EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Werner Wiater / Nando Belardi / Franco Frabboni / Gerwald Wallnöfer (Hrsg.)
Pädagogische Leitbegriffe im deutsch-italienischen Vergleich
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2010
(367 S.; ISBN 978-3-8340-0692-9; 39,80 EUR)
Pädagogische Leitbegriffe im deutsch-italienischen Vergleich Im Zuge eines immer weiter zusammenwachsenden Europas soll auch die Zusammenarbeit im Bereich der Erziehungswissenschaft gefördert werden. Diesem Anspruch trägt beispielsweise die Europäische Kommission mit dem „Europäischen Glossar zum Bildungswesen“ Rechnung [1]. Auch das im Vorjahr erschienene „Handwörterbuch Erziehungswissenschaft“ [2] greift eine internationale Orientierung auf, die sich allerdings nur auf den englischen Sprachraum bezieht. Zudem gibt es Sprachwörterbücher zur erziehungswissenschaftlichen bzw. pädagogischen Fachsprache, die zu einer Internationalisierung des Faches beitragen wollen; unter anderem für Englisch, Französisch und Türkisch [3].

Auf die fortschreitende Einigung Europas wird auch im vorliegenden von Werner Wiater et al. herausgegebenen deutsch-italienischen Lexikon „Pädagogische Leitbegriffe“ verwiesen. Das Lexikon möchte einen Beitrag zu einer europäischen Öffnung der Erziehungswissenschaft leisten und einen Dialog zwischen italienischen und deutschen ErziehungswissenschaftlerInnen und PädagogInnen in Gang setzen, wie im Vorwort zu lesen ist. Das Buch selbst ist im Kontext einer Europäisierung der Erziehungswissenschaft entstanden und zwar im Austausch zwischen deutschen und italienischen WissenschaftlerInnen an der Fakultät für Bildungswissenschaften der mehrsprachigen Freien Universität Bozen. Aufgezeigt werden sollen in diesem Buch die jeweiligen nationalen Begriffsfärbungen der pädagogischen Fachterminologie in Deutschland und Italien. Der Band richtet sich an Studierende und Lehrende in Deutschland, die sich für die Erziehungswissenschaft in Italien interessieren und für deren Arbeit die Klärung der jeweiligen Bedeutung von Fachbegriffen eine Rolle spielt.

Anders als in Sprachwörterbüchern, wie etwa dem deutsch-türkisch-englischen Wörterbuch der Pädagogik, geht es im vorliegenden Band (der auch in einer italienischen Version erhältlich ist [4]) nicht um die einfache Übersetzung von Fachwörtern in eine andere Sprache, sondern darum, die unterschiedliche Bedeutung von erziehungswissenschaftlichen Begriffen im deutschen und italienischen Sprachraum darzustellen. Hierbei werden nicht nur Begriffsdefinitionen geliefert, sondern darüber hinaus wird beispielsweise auch auf die jeweils landesspezifische Entwicklungsgeschichte oder Praxisrelevanz der Begriffe eingegangen. Dieser Ansatz erscheint durchaus sinnvoll, da manche Fachbegriffe im Deutschen und Italienischen zwar ähnlich klingen mögen, die semantische Färbung der Begriffe, deren Entwicklungsgeschichte usw. aber sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Das Buch umfasst 128 Stichwörter aus den Themengebieten Allgemeine Pädagogik, Schulpädagogik und Sozialpädagogik, wie im Vorwort des Bandes nur nebenbei erwähnt wird. Ob die Stichwörter nach einer bestimmten Systematik ausgewählt wurden wird leider nicht offengelegt. Zu jedem Stichwort gibt es zwei Erläuterungen, die jeweils von einem deutschen und von einem italienischen Autor geschrieben sind und für die Bedeutung des Wortes im jeweiligen Land stehen sollen. Die einzelnen Artikel sind je nach Stichwort unterschiedlich lang; so gibt es kürzere Artikel, die lediglich eine allgemeine Informationsaufgabe haben und längere Beiträge, die zumeist wie folgt unterteilt sind: „Begriffsdefinition“, „Entwicklungsgeschichte“, „Theoretische Positionen“, „Praxisrelevanz“, „Aktuelle Forschungspositionen“ und „Literatur“.

Die Texte sind jeweils in deutscher Sprache abgedruckt und auch die Stichwörter sind fast ausschließlich auf Deutsch vorzufinden. Das heißt, der Leser erfährt nicht, wie die erläuterten Begriffe auf Italienisch lauten. Dies stellt nicht nur eine Informationslücke dar, sondern kann vor allem dann zu Verwirrungen führen, wenn etymologische Erläuterungen in den Artikel eingearbeitet sind, die sich eigentlich auf das italienische Wort beziehen.

Im Vorwort des Bandes wird darauf hingewiesen, dass „der besseren Lesbarkeit wegen […] bewusst auf tiefere fachinterne Detaildiskussionen und auf ein großes Literaturverzeichnis verzichtet“ wurde. Es macht aber gerade die Schwäche des Lexikons aus, dass einige Artikel recht oberflächlich bleiben. Beispielsweise wird das Verhältnis der Begriffe „Erziehungswissenschaft“ und „Pädagogik“ im deutschen Sprachraum lediglich am Rande unter dem Stichwort „Allgemeine Pädagogik“ abgehandelt. Unter dem Begriff „Pädagogik“ ist nichts dazu zu finden und „Erziehungswissenschaft“ taucht unverständlicherweise überhaupt nicht als eigenes Stichwort auf.
Gemessen daran, dass dargestellt werden soll, was denn in Italien und Deutschland unter bestimmten Fachbegriffen verstanden wird, müsste in den Begriffsbeschreibungen des Bandes die jeweilige Diskussion wiedergegeben werden, die es zu bestimmten Stichworten gibt und dies unter Einbezug entsprechender Fachliteratur.

Ein expliziter Vergleich deutscher und italienischer Fachbegriffe, wie der Titel des Buches verspricht, findet nicht statt. Es stehen sich pro Stichwort lediglich die beiden Artikel gegenüber, in denen in den meisten Fällen weder auf den jeweils anderen Bezug genommen noch in irgendeiner Weise vergleichend argumentiert wird. Es bleibt also Sache des Lesers, konkrete Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Begriffe herauszuarbeiten.

Das Lexikon stellt aufgrund seines interessanten Ansatzes einen anregenden Beitrag für italienische und deutsche Forschende und Studierende dar, die geografisch bedingt oder aus Interesse an einer vergleichenden Erziehungswissenschaft mit sprachlichen Differenzen zu tun haben. Dem Anspruch, die jeweiligen nationalen Begriffsprägungen und die damit verbundenen Diskussionen darzustellen, wird das Buch jedoch nur teilweise gerecht. Bedauerlich ist vor allem, dass der im Titel versprochene Vergleich nur darin besteht, die jeweils nationalen Begriffsbestimmungen nebeneinander zu stellen. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Fachbegriffe hätten deutlicher gemacht werden können.

Zwar gibt es also noch einige Aspekte, an denen weitere Arbeiten ansetzen könnten. Der Anfang einer Verständigung über die landesspezifischen Begriffsfärbungen in Italien und Deutschland ist mit diesem Band jedoch gemacht.

[1] Eurydice, das Informationsnetz zum Bildungswesen in Europa (Hrsg.): Europäisches Glossar zum Bildungswesen. Band 1: Prüfungen, Abschlüsse und Titel. 2. Ausgabe. Brüssel 2004.

Eurydice, das Informationsnetz zum Bildungswesen in Europa (Hrsg.): Europäisches Glossar zum Bildungswesen. Band 2: Bildungseinrichtungen. 2. Ausgabe. Brüssel 2006.

[2] Sabine Andresen et al. (Hrsg.): Handwörterbuch Erziehungswissenschaft. Weinheim/Basel 2009.

[3] Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Wörterbuch der sozialen Arbeit: Deutsch - Französisch ; Französisch - Deutsch. Berlin 2009; Eurydice Europäische Informationsstelle: Europäisches Glossar zum Bildungswesen. Band 1-2. Brüssel 2004-2006; Peter Herrmann: Wörterbuch der sozialen Arbeit: Deutsch- Englisch; Englisch-Deutsch. Frankfurt a. M. 2002; Serap Şikcan / Wolfgang Dohrmann: Wörterbuch der Pädagogik. Berlin 2006.

[4] Franco Frabboni et al. (Hrsg.): Le parole della pedagogia. Teorie italiane e tedesche a confronto. Torino 2007.
Friederike Hoffmann (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Friederike Hoffmann: Rezension von: Wiater, Werner / Belardi, Nando / Frabboni, Franco / Wallnöfer, Gerwald (Hg.): Pädagogische Leitbegriffe im deutsch-italienischen Vergleich. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383400692.html