EWR 19 (2020), Nr. 3 (Juli / August)

Katharina Kanitz
Schulische Sozialisation, Anerkennung und Männlichkeit
Einzelfallbezogene Rekonstruktion und Diskussion zur Benachteiligung in der Schule
Weinheim: Beltz Juventa 2019
(240 S.; ISBN 978-3-7799-6079-9; 29,95 EUR)
Schulische Sozialisation, Anerkennung und Männlichkeit Der Frage nach einer Benachteiligung von Jungen in pädagogischen Institutionen wird in den letzten Jahren in der erziehungswissenschaftlichen Forschung verstärkt nachgegangen, angestoßen von der Diskussion über Jungen als die neuen Bildungsverlierer und der Perspektive auf Männlichkeit als Risiko für deren Benachteiligung. Um diese Annahmen differenziert zu beleuchten, ist es aufschlussreich, möglichst unverstellt die Sicht- und Erfahrungsweisen der betroffenen Subjekte aufzugreifen und diese zum Ausgangspunkt einer eingehenden Durchdringung dieses von noch etlichen offenen Fragen durchsetztem Forschungsfeldes zu machen.

Katharina Kanitz schlägt in diese Kerbe. Sie untersucht in ihrer einzelfallbezogenen qualitativ-rekonstruktiven Dissertation zum Thema „Schulische Sozialisation, Anerkennung und Männlichkeit“ die Frage, ob und in welcher Weise Jungen in der Schule eine Benachteiligung erfahren und inwiefern sie eine solche in der Peergroup bearbeiten. Um diese Frage empirisch zu verfolgen und an die Perspektiven der Betroffenen anzuknüpfen, wurden im Zeitraum von 2013 bis 2014 an Hauptschulen und Gymnasien im Bundesland Hessen 18 Gruppendiskussionen mit je fünf bis acht Jungen durchgeführt. Daraus wurden drei Gruppen, die in Bezug auf die Merkmale Alter, Schultyp, Schulstandort und angestrebter Abschluss in Kontrast zueinanderstehen, herausgegriffen und für die Fallrekonstruktionen herangezogen.

Die empirischen Rekonstruktionen von Ausschnitten aus diesen Gruppendiskussionen bilden das erkenntnisgenerierende Kernstück der Studie. Dieses wird gerahmt von einem anspruchsvollen theoretischen Zugang, der sich aus mehreren Perspektiven zusammensetzt. Sozialwissenschaftliche Theorien zur schulischen Sozialisation bilden die theoretische Grundlage, die alle weiteren Perspektiven wie einzelne Fäden zusammenhält. Kanitz schlägt dabei den Bogen von Talcott Parsons‘ strukturfunktionalistisch geprägter Rollentheorie über George Herbert Meads interaktionistisch begründetem Rollenverständnis bis hin zum Konzept der biographischen Passung zwischen Schule und Individuum. Davon ausgehend konzentriert sich die Autorin auf einen anerkennungstheoretischen Ansatz innerhalb der schulischen Sozialisationsforschung. Dieser setzt sich aus den Forschungen von Werner Helsper, Sabine Sandring und Christine Wiezorek zusammen, die das gesellschaftstheoretisch fundierte Anerkennungsmodell von Axel Honneth auf schulische Anerkennungsbeziehungen bezogen und ausdifferenziert haben. Dabei dienen Kanitz die beiden Anerkennungsformen einer rechtlichen Anerkennung (im Sinne einer Gleichwertigkeit von Lehrpersonen und Schüler/innen) und einer sozialen Wertschätzung (im Sinne einer positiven Bewertung der Leistungen, Eigenschaften und Haltungen von Schüler/innen) als Heuristik, um Anerkennungs- und Missachtungserfahrungen in den Darstellungen der befragten Schüler herauszuarbeiten. Vervollständigt wird der theoretische Rahmen von einer genderbezogenen Perspektive auf den Zusammenhang von schulischer Sozialisation und Geschlechtlichkeit. Dabei wird vom Konzept des ‚Doing Gender‘ ausgegangen und Schule als Sozialisationsinstanz begriffen, in der Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit in Interaktionen zwischen Lehrpersonen und Schüler/innen als auch zwischen den Schüler/innen beständig (re)produziert und ausgehandelt werden.

Gerade die Verhältnisse zwischen männlichen Lehrern und Schülern und zwischen den Schülern selbst stellen signifikante Orte schulischer Sozialisation dar, in der sowohl schulische Leistungs- und Verhaltenserwartungen als auch spezifische Geschlechternormen an die Jugendlichen herangetragen werden. Auf diese beiden Ebenen schulischer und peerspezifischer Interaktion richtet Kanitz ihren Fokus in der Analyse der Diskussionsausschnitte. Diese erfolgt anhand der dokumentarischen Methode nach Bohnsack und rekonstruiert die handlungsleitenden Orientierungen und Haltungen der interviewten Schüler in Bezug auf das Zusammenspiel von Schule und Geschlecht.

Welchen Erkenntnisbeitrag liefert die Autorin einer Leser/innenschaft, die sich mit einer anerkennungstheoretisch akzentuierten schulischen Sozialisationsforschung beschäftigt und an der Frage einer Benachteiligung von Jungen in der Schule interessiert ist? In der fallübergreifenden Theoretisierung bezieht sich Kanitz auf die von Wiezorek (2005) herausgearbeiteten Anerkennungsproblematiken und ergänzt diese um die Ergebnisse ihrer Fallrekonstruktionen [1]. Anerkennungsproblematiken bezeichnen intersubjektive Aushandlungsprozesse von Schüler/innen mit schulisch-institutionellen Erwartungen. Auf der Grundlage ihrer Analyseergebnisse zeigt Kanitz, dass diese erst gelingend bearbeitet werden können, wenn die Jugendlichen bereit sind, sich dem komplementären Beziehungsmuster zwischen Lehrperson und Schüler unterzuordnen und sie die Lehrpersonen als „kenntnisreiche Erwachsene“ (207) anerkennen, die ihnen adäquates Wissen vermitteln können. Zugleich wird dieses asymmetrische Beziehungsmuster durch das Prinzip der rechtlichen Anerkennung begrenzt, indem den Lehrpersonen und Schülern die gleichen universellen Rechte zugesprochen werden und den Schülern ausreichend Partizipationsmöglichkeiten im Unterricht zur Verfügung stehen. Nur eine der von Kanitz präsentierten Anerkennungsproblematiken nimmt explizit Bezug auf das Geschlechterthema. Diese verweist auf die Problematik einer „Nichtentsprechung“ (211) zwischen der Orientierung der Jungen an Dominanz, Macht und Gewalt und den normativen, schulischen Erwartungen der Lehrpersonen.

Anerkennungsproblematiken markieren zentrale schulische Sozialisationsprozesse, bei denen die Jugendlichen mit gesellschaftlichen Erwartungshaltungen durch die Schule konfrontiert werden. Wie Kanitz anhand der methodischen Anlage ihrer Studie nachzeichnet, werden diese von den Jugendlichen kollektiv und genderbezogen bearbeitet. Dabei kommt die Autorin in Hinblick auf die Forschungsfrage zu dem Ergebnis, dass gesellschaftliche Erwartungen entweder subtil innerhalb der Peergroup der Jungen unterlaufen oder durch oppositionelles Verhalten nach außen getragen werden. Erst das zuletzt genannte Verhalten macht einen „Kampf um Anerkennung“ (217) der männlichen Jugendlichen um ihre peer- und genderbezogenen Interessen sichtbar.

Die Stärke der Studie liegt in ihrem mehrperspektivischen Theoriezugang auf das Phänomen der Benachteiligung von Jungen in der Schule. Theoriekonzepte und Forschungslinien zu Sozialisation, Anerkennung und Geschlecht bzw. Männlichkeit werden zueinander in Beziehung gesetzt. Dieser Vielschichtigkeit im theoretischen Zugang entspricht das offene Forschungsvorgehen, um die schulische Lebenswelt von Jungen in ihrer Komplexität zu erschließen. Zugleich liegt darin auch die Schwäche der Studie. Denn durch die verschiedenen Theorie- und Analyseebenen fällt es zuweilen schwer, den verbindenden roten Faden zwischen den einzelnen Kapiteln und das eigentliche Erkenntnisinteresse der Arbeit nachzuvollziehen. Es bleibt daher den Lesenden überlassen, die zentrale theoretische Stoßrichtung der Arbeit auszumachen und auf die leitende Forschungsfrage zu beziehen. Dass Anerkennungsproblematiken von den Jungen genderbezogen interpretiert und in der Peergroup als geschlechtsspezifische Benachteiligung bearbeitet werden, machen die lesenswerten und durchaus kurzweiligen Falldarstellungen der Autorin deutlich. Dass den Lehrpersonen in der Vermittlung von geschlechtsspezifischen Praktiken der Jungen und schulisch-institutionellen Erwartungen eine bedeutsame Rolle zukommt, streicht Kanitz abschließend am Rande heraus. Sie deutet damit einen Wegweiser für all jene an, die hier weitere Forschungen beabsichtigen. Für diese und jene, die sich mit einschlägigen sozialwissenschaftlichen Theorien dem Geschlechterthema widmen wollen, sei die Lektüre dieses Buches nahegelegt.

[1] Wiezorek, Christine: Schule, Biografie und Anerkennung. Eine fallbezogene Diskussion der Schule als Sozialisationsinstanz. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2005.
Sabine Freudhofmayer (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sabine Freudhofmayer: Rezension von: Kanitz, Katharina: Schulische Sozialisation, Anerkennung und Männlichkeit, Einzelfallbezogene Rekonstruktion und Diskussion zur Benachteiligung in der Schule. Weinheim: Beltz Juventa 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 3 (Veröffentlicht am 02.09.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377996079.html