EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Antje Lange / Sophia Richter / Barbara Friebertshäuser (Hrsg.)
(An)passungen
K√∂rperlichkeit und Beziehungen in der Schule ‚Äď ethnographische Studien
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2010
(252 S.; ISBN 978-3-8340-0675-2; 19,80 EUR)
(An)passungen Die Beitr√§ge des vorliegenden Bandes entstanden im Zusammenhang des (Lehr-) Forschungsprojekts ‚ÄěK√∂rperinszenierungen im Jugendalter ‚Äď jugendliche und p√§dagogische Perspektiven‚Äú (2003-2006), das in einer 7. Klasse einer st√§dtischen Hauptschule stattfand.

Das Buch ist in drei Gro√ükapitel gegliedert. Zun√§chst entwickeln Barbara Friebertsh√§user und Sophia Richter vor dem Hintergrund des Habituskonzepts von Pierre Bourdieu eine theoretische Perspektive, in der sich der jugendliche Umgang mit dem K√∂rper fassen l√§sst. Die Autorinnen verweisen auf die Differenz von ‚ÄěK√∂rperkapital‚Äú im Vergleich zum √∂konomischen, kulturellen und sozialen Kapital, sind aber der Auffassung, dass der K√∂rper sehr wohl einen Tauschwert erlangen kann. Er scheint sogar gerade f√ľr jene eine wichtige Kapitalsorte darzustellen, die √ľber wenig andere Kapitalg√ľter verf√ľgen. Der Anschluss an Bourdieu evoziert Fragen nach der Stellung des (jugendlichen) K√∂rperkapitals als Ressource f√ľr soziales, aber weiterf√ľhrend auch f√ľr √∂konomisches Kapital, u.a. wenn das K√∂rperkapital als Kompensation f√ľr mangelndes kulturelles Kapital fungiert und Alternativkarrieren angestrebt werden.

Diese Fragen greifen die folgenden Beitr√§ge des Bandes kaum auf. Mit dem n√§chsten Beitrag wendet sich Sophie Richter einer Analyse (bildungs-)biografischer Zukunftsentw√ľrfe in der Hauptschule zu. Die Untersuchung basiert auf Experten-Interviews mit ausschlie√ülich Lehrerinnen und bildgest√ľtzten biografischen Interviews mit Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern. W√§hrend es den Lehrerinnen haupts√§chlich darum geht, dass ihre Sch√ľlerinnen und Sch√ľler den Hauptschulabschluss schaffen (da ein Scheitern h√§ufig mit sozialem Abstieg einhergeht), er√∂ffnet der erfolgreiche Abschluss der Hauptschule den Sch√ľler/inne/n nur wenig Spielraum zur Zukunftsgestaltung. Das hat zur Folge, dass diese sich gerade nicht an ihrer Bildungsbiografie sondern an einer ‚Äěallerorts pr√§sentierten Welt‚Äú orientieren, die ‚Äěindividuelle Wahlfreiheit‚Äú und ‚Äězahlreiche M√∂glichkeiten der Lebensgestaltung‚Äú offen l√§sst (81).

Antje Langer stellt anschlie√üend eine Analyse des k√∂rperlichen Bezugs in der Schule als Instrument p√§dagogischer Beziehungsarbeit vor. Daf√ľr wurden Daten aus der teilnehmenden Beobachtung von Unterrichtssituationen und aus Interviews mit Lehrerinnen ausgewertet. Sie belegen zum einen den hohen Stellenwert von K√∂rperkontakt im p√§dagogischen Bezug in der Hauptschule und zum anderen, dass Lehrerinnen offenbar nur mit Jungen (direkten) K√∂rperkontakt herstellen, w√§hrend sie ihn mit M√§dchen eher indirekt (durch Blicke) gestalten. K√∂rperkontakt wird von Antje Langer als ein p√§dagogisches Mittel charakterisiert, das √ľber eine spezifische Form der Beziehungsarbeit Individualit√§t schafft, wobei permanent Grenzziehungen im Rahmen von Professionalit√§t, Moralit√§t und Geschlecht zu beachten seien. Allerdings wird die K√∂rperlichkeit von Beziehungen m√§nnlicher Lehrpersonen zu Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern (mit erwartbar anderen Grenzverl√§ufen) hier gar nicht thematisiert. Antje Langer kritisiert die Rolle von K√∂rperlichkeit in der Hauptschule unter der Perspektive sozialer Ungleichheit: Indem die Lehrerinnen k√∂rperliche N√§he zulie√üen, die vielleicht gerade noch in der Grundschule angemessen w√§re, regrediere ‚Äěder‚Äú Hauptsch√ľler, ‚Äěindem er nicht die gleiche k√∂rperliche Distanziertheit kennenlernt und erf√§hrt wie ‚Äöder‚Äė sprachlich gewandte Gymnasiast, womit ihm eine bestimmte Art des sozialen Kapitals vorenthalten wird‚Äú (96). Dagegen ist zumindest einzuwenden, dass die Hauptsch√ľlerinnen, zu denen die Lehrerinnen ja offenbar ein k√∂rperlich distanzierteres Verh√§ltnis pflegen, auch nicht ‚Äď was ihre Aufstiegschancen betrifft ‚Äď besser dran sind. Au√üerdem scheint es auch Lehrerinnen zu geben (beschrieben ist eine Fachlehrerin), die k√∂rperliche N√§he nicht herstellen.

Der letzte Beitrag des ersten Kapitels (von Katja Stoetzer und Renate Hermann) st√ľtzt sich auf die Auswertung fotografischer Quellen, die mit Sequenzen aus Interviews mit Lehrerinnen und Sch√ľlerinnen und Sch√ľlern kontrastiert werden. Die theoretische Fragestellung, auf die hin das fotografische Material untersucht wurde, bezieht sich auf das Distanz-N√§he-Problem, d.h. wie P√§dagoginnen mit umgehen. Vermutlich aus rechtlichen Gr√ľnden wurde die f√ľr eine Einzelbildinterpretation gew√§hlte Fotografie im Abdruck verfremdet, was den Nachvollzug der Interpretation erschwert. Die Autorinnen lehnen sich zwar an das gestufte Verfahren der ikonografisch-ikonologischen Einzelbildanalyse an, jedoch tritt die Bildhaftigkeit der Aufnahme deutlich gegen√ľber der Rekonstruktion der kommunikativen Situation zwischen den Abgebildeten zur√ľck. Allerdings blieben die Kommunikation zwischen den Abgebildeten und der Fotografin (immerhin die Projektleiterin!) und auch der fiktive Dialog zwischen den Abgebildeten und den Adressaten, die diese offensichtlich im Blick hatten, ebenso unber√ľcksichtigt wie andere fotografische Perspektiven, etwa die von Sch√ľlern und Sch√ľlerinnen, die das Material offensichtlich bot. Damit wurden wesentliche Quellendimensionen der Fotografie f√ľr die Untersuchung nicht ausgesch√∂pft. Von daher konnten sowohl das Pl√§doyer f√ľr die Fotoanalyse als auch die Schlussfolgerungen in Bezug auf das untersuchte p√§dagogische Problem am Schluss nicht ganz √ľberzeugen.

Der zweite Teil des Bandes wird durch einen historischen Beitrag von Henriette Schmitz mit eher lockerem Bezug zum Thema des Bandes eingeleitet: Skizziert werden K√∂rpervorstellungen von der Aufnahme des antiken K√∂rper-Geist Duals durch Descartes √ľber die des 19. Jahrhunderts, der Lebensreform und des Nationalsozialismus bis hin zu aktuellen K√∂rperdiskursen.

Holger Adam wendet sich anschlie√üend der Frage zu, wie eine (erwartete) m√§nnliche geschlechtliche Identit√§t im ‚ÄěAkt des Sprechens‚Äú hervorgebracht und als ‚Äěeigene‚Äú inszeniert und best√§tigt wird. Dass dies trotz manch scharfsinniger Deutung im Detail nicht √ľberzeugend gelingt, hat offensichtlich mit der Wahl der Erhebungsmethoden zu tun. Wie der Autor selbst einr√§umt, erwies sich das Interview insofern als problematisch, weil die Sch√ľler permanent zum Reden animiert werden mussten. Der ‚ÄěAkt des Sprechens‚Äú, ein leiblicher Vorgang, bei dem sich durchaus Inszenierungen in Bezug auf Geschlecht beobachten lassen, braucht Entfaltungsspielr√§ume. Die vorgestellten Interviewsituationen mit einem 12j√§hrigen Sch√ľler vermitteln jedoch den Eindruck, dass letztlich durch gezieltes Fragen und auch durch den Einsatz von Bildern als Interviewimpuls Meinungen erhoben wurden, die sich dieser in Bezug auf ein (bipolares) Geschlechterkonzept bereits gebildet hatte. Insofern waren die eingestandene Entt√§uschung der Forscher/innen und das Gef√ľhl, dass die Interviewten vielleicht ‚Äědas Beste‚Äú f√ľr sich behalten h√§tten (167), wahrscheinlich methodisch organisiert.

Im dritten und letzten Beitrag dieses zweiten Teils setzt sich Marion Ott, sozusagen als Beobachterin zweiten Grades, mit den inneren Vorstellungen derjenigen auseinander, die die Daten im Feld erheben. Dazu geh√∂rt nach Ihrer Ansicht grundlegend eine bestimmte Vorstellung von ‚ÄěJugend‚Äú, eine ‚ÄěFigur‚Äú, deren historische und gesellschaftliche Konstruktionsweisen die Autorin in einem historischen Exkurs offenlegt. Anschlie√üend unterzieht sie die im Zuge des Projekts erhobenen Materialien einer Revision im Hinblick auf dieses Vorwissen. Hier zeigt sich nun aber, dass die eigenen (k√∂rperlichen) Erfahrungen der Forschenden mit Schule ihren Blick auf das Schulgeschehen st√§rker pr√§gen als etwa unterschwellig wirkende Bilder von Jugend. Zwar reflektiert Marion Ott die Bedeutung des institutionellen Rahmens der Schule, dass aber die Institution in einem langen historischen Prozess ein Repertoire professioneller Gesten, Rollen und k√∂rperlichen Verhaltensstandards und Disziplinierungstechniken hervorgebracht hat, die direkt auf den K√∂rper zielen und in denen sich die Machtverh√§ltnisse manifestieren, bleibt unber√ľcksichtigt. Sie sind jedoch verbunden mit Typisierungen und Zuschreibungen, die das Verhalten und die Erwartungen der am Forschungsprozess Beteiligten steuern.

Was am Ende mit Blick auf alle hier vorgestellten ethnografischen Untersuchungen und Beitr√§ge am wenigsten Kontur gewinnt, ist gerade das, was Thema sein sollte: K√∂rperlichkeit ‚Äď insbesondere die der Sch√ľlerinnen und Sch√ľler in der Schule. Dabei h√§tte man zumindest Beschreibungen ihrer allerorts beobachtbaren k√∂rperlichen Inszenierungen erwartet, mit denen sie auf die Zumutungen der Institution, der Lehrenden und deren Auftritte reagieren und √ľber die sie den p√§dagogischen Bezug mitgestalten, in denen sie aber auch ihre Individualit√§t und geschlechtliche Identit√§t in immer wiederkehrenden Performanzen und Ritualen ausformen und erproben. Dabei scheint das erhobene Material durchaus Zug√§nge zu solchen Auff√ľhrungen zu bieten, z.B. setzten sich offenbar Sch√ľler und Sch√ľlerinnen vor allem dann in Szene, wenn sie sich gegenseitig fotografierten (217).

Die Heterogenit√§t der Beitr√§ge macht eine Suchbewegung in Bezug auf die theoretischen Fragestellungen und das methodische Setting erkennbar. In Hinsicht auf das komplexe Thema K√∂rperlichkeit und p√§dagogischer Prozess stehen wir offenbar immer noch am Anfang. Insofern ist auch das letzte Kapitel des Bandes, in dem Sophie Richter und Antje Langer die Tore zur Forschungswerkstatt √∂ffnen und den Mut haben, Irrwege zu beschreiben und Fragen zur Diskussion zu stellen, die im Projekt (noch) nicht beantwortet werden konnten, f√ľr all jene wertvoll, die in diesem Feld forschen. Das abschlie√üende Pl√§doyer von Antje Langer und Barbara Friebertsh√§user f√ľr weitere Lehrforschungsprojekte im Allgemeinen und im Besonderen zum Thema K√∂rperlichkeit ist daher durchaus zu unterst√ľtzen.
Ulrike Pilarczyk (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ulrike Pilarczyk: Rezension von: Lange, Antje / Richter, Sophia / riebertsh√§user, Barbara F (Hg.): (An)passungen, K√∂rperlichkeit und Beziehungen in der Schule ‚Äď ethnographische Studien. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383400675.html