EWR 16 (2017), Nr. 4 (Juli/August)

Anne Köker / Jan C. StörtlÀnder (Hrsg.)
Kritische und konstruktive AnschlĂŒsse an das Werk Wolfgang Klafkis
Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2017
(212 Seiten; ISBN 978-3-7799-3442-4; 34,95 EUR)
Kritische und konstruktive AnschlĂŒsse an das Werk Wolfgang Klafkis Die Schriften und das bildungspolitische Engagement Wolfgang Klafkis (1927-2016) haben in der Vergangenheit große Aufmerksamkeit erfahren. So veröffentlichte er in ĂŒber 50 Jahren seiner TĂ€tigkeit mehr als 400 Publikationen mit großer thematischer Bandbreite, darunter Auseinandersetzungen zum Bildungsbegriff, Planungskonzepte zum Unterricht, Schriften zur Curriculumforschung sowie kritische Artikel zum deutschen Schulsystem. Sie wurden und werden nicht nur in Deutschland rezipiert, sondern auch auf internationaler Ebene. Doch bieten sie auch gegenwĂ€rtig und kĂŒnftig noch Anschlusspunkte zu erziehungswissenschaftlichen, bildungspolitischen und didaktischen Diskussionen? Sind sie noch zeitgemĂ€ĂŸ? Derlei Fragen stellen sich beispielsweise Lehrende und Lernende in Kontexten der Allgemeinen Didaktik, wenn in Lehrveranstaltungen z.B. die von Klafki geprĂ€gten fĂŒnf Fragen der Didaktischen Analyse besprochen werden, sein daraus weiterentwickeltes Perspektivenschema diskutiert oder zu seinem Allgemeinbildungskonzept gestritten wird. Schon der Titel des zu besprechenden Buches lĂ€sst erwarten, dass Klafkis Schriften auch posthum im GesprĂ€ch bleiben und es aktuell vielfĂ€ltige AnschlĂŒsse an sein Werk gibt.

Der von Anne Köker und Jan C. StörtlĂ€nder herausgegebene Sammelband dokumentiert BeitrĂ€ge der Tagung „Zur Relevanz von Bildungstheorie und kritisch-konstruktiver Didaktik fĂŒr die ProfessionalitĂ€t von LehrerInnen“, die im Januar 2015 an der UniversitĂ€t Bielefeld stattfand. Er enthĂ€lt neben einem Vorwort der Herausgebenden zehn BeitrĂ€ge zu gegenwĂ€rtig und voraussichtlich zukĂŒnftig in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion bedeutsamen Schwerpunkten. Im Vorwort ist eine WĂŒrdigung des Werkes von Wolfgang Klafki vorangestellt. Zudem werden die Entstehung des Sammelbandes beschrieben und die einzelnen Artikel zusammenfassend vorgestellt. Daran anschließend folgen die BeitrĂ€ge.

Ewald Terhart stellt die Bedeutung von Klafkis Werk in und fĂŒr die Lehrerbildung heraus und geht ausfĂŒhrlich auf seine Verdienste bezĂŒglich Allgemeiner Didaktik und Schultheorie ein. Dabei stellt er fest, dass sich vor allem drei Artikel Klafkis explizit mit der Lehrerbildung selbst beschĂ€ftigen. Die Bedeutung von Klafkis Schaffen fĂŒr die Lehrerbildung ergibt sich fĂŒr Terhart gegenwĂ€rtig erst beim genaueren Hinsehen: Klafki gilt als Verfechter der demokratischen Schule und Gesellschaft und forderte, dass Lehrpersonen SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu einem demokratischen Miteinander erziehen und Mitverantwortung an bildungspolitischen AnsprĂŒchen ĂŒbernehmen können sollten. Dieser normative und gleichzeitig ethische Anspruch Klafkis ist „zweifellos aktuell“ (30), denn er verdeutlicht die allzu starke BeschrĂ€nkung einer vornehmlich auf EffektivitĂ€t und Effizienz von Schulleistung abzielenden Lehrerbildung.

Karl-Heinz Arnold diskutiert im Folgenden das VerhĂ€ltnis von Methodik und Didaktik und hinterfragt dazu die Konsistenz der Argumentation in Klafkis Publikationen. Dabei geht er auch auf die Felder der Unterrichtsplanung sowie Klassifikationen von Methoden ein und fordert einmal mehr, dass auch lernprozessanregende Aufgaben zu einem gut geplanten Unterricht gehören sollten. Der Artikel von Simone Seitz beschĂ€ftigt sich mit Inklusion in Schule und Unterricht und benennt in diesem Zusammenhang die Schwachstellen des deutschen Bildungssystems. Ein knapper Bezug zu Klafki erfolgt lediglich ĂŒber seinen 1994 erschienenen Artikel „Recht auf Gleichheit – Recht auf Differenz“ (59), in dem der Erziehungswissenschaftler feststellte, dass auch bei der Bearbeitung gemeinsamer Aufgaben und Problemstellungen individuelle Interessen der Lernenden zur Geltung kommen können. Weitere Verbindungen zu Klafkis Werk werden von Seitz nicht hergestellt.

Um Binnendifferenzierung und „Individualisierung im Unterricht im Medium des Allgemeinen“ (68) geht es anschließend bei Susanne Lin-Klitzing. Klafkis bildungstheoretischer und kritisch-konstruktiver Ansatz sowie seine weiter entwickelten AnsprĂŒche an ein „neues“ Allgemeinbildungskonzept bieten nach Ansicht dieser Autorin ein gutes Rahmenkonzept fĂŒr moderne „Individualisierung“ im Unterricht (68). Das Kriterienraster von Klafki und Stöcker zur Binnendifferenzierung (1976) wird hier dargestellt und Offener Unterricht in den Zusammenhang zur Klafki‘schen Konzeption gestellt. Demnach könne Öffnung und Individualisierung nie radikal aus SchĂŒlersicht erfolgen. Vielmehr mĂŒsse sich an einem inhaltlich Allgemeinen orientiert werden – und dies sind nach Klafki die epochaltypischen SchlĂŒsselprobleme (81). FĂŒr die Forschung ergeben sich nach Lin-Klitzing weiterfĂŒhrende Fragen, zum Beispiel zur unterschiedlichen Lernzeit der Lernenden und zur Diagnosekompetenz der Lehrenden.

Roger Hofer stellt dar, wie Klafki den Kritikbegriff von Habermas rezipiert, nĂ€mlich als Ideologiekritik sowie emanzipatorisches Erkenntnis-, Gestaltungs- und VerĂ€nderungsinteresse (89). Er beschĂ€ftigt sich anschließend mit der divergenten Weiterentwicklung dieses Begriffs bei beiden Wissenschaftlern. Im Mittelpunkt des Artikels von Hartmut Giest steht sodann die Kulturhistorische Didaktik, die sich eher der Lernpsychologie zuordnen lĂ€sst als der Bildungstheorie im Sinne Klafkis. Trotzdem lassen sich dem Autor zufolge Bezugspunkte finden. So diskutiert und beschreibt er u.a. Grundpositionen kooperativer Unterrichtsplanung, die an die didaktische Analyse anknĂŒpfen. Daniel Scholl und Wilfried Plöger deuten die Allgemeine Bildungstheorie von Klafki lehrplantheoretisch (122), indem sie Erich Wenigers Theorie des Lehrplans mit Klafkis Allgemeinbildungstheorie vergleichen und in einer Tabelle zusammenfassen.

Barbara Koch-Priewe greift als einen Kritikpunkt der Rezeption Klafkis auf, er habe in seinem Schaffenswerk die SchĂŒlerinnen- und SchĂŒlerbeteiligung im Planungsprozess nicht erwĂ€hnt und sehe die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler nur als „StörgrĂ¶ĂŸe“ (143f). Die Autorin zeigt aber, dass es in den Texten Klafkis durchaus Aufforderungen gibt, sich mit den Lernenden ĂŒber das unterrichtliche Geschehen zu verstĂ€ndigen, insbesondere in seiner erst 2013 veröffentlichten zweiten Staatsexamensarbeit. Sie kommt zu dem wichtigen Fazit: „Bildungstheoretisches Denken hatte seinen Bezugspunkt im (sich) bildenden Subjekt, das immer in soziale Kontexte eingebunden ist“ (150). Die beiden abschließenden Artikel beschĂ€ftigen sich vor allem mit der Bedeutung von Klafkis Veröffentlichungen im internationalen Kontext. WĂ€hrend Hilbert Meyer und Meinert A. Meyer dies am Beispiel der Rezeption und Veröffentlichung in zwölf LĂ€ndern und anhand englischsprachiger Übersetzungen ĂŒberblicksartig prĂ€sentieren, zeigt Stefan Ting Graf am Beispiel DĂ€nemarks sehr differenziert, dass Klafkis Werk bildungspolitisch und ideengeschichtlich auch ĂŒber die deutschsprachige Erziehungswissenschaft hinaus große Wirkung hat(te).

Insgesamt setzt dieser Band die Tradition der Auseinandersetzung mit Klafkis Werk fort und wĂŒrdigt die Verdienste dieses kritisch-konstruktiven Erziehungswissenschaftlers. Er benennt aber auch Kritikpunkte und Leerstellen und verknĂŒpft diese Perspektiven mit aktuellen erziehungswissenschaftlichen Diskussions- und Forschungsthemen (z.B. Inklusion). Dabei werden mögliche Weiterentwicklungen andiskutiert – etwa in Bezug auf Differenzierung und Individualisierung und kooperative Unterrichtsplanung durch Lehrende und Lernende. Der Sammelband zeigt auf, dass Klafkis Überlegungen durchaus noch zeitgemĂ€ĂŸ sind und gleichsam fĂŒr Studierende als auch Lehrende aktuelle Diskussions- und Forschungsperspektiven im Umgang mit der Kritisch-Konstruktiven Didaktik existieren. „Mit dem vorliegenden Band“ wird, da ist den Herausgeben zuzustimmen, auch ein „Beitrag zur WĂŒrdigung des Werkes von Wolfgang Klafki“ geleistet, „den er selber leider nicht mehr zur Kenntnis nehmen kann“ (11).
Barbara Kranz (Dresden)
Zur Zitierweise der Rezension:
Barbara Kranz: Rezension von: Köker, Anne / StörtlĂ€nder, Jan C. (Hg.): Kritische und konstruktive AnschlĂŒsse an das Werk Wolfgang Klafkis. Weinheim / Basel: Beltz Juventa 2017. In: EWR 16 (2017), Nr. 4 (Veröffentlicht am 02.08.2017), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377993442.html