EWR 6 (2007), Nr. 5 (September/Oktober 2007)

Bruno Geffert
Metaphern von Schule
Welche Metaphern und metaphorischen Konzepte generieren Benachteiligte von Schule
(Reihe: Studien zur BerufspÀdagogik)
Hamburg: Dr. Kovac 2006
(292 S.; ISBN 978-3-8300-2545-0; 85,00 EUR)
Metaphern von Schule Interessengruppen, Lehrer/innen, Bildungspolitiker/innen und die Expert/innen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen scheinen zu wissen, was Schule fĂŒr benachteiligte Jugendliche bedeutet oder bedeuten sollte. Die Jugendlichen selbst werden dabei in der Regel nicht gefragt. Theoretische und empirische Untersuchungen, in denen die Sicht der benachteiligten Jugendlichen zum Thema wird, sind Mangelware. Das von Bruno Geffert vorgelegte Buch erfĂŒllt den eigenen Anspruch, diese LĂŒcke fĂŒr das Feld beruflicher Schulen zu verkleinern.

Trotz einer Vielzahl von Maßnahmen, speziellen Schulformen und BildungsgĂ€ngen zur Berufsgrundbildung und -vorbereitung, wie zuletzt beispielsweise das bundesweite „Einstiegsqualifizierungsjahr (EQJ)“ umfasst die Gruppe der „Benachteiligten“ Jugendlichen recht stabil circa 15% eines Altersjahrgangs. Diesen Jugendlichen gelingt kein direkter Übergang aus dem allgemein bildenden Schulsystem in berufliche Ausbildung und in Existenz sichernde BeschĂ€ftigung. Unter der Leitidee von Fördern und Fordern etablierte sich ein eigenes Benachteiligtensystem, das fĂŒr circa 250 000 Jugendliche zur gewichtigen Bildungs- und Sozialisationsinstanz geworden ist. Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass die BerufspĂ€dagogik sich den daraus ergebenden Systemfragen, der AufklĂ€rung der Gruppe der Benachteiligten, den Implikationen fĂŒr die Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen etc. nur sehr wenig angenommen hat. Vor allem die subjektive BewĂ€ltigung dieser „Übergangsproblematik“ taucht lediglich in wenigen Arbeiten zur Schulverweigerung und Konflikten, in biografisch orientierten Forschungen sowie zu gesellschaftlichen Reproduktionsstrategien auf Basis des Habituskonzepts (Bourdieu) auf.

Den Zugang zur Denk- und Erlebenswelt der benachteiligten Jugendlichen findet der Autor ĂŒber die alltagssprachlichen Metaphern, welche die SchĂŒler/innen von Schule entwickeln. Metaphern als Kondensat der Erfahrungen und "kognitive Landkarten" steuern die Wahrnehmung, das Denken, FĂŒhlen und Handeln. Untersucht man die Bilder und metaphorischen Konzepte aus der Subjektsicht, so wird die Bedeutung von Schule fĂŒr die Jugendlichen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen sichtbar. Sie können damit, so die Hauptthese des Autors, fĂŒr die Gestaltung von Lehr-/Lernkonzepten, Schulentwicklung und Fördermaßnahmen nutzbar gemacht werden.

Zu Anfang seines Buches gibt Geffert eine knappe, aber dennoch prÀzise und auf dem aktuellen Stand der Forschung verortete Darlegung der Faktoren von Benachteiligung. Forschungspragmatisch wird der relationale, unscharfe und immer wieder umstrittene Benachteiligtenbegriff mit Bezug auf berufsschulische BildungsgÀnge konkretisiert.

In den beiden folgenden Kapiteln zu „Konstruktivismus“ gelingt eine erkenntnis- und kommunikationstheoretische Verortung, die zum methodologischen Kern der Arbeit, der Metaphernanalyse, trotz einiger VerkĂŒrzungen und BrĂŒche passend erscheint. Wirklichkeiten werden im sozialen Kontext generiert und mĂŒssen sich dort als viabel erweisen. ViabilitĂ€t ist dabei das zentrale Kriterium fĂŒr soziale Konstruktionen, und nicht „Wahrheit“. Wirklichkeit manifestiert sich in Sprache und Sprache ist zugleich die einzige Möglichkeit, soziale Wirklichkeit hervorzubringen.

Im vierten Kapitel werden die wichtigsten Metaphertheoretiker kurz dargestellt. AusfĂŒhrlich wird der Ansatz der kognitiven Linguistik nach Lakoff/Johnson referiert, die der konstruktivistischen Position nahe stehen. Das Untersuchungsdesign folgt den Prinzipien der qualitativen Forschung: Gegenstandsangemessenheit, Perspektive der Beteiligten, Reflexion des Forschenden als Teil des Prozesses. Die in Kapitel sechs vorgenommene Auswertung stĂŒtzt sich auf 40 AufsĂ€tze von SchĂŒler/innen sowie drei Gruppendiskussionen. Ausgewertet wird das Datenmaterial in drei Schritten: Die metaphorischen Konzepte werden nacheinander vorgestellt und aus dem empirischen Material gesĂ€ttigt. Anschließend wird an Hand einer an bisherigen Metaphernanalysen entwickelten Heuristik aufgezeigt, welche Metaphern nicht im Material vorfindbar sind. Schließlich folgt eine Analyse der KohĂ€renz der metaphorischen Konzeptualisierung. Zur Entwicklung von Interpretationen aus dem erhobenen Material wird auf eine von R. Schmitt entwickelte Heuristik zurĂŒckgegriffen, Quell- und Zielbereiche der Metaphern definiert sowie die partielle Strukturierung und der Austauschbereich durch die Metapher in einheitlichen Abbildungen veranschaulicht.

Im Wesentlichen erscheint in den alltagssprachlichen Metaphern der Jugendlichen Schule als eine Versorgungsanstalt auf, die „etwas bringen“ muss. Sie wird als Sache gesehen, als fremdbestimmter Raum und zwangsweise vorgegebenen „Weg“. Im Gegensatz dazu stehe die „Pause“ als „eine andere Welt“. Dagegen fehlen unter anderem Metaphern des Tauschens (nehmen und geben), das selbststĂ€ndige Gehen auf einem Weg, das schöpferische Bauen, Anstrengung als positive Herausforderung oder Metaphern zu organischem Wachstum. In der KohĂ€renzanalyse wird deutlich, dass die verwendeten Metaphern insgesamt eine geringe Vielfalt aufweisen und einige wenige Konzepte stark dominieren (BehĂ€lter mit ca. 600 Nennungen, Nehmen (270), Weg (230), Arbeit (200)). „Mit Blick auf die Konzepte benachteiligter SchĂŒlerinnen und SchĂŒler manifestiert sich dies in der Dominanz weniger einzelner, aber hĂ€ufig zu findender Metaphern – nicht selten auch ein Ausgangspunkt fĂŒr eine Welt ohne VerĂ€nderung“ (262).

Die Wirksamkeit dieser Metaphorik ist nicht zu unterschĂ€tzen. In diesen Konzepten drĂŒckt sich das Erleben von Eingeschlossenheit, PassivitĂ€t und AbhĂ€ngigkeit aus. Dies wir durch das Fehlen von Metaphern zu selbststĂ€ndigem Gehen, Arbeiten oder Bauen verstĂ€rkt. Fast alle Konzepte sind von Geffert gut nachvollziehbar am Material entwickelt und in sehr lesefreundlichen schematischen Übersichten verdeutlicht. Vielleicht hĂ€tte eine reichhaltigere, weitergehende Interpretation vor allem im Hinblick auf die Wirkung von pĂ€dagogischen Konzepten und bekannte PhĂ€nomene fehlender ÜbergĂ€nge, Schulabsenz etc. vorgenommen werden können.

Geffert entwickelt in seiner Studie einen wissenschaftlichen Ansatz, der neben der AufklĂ€rung grundlegender sprachtheoretischer Konstruktionsprozesse und ZusammenhĂ€nge auch Fragen fĂŒr das praktische pĂ€dagogische Handeln neu in den Blick nimmt. So sieht Geffert vor allem das vielfach geforderte „selbst gesteuerte Lernen“ auf Grund einer im hohen Maß stereotypen passiven Erwartungshaltung der SchĂŒler/innen vor großen WiderstĂ€nden. Es wĂ€re zu ĂŒberlegen, wie diese zu Schemata geronnenen Erwartungsmuster flexibilisiert werden könnten. Das Wissen ĂŒber die Bedeutung von Metaphern und metaphorischen Konzepten im Schulalltag, in der Lehrerbildung sowie fĂŒr das berufliche und lebensweltliche Handeln ist wichtiger Bestandteil pĂ€dagogischer ProfessionalitĂ€t und fĂŒr die BerufspĂ€dagogik ein neuer Zugang in der Forschung.
Uwe Faßhauer (SchwĂ€bisch GmĂŒnd)
Zur Zitierweise der Rezension:
Uwe Faßhauer: Rezension von: Geffert, Bruno: Metaphern von Schule, Welche Metaphern und metaphorischen Konzepte generieren Benachteiligte von Schule (Reihe: Studien zur BerufspĂ€dagogik). Hamburg: Dr. Kovac 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2007), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978383002545.html