EWR 21 (2022), Nr. 2 (April)

Hauke Christiansen
Schulentwicklung proaktiv, kreativ, effektiv
RĂŒckenwind fĂŒr Schulleitungen
MĂŒnster: Waxmann 2020
(302 S.; ISBN 978-3-8309-4211-5; 35,90 EUR)
Schulentwicklung proaktiv, kreativ, effektiv Das Buch „Schulentwicklung: proaktiv, kreativ, effektiv. RĂŒckenwind fĂŒr Schulleitungen“ richtet sich an Schulleitungen und Personen, die sich fĂŒr Schulleitung interessieren, aber auch an alle, die in der Schule Teilverantwortung ĂŒbernehmen oder Mitglied der erweiterten Schulleitung sind. Der Autor Hauke Christiansen, Pastor i.R., Dipl.-Psychologe, Transaktionsanalytiker, Fortbildungsdozent, Projektmanager und GeschĂ€ftsfĂŒhrer, berĂ€t Einzelpersonen und Organisationen in Diakonie, Schulen und Betrieben und hĂ€lt Weiterbildungskurse fĂŒr Schulleitungen. Das Buch gliedert sich in 14 Kapitel. Die Auswahl der Konzepte des Autors hĂ€ngt unter anderem mit seiner transaktionsanalytischen Ausbildung fĂŒr den Organisationsbereich und mit seiner eigenen Leitungserfahrung zusammen. Auch Diskussionen und Anregungen schulischer FĂŒhrungskrĂ€fte aus den vom Autor gehaltenen Weiterbildungskursen fließen in seine AusfĂŒhrungen ein. Schulen in einer demokratischen Gesellschaft sollen Beteiligung, Mitwirkung und Verantwortung in der Gesellschaft fördern, das muss bereits in der Schule grundgelegt werden. Dies wiederum erfordert einen Leitungsstil, der auf umfassende Beteiligung und auf verbindliche Vorgehensweisen setzt. Der Autor ist davon ĂŒberzeugt, dass durch das Mobilisieren der Ressourcen aller beteiligten Personen Schule entwickelt werden kann.

Als hilfreiches Konzept und theoretische Fundierung wird die Schule als Lernende Organisation nach Senge (1998) beschrieben. GrundsĂ€tzlich empfiehlt Christiansen in seinem Buch, an die anspruchsvolle Aufgabe „Schulleitung“ proaktiv heranzugehen. Es wird empfohlen, „mit sich selbst anzufangen“ (13), die Vogelperspektive einzunehmen und weiterhin wird ergĂ€nzt, „aller Anfang ist leicht“ (15). Schule wird als Lernende Organisation unter Beschreibung der dazu gehörenden fĂŒnf Dimensionen thematisiert. Christiansen sieht diese fĂŒnf Dimensionen fĂŒr das Organisationslernen wie große Maschen eines Netzes, das sich ĂŒber alle Organisationen – auch ĂŒber Schulen – spannen lĂ€sst. Damit man an den Besonderheiten der Schule arbeiten kann, braucht man fĂŒr jede der großen Maschen ein feiner gestricktes Netzwerk. Einige dafĂŒr nötige Instrumente, Modelle, Landkarten und Ideen findet man im rezensierten Buch.

Vision, persönliche Meisterschaft, Teamlernen, mentale Modelle und Systemdenken werden im Buch thematisiert. Alle fĂŒnf sind zu beachten, wenn sich eine Organisation dem Lernen verschreiben will. Die fĂŒnf Dimensionen sind also nicht additiv, sondern multiplikativ verknĂŒpft.

Die regelmĂ€ĂŸige Zeit fĂŒr Besinnung stellt fĂŒr Christiansen die Voraussetzung dar, nicht ‚besinnungslos‘ zu arbeiten. Es wird betont, dass der Rollenwechsel von der Lehrperson in die Funktion der Schulleitung auch die eigenen, bisherigen Beziehungsmuster in Frage stellt und ĂŒber prĂ€gende Leitungspersonen in der Biographie nachgedacht werden muss: Wen habe ich bewundert? Unter wem habe ich gelitten? Woran lag das? Das Gelingen des Rollenwechsels bleibt meist dem autodidaktischen Geschick der einzelnen Leitungsperson ĂŒberlassen. Es wird nach Rolff [1] der Blick auf das Gesamtsystem gefordert: „Gute Schulleitungen arbeiten an der Schule, weniger gute nur in der Schule.“

Im Kapitel Schulentwicklung und Konfliktmanagement wird unter anderem die Scheiterstrategie als Ressourcenmobilisierung thematisiert, es werden drei Konflikttypen beschrieben und es wird auf die Mobbing-Falle hingewiesen. Nach der Diskussion des Beitrages der Gewaltfreien Kommunikation wird das Geben und Nehmen von Feedback aus Sicht der FĂŒhrungsperson diskutiert. Die Darstellung transaktionsanalytischer Konzepte und der KonfliktklĂ€rung durch Prozesskommunikation regen zu vielfĂ€ltigen Reflexionen an. Die Thematik der Vision und Steuerung von Prozessen wird theoretisch fundiert und anhand des konkreten Beispiels einer Klausur des Kollegiums als Einstieg in die Erarbeitung einer Vision mit konkreten Praxisanregungen ausgefĂŒhrt. Nach der Darstellung einer effektiven Konferenzstruktur wird das partizipativ-verbindliche Leitungskonzept vorgestellt und aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Der Fokus in den AusfĂŒhrungen liegt auf der Fragestellung, wie man partizipativ und zugleich verbindlich leiten kann.

Mit Hilfe von ExpertenbeitrĂ€gen [2], [3], [4], [5], die im Buch in Thesen zusammengefasst und kommentiert werden, ĂŒberprĂŒft der Autor, wie weit es ihm gelungen ist, eine Schule als Lernende Organisation zu verstehen, ohne dabei wesentliche Fragen und EinwĂ€nde zu ĂŒbersehen. Dieses Kapitel fußt in der Conclusio, dass sich Schulen am besten weiterentwickeln, wenn deren Kollegien sich auf ihre eigenen KrĂ€fte besinnen, gemeinsam Verantwortung fĂŒr die Schule ĂŒbernehmen und auf das Lernen aller mit Kopf, Herz und Hand setzen. Die Schulleitung kann dazu viel beitragen, konkrete Beispiele finden sich im rezensierten Buch.

Das Erkennen und Regulieren von Stress im Sinne der ‚Persönlichen Meisterschaft‘ wird ausgefĂŒhrt unter Einbeziehung der Thematik der Energiequellen und EnergierĂ€uber. Die Frage, ob die individuelle Förderung von LehrkrĂ€ften oder die TeamstĂ€rkung vorrangig sind oder eine Kombination selbiger im Sinne der verteilten FĂŒhrung der richtige Zugang ist, wird am Ende des Buches thematisiert.

In den einzelnen Kapiteln werden verschiedene Modelle und Arbeitsmaterialien zur Schulentwicklung vorgestellt. Einige Kapitel beschließt Christiansen mit Vertiefungen, die seinen Zugang als Pastor deutlich machen und zur Reflexion anregen sollen. In diesen Vertiefungen werden einzelne Themen auf den Hintergrund christlicher, aber auch humanistischer Tradition bezogen. Zur weiterfĂŒhrenden BeschĂ€ftigung zu den einzelnen Themen werden Lesetipps angefĂŒhrt. Das rezensierte Buch bietet vielfĂ€ltige Reflexionsanregungen und konkrete Handlungsmöglichkeiten fĂŒr das Thema Schulentwicklung allgemein, aber auch fĂŒr die AusĂŒbung des Berufes Schulleitung. Es gibt außerdem eine elektronische Fassung des Buches, die dazu dienen soll, die methodischen Konzepte dem eigenen Kollegium problem- und kostenlos zur VerfĂŒgung zu stellen. Im Bereich Download finden sich Arbeitspapiere, die fĂŒr eine Zusammenarbeit nĂŒtzlich sein können.

[1] Rolff, H.-G. (2017). Schulleitung auf den Punkt gebracht. Debus PĂ€dagogik.
[2] Bormann, R. (2001). Raum, Zeit, IdentitÀt. Sozialtheoretische Verortung kultureller Prozesse. Opladen. S. 23.
[3] KĂŒhl, S. (2007). Die Grenzen der Personalentwicklung in Schulen. In. Buchen, H., Horster, L. & Rolff, H.-G. (Hrsg.), Schulleitung und Schulentwicklung. Erfahrungen. Konzepte. Strategien (S. 1-11). Raabe.
[4] Rolff, H.-G. (2010). Schulentwicklung als Trias von Organisations-,Unterrichts- und Personalentwicklung. In. Bohl, Th., Helsper, W., Holtappels, H.-G. & Schelle, C. (Hrsg.), Handbuch Schulentwicklung (S. 29-36). Klinkhardt.
[5] Rolff, H.-G. (2019). Schulentwicklung auf den Punkt gebracht. Debus PĂ€dagogik.
Petra Heißenberger (Baden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Petra Heißenberger: Rezension von: Hauke, Christiansen,: Schulentwicklung proaktiv, kreativ, effektiv, RĂŒckenwind fĂŒr Schulleitungen. MĂŒnster: Waxmann 2020. In: EWR 21 (2022), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.05.2022), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383094211.html