EWR 22 (2023), Nr. 2 (April)

Reinhold Gravelmann
Jugend in der Krise
Die Pandemie und ihre Auswirkungen
Weinheim: Beltz Juventa 2022
(169 S.; ISBN 978-3-7799-6758-3; 19,95 EUR)
Jugend in der Krise Die Coronapandemie war fĂŒr Jugendliche eine besonders einschneidende Erfahrung, da sie diese in einer Lebensphase traf, in der sie sich von ihren Eltern lösen, ihre HandlungsspielrĂ€ume ausweiten und viele bedeutsame Erfahrungen zum ersten Mal machen. Lange wurden die Belange Jugendlicher nicht gehört. Meist wurde ĂŒber Jugendliche gesprochen statt mit ihnen. Der Blick auf Jugendliche war ein vielfach problematisierender. Wenn Jugendliche Thema waren, ging es in erster Linie um die Auswirkungen der Pandemie auf Öffnungen und Schließungen von Bildungseinrichtungen, das Gelingen von Homeschooling und die VerstĂ€rkung von Bildungsungleichheiten. Mit anhaltender Dauer der Pandemie gerieten zunehmend die psychischen Belastungen junger Menschen in den Fokus der Debatten. Gleichzeitig wurden jugendspezifische Lebenswelten wie FreizeitaktivitĂ€ten und Freundschaftsbeziehungen, die im Jugendalter eine wichtige Rolle spielen, lange Zeit vernachlĂ€ssigt.

Mit seinem Buch „Jugend in der Krise – Die Pandemie und ihre Auswirkungen“ legt Reinhold Gravelmann eine Publikation vor, die bislang fĂŒr einen Überblick zur Vielfalt der Lebenswelten und Alltagspraxen Jugendlicher wĂ€hrend der Coronapandemie gefehlt hat. Das erklĂ€rte Ziel des Buches ist es, umfassend die Zeit der Pandemie sowie ihre kurz- und langfristigen Auswirkungen auf junge Menschen zu beschreiben und zu analysieren (10). Mit dieser Ansage hat sich der Autor durchaus viel vorgenommen. FĂŒr sein theoretisches Rahmenkonzept konzentriert sich der Autor auf die drei Kernherausforderungen des Jugendalters, wie sie im 15. Kinder- und Jugendbericht formuliert werden [1]: Qualifizierung, VerselbststĂ€ndigung und Selbstpositionierung. Damit nimmt er einen eher ganzheitlichen Blick auf die Jugendphase ein, wobei er sich vornehmlich auf die Altersspanne der 12- bis 21-JĂ€hrigen konzentriert (11).

Der Autor spannt den thematischen Bogen ĂŒber verschiedene, fĂŒr die Jugendphase relevante Lebens- und Sozialisationskontexte. ZunĂ€chst legt er in „Jugend in der Pandemie – Der fehlende Rock n Roll des Lebens“ (Kapitel 3) einen Fokus auf das Ausgebremstsein Jugendlicher in Freizeitkontexten wie Sport und Vereinen, da wĂ€hrend der Pandemie wichtige Freizeitorte geschlossen waren. Auch die Auswirkungen der Pandemie auf die familialen Beziehungen werden reflektiert (Kapitel 4). Wie hat sich in dieser Zeit das Familienleben gestaltet? Was sind gĂŒnstige und weniger gĂŒnstige familiale Rahmenbedingungen, so dass Jugendliche gute BewĂ€ltigungsstrategien entwickeln können? Kapitel 6 wirft einen Blick auf die vor und wĂ€hrend der Pandemie entstandenen psychischen Belastungen junger Menschen. U.a. wird die hĂ€ufige Vermischung von psychischen Krisen und Störungen kritisch hinterfragt. Kapitel 10 und 11 behandeln die Auswirkungen von Corona auf den Lernalltag von Jugendlichen und den Übergang in Ausbildung und Beruf. Aber auch digitale Medien, die in der Pandemie eine noch grĂ¶ĂŸere Relevanz fĂŒr die Alltagswelten Jugendlicher erlangt haben, wurden nicht vergessen (Kapitel 12). SelbstverstĂ€ndlich kann die Beschreibung von Lebenskontexten in einem solchen Band nur exemplarisch bleiben. Dennoch fĂ€llt auf, dass beispielsweise das Thema der Auswirkungen der Pandemie auf andere soziale Kontexte wie Freundschaftsbeziehungen an der ein oder anderen Stelle zwar angerissen und mitgedacht wird (z.B. 25f.), aber insgesamt auch in dieser Publikation eher nachrangig behandelt wird [2].

Die Publikation weist an vielen Stellen eine notwendige Differenziertheit auf, die in anderen Publikationen hĂ€ufig vermisst wird. Der Autor macht deutlich, dass es ‚DIE‘ Jugend nicht gibt. So greift er beispielsweise in Kapitel 7 „Wie sehen Jugendliche die Krise?“ aus verschiedenen Publikationen direkte Äußerungen von Jugendlichen auf und lĂ€sst damit die junge Generation selbst zu Wort kommen. Durch Einordnungen dieser Zitate in verschiedene Kategorien wie zum Beispiel „rĂŒcksichtsvolle Jugendliche“ (49), „regelbrechende Jugendliche“ (50) oder „entspanntere Jugendliche“ (54) wird eine differenziertere Sicht auf Jugendliche deutlich. Der Autor greift auch hĂ€ufige medial geprĂ€gte Zuschreibungen ĂŒber Jugendliche in der Pandemie auf (z.B. „Corona-Party-Jugend“ oder der viel beschworene Generationenkonflikt in Kapitel 8 sowie „vergessene Jugend“ oder „Generation Corona“ in den Kapiteln 14 und 15) und stellt diesen pauschalen Zuschreibungen verschiedene Studien und jugendpolitische Stellungnahmen entgegen.

Eine weitere hervorzuhebende Leistung ist es, dass der Autor in Kapitel 9 „Junge Menschen in prekĂ€ren Lebenslagen sind besonders betroffen“ auch die in Studien bis dato weitgehende VernachlĂ€ssigung von marginalisierten Gruppen Jugendlicher thematisiert, die hĂ€ufig immer noch in der wissenschaftlichen Forschung und der öffentlichen Diskussion zu kurz kommen (z.B. Jugendliche mit Behinderung, Jugendliche mit Migrationshintergrund, GeflĂŒchtete, Careleaver*innen). Zudem werden neben den im Buch beschriebenen negativen Auswirkungen der Pandemie auf Jugendliche auch durchaus positive Aspekte der Pandemie auf einen Teil der Jugendlichen benannt (siehe Abschnitt „Überraschende Befunde“ (133)).

Insgesamt entsteht beim Lesen ein wenig der Eindruck, als seien ĂŒber die Dauer der Pandemie die Lebenslagen junger Menschen konstant gleichgeblieben. Die unterschiedlichen Entwicklungen der Inzidenzen und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen hatten jedoch auch Einfluss auf die VerĂ€nderungen in Öffnungszeiten von Einrichtungen sowie Orten des Austauschs und damit auch auf die KontakthĂ€ufigkeiten mit anderen und FreirĂ€ume von Jugendlichen. Es ist schwierig, die Pandemie als Ganzes zu betrachten, da sich auch hier Schwankungen der Auswirkungen ĂŒber die Zeit fĂŒr Jugendliche ergeben haben dĂŒrften. Eine stĂ€rkere zeitliche Verortung der ausgefĂŒhrten Studien ĂŒber den Verlauf der Pandemie im Text wĂ€re daher wĂŒnschenswert gewesen.

Seinen Anspruch, auch langfristige Folgen der Pandemie fĂŒr Jugendliche zu betrachten, kann der Autor leider nicht einlösen. Am Schluss des Buches wagt er zwar einen Blick in die Glaskugel und prognostiziert mögliche langfristige, negative Folgen der Pandemie auf die heutigen Jugendlichen (143ff.), dennoch wird abzuwarten sein, inwiefern sich diese wirklich bewahrheiten werden. Um fundierte Aussagen darĂŒber treffen zu können, sind kontinuierliche und lĂ€ngsschnittliche Studien notwendig.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Autor einen gut verstĂ€ndlichen und immer wieder lockeren Schreibstil verwendet, bei dem man sich ein Schmunzeln manchmal nicht verkneifen kann („Und es hat ZOOM gemacht
[ ]“ (102)). Dies ermöglicht es auch einer fachfremden Leserschaft, sich einen verstĂ€ndlichen Zugang zum Thema und einen differenzierten Überblick ĂŒber die Lebenslagen junger Menschen zu verschaffen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass es eine zentrale Leistung des Autors ist, dass er einen beeindruckenden Umfang an empirischer Forschungsliteratur heranzieht und anhand verschiedenster empirischer Studien die Vielfalt des Jugendlichseins, aber auch des Aufwachsens und des Erwachsenwerdens in der Zeit der Pandemie beschreibt. Durchaus anerkennend ist in diesem Zusammenhang zu erwĂ€hnen, dass der Autor in einer systematisch und umfassend aufbereiteten Tabelle im Anhang des Buches (165ff.) einen weitreichenden Überblick zur bisherigen empirischen Studienlage zu dem Thema gibt. Das Buch ist daher fĂŒr einen Überblick der bis dato veröffentlichten Forschungsliteratur sehr zu empfehlen.

[1] Deutscher Bundestag (2017). 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht ĂŒber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Bundestagsdrucksache 18/11050. Berlin.
[2] Tran, K., Berngruber, A., Herz, A. & Gaupp, N. (2022). Jugendliche und ihre Peers in der Corona-Pandemie – kein selbstverstĂ€ndliches Forschungsthema. deutsche jugend. Zeitschrift fĂŒr die Jugendarbeit, 70(3), 126-133.
Anne Berngruber (MĂŒnchen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Berngruber: Rezension von: Gravelmann, Reinhold: Jugend in der Krise, Die Pandemie und ihre Auswirkungen. Weinheim: Beltz Juventa 2022. In: EWR 22 (2023), Nr. 2 (Veröffentlicht am 18.04.2023), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377996758.html