EWR 20 (2021), Nr. 1 (Januar/Februar)

Ludwig Haag
Kernkompetenz Klassenf├╝hrung
Bad Heilbrunn / Stuttgart: Klinkhardt / UTB 2018
(176 S.; ISBN 978-3-8252-4934-2; 18,99 EUR)
Kernkompetenz Klassenf├╝hrung Klassenf├╝hrung geh├Ârt wahrscheinlich zu einem der Begriffe, die in den letzten Jahren in der Empirischen Bildungsforschung immer mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. Als ein zentrales Merkmal von Unterrichtsqualit├Ąt wird Klassenf├╝hrung zum Beispiel als Wirkfaktor f├╝r die kognitive und affektiv-motivationale Entwicklung von Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern erforscht, es werden aber auch differenzielle Effekte f├╝r verschiedene Sch├╝ler/innengruppen oder Fragen der Operationalisierung und validen Erfassung von Klassenf├╝hrungshandeln untersucht. Dar├╝ber hinaus hat die Qualit├Ątsoffensive Lehrerbildung dazu beigetragen, dass vermehrt Bem├╝hungen angestellt werden, Wissen ├╝ber Klassenf├╝hrung als ein Teil p├Ądagogisch-psychologischen Wissens einerseits valide zu erfassen, seine Entwicklung im Verlauf der Lehrerbildung abzubilden und durch diverse Interventionskonzepte nachhaltig zu f├Ârdern.

Insofern ist der Titel von Ludwig Haags Buch ÔÇ×Kernkompetenz Klassenf├╝hrungÔÇť treffend gew├Ąhlt. Darin verdeutlicht er die Relevanz von Klassenf├╝hrung sowohl f├╝r Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler als auch f├╝r Lehrkr├Ąfte auf Grundlage empirischer Studien und stellt im Hauptteil des Buches den Forschungsstand ├╝ber zentrale Facetten von Klassenf├╝hrung zusammen.

In einem einleitenden Kapitel begr├╝ndet der Autor selbst das Ziel eines weiteren Werks ├╝ber das Thema Klassenf├╝hrung: Das vorliegende Buch m├Âchte eine evidenzbasierte Auswahl an Kerndimensionen von Klassenf├╝hrung aus bisherigen Paradigmen, Konzeptualisierungen und Forschungsergebnissen systematisieren und damit den ÔÇ×Markenkern von Klassenf├╝hrungÔÇť (8) illustrieren und erl├Ąutern.
Der Einleitung folgen acht Kapitel, von denen die ersten und letzten beiden Kapitel einen einleitenden und abschlie├čenden Rahmen bilden, w├Ąhrend die mittleren vier Kapitel 3 bis 6 den Hauptteil des Buches darstellen, in denen jeweils eine Dimension von Klassenf├╝hrung ausf├╝hrlich und differenziert sowie mit R├╝ckgriff auf unterschiedliche Forschungsarbeiten und Konzeptualisierungen erl├Ąutert wird.

Im ersten Kapitel werden historische Entwicklungen der Klassenf├╝hrungsforschung nachgezeichnet und die jeweiligen Paradigmen kurz erl├Ąutert. Dabei werden auch einschl├Ągige Forschungsarbeiten von Kounin, Marzano oder Evertson und Kolleg/innen ├╝berblicksartig eingef├╝hrt. Mit den folgenden vier Unterkapiteln werden Ans├Ątze einschl├Ągiger deutschsprachiger Wissenschaftler/innen gegen├╝bergestellt, auf die auch im weiteren Verlauf des Buches wiederholt zur├╝ckgegriffen wird. In einem abschlie├čenden Unterkapitel res├╝miert der Autor die Entwicklung des Verst├Ąndnisses von Klassenf├╝hrung sowie die aktuellen deutschsprachigen Konzeptualisierungen in einem Beziehungsgeflecht von Klassenf├╝hrung, das die Dimensionen ÔÇ×Pr├ĄsenzÔÇť, ÔÇ×KommunikationÔÇť, ÔÇ×Strukturierende UnterrichtsgestaltungÔÇť und ÔÇ×RegulationÔÇť umfasst, die jeweils den Inhalt der vier Hauptkapitel darstellen.

Das recht kurze zweite Kapitel verdeutlicht die Relevanz von Klassenf├╝hrung f├╝r die Gesundheit von Lehrkr├Ąften. Dabei bleibt der Autor nicht bei der ├╝berblicksartigen Darstellung von Erkenntnissen ├╝ber Zusammenh├Ąnge zwischen Klassenf├╝hrung bzw. St├Ârungen im Unterricht und Burnout, sondern liefert auch drei Erkl├Ąrungen f├╝r diesen Zusammenhang und leitet auf vier verschiedenen Systemebenen L├Âsungsans├Ątze ab (Lehrer-Sch├╝ler-Beziehung, Schulklima und Schulkultur, Elternengagement und Managementqualit├Ąten der Schulleitung).

Das dritte Kapitel thematisiert die erste Dimension des Beziehungsgeflechts von Klassenf├╝hrung: die Pr├Ąsenz der Lehrkraft. Zu Beginn arbeitet der Autor die Pr├Ąsenz der Lehrkraft als unabdinglich und als Voraussetzung f├╝r das Lehrer/innenhandeln unter Druck und Unsicherheit heraus. Anschlie├čend wird der Begriff der Pr├Ąsenz unter R├╝ckgriff auf bereits erw├Ąhnte und weitere Autor/innen mit entsprechenden leicht divergierenden Verst├Ąndnissen und Benennungen in Zusammenhang gebracht. Das ausf├╝hrlichste Unterkapitel stellt die traditionelle Klassenf├╝hrungsstudie von Kounin (1970) vor, erl├Ąutert die KouninÔÇÖschen Dimensionen der Klassenf├╝hrung und w├╝rdigt ihren Verdienst der Fokussierung auf Pr├Ąvention anstelle von Interventionen von Unterrichtsst├Ârungen.

Im vierten Kapitel widmet sich der Autor der Dimension der Regulation/Verhaltenskontrolle und greift neben weiteren Autor/innen an dieser Stelle die langj├Ąhrigen und ausf├╝hrlichen Arbeiten um Evertson und Emmer zu den Themen Regeleinf├╝hrung und -etablierung sowie einem breiteren Verst├Ąndnis im Sinne des vorausplanenden Handelns auf, erl├Ąutert letztere detailliert und l├Ąsst auch Evaluationsergebnisse des entsprechenden Classroom Organization and Management Programs nicht aus. Weitere Aspekte stellen Rituale, Verst├Ąrkersysteme sowie lerner/innenzentrierte Arrangements dar, bevor am Ende ein Fallbeispiel zur Veranschaulichung der behandelten Aspekte sowie hilfreiche Bearbeitungsmaterialien zur Verf├╝gung gestellt werden.

Kapitel 5 thematisiert die zentrale Dimension der Strukturierenden Unterrichtsgestaltung. Dieses recht heterogene Kapitel umfasst unterschiedliche Ebenen der Strukturierung, die von einer rein organisatorischen Strukturierung ├╝ber Differenzierung bis hin zur kognitiven Aktivierung und Motivierung der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler reichen. In diesem Kapitel wird also die vom Autor in der Einleitung erw├Ąhnte h├Ąufige ├ťberlappung von Klassenf├╝hrung und Unterrichtsplanung bzw. Unterrichtsf├╝hrung deutlich. Die inhaltliche Breite des Kapitels bietet somit zahlreiche Ansatzpunkte im Zusammenhang mit strukturierender Unterrichtsgestaltung, sind m├Âglicherweise jedoch eher Merkmale eines breiteren Verst├Ąndnisses von Unterrichtsqualit├Ąt.

Die letzte Dimension der Kommunikation/Beziehungsf├Ârderung wird in Kapitel 6 behandelt. Diese betreffen vielseitige Aspekte der Sch├╝ler-Lehrer-Beziehung und des Klassenklimas: eine l├Âsungsorientierte und empathische Kommunikation, eine lernf├Ârderliche Kombination aus W├Ąrme und Kontrolle in der Interaktion mit Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern sowie die notwendige Emotionsregulation von Lehrkr├Ąften in herausfordernden Situationen. Letztlich geht der Autor noch auf Feedback nach Hattie und Timperley sowie eine lernf├Ârderliche Fehlerkultur als Kommunikationskomponenten ein und greift abschlie├čend die Potenziale des gegenseitigen Feedbacks durch Lehrkr├Ąfte und Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler auf, wobei auch Hinweise auf g├Ąngige Evaluationsinstrumente gegeben werden.

Im siebten Kapitel wird ein konzises Fazit gezogen, in dem die erl├Ąuterten Dimensionen auf die Pr├Ąvention und Intervention von Unterrichtsst├Ârungen ├╝bertragen werden. Ein Schlusskapitel thematisiert erleichternde und g├╝nstige Bedingung f├╝r das Erlernen und die erfolgreiche Umsetzung guter Klassenf├╝hrung ÔÇô sowohl auf Seiten der Lehrkr├Ąfte als auch auf Seiten der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler.

Die im vorliegenden Buch herausgearbeitete Systematisierung von Ludwig Haag tr├Ągt dazu bei, einen umfassenden Blick auf das Thema Klassenf├╝hrung zu erhalten. Auch wenn die Gliederung und Reihenfolge der Kapitel sowie die Sortierung von Forschungsergebnissen zu den vier Dimensionen des Beziehungsgeflechts der Klassenf├╝hrung nicht immer eindeutig nachvollziehbar sind, bietet das Buch einen breiten, informativen ├ťberblick ├╝ber unterschiedliche Forschungslinien sowie praktische Implikationen f├╝r die Gestaltung von Unterricht. Darin besteht gleichwohl die St├Ąrke und Schw├Ąche des Buches: Einerseits ist der ├ťberblick ├╝ber Erkenntnisse und Merkmale von Klassenf├╝hrung ├╝beraus informativ und zeigt anschaulich, wie breit die wissenschaftliche Basis aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und Forschungsrichtungen sowie -traditionen ist, die f├╝r eine gewinnbringende Besch├Ąftigung mit dem Thema Klassenf├╝hrung herangezogen werden kann. Diese Breite wirkt an manchen Stellen des Buches jedoch willk├╝rlich in der Zuordnung der Studien und Konzepte zu den vier dargestellten Dimensionen. Da diese jedoch nicht den Anspruch eines eindeutig abgegrenzten Konstrukts haben, erscheint der Kritikpunkt res├╝mierend hinnehmbar.

In Erg├Ąnzung zu anderen einschl├Ągigen Werken ├╝ber Klassenf├╝hrung ├╝berzeugt das Buch von Haag durch seine Quellen aus erziehungswissenschaftlichen, psychologischen und soziologischen Fachdisziplinen und sein immerw├Ąhrendes Bem├╝hen die einzelnen konzeptionellen Traditions- sowie Forschungslinien mit der p├Ądagogischen Praxis und Unterrichtsentwicklung in einen Zusammenhang zu setzen. Dabei gelingt es dem Autor ausgezeichnet, auf die Notwendigkeit des adaptiven und flexiblen R├╝ckgriffs auf das hier dargelegte Wissen im Gegensatz zur rezeptartigen Anwendung hinzuweisen und die Verantwortlichkeit der Lehrkraft zu verdeutlichen.
Bernadette Gold (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bernadette Gold: Rezension von: Haag, Ludwig: Kernkompetenz Klassenf├╝hrung. Bad Heilbrunn / Stuttgart: Klinkhardt / UTB 2018. In: EWR 20 (2021), Nr. 1 (Veröffentlicht am 23.02.2021), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978382524934.html