EWR 18 (2019), Nr. 1 (Januar/Februar)

Iris Ruppin (Hrsg.)
Kinder und Demokratie
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2018
(118 Seiten; ISBN 978-3-7799-3683-1; 19,95 EUR)
Kinder und Demokratie Mit den jüngsten anti-demokratischen Entwicklungen, Rechtpopulismus und Nationalkonservatismus muss die Frage nach der Beziehung zwischen Kindern und Demokratie verstärkt in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit rücken. In Zeiten, in denen demokratisch gestaltete Gesellschaften zur Disposition stehen, fällt der Blick auf die Bedeutung, die einer demokratischen Orientierung bereits in den frühen Jahren eines Lebens zukommen kann und sollte. Die seit Jahren anhaltende Debatte um politische Bildung, demokratische Konzepte in pädagogischen Einrichtungen oder die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen auf kommunaler bis hin zur nationalen Ebene erfährt in dieser Ausgangslage eine neue Relevanz und Brisanz. Der vorliegende Band kann als Beitrag zu einer solchen Debatte verstanden werden. Zentraler Ansatzpunkt ist es, in erster Linie die Perspektiven von Kindern in Kindertageseinrichtungen hinsichtlich Demokratie und Partizipation zu beleuchten. Neben einem einleitenden Beitrag besteht der Band aus fünf weiteren Artikeln, drei davon mit Beteiligung der Herausgeberin.

Im Einleitungsbeitrag von Iris Ruppin werden aus der Perspektive der Kindheitsforschung zentrale Problemfelder im Partizipationsdiskurs angeführt. Sie formieren sich vor allem entlang der Paradoxie zwischen einer solchen Anerkennung von Kindern als Bürger*innen mit gewissen Rechten und der gleichzeitigen Einpassung von Kindern in machtvolle Ordnungen zu Erwachsenen. In ihnen sind Kinder auf die Gewährung von Partizipationsmöglichkeiten angewiesen und die Frage steht im Raum, inwiefern Kinder überhaupt Macht in pädagogischen Einrichtungen erlangen können.

In ihrem ersten Beitrag kennzeichnet Iris Ruppin im Anschluss an kindheitssoziologische Grundkonzepte und Themen verschiedene Typen kindlicher Perspektiven auf ihre Lebenswelt der Kindertageseinrichtung und bringt dies in Zusammenhang mit deren Einschätzungen zu gesellschaftlichen Fragen. Dies geschieht ausgehend von Daten aus einem Forschungsprojekt, dessen Darstellung nur sehr knapp ausfällt und über das man mehr Informationen erwarten kann. Ruppin unterscheidet anhand ihres Materials zwischen dem komplizenhaften Kind, das sich in die Ordnungsstrukturen pädagogischer Institutionen und der Gesellschaft einfügt [1], dem hedonistischen Kind, dessen primärer Fokus im Spielen besteht sowie dem dekonstruktivistischen Kind, das den Ordnungsstrukturen von Institutionen und Gesellschaft kritisch begegnet.

Der zweite – bereits erschienene und für den Band (ohne Angabe von Gründen) ins Englische übersetzte – Beitrag von Iris Ruppin konkretisiert die vorherigen Überlegungen am Thema der ab 2015 ansteigenden Fluchtbewegungen nach Europa. Anhand einzelner „Fälle“, d.h., den Aussagen einzelner Kinder, werden die im vorherigen Beitrag dargelegten Typen kindlicher Einstellungen zu gesellschaftlichen Sachverhalten an diesem konkreten Thema weiter ausdifferenziert. Neben Vorstellungen, dass man flüchtenden Menschen helfen und sie integrieren sollte, finden sich solche, die entweder fantasierende Einstellungen zu diesen Menschen haben, kaum Interesse zeigen oder auch eine ablehnende Haltung einnehmen.

Der Beitrag von Natalie Papke-Hirsch, Andrea Adam und Iris Ruppin widmet sich insbesondere der Umsetzung von Demokratie und politischer Bildung in Bildungsprogrammatiken einzelner Bundesländer. Im Mittelpunkt steht darin vor allem das Ziel einer kindlichen „Demokratiekompetenz“, das jedoch mit sehr unterschiedlichen Strategien umgesetzt werden soll. Daran anschließend werden die international angewendeten Konzepte des Anti-Bias-Konzepts und der Peace Education vorgestellt und für deren Beachtung in der politischen Bildung in Kindertageseinrichtungen plädiert.

Elisabeth Richter, Teresa Lehmann und Benedikt Sturzenhecker stellen in ihrem Beitrag zentrale Ergebnisse des Forschungsprojektes „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ vor, das nach der Herstellung von demokratischer Partizipation in solchen Einrichtungen fragt, die mit dem Konzept „Kinderstube der Demokratie“ arbeiten. Es werden empirisch begründete Bedingungen und Mechanismen für eine gelingende demokratische Praxis dargelegt, in denen auch Kinder – in Anlehnung an deliberative Demokratiekonzepte – zu Urheber*innen von Regeln für die Institution werden können. Sie stellen zudem die positiven Einschätzungen und das hohe Engagement von Kindern bezüglich einer solchen Praxis in Einrichtungen heraus.

Der abschließende Beitrag von Julia Höke macht insbesondere auf die spannungsreiche Beziehung zwischen kindlicher Partizipation, pädagogischer Praxis und forscherischem Blick aufmerksam. Mit Beobachtungsprotokollen und Interviews aus einem ethnographischen Forschungsprojekt zeigt die Autorin die kindlichen Umgangsweisen mit Beteiligungsprozessen in Kindertageseinrichtungen. Ein besonderes Augenmerk legt sie zudem auf die Erwartungen von Pädagog*innen an Kinder und die Probleme, die sich für „erwachsene“ Forscher*innen in Feldern der kindlichen Partizipation ergeben.

Betrachtet man die konzeptionelle Gesamtanlage des Bandes, können zwei Punkte kritisch beleuchtet werden. Zunächst gerät die begriffliche Übereinkunft von Demokratie und Partizipation in den Blick. Aus dieser Perspektive wird Demokratie als ein gesellschaftlich hochgeschätztes Ziel verstanden, das über die Partizipation von Kindern nicht nur gelebt, sondern auch vermittelt wird. Dies geht an vielen Stellen des Buches soweit, dass Demokratie und Partizipation begrifflich fast synonym erscheinen. Eine solche Übereinkunft ist fraglos Teil spezifischer Demokratiebegriffe, aber nicht aller. Sie ist in diesem Sinne zumindest begründungsbedürftig, gerade wenn sie in pädagogischen Institutionen Anklang finden soll [2]. Damit im Zusammenhang steht, dass die eingangs im Band formulierten Spannungsfelder von Demokratie und Partizipation, wie sie insbesondere für Kinder als gesellschaftliche Statusgruppe und in pädagogischen Institutionen gelten, von den Beiträgen des Bandes – ausgenommen derjenige von Julia Höke – nur implizit in ihrer Ambivalenz bearbeitet werden [3]. Es kann z.B. durchaus vermutet werden, dass auch eine „gelebte Demokratie“ in pädagogischen Einrichtungen generationale Machtordnungen, Paternalismus oder Bevormundung nicht nur abschwächt, sondern sie vielmehr an andere Stellen verschiebt. An welchen Stellen diese erscheinen, bleibt in den Beiträgen größtenteils offen. Die Beziehung zwischen Partizipation bzw. Demokratie und Fragen der „Pädagogizität“ wird in dieser Hinsicht kaum eingehend beleuchtet.

Die Leistung des Bandes ist demgegenüber darin zu sehen, auf die Relevanz kindheitssoziologischer Konzepte und Themen im deutschsprachigen Diskurs um Demokratie und Partizipation hinzuweisen. Es mag als einer der zentralen Beiträge der Kindheitsforschung zu diesem Diskurs anzusehen sein, ausgehend von kindlichen Perspektiven auf die Partizipationspraxis nicht nur deren konzeptionellen Grundlagen, sondern auch ihre Einbettung in gesellschaftlich präfigurierte Machtkonstellation zu reflektieren. Die Ausgestaltung von Kindertageseinrichtungen als Institutionen kindlicher Partizipation wird damit als ein Schauplatz beschreibbar, an dem sich wie in einem Brennglas die gesellschaftliche Position von Kindern verdeutlichen lässt. Der vorliegende Band macht auf diese Bedeutung aufmerksam und kann in dieser Hinsicht als ein kindheitssoziologischer Beitrag zum Diskurs um Demokratie und Partizipation verstanden werden.

[1] Bühler-Niederberger, D. (2011): Lebensphase Kindheit. Theoretische Ansätze, Akteure und Handlungsräume. Weinheim / München: Juventa, S. 202ff.

[2] Ahrens, S. / Wimmer, M. (2014): Das Demokratieversprechen des Partizipationsdiskurses. Die Gleichsetzung von Demokratie und Partizipation. In: Schäfer, A. (Hrsg.): Hegemonie und autorisierte Verführung. Paderborn: Ferdinand Schöningh, S.175-199.

[3] Reichenbach, R. (2006): Diskurse zwischen Ungleichen. Zur Ambivalenz einer partizipativen Pädagogik. In: Quesel, C. / Oser, F. (Hrsg.): Mühen der Freiheit.
Probleme und Chancen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Zürich:
Rüegger Verlag, S. 39-61.
Markus Kluge (Münster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Markus Kluge: Rezension von: Ruppin, Iris (Hg.): Kinder und Demokratie. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 1 (Veröffentlicht am 22.03.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377993683.html