EWR 23 (2024), Nr. 2 (April)

Tobias Linnemann
Bildet Scham?
ZusammenhĂ€nge von Scham und Bildungsprozessen von weiß-mehrheitsdeutsch Positionierten bezĂŒglich ihrer Involvierung in rassistische VerhĂ€ltnisse
Berlin: Logos Verlag 2023
(528 S.; ISBN 978-3-8325-5299-2; 47,00 EUR)
Bildet Scham? Die Studie „Bildet Scham? ZusammenhĂ€nge von Scham und Bildungsprozessen von weiß-mehrheitsdeutsch [1] Positionierten bezĂŒglich ihrer Involvierung in rassistische VerhĂ€ltnisse“ von Tobias Linnemann widmet sich der Auseinandersetzung von PĂ€dagog:innen mit der eigenen Verstrickung in Rassismus. Linnemann geht davon aus, dass „in den Prozessen, in denen eine Auseinandersetzung mit Rassismus, Weißsein, und Privilegien stattfindet, Scham, die Vermeidung, Abwehr und Verarbeitung von Scham sowie Angst vor Scham eine Rolle spielen können“ (14). Der ambivalenten Rolle von Scham in rassismuskritischen Bildungsprozessen wird mit der Analyse von biographisch-narrativen Interviews mit weiß-mehrheitsdeutsch positionierten Menschen nachgespĂŒrt, die in diversen pĂ€dagogischen Feldern arbeiten. Der Autor reflektiert die Ergebnisse seiner Studie daher auch fĂŒr das Feld der politischen Bildung, in dem er sich selbst verortet.

Die Arbeit gliedert sich in Einleitung, fĂŒnf Kapitel und einen Schlussteil. Im ersten Kapitel wird der rassismustheoretische Rahmen der Studie (17) kenntnisreich ausgebreitet. Mit Peggy Piesche [2] verweist Linnemann zunĂ€chst auf die jahrhundertealte Tradition der Beobachtung und Kritik von weißer Hegemonie durch Schwarze Menschen und People of Color (18). Diese Wissensarchive sind fĂŒr Linnemann die Grundlage (10) fĂŒr weiße rassismuskritische Positions- und Selbstreflexionsprozesse. Die Analyse und Theoretisierung dieser Prozesse werden als Gegenstand der vorliegenden Studie formuliert. Der Autor arbeitet hierfĂŒr zunĂ€chst die deutsch- und englischsprachige wissenschaftliche Debatte zu Rassismus und Weißsein auf. Im deutschen Kontext, so resĂŒmiert Linnemann, sei Rassismus stark durch Tabuisierung geprĂ€gt (22). Ferner findet sich in dem Kapitel eine differenzierte Auseinandersetzung mit den „Uneindeutigkeiten von Weißsein“ und ein „PlĂ€doyer fĂŒr Ambivalenzen“ (57). Dabei geht es Linnemann nicht um eine essentialisierende Erforschung von weißen Menschen, sondern um die Erforschung einer Gruppe, die er durch die „Abwesenheit von persönlichen Rassismus- und Antisemitismuserfahrungen“ (59f.) definiert.

Im Anschluss daran widmet sich das zweite Kapitel der Scham. Tobias Linnemann definiert Scham mit Alfred SchĂ€fer und Christiane Thompson als „Reaktion auf das scheiternde VerhĂ€ltnis des Individuums zu seinem idealen Selbstbild“ [3] (100) und verbindet scham- und rassismustheoretische Erkenntnisse auf eine ĂŒberzeugende Weise. Er arbeitet mit Grada Kilomba [4] heraus, dass „weißen Subjekten [
] strukturell ein SelbstverstĂ€ndnis nahegelegt [wird], sich souverĂ€n zu wĂ€hnen und als Teil einer unmarkierten weißen Norm außerhalb rassistischer VerhĂ€ltnisse“ (109) zu verstehen. Diese Form der Subjektivierung erschwert oder verunmöglicht Selbst- und PositionsreflexivitĂ€t. Daher wird die Wichtigkeit des beobachtenden Anderen bei der Reflexion der eigenen machtvollen sozialen Position hervorgehoben, der dazu verhelfen kann „eine andere als die gesellschaftlich dominante und individuell gewohnte Perspektive auf sich zu gewinnen“ (ebd.).

Im dritten Kapitel widmet sich Linnemann der Beschreibung seiner methodischen und methodologischen Vorgehensweise. Die Studie basiert auf qualitativen Interviewdaten, die durch „themenzentrierte biographisch-narrative Interviews“ (142) erzeugt wurden. Die sechs Interviews wurden mit Personen gefĂŒhrt, die sich als weiß-mehrheitsdeutsch positionieren, einen akademischen Hintergrund haben und sich schon lĂ€ngere Zeit mit Rassismus und Weißsein beschĂ€ftigen (145). Die Interviewpartner:innen wurden durch Organisationen vermittelt, die sich politisch oder pĂ€dagogisch mit den Themen Rassismus, Weißsein oder (Post-)Kolonialismus“ (145) auseinandersetzen. Die Auswertung der Daten basiert auf dem Konzept der „Modellierung“ (150).

In Kapitel vier arbeitet Linnemann anhand von zwei detaillierten Fallrekonstruktionen „empirische Dimensionen von Scham weiß Positionierter“ (173) auf. Der Autor rekonstruiert zunĂ€chst die vorgenommenen Positionierungen, die er als SelbstentwĂŒrfe interpretiert und „im Hinblick auf den Gehalt bezĂŒglich idealer Selbstbilder“ (175) analysiert. Diesen idealen Selbstbildern, wie „weltoffen“ (175) und „kritisch“ (235), stellt er erzĂ€hlte Momente der Diskrepanz gegenĂŒber, die sich durch „scheiternde Übereinstimmung von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung“ (196) zeigen. Die Analyse von Linnemann illustriert, dass entgegen des eigenen idealen Selbstbildes, die zwei interviewten Personen im erzĂ€hlerischen RĂŒckblick „paternalistisch“ (196), „grenzĂŒberschreitend“ (199), â€žĂŒberheblich“ (204), mit „rassismusrelevanten Wahrnehmungen und Phantasien“ (241) sowie „machtvoll und kolonial“ (244) agierten. Diese dominanten und rassismusrelevanten Phantasien und Handlungsweisen wurden hĂ€ufig erst durch einschneidende und schamvolle Erfahrungen wie einem Kontaktabbruch von rassismuserfahrenen Personen (200) oder in nachgelagerten theorieinspirierten Reflexionsprozessen als problematisch verstanden und lösten krisenhafte Situationen aus.

Im fĂŒnften Kapitel nimmt Linnemann den Versuch einer „Systematisierung und Retheoretisierung von Scham weiß Positionierter“ (325) vor. Er unterscheidet zwei Varianten von Scham, die er einerseits „scheiternde Übereinstimmung von idealem Selbstbild und Handeln“ (326) und andererseits „scheiternde Übereinstimmung von Selbstkonzept und Wahrnehmung durch Andere“ (336) nennt. Bei ersterer Variante geht es um Scham, die entsteht, wenn es etwa um „eigenes rassistisches oder ĂŒberhebliches Handeln“ (327), „rassistische Wahrnehmung“ (329) und „Nichthandeln“ (332) in konkreten rassistischen Situationen geht. Dies wird hĂ€ufig erst im Nachgang der Situation bemerkt und schamvoll reflektiert. Den empirischen Bezug findet Linnemann bspw. in Metaphern, wie „im Boden versinken“ (103) oder in Vorhaben aus Scham, „kaum noch ins Ausland zu reisen“ (287). In dieser Variante von Scham wird gegen die „moralische normative Orientierung verstoßen“ (335), wodurch „eine Übereinstimmung mit dem idealen Selbstbild scheitert“ (335). Die zweite Schamvariante ist „unabhĂ€ngig von einem Bezug auf Handlungen oder Nichthandlungen“ (336). Hier geht es um die Erfahrung, dass und wie die eigene privilegierte Subjektposition und das eigene, auch rassistisch unterminierte Selbstkonzept aus einer rassismuserfahrenen Position betrachtet wird. Der damit beginnende Perspektivwechsel, „als weiß Positionierte im realen oder medial vermittelten Blick von Schwarz oder of Color Positionierten anders sichtbar“ (336) zu werden, eröffnet mit Grada Kilomba wichtige Fragen: „Who am I? How do others perceive me? And what do I represent to them?” [4].

Das sechste Kapitel der Studie dient zunĂ€chst der allgemeinen Theoretisierung von Scham, Bildung und Bildungsprozessen, ehe Linnemann in einem sehr lesenswerten Ausblick ĂŒber „Scham und politische Bildung zu Rassismus und Weißsein“ (430) reflektiert. Er spricht sich fĂŒr eine politische Bildung aus, die „gezielte BeschĂ€mung“ vermeiden „und unbeabsichtigtes Schamerlebnis berĂŒcksichtigen kann“ (431). FĂŒr Linnemann liegt in der Erfahrung von Scham von weiß Positionierten „das Potential von transformativen Bildungsprozessen“ (431) – ohne diese jedoch bewusst zu beschĂ€men. Um den konstruktiven Charakter von Scham zu ermöglichen, empfiehlt Linnemann fĂŒr Bildungssettings einen Rahmen, der „die Akzeptanz, Anerkennung, Reflexion und Begleitung von aktuellem und vergangenen Schamerleben möglich macht“ (433). Rassismuskritische politische Bildung dĂŒrfe sich aber nicht darauf beschrĂ€nken, RĂ€ume fĂŒr weiße Scham zu schaffen. Die anfĂ€ngliche BeschĂ€mung mĂŒsse mit Spivak [5] dazu fĂŒhren, die Komplizenschaft mit Rassismus anzuerkennen. Dadurch könnten weiße Menschen „nicht so viel Kraft darauf verwenden, sich fĂŒr ihr Weißsein, rassistische Gedanken oder Handlungen zu schĂ€men oder diese Scham abzuwehren, sondern [
] die Kraft fĂŒr proaktives Handeln auf[zu]wenden“ (444).

Tobias Linnemann sieht seine privilegierte Sprecherposition als Teil seiner AusfĂŒhrungen und Analysen. Im Text werden persönliche Augenblicke geteilt, wie etwa eigene Zweifel bezĂŒglich der Forschung aus seiner Positionierung heraus (60), oder eigene Erfahrungen mit Privilegien und Weißsein (99). Diese Herangehensweise zeigt die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand. Es ist ein besonderes Verdienst der Arbeit, eine grĂ¶ĂŸere KomplexitĂ€t in die Diskussion um weiße Scham gebracht zu haben. Linnemanns Untersuchung kann zeigen, dass Scham eben nicht nur aus einem moralischen Dilemma entsteht, sondern mit dem privilegiert positionierten Subjekt selbst zu tun hat. Subjektpositionen und Selbstkonzeptionen können nur begrenzt vom Subjekt selbst reflektiert und in noch geringerem Ausmaß verĂ€ndert werden. Dies fĂŒhrt mit Linnemann zur Notwendigkeit der Vorstellung eines „relativierten und reflexiven Handlungsvermögen[s]“ (449). Gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse können also nicht einfach verlassen werden. Die Involvierung macht uns aber auch nicht handlungsunfĂ€hig. Die Studie bietet sowohl fĂŒr die Wissenschaft als auch fĂŒr die Praxis politischer Bildung wichtige Erkenntnisse.

[1] Weiß und Weißsein werden als machtvolle soziale Konstruktionen „mit realen, nicht selten gewaltvollen RealitĂ€ten“ [2] verstanden.
[2] Piesche, P. (2009). Das Ding mit dem Subjekt, oder: Wem gehört die kritische Weißseinsforschung? In M. M. Eggers, G. Kilomba, P. Piesche & S. Arndt (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland (S.14–17). Unrast.
[3] SchĂ€fer, A., & Thompson, C. (2009). Scham: Eine EinfĂŒhrung. Schöningh.
[4] Kilomba, G. (2008). Plantation Memories. Unrast.
[5] Castro Varela, M., & Dhawan, N. (2015). Postkoloniale Theorie: Eine kritische EinfĂŒhrung. transcript.
Florian Ohnmacht (Innsbruck)
Zur Zitierweise der Rezension:
Florian Ohnmacht: Rezension von: Linnemann, Tobias: Bildet Scham?, ZusammenhĂ€nge von Scham und Bildungsprozessen von '''weiß'''-mehrheitsdeutsch Positionierten bezĂŒglich ihrer Involvierung in rassistische VerhĂ€ltnisse. Berlin: Logos Verlag 2023. In: EWR 23 (2024), Nr. 2 (Veröffentlicht am 07.05.2024), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383255299.html