EWR 17 (2018), Nr. 5 (September/Oktober)

Christine Lang / Andreas Pott / Jens Schneider
Erfolg nicht vorgesehen
Sozialer Aufstieg in der Einwanderungsgesellschaft – und was ihn so schwer macht
Münster: Waxmann 2018
(180 S.; ISBN 978-3-8309-3516-2; 18,90 EUR)
Erfolg nicht vorgesehen Wie gestalten sich erfolgreiche Karrieren von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte? Welche Ressourcen – ethnische, soziale, formale – sind für den sozialen Aufstieg relevant? Welche Erfahrungen teilen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in unterschiedlichen beruflichen Sparten, wenn sie einen Bildungsaufstieg vollziehen?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die „Pathways-to-success“-Studie der Soziologin und Politikwissenschaftlerin Christine Lang (Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen), dem Soziologen und Migrationsforscher Andreas Pott (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück) und dem Ethnographen Jens Schneider (IMIS, Universität Osnabrück). Die Studie ist einzuordnen in die qualitativ-rekonstruktive, biografische Migrationsforschung mit Fokus auf Bildungs- und Lebensverläufe: Die Autor*innen rekonstruieren mithilfe biografischer Daten Bildungsverläufe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland. Sie legen dabei den Fokus auf die Ressourcen von Bildungsaufsteiger*innen, entsagen so dem immer wieder aufscheinenden Diskurs um Probleme und Herausforderungen familiärer Migrationsgeschichten und fokussieren damit bewusst nicht eine sonst häufig getätigte Problematisierung dieser Differenzlinie.

Nach dem Aufzeigen der Hintergründe und der methodischen Vorgehensweise der Studie werden die Ergebnisse der „Pathways-to-success“-Studie entlang der (Bildungs-)Biografie vorgestellt: Kindheit, Jugend und Familie (Kap. 3), Schule (Kap. 4), Studium und andere Wege (Kap. 5), Übergang in den Beruf (Kap. 6) sowie Etablieren im Beruf (Kap. 7). Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Frage nach der neuen deutschen Mittelschicht und fokussiert hierbei insbesondere Themen von Zugehörigkeit, Identität und Habitus (Kap. 8). In Kap. 9 schließlich bilanzieren die Autor*innen die Ergebnisse der Studie.

Neben der qualitativen Analyse von 95 leitfadengestützten Interviews werden zur Kontextualisierung der Erkenntnisse immer wieder auch weitere (eigener) Studien (z.B. die TIES-Studie) eingeführt. Für die „Pathways-to-success“-Studie wurden 75 Interviews mit türkeistämmigen Personen geführt, 20 Interviews wurden mit einer Vergleichsgruppe geführt, die keine familiäre Migrationsgeschichte aufweisen. Für das Sampling der „türkeistämmigen“ und „deutschen“ Interviewpartner*innen war ebenfalls als Kriterium der „intergenerationale soziale Aufstieg bzw. die soziale Herkunft aus einer „Arbeiterfamilie“ bzw. einer Familie ohne akademische Bildung“ festgelegt (S. 22). Die Befragten waren schwerpunktmäßig im Alter von 28 bis 45 Jahren und sie kamen aus den innerdeutschen, großstädtischen Ballungsgebieten Berlin (35), Frankfurt am Main (27) und aus dem Ruhrgebiet (27). Befragt wurden Personen aus den Berufssparten Jura, Lehramt, Wirtschaft sowie öffentliche Verwaltung.

In all den unterschiedlichen biografischen Phasen wird eines durch die Studie sehr deutlich: Zentral für den sozialen Aufstieg sind Stakeholder in den verschiedenen Lebenskontexten (Nachbarschaft, Freunde, Schule, Hochschule, im Beruf), die die Befragten immer wieder ermutigen oder soziale Kontakte herstellen, die für den angestrebten sozialen Aufstieg ausschlaggebend sind. Noch wichtiger sind jedoch die Familien selber: In zahlreichen Fällen im Sample wird herausgestellt, dass die Eltern und die Familie der Interviewpartner*innen große Freiheiten zur Studien- und Berufswahl ermöglicht haben und eine mentale Unterstützung hierfür boten. Auch die ethnischen Ressourcen werden etwa am Übergang zum Beruf als zentrale Ressourcen herausgestellt. So sind beispielsweise die ausgeprägten Sprachkenntnisse oder kulturellen Kenntnisse der Befragten häufig ein Vehikel für den Einstieg in bestimmte berufliche Positionen (so zum Beispiel beim Lehramt oder in der Wirtschaft). Für den Aufbau einer Selbstständigkeit (in der Wirtschaft oder Jura) kann die eigene kulturelle Verortung als „Türk*in“ ebenfalls vorteilhaft sein, um eine Nische zu füllen oder einen bestimmten Kundenstamm anzusprechen.
Als zentrales Ergebnis kann herausgestellt werden, dass in den unterschiedlichen biografischen Phasen, verbunden mit dem sozialen Aufstieg der Befragten die jeweilige Passung zum neuen Kontext thematisiert wird: So ist eine Aufgabe für die Befragten immer wieder, sich habituelle Verhaltensweisen zunächst anzueignen und an den jeweiligen Kontext anzupassen. Nicht selten ist dies verbunden mit diskriminierenden Erfahrungen aufgrund des Migrationshintergrundes.

Die Ergebnisse der Studie zeigen Potentiale auf, die sich in biografischen Verläufen von Personen mit Zuwanderungsgeschichte rekonstruieren lassen. Es sind dabei Muster erkennbar, die darauf hinweisen, dass diese Personen – auch bei zahlreichen, wiederkehrenden Erfahrungen von Diskriminierung und „Othering“ – ihre Migrationsgeschichte positiv für ihren biografischen Verlauf nutzen.
Der Aufbau des Buches hat einen stringenten, nachvollziehbaren Aufbau. Die Autor*innen arbeiten bewusst in ihrem Werk am empirischen Datenmaterial die Ergebnisse heraus – so illustrieren zahlreiche, auch längere, Passagen aus den Transkripten die Ausführungen. Für Rezipient*innen werden die Deutungsmuster auf diese Weise plastisch nachvollziehbar und die Ergebnisse anschaulich. Das an Mayring orientierte, inhaltsanalytische Auswertungsverfahren ist nachvollziehbar und für die Fülle des empirischen Materials angemessen ausgewählt. Die theoretischen Bezüge und methodologische Verortung der Studie könnten über die Einordnung der Daten in den Forschungsstand teilweise stärker ausgearbeitet sein.
„Erfolg nicht vorgesehen“ unterstreicht einmal mehr das Bewusstsein dafür, dass – insbesondere im deutschen Bildungssystem – Potenziale viel zu häufig unerkannt bleiben, weil entlang bestimmter Differenzlinien Leistungserwartungen hinter den unerkannten Potentialen und Talenten zurückbleiben. Die Studie kann damit als Plädoyer für die Anerkennung von Ressourcen und Potentialen, die durch soziale Aufstiege in der Einwanderungsgesellschaft sichtbar werden, gelesen werden.
Miriam Buse (Osnabrück)
Zur Zitierweise der Rezension:
Miriam Buse: Rezension von: Lang, Christine / Pott, Andreas / Schneider, Jens: Erfolg nicht vorgesehen, Sozialer Aufstieg in der Einwanderungsgesellschaft – und was ihn so schwer macht. Münster: Waxmann 2018. In: EWR 17 (2018), Nr. 5 (Veröffentlicht am 31.10.2018), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383093516.html