EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Reinhard Markowetz / J√ľrgen E. Schwab (Hrsg.)
Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule
Inklusion und Chancengerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012
(304 S.; ISBN 978-3-7815-1873-5; 21,90 EUR)
Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule Jugendhilfe und Schule haben im f√ľr die Gesellschaft wesentlichen Handlungsfeld der Erziehung und Bildung unterschiedliche, teilweise komplement√§re Auftr√§ge. W√§hrend Schule Wissen und Kompetenzen systematisch vermitteln und soziale Integration sowie Differenzierung leisten soll, wird von der Kinder- und Jugendhilfe erwartet, dass sie einen Beitrag zur sozialen Integration leistet, indem sie die individuelle und soziale Entwicklung f√∂rdert und so Bildungsbenachteiligungen vermeidet bzw. abbaut. Diese historisch gewachsene Situation trifft auf komplexe gesellschaftliche Wandlungsprozesse, die eine dauerhafte, d. h. strukturell fundierte Zusammenarbeit dieser beiden, bisher oft nur nebeneinander arbeitenden Systeme immer dringlicher erscheinen l√§sst.

Der vorliegende Sammelband ‚ÄěDie Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule‚Äú versammelt hierzu 16 Beitr√§ge, die zudem noch durch vier weitere Beitr√§ge im Internet erg√§nzt werden. Auf eine Gliederung des Buches in thematische Abschnitte wird leider verzichtet. Ein gro√üer Anteil der Beitr√§ge beschreibt notwendige strukturelle Rahmenbedingungen und / oder gibt konkrete Handlungsempfehlungen f√ľr eine gelingende Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule. Dies ist einerseits die gro√üe St√§rke dieses Sammelbandes, der dadurch vor allem f√ľr all jene au√üerordentlich hilfreich sein d√ľrfte, die konkret mit der Planung, Organisation oder Evaluation von Kooperationsbeziehungen befasst sind. Da sich die Autoren jedoch hinsichtlich der sinnvollen Ma√ünahmen relativ einig sind, stellt sich beim chronologischen Durchlesen des Buches irgendwann der Eindruck ein, nun nicht mehr viel Neues dar√ľber zu erfahren, sondern lediglich Ergebnisse fr√ľherer Beitr√§ge noch einmal auf Basis der Erfahrungen weiterer Modellprojekte best√§tigt zu bekommen. Auch wenn eine Zuordnung der Beitr√§ge zu einem theoretisch ausgerichteten Teil und einem eher handlungsorientierten Teil des Buches oft nicht eindeutig vorzunehmen ist, h√§tte dies eine gezieltere Nutzung des Buches erlaubt.

In jenen handlungsorientierten Teil h√§tte man J√ľrgen E. Schwabs erhellenden Beitrag einordnen k√∂nnen, der Hemmnisse und Erfolgsfaktoren f√ľr Kooperationen der unterschiedlichen Systeme Schule und Jugendhilfe am Beispiel bereits bestehender regionaler Netzwerke benennt und dabei insbesondere auf die Entwicklung und Evaluation von Konzepten eingeht. Heinz-J√ľrgen Stolz, selbst Leiter einer nordrhein-westf√§lischen Koordinierungsstelle f√ľr Modellkommunen, beschreibt konkrete Schritte zum Aufbau einer lokalen Bildungslandschaft. Clemens Hillenbrand pl√§diert daf√ľr, sich ‚Äěan international anerkannten evidenzbasierten Pr√§ventionsprogrammen zu orientieren‚Äú (11) und stellt zwei dieser Programme n√§her vor. Hiltrud Loeken stellt Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung des Frankfurter Zentrums f√ľr Erziehungshilfe w√§hrend seiner Aufbauphase vor. Dabei fokussiert sie auf die Herausforderungen der Entwicklung einer Kultur der professionellen Vielfalt. Die von K√§ppler und Th√ľmmler vorgestellte Studie untersucht Kooperationsnetzwerke zwischen Schule, Jugendhilfe und dem Gesundheitssystem in Bezug auf von AD(H)S betroffene Kinder und Jugendliche. Auch hier werden konkrete Faktoren des Gelingens, diesmal auf der Ebene der beteiligten Lehrer, aufgezeigt. Hinderliche und f√∂rdernde Faktoren in Bezug auf institutionelle Strukturen und Prozesse beschreibt hingegen Werner Baur in Anschluss an seine Darstellung eines Praxisentwicklungsprojekts zur Kooperation von Schule, Erziehungshilfen und Sozialen Diensten im Landkreis Esslingen.

Der Band versammelt auch einige interessante Beitr√§ge, die sich mit den jeweiligen Bildungs- und Erziehungsverst√§ndnissen von Schule und Jugendhilfe besch√§ftigen. Innerhalb der Fachdiskussion in der Jugendhilfe hat sich das Verst√§ndnis von und das Verh√§ltnis zu Bildung in den letzten Jahrzehnten mehrfach gewandelt. Rolf G√∂ppel beschreibt in seinem sehr informativen Beitrag die Entwicklungen dieser Debatte und setzt sie in Beziehung zu Bildungsbegriffen der schulp√§dagogischen Diskussionen. Auch Peter Marquard diskutiert in seinem Beitrag das Bildungsverst√§ndnis der Jugendhilfe und vertritt eine Ausdehnung des Begriffs auf die ‚ÄěBef√§higung zu eigenbestimmter Lebensf√ľhrung‚Äú (166). Wie auch G√∂ppel betrachtet er als die Aufgabe der Jugendhilfe, Rahmenbedingungen an nicht-formellen Bildungsorten zu schaffen, die Bildungsprozesse erm√∂glichen. Dabei ist l√§ngst nicht jedes Freizeitangebot mit Bildungsf√∂rderung gleichzusetzen. Als Schl√ľssel zur Schaffung jener bildungsf√∂rdernden Rahmenbedingungen sieht er die Sozialraumorientierung des Bildungswesens insgesamt. Diese stellen Deinet und Krisch vor und skizzieren verschiedene Methoden der Sozialraumanalyse sowie das Konzept einer offenen, sozialraumorientierten Schule. Jugendhilfe fungiert dabei als Br√ľcke zwischen Schule und den weiteren Lernorten.

Wenn Jugendhilfe in das Konzept der Ganztagsschule integriert wird, drohen ihr wichtige Strukturprinzipien, vor allem jenes der Freiwilligkeit, verloren zu gehen. Eva Lang diskutiert, wie dies zu vermeiden w√§re und was man durch eine Ver√§nderung jener Prinzipien unter Umst√§nden an neuen M√∂glichkeiten hinzugewinnen k√∂nnte. Wolf R√ľdiger Wilms hingegen stellt in seinem kurzen, aber sehr lesenswerten Beitrag zun√§chst einmal den Sinn der Ganztagsbeschulung insgesamt in Frage. Die Gefahr bestehe darin, aufgrund von Vorurteilen Jugendliche ‚Äěvon der Stra√üe‚Äú (206) holen zu wollen, die eigentlich sinnvollen Nachmittagsbesch√§ftigungen nachgehen. Will Ganztagsbildung wirklich ein Mehr an Bildung bieten, muss sie mehr sein als nur Betreuung. Wilms stellt als Alternative das Konzept der Lebenskunst von Wilhelm Schmid vor. Ein weiteres alternatives Konzept f√ľr die Ganztagsschule kann Freizeitbildung sein, wie sie Reinhard Markowetz vorstellt. Er geht davon aus, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen so viel Freizeit haben werden wie nie zuvor. Um diese neue Freizeit sinnvoll und f√ľr ganzheitliche Bildungsprozesse zu nutzen, sollen Schule und Jugendhilfe ein professionelles Verst√§ndnis von Freizeitbildung entwickeln.

Stefan Maykus betrachtet Situation und Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe auf Basis des SGB VIII. Er wendet sich gegen ein vereinfachendes Verst√§ndnis der Kinder- und Jugendhilfe als Bildungsinstanz, da dies nur einen Teil ihrer Aufgaben ausmacht. Im Kern ist sie ein ‚Äěsozialp√§dagogischer Ort‚Äú (150), der die sozialen Voraussetzungen f√ľr gelingende Bildungsbiographien schafft. Wie diese Voraussetzungen aussehen k√∂nnen, beschreiben Steinebach und Steinebach in ihrem Beitrag √ľber Resilienzf√∂rderung, in dem sie ganz allgemein aufzeigen, was Eltern und Schule dazu beitragen k√∂nnen, um Kinder zu f√∂rdern.

Anke Spies kritisiert Babysimulationsprogramme als ein problematisches Lernarrangement, das auf Entmutigung setze, statt auf Empowerment. Das von ihr pr√§ferierte Praxisprojekt der Sch√ľler/-innenfirma ‚ÄěGirls Work‚Äú sei dagegen wesentlich nachhaltiger, weil auf positive Selbstwirksamkeitserfahrungen ausgelegt. Clemens Dannenbeck problematisiert in seinem Beitrag ein Begriffsverst√§ndnis von Inklusion, das diesen zum blo√üen Synonym f√ľr ‚Äěeine anzustrebende heile Welt‚Äú werden l√§sst. Damit werde die M√∂glichkeit zur kritischen Praxisreflexion aufgegeben, die der Begriff in seiner systemtheoretischen Bedeutung erst wirklich er√∂ffne.

Der Sammelband bietet insgesamt eine F√ľlle von Praxisberichten und -anregungen. Auch das Bildungsverst√§ndnis, vor allem der Jugendhilfe, die sich gegen√ľber der Bildungsinstitution Schule in der gemeinsamen Zusammenarbeit ihrer eigenen Grundlegungen bewusst sein muss, wird breit und durchaus aus sehr unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Wer sich mit den Entwicklungen und Diskussionen in diesen Feld vertraut machen m√∂chte, dem sei dieses Buch empfohlen.
Sonja Breker (Frankfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sonja Breker: Rezension von: Markowetz, Reinhard / Schwab, J√ľrgen E. (Hg.): Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, Inklusion und Chancengerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151873.html