EWR 7 (2008), Nr. 6 (November/Dezember)

Wilhelm Topsch / Barbara Moschner (Hrsg.)
Schulstart
Didaktische Perspektiven für das erste Schuljahr
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2008
(192 S.; ISBN 978-3-7815-1512-3; 18,00 EUR)
Schulstart Der Schulbeginn stellt nach wie vor eine entscheidende Schnittstelle im Leben von Kindern dar. Mit der Diskussion um die Bedeutung früher Lernprozesse, der zunehmenden Heterogenität der Schulanfänger und der Kritik an frühen Selektionsprozessen haben sich gerade in den letzten zehn Jahren zahlreiche theoretische Weiterentwicklungen, neue empirisch belegte Erkenntnisse und vielfältige Reformansätze in der Schulpraxis ergeben. Diese werden allesamt in dem von Wilhelm Topsch und Barbara Moschner herausgegebenen, jüngst im Klinkhardt Verlag erschienenen Buch „Schulstart. Didaktische Perspektiven für das erste Schuljahr“ aufgegriffen. Es wendet sich gleichermaßen an Studierende, Berufsanfänger und erfahrene Lehrkräfte im Primarbereich. Damit verspricht es neben der aktuellen Aufarbeitung des grundschulpädagogischen und -didaktischen Kenntnisstandes auch eine Praxisrelevanz für die konkrete Unterrichtsplanung und -gestaltung im ersten Schuljahr. Um es gleich vorwegzunehmen: Diesem Anspruch wird das Buch in hervorragender Weise gerecht. Im Vergleich zu anderen Werken hebt es sich in zweifacher Weise ab:

Erstens umfasst die inhaltliche Zusammenstellung der einzelnen Kapitel sowohl psychologisches, pädagogisches als auch fachdidaktisches und fachübergreifendes Grund-, Überblicks- und Hintergrundwissen. Die Binnengliederung des Bandes erfolgt entsprechend unter drei Perspektiven, nämlich der auf das Kind gerichteten psychologischen Perspektive (Kapitel 2-3), der auf die Grundschule als Institution gerichteten unterrichtsorganisatorischen Perspektive (Kapitel 4-5) und der auf die Unterrichtsinhalte gerichteten fachdidaktischen Perspektive (Kapitel 6-9). Für die einzelnen Kapitel ist es den Herausgebern dabei ausnahmslos gelungen, ausgewiesene Experten und Expertinnen für ihren jeweiligen Schwerpunkt zu gewinnen. Der Band beinhaltet eine Einleitung und acht Kapitel:

  • Lernen, Entwicklung und Umwelt (Maria Fölling-Albers);

  • Lernen und Motivation (Barbara Moschner);

  • Leben und Lernen im ersten Schuljahr (Renate Hinz);

  • Unterrichtsklima und soziale Interaktion in der Schulklasse (Horst Bartnitzky);

  • Schriftspracherwerb (Wilhelm Topsch);

  • Mathematikunterricht im ersten Schuljahr (Günter Graumann);

  • Schulstart Sachunterricht (Astrid Kaiser);

  • Bewegung, Wahrnehmung und Gestaltung (Tassilo Knauf).


Zweitens bietet das Buch gleich mehrere sehr hilfreiche Leseorientierungen: Neben der kurzen und prägnanten Zusammenfassung des Inhalts eines jeden Kapitels in der Einleitung (9-20) und dem Schlagwortregister am Ende des Bandes sind zwei weitere Orientierungshilfen besonders hervorzuheben. So ist das Inhaltsverzeichnis gegliedert, d.h. es enthält nicht nur die Kapitelüberschriften, die in der Regel recht allgemein formuliert sind, sondern auch die verschiedenen Unterpunkte und Zwischenüberschriften. Auf diese Weise erfasst die Leserin bzw. der Leser mit einem Blick den Aufbau und die Struktur des Aufsatzes und erkennt gleichzeitig, ob beispielsweise der eigene Interessenschwerpunkt „Regeln und Rituale“ tatsächlich auch in dem Kapitel „Unterrichtsklima und soziale Interaktion in der Schulklasse“ abgehandelt wird. Auch die beanspruchte Praxisrelevanz des Bandes lässt sich sehr gut am Inhaltsverzeichnis verifizieren, da in fast jedem Kapitel auch „Impulse für die Praxis“ oder „Unterrichtsperspektiven“ ausgewiesen werden. Außerdem ist jedem Beitrag eine sog. Orientierungsseite vorangestellt, die sowohl einen kurzen Orientierungstext zur Einführung beinhaltet als auch Leitfragen, die zu einem aktiven Lesen anregen sollen. Dies trägt dazu bei, sich gerichteter auf den Text einzulassen und das eigene Leseverständnis im Anschluss an die Lektüre zu evaluieren. Zudem bietet eine solche Orientierungsseite wertvolle Anregungen für den Einsatz der Texte zu Ausbildungszwecken. Diese Formen der Leseunterstützung sind so überzeugend, dass ich die Empfehlung aussprechen möchte, sie als Beispiele für Studien- und Arbeitsbücher zu nutzen. Die Orientierungen sind aber auch gerade für diesen Band besonders sinnvoll, weil den einzelnen Kapiteln erfreulicherweise mit rund 18 Seiten ein größerer Umfang eingeräumt wird als in anderen Herausgeberwerken häufig üblich. Die einzelnen Beiträge verkörpern dadurch in meinen Augen eine ideale Balance zwischen Grundlagen- und Vertiefungswissen. Sie geben allesamt einen guten, aktuellen und teilweise auch historischen Überblick über den jeweiligen Gegenstand und rekurrieren auf grundlegende Theorien und empirische Studien.

Aufgrund des etwas größeren Seitenumfangs ist es den Autoren möglich, Forschungsergebnisse nicht nur knapp zusammenzufassen, sondern sie auch in ihren Entstehungskontexten darzustellen sowie zentrale Fragestellungen und Methoden aufzuzeigen. Dies erleichtert die Nachvollziehbarkeit und das Verstehen und gibt den Leserinnen und Lesern wertvolle Hinweise für das Weiterlesen. Die Konzeption spricht sowohl Leserinnen und Leser mit Vorkenntnissen an, als auch diejenigen, die sich zwar für die Schulform Grundschule spezialisieren bzw. spezialisiert haben, aber aufgrund anderer Studienschwerpunkte eher „fachfremd“ an bestimmte Beiträge herangehen. Beispielsweise erhalten Sachunterrichtsstudierende in dem Beitrag von Astrid Kaiser eine in der Sachunterrichtsdidaktik bisher nur unzureichend beleuchtete Perspektive auf den sachunterrichtlichen Schulanfang, und gleichzeitig werden Leserinnen und Leser ohne sachunterrichtsdidaktische Vorkenntnisse motivierend in grundlegende Konzeptionen des Faches eingeführt (148-165). Ähnliches gilt für die anderen fachdidaktischen Beiträge zum „Schriftspracherwerb“, zum „Mathematikunterricht“ sowie für den fachübergreifenden Beitrag zum Thema „Bewegung, Wahrnehmung und Gestaltung“. Positiv anmerken möchte ich, dass die Herausgeber sich dafür entschieden haben, einen klaren Fokus auf die Hauptfächer zu legen und darüber hinaus die Basiselemente menschlicher Entwicklung im Bereich „Bewegung, Wahrnehmung und Gestaltung“ aufzunehmen, die sich in sämtlichen Fächern der Grundschule widerspiegeln. Diese Konzentration auf grundlegende Unterrichtsinhalte erscheint insbesondere angesichts der Aufgabenfülle sinnvoll, mit denen sich gerade Berufsanfänger mit der Übernahme eines 1. Schuljahres konfrontiert sehen, und trägt somit sicherlich zu einer gewissen Entlastung bei. Mit der positiven Betonung dieser Schwerpunktbildung soll natürlich nicht die Relevanz der übrigen Fächer in Frage gestellt werden, die ohne Zweifel in anderen Werken herausgearbeitet wird.

Als kritische Frage stellt sich mir lediglich, warum die eher pädagogisch orientierten Beiträge von Renate Hinz und Horst Bartnitzky unter der Kategorie „Unterrichtsorganisation“ geführt werden, obwohl beide weit darüber hinaus gehen und eine große Spannweite grundschulpädagogischer Themenbereiche bearbeiten, wie beispielsweise Fragen um die Eingangsstufe, individuelle Förderpläne, offene und individualisierte Unterrichtsformen, Leistungsbewertung, inklusiven Unterricht, Klassenklima, Gestaltung der ersten Schultage, Unterrichtsstörungen etc. All diese Themen können durchaus unter einem weiten Begriff von Unterrichtsorganisation gefasst werden. Da sie jedoch originäre Bereiche der Grundschulpädagogik abdecken, hätte sich eine entsprechende Bezeichnung – auch unter professionsstrategischer Sicht – angeboten.

Die psychologische Perspektive mit den Beiträgen von Maria Fölling-Albers und Barbara Moschner erhält einen wichtigen Stellenwert in diesem Band, was ich als besonders gelungen hervorheben möchte, weil häufig die Grundlagen für das Lernen, für die Lernentwicklung, für die Motivation und Selbstkonzeptentwicklung in vielen Veröffentlichungen zum Schulanfang etwas zu kurz kommen und hier viele weiterführende Hinweise auf empirische Studien gegeben werden. Angesichts der hohen Anforderungen für den Umgang mit Heterogenität – gerade zum Schulstart – wäre in diesem Sinne möglicherweise eine Erweiterung des Bandes um einen oder zwei Beiträge aus den anderen Nachbarschaftsdisziplinen der Sozial- und Sonderpädagogik bereichernd gewesen.

Die Stärken dieses Bandes zum Schulstart liegen in der breiten interdisziplinären und gleichzeitig konzentriert ausgewählten Zusammenstellung der einzelnen Inhalte sowie in der konsistenten, leserfreundlichen Konzeption und Gestaltung. Insgesamt kann ich deshalb dieses Buch uneingeschränkt für die erste und zweite Ausbildungsphase zur Qualifizierung künftiger Grundschullehrkräfte sowie für Lehrerinnen und Lehrer in der Schulpraxis empfehlen.
Susanne Miller (Oldenburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Susanne Miller: Rezension von: Topsch, Wilhelm / Moschner, Barbara (Hg.): Schulstart, Didaktische Perspektiven für das erste Schuljahr. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2008. In: EWR 7 (2008), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2008), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978378151512.html