EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Heinz Becker
Die große Welt und die kleine Paula
Eine Geschichte der Behinderung
Weinheim: Beltz Juventa 2020
(327 S.; ISBN 978-3-7799-6274-8; 29,95 EUR)
Die große Welt und die kleine Paula Vorweg: Dieses Buch, wie die Formulierung des Titels vielleicht schon andeutet, bewegt sich an der Grenze zwischen wissenschaftlicher und belletristischer Literatur. Das macht es in vielerlei Hinsicht besonders.

Es ist sprachlich so geschrieben, dass man es eigentlich nicht mehr aus der Hand legen möchte und es verknĂŒpft dabei eine soziohistorische, nationale Perspektive auf Deutschland im Zeitraum von etwa 100 Jahren mit einer parallelen individuellen Lebensgeschichte einer weitgehend hospitalisierten Frau. Dies fĂŒhrt z.T. auch zu etwas gröberen Darstellungen und zeithistorischen Einordnungen (z.T. auch ironischer Natur), wie z.B. „Der erste ARD-Tatort lief im Fernsehen und die arabischen Staaten entdeckten, dass sie mit ihrem Öl eine politische Waffe in der Hand hielten“ (S. 141). Andererseits ist diese Darstellung auch mit unzĂ€hligen Details gespickt: Aus der Wochenzeitschrift DIE ZEIT 1958 wird z.B. zitiert, dass man die Tanzwut angesichts eines Konzerts von Bill Haley mit „PrĂŒgel und GĂŒsse mit kaltem Wasser“ zu behandeln habe (S. 118) oder mit Verweis auf die GrĂŒnder der Kommune 1 in Berlin erfĂ€hrt man, dass es sich „um ein mediales Kaspertheater“ gehandelt habe, „deren damalige Protagonisten heute im Dschungelcamp ihren letzten Rest WĂŒrde verkaufen.“ (S. 131).

DarĂŒber hinaus ist es aus einer persönlichen Perspektive eines Professionellen in der Behindertenhilfe geschrieben, in der Heinz Becker eingangs drastisch veranschaulichend deutlich macht, was den Enthospitalisierungsprozess im Bereich der Einrichtungen fĂŒr behinderte Menschen und psychisch Kranke zwingend notwendig gemacht hat.

Und weiterhin ist das Buch gespickt mit lesenswerten Zitaten aus einer großen Anzahl zentraler soziologischer (Goffman, Kronauer), philosophischer (Adorno, Arendt), historischer (Sierck, Klee, Aly), psychologischer (Spitz, Bowlby, Trevarthen, Sacks) und psychiatriegeschichtlicher (Dörner) Arbeiten, die kenntnisreich die Position des Autors illustrieren und zum Weiterlesen anregen. Zudem verfĂŒgt der Autor ĂŒber umfassende Kenntnisse ĂŒber die Emanzipationsbewegung behinderter Menschen im Allgemeinen und die Theoriebildung des Bremer Instituts fĂŒr BehindertenpĂ€dagogik unter der Leitung von Georg Feuser und Wolfgang Jantzen im Besonderen, was textlich immer wieder durchscheint.

Heinz Becker ordnet seinen Ansatz insgesamt als ‚Romantische Wissenschaft‘ ein, die „aus Krankengeschichten Lebensgeschichten“ macht (S. 15). Damit werde weder „GefĂŒhlsduselei“ angestrebt, noch „rĂŒhrende Geschichten ĂŒber die Ausgeschlossenen“ erzĂ€hlt, sondern: „Es ist eine Wissenschaft vom Konkreten, die nicht vergisst, dass Behinderung immer auch ein Prozess der Aussonderung und Stigmatisierung bedeutet.“ (Ebd.) Denn in der Regel werden Menschen mit Behinderungen oder chronischen psychischen Krankheiten nur noch als SymptomtrĂ€ger gesehen, v.a. wenn sie ĂŒber lange Jahre durch Isolationserfahrungen geprĂ€gt sind. Diesen Zusammenhang möchte der Autor am Fall von Paula Kleine aufklĂ€ren und bemĂŒht sich hier, trotz knapper Quellenlage (wenige, kurze Interviews mit Frau Kleine und dem Fachpersonal aus dem Umkreis von ihr), um eine Verstehensperspektive, die Wolfgang Jantzen als „Rehistorisierung“ bezeichnet hat.

Zum Inhalt: Das Buch folgt der Chronologie des Lebensverlaufs von Paula Kleine (1928-2014) und beginnt mit der Epoche nach dem 1. Weltkrieg und dessen sozialen (Folge-)Problemen in der Weimarer Republik. Paula Kleine wird in prekĂ€re VerhĂ€ltnisse hineingeboren (Arbeitslosigkeit und Alkoholkrankheit des Vaters, Eltern offenbar spĂ€ter geschieden und kinderreich) – wer sich in der Geschichte der Hilfsschule auskennt weiß, dass es von hier bis zur Diagnose „Schwachsinn“ nicht weit ist. So auch bei Paula, die bereits im Alter von 2 Jahren in eine Bremer „Erziehungs- und Pflegeanstalt“ kommt. Diesen Lebensanfang bettet der Autor in die rassistischen und sozialdarwinistischen PrĂ€gungen der zeitgenössischen Wissenschaften und Institutionen ein. FĂŒr Paula beginnt hier eine Anstaltskarriere, die sie nur knapp ĂŒberlebt und in der sie die sozialisatorische Erfahrung macht, dass ihre prĂ€genden Mitmenschen machtvolle und vielfach auch gewaltbereite Ärzte, Psychiater und Pfleger:innen auf der einen sowie machtlose Patient:innen auf der anderen Seite sind, denen sie weitgehend ausgeliefert ist. Ihre erfolgreiche Überlebensstrategie, angesichts von drohenden Deportationen und Hungerkost, ist demgegenĂŒber friedlich, hilfsbereit und arbeitsam zu sein, was ihr im NS-Staat nicht nur das Leben rettet, sondern sie bis zu ihrem Lebensende prĂ€gt. Sie gehört schließlich zu den nur 18 Überlebenden von 120 Personen ihrer Einrichtung, aus der sie spĂ€ter verlegt wird. Dazu tragen auch einige Anstaltspfleger:innen und ein -leiter bei, was Heinz Becker auch als eventuell resilienzfördernd einordnet. Paula Kleine ĂŒberlebt und findet sich nach der Zeit des Nationalsozialismus im Anstaltsalltag der 1950er und 60er Jahre wieder, der sich kaum von den vorhergehenden Epochen unterscheidet: Unterbringung in MassenschlafsĂ€len mit keinerlei BeschĂ€ftigungen, geringem, unqualifizierten Personal – umstandlos mit dem Goffmanschen Begriff der Totalen Institution beschreibbar. Paula Kleine wird weiterhin als „anstaltsbedĂŒrftig“ deklariert (S. 139). 1979 wird sie nach Bremen in das Kloster Blankenburg verlegt. Hier verbleibt sie bis 1988, bis zu ihrem 61. Lebensjahr. Kurz vor ihrem Auszug in eine betreute Wohngemeinschaft wohnt sie dort zum ersten Mal in ihrem Leben in einem eigenen Zimmer. Schließlich sorgten parallel die Studenten-, die Anti-Psychiatrie- und die KrĂŒppelbewegung im Fahrwasser internationaler Aktivismen fĂŒr eine Reform des Behindertenbetreuungswesens. Dies bringt fĂŒr Paula Kleine ganz neue Lebenserfahrungen mit sich: Malerei, Schwimmen, Theater- und Filmschauspiel – grĂ¶ĂŸtenteils im Bremer Blaumeier-Atelier, das 1986 gegrĂŒndet wurde. Damit erlangt sie auch eine gewisse BerĂŒhmtheit, u.a. durch die Fast-Faust-Produktion und den Film „VerrĂŒckt nach Paris“. Dies alles mĂŒndet schließlich auch in das Zeitalter der UN-Behindertenrechtskonvention ein, die v.a. auch auf die menschenrechtlichen Dimensionen eines „Sense of Dignity“ und eines „Sense of Belonging“ verwiesen habe (S. 284).

Trotz dieser umfangreichen Verflechtung einer Einzelbiographie mit den gesellschaftlichen Verwerfungen gegenĂŒber Menschen mit Behinderungen in den vergangen 100 Jahren ist es zuletzt vielleicht dennoch unmöglich, nachzuvollziehen, wie es ist „ein solches Leben fĂŒhren zu mĂŒssen“ (S. 293) – dies mag auch daran liegen, dass es von Paula Kleine nur wenige Einblicke in ihr eigenes Erleben gibt, aber es bleibt Heinz Beckers großes Verdienst, eine solche Perspektive versucht zu haben. Denn diese hervorragende Einordnung von Einzelbiographie in die historische Entwicklung des deutschen Behindertenbetreuungswesens ist durchweg gelungen, auch gerade, weil die vielen Details der Beschreibung historischer Ereignisse und Kontexte dieses unglaubliche (Über-)Leben anschaulich, verstehbar und lebendig machen. Und deutlich wird auch, dass Wissenschaftsentwicklung untrennbar mit gesellschaftlicher Entwicklung verbunden ist, wobei das sozialdarwinistische Denken gegenĂŒber behinderten Menschen bis in die 1980er Jahre personell und ideologisch ĂŒberdauern konnte. Dieses Buch ist allen als PflichtlektĂŒre zu empfehlen, die sich mit der Geschichte von Behinderungen, ihren ideologischen und institutionellen Verankerungen und deren Wirkungen auf das einzelne Leben befassen möchten. Dazu gehören alle Studierenden des Faches Behinderten-/Sonder-/Heil-/Rehabilitations-/Förder- und InklusionspĂ€dagogik.

Kritisch ist lediglich der etwas pauschal geratene Blick auf die SonderpĂ€dagogik zu beurteilen: Hier folgt der Autor der Propaganda HĂ€nsels, dass die SonderpĂ€dagogik der 1920er bis 50er Jahre v.a. durch den NS-HilfsschulfunktionĂ€r Tornow umfassend vertreten sei (S. 74). Zudem ordnet er unrichtigerweise eine erste Internationalisierung des Faches erst nach dem 2. Weltkrieg ein, und vermutet, dass die Schriften der Schweizer Hanselmann und Moor hier zur Reform des Faches beigetragen hĂ€tten (S. 146) – ausgerechnet Hanselmann (dessen Professur sein SchĂŒler Moor ĂŒbernimmt) hatte sich wĂ€hrend der NS-Zeit ausdrĂŒcklich fĂŒr Sterilisationen behinderter Menschen ausgesprochen und sein terminologischer Vorschlag, Behinderung als Entwicklungshemmung zu beschreiben, taucht explizit im Reichschulpflichtgesetz von 1938 auf. – Auch die Bremer Legendenbildung, die Materialistische BehindertenpĂ€dagogik sei v.a. angefeindet worden, ist in der Sache falsch (S. 147). Diese Stellen sollten fĂŒr eine Neuauflage dieses ansonsten sehr empfehlenswerten Buches korrigiert werden, denn eine Neuauflage wird hoffentlich bald erforderlich sein.
Vera Moser (Frankfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Vera Moser: Rezension von: Becker, Heinz: Die große Welt und die kleine Paula, Eine Geschichte der Behinderung. Weinheim: Beltz Juventa 2020. In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377996274.html