EWR 6 (2007), Nr. 6 (November/Dezember 2007)

Brigitte Schumann
"Ich schäme mich ja so!"
Die Sonderschule fĂĽr Lernbehinderte als "Schonraumfalle"
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007
(224 S.; ISBN 978-3-7815-1514-7; 29,80 EUR)
"Ich schäme mich ja so!" Über das Weltwissen der Siebenjährigen wissen wir inzwischen eine Menge. Ebenso sind die Leseleistungen der Fünfzehnjährigen hinreichend erforscht. Aber was wissen wir über die Begründungsfiguren und Legitimationsstrategien etwa der Kultusministerkonferenz bezüglich einer Schulform, die ihre Schüler nachhaltig beschämt und sozial deklassiert? Was wissen wir über das Ausmaß der dadurch entstehenden sozialen Chancenungleichheit aus der Sicht betroffener Eltern? Und vor allem: Wie erleben Schülerinnen und Schüler das Stigma Sonderschule?

Es ist das Verdienst von Brigitte Schumann, diese unbequemen Fragen aufzuwerfen. Seit Jahren schon weist sie als Bildungsjournalistin auf den „blinden Fleck“ der Schulleistungsstudien hin: Er besteht im Aussparen der Sonderschulen – Förderschulen, wie diese Schulform beschönigend genannt wird – aus den international vergleichenden Schulleistungsstudien. Nun könnte Brigitte Schumann sicherlich einiges an Wissen beitragen, wie und warum sich die Bildungspolitik hartnäckig einer Schulstrukturreform verweigert; denn sie war lange Jahre Landtagsabgeordnete in NRW und bildungspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion. Auch wenn es um unbequeme Fragen geht: Ziel der als Dissertation eingereichten wissenschaftlichen Untersuchung von Brigitte Schumann ist jedoch ein anderes. Es geht in dieser Studie um das Selbstkonzept von Schülerinnen und Schülern an Sonderschulen für Lernbehinderte. Schon lange steht diese Schulform in der Kritik, schon lange ist bekannt, dass sich in dieser Schulform überdurchschnittlich viele Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien finden.

Nun findet sich seit der Hilfsschulpädagogik im Begründungshaushalt für diese Schulform immer wieder die Sichtweise, dass die Sonderschule für Lernbehinderte mit individuell angepassten und bedürfnisgerechten Leistungsanforderungen in einer adäquaten Bezugsgruppe dabei helfen könne, ein positives Selbst- und Leistungskonzept zu entwickeln. Dagegen stellt Schumann ihre zentrale Hypothese, dass „unter den Bedingungen einer sich modernisierenden Gesellschaft Schüler und Schülerinnen der Sonderschule für Lernbehinderte im ‚Schonraum’ Sonderschule in der Regel kein belastbares positives Selbstkonzept entwickeln [können]“ (16).
Sie geraten vielmehr in die Schonraumfalle, die Bildungsarmut verfestigt und die Schülerschaft nachhaltig beschämt. Als Falle wirkt die Sonderschule – so Schumann – weil das Versprechen der besonderen Förderung und der Integration in einen Schonraum mit dem fast sicheren sozialen Ausschluss bezahlt wird.

Operationalisiert wurde die Forschungsfrage der Belastungen der Sonderschüler und Sonderschülerinnen und zu deren Bewältigungsverhalten durch eine Methodenkombination aus quantitativen und qualitativen empirischen Forschungsmethoden. In einem ersten Schritt wurden im Rahmen einer schriftlichen standardisierten Befragung die Schülerwahrnehmungen ermittelt (197 Schülerinnen und Schüler der Sonderschule für Lernbehinderte in NRW), im zweiten Schritt dann (insgesamt 41) Interviews mit Schülerinnen und Schülern für die Fragestellung qualitativ ausgewertet. Aber nicht nur die Schülerwahrnehmungen wurden exploriert. Auch die Eltern wurden zu schriftlichen Befragungen und Interviews mit in die Untersuchung einbezogen. Damit wird ein Einblick in die innerfamiliären Belastungen durch den beschämenden Schulbesuch deutlich. Wenn auch die qualitativen Analysen selten in die Tiefe gehen und mit einer subtileren Auswertungsmethode sicher die komplexen Bewältigungsformen der Beschämung in der ganzen Paradoxie zu rekonstruieren wären, so zeichnet die Studie ein differenziertes Bild der Beschämung und deren Verarbeitung aus der subjektiven Sicht der Schülerinnen und Schüler der Sonderschule für Lernbehinderte.

Theoretische Referenzen finden sich vor allem in der Schamtheorie von Sighard Neckel, für den Scham in erster Linie Ausdrucksgestalt sozialer Beziehungen und Machtverhältnisse ist, sowie der in bildungssoziologischen Kritik an der „meritokratischen Leitfigur“ (die letztlich soziale Ungleichheit verfestigt) von Heike Solga. Scham, so legt die Studie von Schumann unmissverständlich frei, reproduziert soziale Ungleichheit und vor allem Kinder aus Migrantenfamilien (und ebenso ihre Eltern, die aus dem Schulbesuch der Kinder ein gut gehütetes Familiengeheimnis machen) bevorzugen das Verschweigen des Stigma behafteten Sonderschulbesuchs. Dies stellt letztlich aber eine fatale Schambewältigung dar; denn sie erlaubt keine positiven Verarbeitungsprozesse.

So lässt sich als Befund der Studie eindrücklich festhalten, „dass die Sonderschule keineswegs hält, was sie verspricht. Während als erwiesen gilt, dass sie bezogen auf den Kompetenzerwerb keine kompensatorischen Wirkungen entfaltet und im Gegenteil ihre herkunftsbedingt benachteiligten Schüler/innen bildungsarm entlässt, [..], dass die an den Sonderschulstatus gebundenen Schamgefühle das Selbstwertgefühl von Sonderschüler/innen erheblich beschädigen und sie anfällig machen für die Übernahme negativer Fremdtypisierungen und stigmatisierender Defizitcharakterisierungen“ (201).

Vor allem im Hinblick auf die Inspektionsreise des UN-Sonderberichterstatters der Kommission des Menschenrechts auf Bildung, Vernor Muñoz, der 2006 das deutsche Bildungssystem untersuchte und kritisierte, positioniert sich die Verfasserin eindeutig: „Bildungspolitisch hängt die Realisierung des Menschenrechts auf Bildung für alle Kinder in Deutschland wesentlich von zwei überfälligen strukturellen Grundentscheidungen ab: die Schließung der Sonderschulen und die Überwindung des selektiven und sozial segregierenden Regelschulsystems, das den Sonderschulbedarf (re-) produziert“ (203).

In diesem Sinne weisen die bildungspolitischen und pädagogischen Schlussfolgerungen und Empfehlungen am Ende der Studie eindeutig in Richtung einer Schule für alle Kinder. Diese weit reichende Transformation wird nicht ohne Kontroversen und einen anderen Umgang mit Heterogenität zu haben sein. Die Bildungspolitik ist jedoch herausgefordert und man darf auf die Debatte darüber gespannt sein. Dass sie wieder einmal und besonders nachdrücklich angestoßen worden ist, gehört zu dem Verdienst der Studie von Brigitte Schumann, die die pädagogische und bildungspolitische Lebenslüge vom Schonraum Sonderschule nachhaltig zerstört hat.

Gleichwohl: Es steht weiterhin aus, ein studying-up zu betreiben, also zu ergründen, wie und warum sich die Bildungspolitik oftmals aus erkennbar ideologischen Gründen gegen das erziehungswissenschaftliche Wissen sperrt, wie die bildungspolitische Verweigerung begründet wird und damit die Sonderschule für Lernbehinderte als deklassierende Schulform weiterhin aufrechterhält. Brigitte Schumann schreibt zu recht: „Wer an der Praxis der Aussonderung von Kindern und Jugendlichen mit Lernproblemen festhält und ihre separate Unterrichtung und Förderung in Sonderschulen präferiert, hat die Beweispflicht“ (160).

Über die Schülerinnen und Schüler und ihr Gefühl im „Bildungskeller“ zu sein, wissen wir nun zweifellos eine ganze Menge. Aber dennoch: Der Transformationsprozess ist eröffnet. Deutschland wird sich hinsichtlich dieser überzeugend geforderten Strukturreform sputen müssen; denn die Schweiz wird die Sonderklassen (nicht nur für die so genannten Lernbehinderten) nach und nach abschaffen und bis 2011 auf die integrative Förderung umstellen. Im Zentrum steht dort die Frage: Welche Zusatzunterstützung ist notwendig für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn? Gefördert wird dabei integrativ in Regelschulen. Dann spätestens ist Deutschland mit der Lebenslüge vom „Schonraum Sonderschule“ singulär in Europa.
Sven Sauter (GieĂźen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sven Sauter: Rezension von: Schumann, Brigitte: "Ich schäme mich ja so!", Die Sonderschule fĂĽr Lernbehinderte als "Schonraumfalle". Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2007. In: EWR 6 (2007), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2007), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151514.html