EWR 18 (2019), Nr. 1 (Januar/Februar)

Julian von Oppen
Flucht, Migration und pädagogische Organisationen
Zur Bedeutung von kultureller Differenz in der Sozialen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
Weinheim: Beltz Juventa 2018
(204 Seiten; ISBN 978-3-7799-3840-8; 29,95 EUR)
Flucht, Migration und pädagogische Organisationen Spätestens mit dem Anstieg der Anzahl nach Deutschland flüchtenden Menschen im Jahr 2015 sind Flucht, Migration und kulturelle Differenz zu einem in der Öffentlichkeit breit diskutierten Phänomen geworden, über das kontrovers und zuweilen polemisch gestritten wird. Einhergehend mit der gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit haben diese Themen auch in der Wissenschaft an Bedeutung gewonnen. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der im Mai erschienen Monographie – die unter einem leicht veränderten Titel als Dissertation an der FU Berlin eingereicht wurde – könnte dementsprechend von Julian von Oppen kaum besser gewählt sein. Zusammenfassend arbeitet er in seinem Buch heraus, dass die Soziale Arbeit bzw. Interkulturelle Pädagogik sich zwar seit langem mit kultureller Differenz auseinandersetzt, diese Beschäftigung jedoch für die Praxis keine plausiblen Diagnose- und Interventionsmittel zur Verfügung stellt und sich vornehmlich auf der Konzeptebene rituell reproduziert.

In seiner Monographie geht von Oppen der Frage nach „wie sich die normativen und konzeptionellen Vorstellungen, wie die (sozial)pädagogische Arbeit mit MigrantInnen und ihren Nachkommen ausgerichtet sein soll, entwickelt haben und welche Relevanz die darin zum Tragen kommenden Problemwahrnehmungen und Bearbeitungserwartungen für die praktische Arbeit in interkulturell arbeitenden Organisationen haben“ (10). Im Fokus seiner Studie liegt zum einen die Beschreibung des Fachdiskurses der Interkulturellen Pädagogik und zum anderen die Bedeutung kultureller Differenz in Einrichtungen, die mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten arbeiten. Von Oppen nutzt ein explorativ kontrastives Forschungsdesign und wertet pädagogischen Konzepte, Interviews mit Einrichtungsleitungen sowie Beobachtungen von Fallbesprechungen inhaltsanalytisch aus. Die neun Kapitel der Arbeit lassen sich grob in fünf Abschnitte gliedern: einen Abschnitt, der den theoretischen Rahmen der Arbeit darlegt (Kapitel 2), einen Abschnitt, der der Kontextualisierung der empirischen Forschung dient (Kapitel 3 bis 5), einen Abschnitt zum methodischen Vorgehen der Arbeit (Kapitel 6), einen Abschnitt zu den empirischen Ergebnissen der Arbeit (Kapitel 7) und ein Abschnitt, der die empirischen Ergebnisse abschließend in Relation zur Forschungsfrage und zum gewählten theoretischen Zugang bringt (Kapitel 8 und 9).

Im Abschnitt zum theoretischen Rahmen der Arbeit definiert von Oppen Einrichtungen der Sozialen Arbeit als Organisationen, die personenbezogene Dienstleistungen erbringen. Zur Beschreibung dieser Einrichtungen als Organisationen und als Vorbereitung für die empirische Untersuchung der Forschungsfrage kombiniert er eine neo-institutionalistische Organisationstheorie mit einer konstruktivistischen Perspektive auf soziale Probleme in Form des „doing social Problems“-Ansatzes. Diesen beiden Theorien folgend geht er davon aus, dass „die Bearbeitung sozialer Probleme die zentrale Aufgabe von sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen ist“ (43).

Die Kontextualisierung und Vorbereitung der empirischen Studie beginnt mit der Beschreibung und Analyse der Geschichte des Fachdiskurses zur Interkulturellen Pädagogik (Kapitel 3). Von Oppen beginnt seine Darstellung mit den 70er Jahren („Ausländerpädagogik“) und skizziert den Diskurs bis in die Gegenwart hinein. Der aktuelle Diskurs zeichnet sich laut von Oppen durch eine Problematisierung zweiter Ordnung aus (Problematisierung der Problematisierung), was u. a. dazu geführt hat, dass sich neue Konzepte/Ansätze gebildet haben, die sich inhaltlich und begrifflich gegenüber der Interkulturellen Pädagogik abgrenzen, wie z.B. der Diversity Ansatz oder die Migrationspädagogik (59f). Ausgehend von der Analyse der aktuellen Fachdebatte und der im Theorieabschnitt erarbeiteten These, dass Einrichtungen, die interkulturell arbeiten sich zur Problemkategorie kulturelle Differenz verhalten müssen, um sich zu legitimieren, verdeutlicht von Oppen im vierten Kapitel die Relevanz der Forschungsfrage und formuliert die im Rahmen der Arbeit zu untersuchende empirische Fragestellung: „Welches Problem bearbeiten […] pädagogische Organisationen bzw. Einrichtungen der Sozialen Arbeit, die sich als interkulturell bezeichnen?“ (67). Zum Ende dieses Abschnitts werden die strukturellen Bedingungen Sozialer Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten behandelt, wobei in besonderer Weise auf Flucht als spezifische Form der Migration und die sich unterscheidenden rechtlichen Normen des Ausländer- und des Jugendhilferechts eingegangen wird.

Das methodische Vorgehen wird, um die Forschungsfrage aus „möglichst vielen Perspektiven bearbeiten zu können“ (90), explorativ angelegt. Dabei orientiert sich von Oppen methodologisch an der rekonstruktiven Sozialforschung und dem hermeneutischen Verstehen. Der Anspruch der Multiperspektivität spiegelt sich im Forschungsdesign wider, das durch die Beobachtung von Fallbesprechungen, leitfadengestützten Interviews mit Leitungskräften und eine Dokumentenanalyse der Einrichtungskonzepte drei unabhängige empirische Zugänge nutzt. Darüber hinaus wurden die beforschten Einrichtungen so ausgewählt, dass sie sich im Hinblick auf die Geschichte und Ausrichtung der Träger möglichst stark unterscheiden („kontrastiv“) (100). Die Auswertung der Daten erfolgte einer rekonstruktiven Logik entsprechend in Form einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse.

Die empirischen Ergebnisse basieren auf der Beforschung zweier Einrichtungen im Jahr 2014. Insgesamt wurden sieben Teamsitzungen, zwei Leitungsinterviews und die beiden Konzepte der Einrichtungen ausgewertet. In der Ergebnisdarstellung fokussiert von Oppen auf Problematisierungen, die in den Fallbesprechungen konstruiert werden, mit der Jugendphase zusammenhängen, in einem Zusammenhang mit dem Handlungsfeld stehen und schließlich auf die kulturelle Differenz als zu bearbeitendes Problem in den Einrichtungen. Die zentralen Ergebnisse der empirischen Untersuchung fasst von Oppen in vier Aussagen zusammen: (1) „Kultur als Differenz- oder Problemkategorie [spielt] in den Fallbesprechungen weder qualitativ noch quantitativ eine größere Rolle“, (2) „die Begrifflichkeiten der Interkulturellen Pädagogik werden aus einer umfassenden Konzeptionierung herausgelöst und lediglich als Schlagworte verwendet und dadurch entkonzeptionalisiert“, (3) „durch die Thematisierung weiterer Problemfelder unter dem Label der Interkulturellen Pädagogik wird deren Konzept erweitert und Kulturdifferenz erhält hierbei den Status einer Problemkategorie unter vielen in der Arbeit mit jungen MigrantInnen und Geflüchteten“ und (4) die „pädagogische Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten [wird] stark von den rechtlichen Restriktionen des Asyl- und Aufenthaltsrechts beeinflusst“ (160ff). Ausgehend von den Befunden formuliert von Oppen am Ende der Ergebnisdarstellung zwei weiterführende Fragen: (1) Welche Funktion „erfüllt die Bezugnahme auf Konzepte und Diskurse der Interkulturellen Pädagogik für die Einrichtungen“ (163), wenn diese für die praktische Problembearbeitung kaum relevant zu sein scheinen, und (2) wie können die alternativen Problematisierungen zu kultureller Differenz „innerhalb der alltäglichen Problembearbeitung erklärt werden“ (164).

Die formulierten Fragen leiten den Rückbezug der empirischen Ergebnisse zum theoretischen Rahmen ein. In diesem Abschnitt verdeutlich von Oppen, dass der „doing social Problems“-Ansatz, die sich unterscheidende Relevanz der Problemkategorie kulturelle Differenz auf der Konzeptebene und der Praxisebene nicht hinreichend erklären kann und verdeutlicht so die Grenzen dieses Ansatzes. Aus einer neo-institutionalistischen Perspektive hingegen kann dieser Befund als „eine Entkopplung der Formalstruktur von der Alltagspraxis beschrieben werden“ (S. 183). In Rückbezug auf die Ausgangsfrage stellt von Oppen fest, dass die Problemkategorie kulturelle Differenz in der Praxis vornehmlich auf der Konzeptebene rituell reproduziert wird und bilanziert daran anschließend, dass die Selbstbeschreibung der Fachrichtung als Interkulturelle Pädagogik die empirisch beobachtbare Vielschichtigkeit und die multiplen Problemdefinitionen in der Arbeit mit MigrantInnen nicht widerspiegelt und folglich geändert werden sollte. Dies könne laut von Oppen auch einen Effekt auf die Verwendung der Problemkategorie kulturelle Differenz in anderen gesellschaftlichen Bereichen haben.

Die von Oppen vorgelegte Monographie besticht durch eine außerordentlich hohe Reflexivität des vorgetragenen Gedankengangs Besonders die Einbindung bzw. Rückbindung der empirischen Ergebnisse an den theoretischen Rahmen können in dieser Hinsicht hervorgehoben werden und lassen die ausgesprochen hohe Qualität der Arbeit deutlich werden. Auf diese Weise ermöglicht es das Buch sich mit einem Grundkonflikt der Interkulturellen Pädagogik auseinanderzusetzen. Insgesamt fällt es leicht, dem klugen und durchdachten Gedankengang zur Problemkategorie der kulturellen Differenz zu folgen – auch wenn durch den Titel der Arbeit anfangs eine stärkere Bezugnahme zu den Themen der Migration und Flucht erwartet werden könnte. Nicht nur der Zeitpunkt der Erhebung, sondern auch die hohe Reflexivität und Verdichtung des Gedankengangs verdeutlichen, dass von Oppen sich bereits seit langem mit der Thematik auseinandersetzt. Allerdings rächt sich die kondensierte Form ein wenig in der Darstellung der empirischen Ergebnisse (Kapitel 7), da hier die Befunde bereits thematisch geordnet präsentiert werden. Eine weitreichendere Einsicht ins Material und die entwickelten Kategorien hätte zu mehr Transparenz geführt und es den Leserinnen und Lesern eventuell ermöglicht, eigene Hypothesen zum Thema zu bilden. Insgesamt sind die von von Oppen exemplarisch anhand der Sozialen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten generierten Erkenntnisse hoch anschlussfähig an Fragen der Grundlagenforschung in der Sozialen Arbeit – z.B. daran, wie Organisationen der Sozialen Arbeit sich legitimieren oder welcher Zusammenhang zwischen Fachdebatte und Praxis besteht.

Kurz gefasst: „Flucht, Migration und pädagogische Organisationen“ ist ein kluges und lesenswertes Buch, dessen Ergebnisse weit über die Beforschung kultureller Differenz in der Sozialen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten hinausweisen.
Onno Husen (Lüneburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Onno Husen: Rezension von: Oppen, Julian von: Flucht, Migration und pädagogische Organisationen, Zur Bedeutung von kultureller Differenz in der Sozialen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Weinheim: Beltz Juventa 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 1 (Veröffentlicht am 22.03.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377993840.html