EWR 14 (2015), Nr. 5 (September/Oktober)

François Beilecke / Rudolf Messner / Ralf Weskamp (Hrsg.)
Wissenschaft inszenieren
Perspektiven des wissenschaftlichen Lernens fĂĽr die gymnasiale Oberstufe
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2014
(214 S.; ISBN 978-3-7815-1963-3; 17,90 EUR)
Wissenschaft inszenieren Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe ist das zentrale Thema des zu besprechenden Buches. Dabei wird es sowohl als Ziel, als Methode und als Alleinstellungsmerkmal der gymnasialen Oberstufe herausgestellt. Legitimiert wird dieses Merkmal gymnasialen Unterrichts mit neueren und älteren zitierten Richtlinien der KMK sowie über die angenommenen Anforderungen der Universität, auf deren Arbeitsweise die Schülerinnen und Schüler mit Hochschulreife vorbereitet sein sollen.

Inhaltlich ist das Buch nach einem Geleitwort und einer Einführung zweigeteilt. Im Teil eins werden die Grundlagen wissenschaftlichen Lernens in der Oberstufe dargestellt. Im zweiten Teil werden Praxisbeispiele vorgestellt, verfasst von Lehrkräften der hessischen Bundespräsident-Theodor-Heuss-Schule in Homberg (Efze), die ihren eigenen Unterricht bzw. eigene Schulprojekte beschreiben. Bei der Auswahl der Praxisbeispiele wurde auf größtmögliche Varianz in der Fachauswahl geachtet. So finden sich Unterrichts- und Projektbeschreibungen aus den Naturwissenschaften, den Gesellschaftswissenschaften sowie aus den sprachlichen und künstlerischen Fächern.

Im ersten Teil des Buchs, den Grundlagen, sind drei Kapitel zu finden, die jeweils fĂĽr sich stehen und nicht aufeinander aufbauen.

Ralf Weskamp entwickelt unter dem Titel: „Wissenschaftliches Lernen als Ziel und Aufgabe der Schulentwicklung in der gymnasialen Oberstufe“ den Begriff des wissenschaftspropädeutischen Lernens weiter. Er spricht von der „Inszenierung von Wissenschaft“. Wichtig ist ihm, dass Schülerinnen und Schüler Wissenschaft nicht einfach auswendig lernen, sondern diese durch aktive Teilnahme selbst erfahren. Die Schülerinnen und Schüler sollen dafür zum einen selbst forschen und zum anderen „Vermittlungsformen von Wissenschaft“ (20) kennenlernen. Weskamp formuliert drei Voraussetzungen, um diese Ziele in der gymnasialen Oberstufe realisieren zu können: Benötigt würden wissenschaftlich arbeitende Lehrkräfte, schulische Gestaltungsfreiräume sowie eine unterstützende Schulleitung, so die programmatische Forderung.

Im zweiten Kapitel des Grundlagenteils diskutiert Rudolf Messner das besondere Potential von Schüler/innenwettbewerben für wissenschaftspropädeutisches Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe. Dabei führt er nicht den von Weskamp vorgeschlagenen Begriff der „Inszenierung von Wissenschaft“ weiter. Messner stellt die These auf, dass insbesondere Schüler/innenwettbewerbe das wissenschaftliche Arbeiten von Schülerinnen und Schülern fördern, indem sie hierbei lernten, wissenschaftliche Fragen zu formulieren und geeignete Methoden zu entwickeln. Des Weiteren gäben Wettbewerbe den Raum, sich in Themen zu vertiefen, unterstützt durch geeignete Tutor/innen. Zudem böten Wettbewerbe eine herausfordernde und gleichzeitig unterstützende Lernumgebung. Sie fördern, so Messner, in besonderer Weise das eigenständige Arbeiten sowie die sprachliche und mediale Kompetenz, um erworbene Erkenntnisse angemessen zu formulieren und zu präsentieren. Abschließend macht der Autor auf Schwierigkeiten im Schulalltag aufmerksam, die dem wissenschaftspropädeutisches Lernen im Wege stünden, wie zum Beispiel die umfangreichen stofflichen Anforderungen und der damit einhergehende Zeitdruck sowie allzu große Schüler/innengruppen. Gerade deshalb sei die Bedeutung von Schüler/innenwettbewerben nicht zu unterschätzen.

Im dritten Grundlagenkapitel begibt sich Rudolf Messner auf die Spur gestandener Wissenschaftler/innen, um über deren Biographien Hinweise für die Initiation und erfolgreiche Entwicklung einer wissenschaftlichen Expertise zu erkennen und so möglicherweise Schlussfolgerungen für das Erlernen von Wissenschaft auch bei Schülerinnen und Schülern formulieren zu können. Dafür befragte Messner den Physiker Klaus-Peter Haupt, den Bildungshistoriker Prof. Dr. Dietfried Krause-Vilmar sowie die Erziehungs- und Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Dorit Bosse. Leider zeigt Messner nicht auf, wann, wie und wo die Proband/innen befragt wurden. Die Schilderungen der Wissenschaftler/innen werden für die Lesenden nicht nachvollziehbar rekonstruiert. Vielmehr vermittelt Messner seine Interpretation, ohne die Grenze zwischen Interpretation und Nacherzählung zu verdeutlichen. Dies ist gerade in einem Buch wie diesem schade, welches die Bedeutung wissenschaftlichen Arbeitens in der Schule legitimieren möchte und selbst nicht wissenschaftliche Standards einhält. Dennoch nennt Messner in seinem Fazit grundlegende Voraussetzungen für das wissenschaftspropädeutische Arbeiten in der gymnasialen Oberstufe: So habe die authentische Lehrperson als Vorbild und als Motivator/in eine zentrale Bedeutung. In der Folge sei es wichtig, dass sich Schülerinnen und Schüler Wissenschaft handelnd aneignen können.

Der zweite Teil des Buches ist betitelt mit „Schulische Inszenierungsmöglichkeiten“. Interessant ist hier zum Beispiel der Bericht zum Projekt „Hoersaal_Luft“ von François Beilecke und Manfred Kieserling. Sie beschreiben Organisationsformen und Erfahrungen der Kooperation zwischen zwei Schulen sowie der Universität Kassel. Wenngleich eine solche Kooperationsform theoretisch in allen Schulen in der Nähe von Hochschulstandorten möglich ist, kann sich die konkrete Kooperation auf personaler oder zeitlicher Ebene schwierig gestalten. Die Autoren sind der Überzeugung, dass Universitätsbibliotheken und Hörsäle sowie authentische universitäre Arbeitsformen wie Seminare und Tutorien eine wissenschaftliche Grundhaltung bei den Schülerinnen und Schülern fördern können. Organisatorisch einfacher umsetzbar erscheint das Projekt „Vorlesungen“. Judith Kolbe beschreibt kursübergreifende Vorlesungen zu literarischen Themen des Fachbereichs Deutsch. Nach den Schilderungen Kolbes wurde dieses Lehrformat allerdings von den Deutschlehrkräften überraschenderweise nicht als Erleichterung erfahren. Besonders schwierige organisatorische Bedingungen waren beispielsweise die Aula als Vorlesungsraum zu reservieren, die Beschaffung des Beamerwagens und des Fahrstuhlschlüssels, um den Beamerwagen transportieren zu können. Klaus-Peter Haupt und Martin Holfeld stellen dar, was „Naturwissenschaftliche Forschungsclubs“ sind, und sie zeigen auf, wie vielfältig Forschungsclubs mit unterschiedlichen Organisationsformen genutzt werden können, sei es durch eine Ferienakademie oder als regelmäßig stattfindender „ScienceClub“.

Insgesamt ist das hier rezensierte Buch aufgrund der vielfältigen Hinweise und Ideen für den Schulalltag sehr interessant und schon deshalb jeder Schulleitung und jeder Lehrperson, die in den Jahrgängen der gymnasialen Oberstufe unterrichtet, zu empfehlen. Im Grundlagen- sowie im Praxisteil des Buches finden sich Hinweise für Voraussetzungen und Gelingensbedingungen, einerseits für wissenschaftspropädeutisches Arbeiten und andererseits für eine Schulentwicklung, die diese grundlegende Arbeitsweise der 11. bis 13. Jahrgänge stärken möchte.

Wünschenswert wäre eine stärkere Systematisierung der im Buch zahlreich dargestellten Erkenntnisse, schon um inhaltliche Redundanzen zu vermeiden. Ein zusammenfassendes Kapitel, in dem Voraussetzungen und mögliche Wege für die Förderung wissenschaftspropädeutischen Arbeitens dargestellt würden, wäre für die Lesenden sehr hilfreich. Ebenso wäre eine stärker hinterfragende Grundhaltung, die auch einer wissenschaftlichen Herangehensweise entspricht, dem Thema gegenüber angemessen und ist im Buch nur ansatzweise zu finden. So wird die Bedeutung der Lehrkraft immer wieder betont, ohne jedoch Forderungen oder Fragen an ein Lehramtsstudium zu stellen. Weiterhin wird nicht thematisiert, ob Schülerinnen und Schüler mit Hochschulreife beim Eintritt in die Universität wissenschaftlich arbeiten können, also ob die Richtlinien der KMK für den gymnasialen Unterricht überhaupt erfolgreich umgesetzt werden. Sieht man Veranstaltungen an Universitäten mit Titeln wie „Einführung in wissenschaftliches Arbeiten“, kommen hierbei doch starke Zweifel auf. Ralf Weskamp formuliert auf Seite 30 jedoch das folgende Ziel: „Die in diesem Buch beschriebenen Aspekte der Inszenierung von Wissenschaft in der Schule können Anregungen für andere Schulen bieten, [...]“. Diesem Ziel wird das Buch gerecht und gerade deshalb ist es, wie bereits erwähnt, vor allem für Schulpraktiker/innen lesenswert.
Elke Kurth-Bucholz (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Elke Kurth-Bucholz: Rezension von: Beilecke, François / Messner, Rudolf / Weskamp, Ralf (Hg.): Wissenschaft inszenieren, Perspektiven des wissenschaftlichen Lernens fĂĽr die gymnasiale Oberstufe. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2014. In: EWR 14 (2015), Nr. 5 (Veröffentlicht am 23.09.2015), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151963.html