EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Saskia Schuppener / Nora Bernhard / Mandy Hauser / Frederik Poppe (Hrsg.)
Inklusion und Chancengleichheit
Diversity im Spiegel von Bildung und Didaktik
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2014
(356 S.; ISBN 978-3-7815-1962-6; 21,90 EUR)
Inklusion und Chancengleichheit Ein wichtiger, aber dennoch kein neuer Aspekt im Kontext von Schule und Bildung ist das Thema der Chancengleichheit. Bereits der Strukturplan des Deutschen Bildungsrates von 1970 nimmt neben der Forderung nach F√∂rderung des Einzelnen auch die Frage der Chancengleichheit auf. Trotzdem spiegeln aktuelle Studien immer noch fehlende Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit in Deutschland wider. Dabei legt die auf Inklusion ausgerichtete UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 einen klaren Zusammenhang von Chancengleichheit und Inklusion nahe. Nur gleiche Bildungschancen, auf der Grundlage von gleichen Zugangs- und Partizipationsrechten f√ľr alle, erm√∂glichen die Schaffung einer inklusiven Lern- und Lebenswelt. Um inklusive Entwicklungen voranzutreiben und die notwendige Chancengleichheit zu erreichen, m√ľssen humane und konstruktive Umgangsweisen mit Diversity in allen Bildungsbereichen selbstverst√§ndlich sein und vorhandene Forschungsl√ľcken geschlossen werden.

Hier setzt der Sammelband, der 42 Beitr√§ge mit aktuellen Theorie-, Forschungs- und Praxisans√§tzen enth√§lt, an. Die Autoren erarbeiten in ihren Beitr√§gen, die sechs Themenschwerpunkten zugeordnet sind, nicht nur eine Didaktik des inklusiven Unterrichts, sondern stellen neben diagnostischen Prozessen auch organisatorische Anforderungen sowie institutionelle, konzeptionelle und personelle Strukturen vor und diskutieren diese kritisch. Daf√ľr werden, ausgehend vom ersten Themenschwerpunkt, in dem Diversity als grundlegendes Merkmal der Inklusion betrachtet wird, in den weiteren Themenschwerpunkten fr√ľhkindliche Bildung, Schulentwicklung, Didaktik und Gemeinsamer Unterricht sowie Hochschuldidaktik und -entwicklung in den Blick genommen. Abschlie√üend werden inklusive Entwicklungen in au√üerschulischen Kontexten thematisiert.

In der Einf√ľhrung zeigen die Herausgeber auf, dass sich Inklusion und Chancengleichheit im Bereich Schule und Bildung gegenseitig bedingen. Die einzelnen Aufs√§tze, bis auf zwei, werden kurz skizziert, was einen leichten Einstieg in das Thema gew√§hrt, einen gelungenen ersten √úberblick verschafft und ein gezieltes Ausw√§hlen der Beitr√§ge erm√∂glicht.

Im ersten Schwerpunkt ‚ÄěDiversity‚Äú beleuchten die Autoren vielf√§ltige, voneinander unabh√§ngige Aspekte. Aussagekr√§ftig ist der Beitrag von Ines Boban, Andreas Hinz, Elisabeth Plate und Peter Tiedeken, die der Frage nachgehen, wie eine ad√§quate Sprache f√ľr inklusive Kontexte entwickelt werden kann. Aufbauend auf der Weiterentwicklung des Index f√ľr Inklusion und der damit verbundenen Problematik eine nicht-diskriminierende Bezeichnung bzw. Sprache f√ľr unterschiedlich Beteiligte zu finden, zeigen die Autoren die Schwierigkeiten auf, die entstehen, wenn Akteure im Bildungssystem benannt, aber eben nicht kategorisiert werden sollen. Weitere interessante Artikel bilden die Betrachtungen ausgew√§hlter Forschungsprojekte. So stellt etwa Wilhelm de Terra ein DFG-Projekt hinsichtlich der Entscheidungsprozesse in Bezug auf Leistungen f√ľr Kinder und Jugendliche mit Behinderungen durch die ‚ÄěTorw√§chter‚Äú in Institutionen (z. B. Jugendamtsmitarbeit) dar. Anhand ausgew√§hlter Interviewpassagen macht er Teile derartiger Entscheidungsprozesse deutlich und zeigt so, wie der Umgang mit Vielfalt durch ‚ÄěTorw√§chter‚Äú bestimmt wird. Leider wird der Ansatz einer nicht-diskriminierenden Sprache in den weiteren Aufs√§tzen meiner Meinung nach nicht aufgegriffen, was im Zuge des Anspruchs, die bestehenden Forschungsl√ľcken zu verringern, durchaus w√ľnschenswert gewesen w√§re.

Der zweite Teil enth√§lt Aufs√§tze zur fr√ľhkindlichen Bildung im Kontext der Inklusion. So steht neben einem Beitrag von Josefin Lotte, in dem sie die M√∂glichkeiten der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik als Instrument f√ľr die Inklusionsforschung darstellt und deren Einbindung in Bezug zur Umsetzung der Inklusion aufzeigt, auch ein Aufsatz von Timm Albers zur Integration in Elterninitiativen innerhalb integrativer Kinderg√§rten im Fokus.

Verschiedene Perspektiven auf Inklusion im Rahmen der Schulentwicklung bilden den dritten Teil. Am Beispiel der Prozesse in Schleswig-Holstein und Bayern wird von Jonna M. Blanck, Benjamin Edelstein und Justin J. W. Powell dargelegt, wie inklusive Reformen trotz politischer Widerst√§nde erfolgreich sein k√∂nnen. Ulrich Nicklaus stellt den Zusammenhang von Organisations- und Schulentwicklung dar und zeigt anhand von Thesen, wie Inklusion gelingen kann. Weiterf√ľhrend wird der Zusammenhang zwischen Inklusion und gesunder Schule durch Franziska Heinold dargestellt sowie die erfolgreiche Einbindung von Sch√ľlern mit komplexen Behinderungen von Helga Schlichting beleuchtet. International vergleichend angelegt sind die beiden abschlie√üenden Artikel. So zeichnet Lea Sch√§fer die Umsetzung von Chancengleichheit und Diversit√§t im andalusischen Schulsystem auf und setzt sich dabei kritisch mit einem dort g√ľltigen neuen Bildungsgesetz auseinander, w√§hrend Anne Sliwka das kanadische Schulsystem erl√§utert und M√∂glichkeiten f√ľr die Entwicklung inklusiver Schulen in Deutschland vorstellt. Insgesamt erm√∂glichen die verschiedenen Perspektiven einen guten Einstieg in die Auseinandersetzung mit inklusiver Schulentwicklung und bieten erste Ankn√ľpfungspunkte f√ľr die schulische Praxis.

Der vierte Teil betrachtet Diversity im Spiegel didaktischer Fragestellungen und geht auf Organisationsformen des Gemeinsamen Unterrichts ein. Ines Boban, Robert Kruschel und Peter Tiedeken untersuchen die ‚ÄěMathetik‚Äú, die Lehre des Lernens, unter dem Aspekt der spielerischen M√∂glichkeiten einer inklusiven Didaktik. Des Weiteren sind M√∂glichkeiten und Grenzen eines zieldifferenten Geschichtsunterrichts sowie ein Deutschunterricht, in dem √ľber das Texteschreiben nicht nur individuelle Zug√§nge, sondern auch Diagnose und F√∂rderung erm√∂glicht werden, Themen, die diesen Abschnitt besonders interessant und praxisnah machen.

Hochschulentwicklung und -didaktik im Kontext von Inklusion bilden den f√ľnften Abschnitt, in dem neben den Anforderungen an eine inklusionsorientierte Hochschulentwicklung und -didaktik auch ein Konzept der inklusiven Lehrerausbildung aus dem Raum K√∂ln durch Ursula B√∂ing und Andreas K√∂pfer vorgestellt wird. Dieses Konzept bietet auf der einen Seite den Studierenden die M√∂glichkeit ‚ÄěForschendes Lernen‚Äú an inklusiven Partnerschulen zu erproben und auf der anderen Seite den Schulen Unterst√ľtzung bei ihren Fragen im Hinblick auf inklusive Schulentwicklungsprozesse. Daneben findet sich ein Aufsatz von Bettina Lindmeier, Dorothee Meyer und Simone Kielhorn, der ein inklusives Seminarkonzept an der Leibnitz Universit√§t Hannover vorstellt, das Studierenden im Bachelor Sonderp√§dagogik und geistig behinderten Menschen die M√∂glichkeit bietet, gemeinsam Erfahrungen mit dem Thema Inklusion zu sammeln und diese zu reflektieren.

Das abschließende sechste Kapitel widmet sich der inklusiven Bildung in schulnahen und außerschulischen Kontexten. Hier steht vor allem der Aspekt der sozialen Arbeit im Vordergrund, der sowohl im Aufsatz von Sabine Stahl als auch in dem von Bettina Bretländer aufgegriffen wird. Die integrative Berufsbildung wird unter dem Aspekt zielgruppenspezifischer Werkzeuge und Methoden zur Beobachtung und Dokumentation von Kompetenzentwicklung als Ergänzung zur Leistungsmessung von Leo Orsolits dargestellt. Der Autor kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die Kompetenzbilanz ein geeignetes Werkzeug zur Dokumentation und zum Sichtbarmachen von Kompetenzentwicklung sei.

Die Beiträge des Sammelbandes zeigen in zahlreichen Facetten neben verschiedenen Umsetzungsmöglichkeiten vor allem die Relevanz von Inklusion und Chancengleichheit im Bereich Bildung und Schule auf. Insgesamt lässt sich der Band als Überblickswerk zum Thema Inklusion und Chancengleichheit bezeichnen. Sowohl Lehrende als auch Forschende, die sich mit Chancengleichheit auseinandersetzen wollen, finden in diesem Buch gute Anregungen zu den anstehenden Themen der Inklusion in Schule und Gesellschaft.
Jana Rohkohl (Osnabr√ľck)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jana Rohkohl: Rezension von: Schuppener, Saskia / Bernhard, Nora / Hauser, Mandy / Poppe, Frederik (Hg.): Inklusion und Chancengleichheit, Diversity im Spiegel von Bildung und Didaktik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2014. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151962.html