EWR 11 (2012), Nr. 3 (Mai/Juni)

Sammelrezension zur Geschichte der Grundschule

Wolfgang Einsiedler / Margarete Götz / Christian Ritzi / Ulrich Wiegmann (Hrsg.)
Grundschule im historischen Prozess
Zur Entwicklung von Bildungsprogramm, Institution und Disziplin in Deutschland
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012
(310 S.; ISBN 978-3-7815-1837-7; 24,90 EUR)
Johannes Jung / Bettina König / Katharina Krenig / Katrin Stöcker / Verena Stürmer / Michaela Vogt (Hrsg.)
Die zweigeteilte Geschichte der Grundschule 1945 bis 1990
Ausgewählte und kommentierte Quellentexte zur Entwicklung in Ost- und Westdeutschland
Berlin: LIT 2011
(262 S.; ISBN 978-3-643-11087-9; 24,90 EUR)
Johannes Jung
Der Heimatkundeunterricht in der DDR
Die Entwicklung des Faches in den unteren vier Jahrgangsstufen der Polytechnischen Oberschule zwischen 1945 und 1989
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011
(163 S.; ISBN 978-3-7815-1817-9; 29,90 EUR)
Grundschule im historischen Prozess Die zweigeteilte Geschichte der Grundschule 1945 bis 1990 Der Heimatkundeunterricht in der DDR Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt die Entwicklung der Grundschule zunächst in den von den Alliierten besetzten Territorien, danach in der DDR und in der BRD und hier aufgrund der föderal verankerten Kulturhoheit in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Entwicklungen, die sich bis in die Gegenwart hinein durch eine nicht unerhebliche Heterogenität in den bildungspolitischen Zielsetzungen, systemischen Entwicklungen und pädagogischen Konzeptionen zeigen. Sie in ihrer Vielfalt zu beleuchten erweist sich als schwierig, auch wenn sich in der historischen und aktuellen Fortschreibung zunächst die Restauration mit ihrer Anknüpfung an eine vertikale Gliederung des Schulsystems in Westdeutschland und einer am Prinzip des Einheitsschulgedankens orientierten Strukturgebung in Ostdeutschland, die Wissenschaftsorientierung des Grundschulunterrichtes in der Zeit der Bildungsoffensive bzw. eine ideologische Grundlegung zentralistischer Orientierungen oder die aktuelle Debatte um Inklusionsforderungen und ihre Umsetzungen als Dimensionen der Grundschulentwicklung sowie der Theoriebezüge ihrer Pädagogik erweisen. Diesen Kontext beleuchten die hier ausgewählten Publikationen auf je unterschiedliche Weise.

(I) Der von Wolfgang Einsiedler, Margarete Götz, Christian Ritzi und Ulrich Wiegmann herausgegebene Band „Grundschule im historischen Prozess“ ist das um ausgewählte Beiträge erweiterte Ergebnis einer Fachtagung, die im Jahre 2009 anlässlich der neunzigsten Wiederkehr des Gründungstages der Grundschule als eigenständiger Schulform in Berlin stattfand. Sie war Ort des wissenschaftlichen Diskurses über die aus gesellschaftsgeschichtlichen und bildungspolitischen Perspektiven immer wieder kontrovers bewerteten Bildungschancen und/oder verhinderungen der Grundschule (die insbesondere mit dem ihr zugrundeliegenden Einheitsschulprinzip sowie der zeitlichen Festsetzung ihres Pflichtbesuches in Verbindung gebracht werden), darüber hinaus aber auch Anlass einer kritischen und zugleich zukunftsweisenden Analyse ihres Bildungsauftrages, aktueller institutioneller Innovationspotenziale und einer Fortschreibung der Grundschulpädagogik als professionsorientierter Disziplin.

Die Einzelbeiträge weisen verschiedene Schwerpunktsetzungen auf und beziehen sich im ersten Teil insbesondere auf die Herausbildung eines für alle Kinder geltenden Bildungsanspruches und dessen pädagogische sowie systemische Umsetzung:
Unter bildungstheoretischen Bezügen betonen Heinz-Elmar Tenorth und Uwe Sandfuchs die historische Prägung aktueller Denkformen. Dabei hebt Tenorth, mit dem 19. Jahrhundert beginnend, das für die deutsche Tradition typische Prinzip der strukturellen Trennung von Volksbildung und sogenannter höherer Bildung und die mit ihr verbundene Unschärfe einer begrifflichen Bestimmung von Allgemeinbildung, Elementar- und Grundbildung sowie die der Grundschule immanente Problematik hervor, die inhaltlichen Mindeststandards und Basiskompetenzen zu definieren bzw. zu sichern. Anknüpfend an diesen Gedankengang stellt Sandfuchs die Frage, „welches Verständnis von Bildung das Handeln der Institution Grundschule und ihres Personals im Laufe ihrer Geschichte leitet“ (35). Als theoretischer Bezugspunkt werden grundlegende, sich im historischen Prozess herauskristallisierende Funktionen der Schule benannt, die sich als eine zunächst ständisch legitimierende Bildungsbegrenzung und Disziplinierung über die Ausprägung einer volkstümlichen Bildung hin zu einer Gesellschafts- und Wissenschaftsteilhabe und schließlich in demokratischer Haltung als Förderung aller individueller Begabungen kennzeichnen lassen. Dabei werden die sich allmählich deutlich erweiternden Bildungschancen der Grundschule als Optionen gesteigerter Bildungsteilhabe bewertet, ohne jedoch die Gefahren ihrer Überfrachtung zu unterschlagen: „Die Grundschule braucht ein anschlussfähiges Konzept von Grundbildung, das für weiteres Lernen in der pluralen Wissensgesellschaft und ihrer Schule wappnet“ (50).

Aus sozialhistorischer Perspektive fokussiert Bernd Zymek den aus der Gesetzgebung von 1920 resultierenden systemischen Stellenwert der Grundschule, deren Entwicklung trotz der sie begleitenden Kompromisslösungen als eine Erfolgsgeschichte beschrieben wird, auch wenn ihre historische Erforschung nicht dazu hat beitragen können, dass sie – so der Autor – zu einem „deutschen Erinnerungsort“ aufsteigen konnte.

Wolfgang Einsiedler betrachtet mit seinen Ausführungen die Entwicklung der Grundschulpädagogik als wissenschaftliche Disziplin. Ausgangspunkt ist die Suche nach jenen Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass die Grundschulpädagogik erst allmählich und in jüngster Zeit zu einer Wissenschaftsdisziplin avancieren konnte. In Auseinandersetzung mit der „Theorie der sozialen Ungleichheit“ nach Bourdieu (74) werden insbesondere Herrschafts- und Machtstrukturen für die Ausprägung fachspezifisch differenter Wissenschaftsreputationen benannt, die mitverantwortlich dafür sind, dass sich die wissenschaftliche Akzeptanz und Wertschätzung der Grundschulpädagogik als längerer Prozess gestaltete.

In kritischer Würdigung des von Artur Kern testtheoretisch untermauerten Schulreifekonzeptes verweist Margarete Götz in einer retrospektiven Analyse auf die mit den Kriterien Alter und Entwicklungsstand hervorgerufene Normierung kindlicher Lebensphasen und ihrer mit der Einschulungspraxis einhergehenden bildungsbiographischen Bedeutsamkeit.
Der zweite Teil der Buchbeiträge thematisiert Zielsetzungen und Gestaltungsoptionen der Unterstufe im Einheitsschulsystem der DDR. Dabei übernimmt es Ulrich Wiegmann, die Implementierung und Reformen der Unterstufe sowie grundlegende Ansätze ihrer Didaktik zu skizzieren, während eine Inhaltsanalyse unterstufenpädagogischer Themen in einer Auseinandersetzung mit ausgewählten Publikationsorganen erfolgt. Unter dieser Perspektive betrachtet Nicole Zabel den Auftrag und die Relevanz des „Deutschen Pädagogischen Zentralinstituts“ für die Entwicklung der Unterstufenpädagogik, während Sonja Häder und Michaela Vogt in ihren Ausführungen die Lehrerzeitschrift „Die Unterstufe“ als Grundlage für eine Generierung der zentralen Themen der Unterstufenpädagogik und den dieser zugrundeliegenden Kindheitsvorstellungen heranziehen. Die Darstellungen enden mit dem von Verena Stürmer verfassten Beitrag über „Erstlesefibeln in der SBZ/DDR“, in dem sie auf das „Bild vom Kind“ rekurrierend die Erziehungsabsicht der Fibel untersucht. Im Rahmen ihres Forschungsvorhabens können erste Ergebnisse zu den „Produktionsbedingungen und Ideologisierungsabsichten“ vorgestellt werden.

Mit den Einzelbeiträgen wird ein inhaltlich abwechslungsreicher Blick auf die Entwicklung und Pädagogik der Grundschule geworden, der zahlreiche Perspektiven aufgreift, dabei zum Teil bekannte Sachverhalte mit neuen Erkenntnissen verbindet und so die differenten, sich in ihrem Grundanliegen einer gemeinsamen Beschulung aller Kinder aber auch wiederum annähernden Entwicklungen der schulischen Eingangsbereiche in den beiden deutschen Staaten kritisch würdigt. Dabei ist es dem Herausgeberteam gelungen, mit der chronologischen Anlage und der Wahrung eines trotz unterschiedlicher Themen sichtbar werdenden zentralen Argumentationsfadens einen geschichtlichen Überblick zu liefern, der die Konzepte des Entwicklungsprozesses und Beweggründe für bildungspolitische Entscheidungen in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen einbindet. Insofern kann der Herausgeberband als eine monografisch orientierte Geschichte der Grundschule, mit seinen Einzelbeiträgen, aber auch zugleich als Handbuch charakterisiert werden, das studienbezogene Literaturlisten um einen neuen und wertvollen Titel bereichert.

(II) Die Institutionalisierung des Primarbereiches in den beiden deutschen Staaten ist auch Thema des zweiten Buches: Bereits der Titel „Die zweigeteilte Geschichte der Grundschule 1945 bis 1990“ verweist auf die in Ost- und Westdeutschland unterschiedlichen Entwicklungsverläufe. Dabei ist es das Anliegen, „die Geschichte der Grundschule einerseits als eine doppelte, andererseits als eine geteilte Geschichte wahrzunehmen“ (9). Dieses geschieht auf der Grundlage ausgewählter Dokumente und ihrer Kommentierungen, die vier Themenfeldern zugeordnet sind.

Die Quellen zur Bildungspolitik und -statistik konturieren die im Auftrag von Entnazifizierung, Entmilitarisierung und Demokratisierung stehenden systemischen Ausdifferenzierungen einer im Sinne der Chancengleichheit für alle Kinder geltenden Grundbildung, die Basis jeder weiterführenden Schulform sein soll. Unter Heranziehung von Auszügen aus den Schulgesetzen und Verfassungen einzelner Bundesländer, dem “Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule 1946“, den „Lehrplänen für die Grund- und Oberschulen in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1946“, der „Verordnung über die Unterrichtsstunde 1950“ und „Stundentafeln für Grundschulen 1951/1951“ steht die Kontroverse um die gesetzlich festzuschreibende Dauer des Grundschulbesuches, seine Zuweisung auf staatliche und/oder private Trägerschaften sowie die reformpädagogische bzw. sozialistische Ausprägung der Grundschule im Mittelpunkt der von Bernd Zymek und Heinz-Elmar Tenorth kommentierten Themenaufarbeitung.

Die institutionelle Entwicklung der Grundschule wird für die BRD durch Auszüge aus dem „Berliner Schulgesetz von 1948“, dem „Gesetz zur Neuordnung des Hamburger Schulwesens vom September 1949“ und dem „Strukturplan für das Bildungswesen“ von 1970/1971 nachgezeichnet, für die DDR im Wesentlichen durch den „Bericht über den Besuch der 4. Klasse 1951“ und „Die wenig gegliederte Landschule 1952“ sowie die Forderung, „Die Überreste des bürgerlichen Volksschulunterrichts [zu] überwinden 1964“. Als Kommentator verweist Paul Helbig für Westdeutschland auf das Anliegen, die Qualität des Grundschulbesuches durch eine Ausdehnung des Besuches der Grundschule, eine lebenswelt- und zugleich fachorientierte Ausrichtung ihres Unterrichtes und die universitäre Ausbildung ihrer Lehrkräfte herbeizuführen, während Bettina Irina Reimers und Ulrich Wiegmann für Ostdeutschland die Verzahnung der Grundschule mit außerschulischen Erziehungs- und Jugendorganisationen und die ihr im Rahmen der Durchsetzung der polytechnischen Oberschule zugewiesene fachvorbereitende Unterrichtskonzeption betonen.

Mit einer exemplarisch pointierten Betrachtung der Lehrplangeschichte belegt Andreas Nießeler u.a. am Beispiel des „Bildungsplans für die bayerischen Volksschulen 1955“, dem „Lehrplan für die Grundschule Bayern 1971“, der „Neufassung des Lehrplans für die Grundschule Bayern 1976“ den Einfluss zeitgenössischer und normativer Einflüsse auf die Inhaltsfrage, die sich insbesondere in der Ablösung einer volkstümlichen Bildung und des heimatkundlichen Unterrichts durch einen an der Fachpropädeutik und den individuellen Lernbedürfnissen der Kinder orientierten (Sach-)Unterricht zeigen, während Fritz Osterwalder beispielsweise mit dem „Lehrplan für die Unterstufe 1954“ und der „Direktive zur Arbeit mit dem Lehrplan 1955/1956“, den Hinweisen auf „Ziele und Aufgaben für den heimatkundlichen Deutschunterricht 1965“ und den „Handreichungen für die Arbeit in den muttersprachlichen Disziplinen 1990/1991“ für die DDR zeigt, dass der Wandel vom muttersprachlichen zum heimatkundlichen Deutschunterricht mit einer sozialistischen Politisierung des Deutschunterrichts verbunden war und die auf Solidarität ausgerichtete Haltung offensichtlich dazu führte, dass die Regelungsdichte der Lehrpläne im Laufe der Zeit zunahm: „Und die Lehrplangeneration nach 1965 ... hält dann gleich Stunde für Stunde Thema, Stoffauswahl, Lernziel, wichtige einzuführende Begriffe und die pädagogischen Schwerpunkte fest“ (198).

Die disziplinäre Geschichte fokussiert schließlich mit Texten u.a. „Zur geschichtlichen Entwicklung der Grundschuldidaktik (Rabenstein 1979)“, zu den „Leselehrverfahren in empirischer Sicht (Heuß 1971)“ sowie zur „Konzeption zur weiteren inhaltlichen Gestaltung der Ausbildung von Lehrern 1971“ in der DDR auf Inhalte und Professionalisierungsmerkmale in der Lehrerbildung. Wolfgang Einsiedler und Johannes Jung ordnen die Texte hinsichtlich ihrer Innen- und Außenwirkung ein und stellen damit die Zielsetzungen, aber auch Unwägbarkeiten des Akademisierungsprozesses für Lehrerinnen und Lehrer an Grund-/Unterstufenschulen heraus.

Die Komplexität der Grundschulentwicklung in ihrer Gesamtheit und ihren zahlreichen Facetten aufzuarbeiten ist kaum möglich und auch nicht das Ziel der vorliegenden Publikation. Vielmehr geht es den Herausgebern offensichtlich darum, die Vielschichtigkeit transparent und die unterschiedlichen, zum Teil sich auch annähernden Entwicklungen nach ihren bildungspolitischen und pädagogischen Erträgen und ihren jeweiligen Bildungschancen zu befragen. Die Exemplarität der Quellen ermöglicht einen in dieser Weise neuen Blick auf parallele und differente Argumentationen, auch wenn aktuellste Entwicklungen – etwa die Inklusionsforderung oder die Umsetzung einer individuell-förderlichen Ganztagspädagogik – nicht thematisiert werden und Auswahlbegründungen zu den Texten fehlen. Die vorangestellte bildungstheoretische Rahmung aus der Perspektive des Primarbereichs, die sich auf die Argumentationsmuster der Reformpädagogik, der Wissenschaftsorientierung und der Pädagogisierung sowie Politisierung der Kindheit, aber auch die „philosophisch-weltanschauliche Grundidee“ des historischen Materialismus bezieht (16), verweist auf argumentative Traditionslinien, die einen Bezugsrahmen für weitere bildungstheoretische Begründungen liefern könnten.

Aufgrund der Trennung des Quellenbestandes von den erläuternden und kommentierenden inhaltlichen Auseinandersetzungen eignet sich die Publikation m.E. besonders für ein textanalytisches Arbeiten in der Lehrerausbildung, auch wenn eine formale Anpassung der Kommentare (diese beziehen sich z.T. explizit auf die einzelnen Quellen, sind teilweise aber auch eher durch einen Überblickscharakter geprägt), eine Bündelung der Analyseergebnisse in einem abschließenden (die Ergebnisse hinsichtlich des vermeintlichen Teilungs- oder Synergieeffektes zusammenfassenden) Fazit sowie eine strukturelle Abgleichung der Kapitel mit der Gliederung (Aufnahme aller Unterpunkte in das Inhaltsverzeichnis) sicher zu noch höherer Transparenz der Aussagen führen könnten.

(III) Mit dem Titel „Der Heimatkundeunterricht in der DDR“ verbindet sich ein explizites Forschungsanliegen, in dem es um eine Rekonstruktion des Unterrichtsfaches über die Gesamtdauer der Existenz der DDR geht. Das besondere erkenntnisleitende Interesse generiert sich aus einem grundsätzlich bestehenden Forschungsdesiderat, darüber hinaus aus der Erwartung, das „Verhältnis von Pädagogik und Politik“ hier in besonderer Weise bearbeiten zu können (7). Als Quellen werden die gesellschaftskritischen und theoretischen Werke von Marx und Lenin sowie SED-Parteitagsbeschlüsse, Lehrpläne, Heimatkundebücher und Unterrichtshilfen sowie Vorschriften der Bildungsadministration herangezogen. Sie dienen dazu, auf einer obersten Reflexionsebene zunächst den politischen Bezugsrahmen und damit die Ausrichtung schulischer Bildung und Erziehung auf den Staat und die Partei grundsätzlich zu skizzieren, um dann im chronologischen Vorgehen die „antifaschistisch-demokratische Schulreform (1945-52)“, den „Aufbau der sozialistischen Schule (1952-1961)“, die „sozialistische Rationalisierung und Konsolidierung (1961-1971)“ und den „Heimatkundeunterricht im Kontext binationaler Koexistenz und Konkurrenz und staatlicher Krise (1971-1989)“ als Segmentierungen für die Inhaltsanalyse zu wählen. Mit ihnen kann die erst allmähliche Umsetzung des sozialistischen Gedankens im Heimatkundeunterricht (58), dessen zeitweise Reduzierung zugunsten einer Betonung regionaler Bezüge in den späten 1950er Jahren (73), eine danach einsetzende Wissenschaftsorientierung und Verpflichtung auf den „kollektiven Dienst für das sozialistische Vaterland“ (113) beziehungsweise eine zum Ende hin deutlichere Distanzierung vom sowjetischen Vorbild nachgewiesen werden (135). Das Sichtbarwerden von Kontinuitäten und Diskontinuitäten in diesen Zeitabschnitten spitzt der Autor schließlich auf die Dimensionen der Werterziehung, der Ökonomisierung, des Klassenkampfes, der Gesellschafts- und Naturkunde zu. Die zentralen Aussagen münden in der Identifizierung dreier Perspektiven, die sich aus dem unmittelbaren Bezug des Faches Heimatkunde zum gesamtgesellschaftlichen Rahmen ergeben:

Mit der Reduzierung von Inhalten und Lehrzielen reagieren Lehrpläne auf einen im Sinne der staatspolitischen Machbarkeit reduzierten Selbstanspruch, der sich als „Paradigmenwechsel von offensiver und hochambitionierter Revolutionsattitüde hin zu defensiver und überschaubarer ‚Eigenraumverwaltung’ (149)“ offenbart.

Als Didaktisierung wird der allmählich voranschreitende Prozess bezeichnet, in dessen Verlauf die Lehrpläne zugunsten der „unterrichtsnäheren Handreichungen, Unterrichtsmaterialien, Heimatkundebücher [und] beispielhaften[n] Stundenbilder“ (150) zunehmend an Bedeutung verloren.

Unter der Stabilisierung versteht der Autor eine sich über die Jahre ausprägende „Tendenz zu Beharrung und Konstanz“ (152), die einen staatspolitisch tragenden Identifikationsimpuls besitzt, damit aber zugleich die Notwendigkeit von Erneuerungen oder Veränderungen im Heimatkundeunterricht negiert.

Aufgrund der breitangelegten Quellenanalyse und ihrer systematischen Strukturierung gelingt es Johannes Jung in seinem hermeneutischen Vorgehen zu neuen und zentralen Ergebnissen zu kommen, die das Bild des Heimatkundeunterrichtes in der DDR abrunden und für die historische Schulforschung von bedeutendem Wert sind.
Renate Hinz (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Renate Hinz: Rezension von: Einsiedler, Wolfgang / Götz, Margarete / Ritzi, Christian / Wiegmann, Ulrich (Hg.): Grundschule im historischen Prozess, Zur Entwicklung von Bildungsprogramm, Institution und Disziplin in Deutschland. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012. In: EWR 11 (2012), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.05.2012), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151837.html