dass im Geheimen Staats- und Kabinettsarchiv in Preußen ein einziger Sitzplatz für alle historisch Forschenden zur Verfügung stand und somit später so renommierte Historiografen wie etwa Leopold von Ranke oder Johann David Erdmann Preuss mit weiteren Herren um die Nutzung buhlen mussten (342). Die evozierte Vorstellung ist witzig und verweist zugleich auf einen wichtigen Punkt der Argumentation: Die räumliche Situation in vielen Archiven war eben nicht auf eine öffentliche Nutzung ausgerichtet. Entsprechend wurden Benutzerzimmer oder Lesesäle vielerorts erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts installiert (373). Es wird deutlich, wie marginal die heute so selbstverständliche Archivrecherche im Zusammenhang mit historischer Forschung im 19. Jahrhundert zunächst war und wie sehr sich das Archiv vom naturwissenschaftlich genutzten Labor unterschied, in dem Experimente weitgehend unabhängig von Unterstützung und Wohlwollen von Regierung und Verwaltung nach wissenschaftlichen Kriterien geplant und durchgeführt werden konnten. Die von Müller vorgelegte Studie zu den Archivpraktiken des 19. Jahrhunderts ist auf jeden Fall eine lohnende Lektüre für alle, die entweder selbst historisch forschen oder sich für historische Forschung und Archivpolitik im 19. Jahrhundert interessieren.

[1] Z. B. Daston, Lorraine (2017): Introduction: Third Nature. In: Dies. (Hrsg.): Science in the Archives. Pasts, Presents, Futures. Chicago, London, S. 1-14, hier S. 2.
Andrea De Vincenti (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Andrea De Vincenti: Rezension von: Müller, Philipp: Geschichte machen, Historisches Forschen und die Politik der Archive. Göttingen: Wallstein 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 5 (Veröffentlicht am 22.12.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383533599.html