EWR 12 (2013), Nr. 4 (Juli/August)

Eiko JĂŒrgens / Susanne Miller (Hrsg.)
Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule
Eine interdisziplinÀre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse
Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013
(282 S.; ISBN 978-3-7799-2806-5; 29,95 EUR)
Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule Vor nahezu 20 Jahren formulierte die UNESCO-Konferenz „PĂ€dagogik fĂŒr besondere BedĂŒrfnisse: Zugang und QualitĂ€t“ im spanischen Salamanca grundlegende Forderungen und Ziele fĂŒr eine integrative schulische PĂ€dagogik. Eines der Leitprinzipien beinhaltete dabei, „dass Schulen alle Kinder, unabhĂ€ngig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen FĂ€higkeiten aufnehmen sollen“ [1]. Indirekt sind die Adressaten jener ErklĂ€rung nicht nur die angesprochenen Bildungseinrichtungen und deren Akteure in den einzelnen LĂ€ndern. Die ErklĂ€rung ist auch Ausdruck dafĂŒr, dass Mechanismen der Benachteiligung im Bildungswesen auf gesellschaftlicher Ebene verwurzelt sind.

Aus dieser Argumentation heraus begrĂŒndet sich der interdisziplinĂ€r aufgestellte Sammelband von Eiko JĂŒrgens und Susanne Miller, dem eine Ringvorlesung im Wintersemester 2010/11 an der UniversitĂ€t Bielefeld vorausging. Die Herausgeber erheben den Anspruch, „Fragen nach der Entstehung, Entwicklung und VerĂ€nderung bzw. Überwindung sozialer Ungleichheiten“ (7) nachzugehen. Die Bearbeitung erfolgt auf drei verschiedenen Betrachtungsebenen in jeweils fĂŒnf Kapiteln. So wenden sich die Autoren des ersten Teils Bildung und sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft zu, im zweiten Teil werden schulstrukturelle Analysen herangezogen, wĂ€hrend im dritten Teil schließlich die Akteure von Schule bzw. eine Überwindung von Ungleichheit in der Praxis thematisiert werden.

Eingeleitet werden die insgesamt 16 Kapitel von den Herausgebern mit einer knappen Skizzierung sozialer Ungleichheit, den davon besonders betroffenen Gruppen, aktueller Studien sowie derjenigen Stellen im Bildungssystem, an denen der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg sichtbar wird.

Christoph Butterwegge setzt sich mit der medialen Rezeption von Kinder- und Jugendarmut auseinander. Dabei wird deutlich, dass nach einer zunĂ€chst vernachlĂ€ssigten Thematisierung dieses gesellschaftlichen Problems seitens der Medien, selbiges meist nur auf zwei verschiedene Arten dargestellt wird: entweder als Schaden fĂŒr den Wirtschaftsstandort Deutschland, in dem „Humankapital“ verloren geht, oder als emotional geprĂ€gte und wenig aussagekrĂ€ftige Einzelfallschilderung. FragwĂŒrdig bleibe dabei, ob so die Ursachen und Probleme von (Bildungs-)Armut adĂ€quat der Öffentlichkeit vermittelt werden können. Die beiden folgenden BeitrĂ€ge von Sighard Neckel und Oskar Negt nĂ€hern sich dem Thema eher in sozialphilosophischer Betrachtungsweise. WĂ€hrend erstgenannter Beitrag eine Zusammenfassung im Laufe der Jahre gewonnener Analysen des Autors darstellt und der Ausweitung und „Aushöhlung“ (51) des Leistungsprinzip auf den Grund geht, ist letzterer, „Politische Bildung und Demokratie“, die Verschriftlichung von Negts Hauptvortrag beim DGfE-Kongress 2010, in dem er die Notwendigkeit politischer Bildung in den zunehmend von sozialer Haltlosigkeit und schwindendem Zusammenhalt gekennzeichneten modernen Gesellschaften betont. Die darauf folgenden Artikel zeigen noch einmal zwei unterschiedliche Herangehensweisen an die Analyse von Ungleichheit in der Gesellschaft. Willy Lemke, seit 2008 Sonderberater des UN-GeneralsekretĂ€rs fĂŒr Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden, gibt einen Überblick sowohl ĂŒber die verschiedenen Projekte und Ziele der UN als auch ĂŒber die Potentiale, die sportliche TĂ€tigkeiten und Großveranstaltungen auf individueller Ebene bieten und die einen Beitrag zu Inklusion leisten können. Ernst Rösner beendet schließlich den ersten Teil mit einer differenzierten Betrachtung sozialstruktureller VerĂ€nderungen und deren Auswirkungen auf SchĂŒlerzahlen und Schulwahlverhalten.

Dass das deutsche Bildungssystem in Bezug auf die Herstellung von Chancengleichheit einen großen Aufholbedarf hat, zeigten nicht zuletzt die großen nationalen und internationalen Leistungsstudien. Andreas Schleicher weist in seinem Beitrag darauf hin, dass es sich durchaus lohnt frĂŒh zu investieren, nicht nur, weil das mit 15 Jahren erreichte Kompetenzniveau spĂ€ter schwer korrigierbar ist, sondern auch, um die Kosten geringer zu halten, die durch Chancenungleichheit und damit verbunden niedrigeren Leistungsniveaus bei benachteiligten Gruppen zu spĂ€terer Zeit verursacht werden. Wenn das Kompetenzniveau aller SchĂŒler der OECD-LĂ€nder um ein Jahr stiege – so wie es in Polen der Fall war – „dann wĂŒrde das ĂŒber den Lebenszeitraum dieser SchĂŒler einen volkswirtschaftlichen Zugewinn von etwa 115 Trillionen US-$ ausmachen“ (110). Im Kontext von Chancengleichheit erscheint auch der vieldiskutierte Zeitpunkt des Übergangs in die Sekundarstufe ein wichtiger zu untersuchender Aspekt, der in den beiden folgenden Texten von Ludger WĂ¶ĂŸmann und Klaus-JĂŒrgen Tillmann aufgegriffen wird. Beide untersuchen, ob mit einem spĂ€teren Übergang in die verschiedenen Schulformen bei SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern mit unterschiedlichen familiĂ€ren HintergrĂŒnden Vor- oder Nachteile in Bezug auf das Leistungsniveau verbunden sind und kommen dabei zu vergleichbaren Ergebnissen. In den beiden letzten Artikeln des zweiten Teils werden schulformspezifische Problematiken aufgegriffen. WĂ€hrend Dagmar HĂ€nsel die Idee der Grundschule als einer Schule fĂŒr alle Kinder der der Sonderschule als Schule fĂŒr besondere Kinder in ihrem historischen Kontext gegenĂŒberstellt, beschĂ€ftigt sich Ulf Preuss-Lausitz in seinem Beitrag mit der ProduktivitĂ€t gemeinsamen Lernens behinderter und nicht behinderter SchĂŒlerinnen und SchĂŒler. Die Förderung in der Gemeinschaft erscheint hier nicht zuletzt als ein humanistisch fundiertes Recht auf SolidaritĂ€t und Partizipation (175), das durch Aussonderung verletzt wird.

Wie nun all diese AnsprĂŒche und wĂŒnschenswerten Ziele in die Praxis umgesetzt werden können, versuchen die BeitrĂ€ge des dritten Teils zu beantworten. Nicht zu unterschĂ€tzen sind hier die Sichtweisen der LehrkrĂ€fte auf HeterogenitĂ€t und das ihnen zugrunde liegende Menschenbild. Beide haben einen nicht zu leugnenden Einfluss auf die Umsetzung von Bildungsgerechtigkeit im Schulalltag, indem sie individuelle Erfahrungen in handlungsleitende Kategorien transformieren. Auf die mit Vorurteilen verbundenen Gefahren und darauf welche Wichtigkeit HumanitĂ€t, gegenseitige Achtung, Toleranz und Anerkennung im Bildungs- und Erziehungsauftrag zukommt und zukommen sollte, geht Jutta Standop ein. Eiko JĂŒrgens fĂŒhrt dies mit 19 Thesen weiter, die seiner Meinung nach zu einer fairen Gestaltung von Unterricht, Lernprozessen und Leistungsmessung beitragen. Die Sicht der LehrkrĂ€fte auf HeterogenitĂ€t wird schließlich von Susanne Miller aufgegriffen. Sie erlĂ€utert in RĂŒckgriff auf quantitative Daten und die Darstellung zweier Fallportraits, in welchen Bereichen LehrkrĂ€fte Chancen als auch Schwierigkeiten im gemeinsamen Lernen aller Kinder sehen, schließlich ist es nur möglich in RĂŒckgriff auf solche Informationen „den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden“ (249) und nicht ausschließlich Professionsinteressen einer Seite zu folgen. Reinhard StĂ€hling, Schulleiter der Grundschule Berg Fidel in MĂŒnster, und Ulrike Kegler, Schulleiterin der Montessori-Oberschule in Potsdam, schildern den Sammelband abschließende konkrete Praxiserfahrungen bei der Umsetzung ihrer Konzepte und Leitbilder. Gemeinsam ist beiden BeitrĂ€gen die direkte Zuwendung, die jedem einzelnen SchĂŒler zukommt, und der Anspruch mit ihrer Arbeit einen Teil zur Bildungsgerechtigkeit beizutragen, indem humanistische GrundĂŒberzeugungen, und hier findet sich ein RĂŒckgriff auf die bereits in den Artikeln zuvor thematisierten Thesen, von jedem Schulakteur getragen werden.

Alles in allem wird der Sammelband seinen AnsprĂŒchen gerecht. Vor allem der zweite die Schulstruktur analysierende und der dritte auf die Praxis fokussierte Teil zeigen einen breiten Zugang, ohne aber den roten Faden vermissen zu lassen. Der erste Teil steht dabei hinten an, da nicht deutlich wird, mit welchem Ziel genau diese BeitrĂ€ge ausgewĂ€hlt wurden; auch die Vorbereitung bzw. die möglichen AnknĂŒpfungspunkte an die beiden darauffolgenden thematischen Blöcke sind schwer zu finden. WĂŒnschenswert wĂ€ren daneben zum Teil auch aktualisierte Fassungen von zuvor schon erschienenen BeitrĂ€gen gewesen. Zusammenfassend eignet sich das Werk jedoch gut dafĂŒr, einen ersten umfassenden Einblick in das Feld Bildungsgerechtigkeit und Inklusion zu erlangen.

[1] UNESCO (Hg.) (1996): Die Salamanca ErklĂ€rung und der Aktionsrahmen zur PĂ€dagogik fĂŒr besondere BedĂŒrfnisse. Abrufbar unter: http://www.unesco.at/bildung/basisdokumente/salamanca_erklaerung.pdf [09.07.2013].
Michaela KrĂŒger (Braunschweig)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michaela KrĂŒger: Rezension von: JĂŒrgens, Eiko / Miller, Susanne (Hg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule, Eine interdisziplinĂ€re Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2013. In: EWR 12 (2013), Nr. 4 (Veröffentlicht am 24.07.2013), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377992806.html