EWR 11 (2012), Nr. 5 (September/Oktober)

Ute Clement
Ehrbare Berufe für coole Jungs
Wie Ausbildung für schwache Jugendliche gelingen kann
Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2012
(137 S.; ISBN 978-3-7799-2255-1; 19,95 EUR)
Ehrbare Berufe für coole Jungs Ute Clement behandelt in diesem Buch ein gleichermaßen klassisches wie brandaktuelles Thema der Berufspädagogik: Problemlagen bei der beruflichen Ausbildung schwacher Jugendlicher und entsprechende Lösungsansätze. Ein Thema, das vor dem Hintergrund eines wachsenden Fachkräftemangels bei gleichzeitig steigenden Zahlen „berufs- bzw. ausbildungsunreifer“ Jugendlicher stetig an Aktualität und Relevanz gewinnt. Dabei nimmt sie – anstelle einer üblichen Auflistung und Diskussion der damit verbundenen Probleme – eine neue, auf den ersten Blick unkonventionelle Perspektive ein: die Ehre.

In einem kurzen Exkurs, in dem sie die betreffenden Gruppen „schwacher Jugendlicher“ dargestellt und den Unterschied zu „starken Jugendlichen“ aufgezeigt, definiert die Autorin die verwendeten Begrifflichkeiten und grenzt ihre Verwendung im Rahmen des vorliegenden Werkes entsprechend ein. Wichtig ist hierbei insbesondere die Verwendung des Begriffs der „schwachen Jugendlichen“ für Jugendliche, denen aufgrund verschiedener persönlicher und sozialer Umstände der Übergang Schule-Beruf nicht oder nicht reibungslos gelingt und die dadurch gesellschaftlich ausgeschlossen werden. Sie beschreibt eine Gruppe von Jugendlichen, die sich aus jungen Menschen mit bspw. sozialen Benachteiligungen, Beeinträchtigungen oder Schwierigkeiten aufgrund ethnischer Herkunft zusammensetzt. Anschließend öffnet Clement verschiedene Perspektiven auf Ehre, wie sie im Kontext des Buches für die jeweils beteiligten Erwachsenen, insbesondere Ausbildende, und die Jugendlichen als (potenzielle) Auszubildende tragend sind, und zeigt die Umstände und Hintergründe für das Entstehen von Ehre auf.

Im Kapitel „Kleine Geschichte der Berufsehre“ zeigt die Autorin in einem historischen Abriss, wie sich der Begriff der Berufsehre in Deutschland vom Mittelalter bis in die heutige Zeit entwickelt hat. Anhand ausgewählter Zeitabschnitte stellt Ute Clement dar, wie sich die Berufsehre von der Zunft- und Standesehre des Spätmittelalters ausgehend unter den Einflüssen der Reformation, der Industrialisierung, des Dritten Reichs und der Nachkriegszeit gewandelt und verändert hat. Anschließend zeigt sie die „Risse im kulturellen Muster der Beruflichkeit“ auf, die – infolge des beschriebenen Wandels – aktuell in der postmodernen Gesellschaft vorliegen. Wünschenswert wäre an dieser Stelle gewesen, kurz zu erwähnen, worauf die mittelalterliche Standes- und Berufsehre gründet – bspw. durch einen Verweis auf ihre Wurzeln in der Antike.

Im anschließenden Kapitel stellt die Autorin die Ehre und das Ehrverständnis der Jugendlichen dar und hinterlegt dieses mit den biologischen, psychologischen und sozialen Entwicklungsprozessen im Jugendalter. Clement verdeutlicht die Unterschiede zwischen starken und schwachen Jugendlichen, woran Ehre festgemacht wird bzw. werden kann und wie sich die innere und äußere Ehre darstellen. Sie zeigt, wie starke Jugendliche durch einen gelungenen Übergang in eine Ausbildung Ehre entwickeln, indem sie soziale Integration erleben, und wie schwache Jugendliche durch ein Scheitern am Übergang oder in der Ausbildung einen sozialen Ausschluss erfahren und deshalb Anerkennung und Einschluss auf anderen Wegen suchen müssen. Entscheidend ist dabei die Selbstwahrnehmung als Teil einer Randgruppe oder die Selbstzuordnung zu einer solchen, in der sie eine sog. „Gegenehre“ erwerben können, indem sie sich in einer „Gang“, in einer Jugendsubkultur oder in ihrem „Kiez“ bewähren. Ute Clement gelingt dabei ein anschaulicher, durch zahlreiche Studien- und Interviewbeispiele unterlegter Schreibstil, der die Perspektivübernahme beider Gruppen erlaubt – sowohl die der Ausbildenden, als auch die der Jugendlichen – und gleichermaßen die unterschiedlichen und gemeinsamen Ehrverständnisse nachvollziehbar und nachempfindbar macht. Nicht zuletzt dadurch trägt sie dazu bei, die Missverständnisse, die dazu führen, dass eine Ausbildung scheitert, genauer zu hinterfragen und dadurch verständlicher zu machen.

Das Kapitel „Muddling through“ umreißt nachfolgend, wie schwache Jugendliche selbst versuchen mit den Problemlagen scheiternder Ausbildung umzugehen und welche Handlungsmuster und Strategien in welchen Situationen Anwendung finden. Dabei eröffnet Clement den Blick auf die Diversität der postmodernen Gesellschaft und auch auf die Diversität der (schwachen) Jugendlichen selbst. Sie stellt anhand unterschiedlicher Fallbeispiele exemplarisch dar, wie das Entgegentreten oder eben das „Durchwuseln“ am Übergang ins Berufsleben bei unterschiedlich stark aufgestellten, mehr oder weniger schwachen Jugendlichen gestaltet sein bzw. gestaltet werden kann. Dabei wird als besonders wichtig herausgearbeitet, wie die Potenziale der Jugendlichen hinsichtlich einer begründeten Berufswahlentscheidung, aber auch äußere Anreizsysteme (Bsp. „Sozialstaat surfen“) oder die familiäre Situation (z.B. eigene Familie und Kinder) den Horizont der Handlungsalternativen vergrößern oder verkleinern können. Die Autorin macht deutlich, dass eine feste Identität in der postmodernen Gesellschaft kaum erreichbar ist – insbesondere nicht für schwache Jugendliche. Identität wird durch sog. Identitätsprojekte stets neu konstruiert und es wird ausprobiert, ob sich die so neu konstruierten Rollen bewähren. Klar wird hier auch, dass eben nicht alle diese Strategien und Handlungsansätze erfolgreich und viele davon von vornherein aus gesellschaftlicher Sicht zum Scheitern verurteilt sind. Erfolgreiche resiliente Jugendliche werden von Ute Clement gleichermaßen betrachtet, und es werden die Erfolgsbedingungen ihrer Strategien aufgezeigt. Eines wohnt sowohl erfolgreichen als auch scheiternden Strategiekonstruktionen inne: Das eigene Konstrukt von Ehre und die damit verbundenen Versuche, sich zu beweisen, etwas zu schaffen oder zu erreichen, immer mit dem Ziel verbunden, dabei Ehre zu erlangen. Dies kann auch den Erwerb einer Gegenehre bspw. als Gangster, Rapper, Graffitisprayer oder Punker beinhalten.

Im thematisch und inhaltlich abschließenden Kapitel beschreibt die Autorin, unter welchen Bedingungen berufliche Ausbildung mit schwachen Jugendlichen gelingen kann. Dabei wird erneut deutlich, welche Rolle Ehre in diesem Kontext spielt: Auf welche Art sie zum einen erstrebenswertes Ziel und Leitbild für die Jugendlichen sein und zum anderen durch konkrete Handlungs- und Verhaltensvorgaben gerade den schwachen Jugendlichen helfen kann, sich selbst in Gesellschaft und Arbeitswelt zu verorten. Dabei zeigt Ute Clement auf, in welcher Weise sich die meisterliche Autorität bzw. die Autorität der Ausbildenden insgesamt im Zeitverlauf von erziehenden Hausherren zu (idealerweise) beratenden Partner_innen gewandelt hat und wie sie sich dementsprechend in der postmodernen Gesellschaft konstituiert. Besonders die Darstellung, wie Berufsausbildung unter Beachtung der Perspektive der Ehre gestaltet werden kann und sollte, eröffnet einen neuen Blick darauf. Auch hier verweist die Autorin nochmals deutlich auf die Erfordernisse hoher Strukturierung und Strukturiertheit für schwache Jugendliche, die in einem gesunden Wechselspiel mit Vertrauen und Etwas-zutrauen stehen muss, damit die Ausbildung gelingen kann und die Jugendlichen sich in ihrem Verlauf bewähren und auf diese Weise Ehre erlangen können. Zudem zeigt sie auf, wie wichtig diese Ehre ist: Denn im Falle des Ausschlusses greifen die Jugendlichen zu Modellen von sog. Gegenehren (Clement führt bspw. die „Gangsterehre“ an), die leichter erreichbar sind oder zu sein scheinen, als die Berufsehre, die durch Scheitern in der Berufsausbildung unerreichbar wird.

In der Zusammenfassung mit dem plakativen Titel „Sind sie denn alle noch zu retten?“ geht Ute Clement selbst noch einmal in einen kritischen Diskurs – mit der Ehre und mit den von ihr aufgezeigten Möglichkeiten zur Gestaltung ehrgeleiteter gelingender Ausbildung schwacher Jugendlicher. Auch zeigt sie hier Probleme und Gefahren auf, die bei einer solchen Ehrgeleitetheit entstehen können, und stellt dar, wie man diesen begegnen kann.

Obwohl „Ehrbare Berufe für coole Jungs“ erwarten lässt, dass es im Buch um die Probleme männlicher Jugendlicher an den Übergängen der ersten und zweiten Schwelle von der Schule über eine Berufsausbildung in den Beruf geht, handelt es gleichermaßen von Mädchen und Jungen. Dass allerdings den Mädchen dieser Übergang zumeist leichter gelingt und dass gerade die Jungen öfter in der Gruppe der „schwachen Jugendlichen“ vertreten sind, zeigt sich sowohl in Abbrecherstatistiken und an den Besetzungsquoten in berufsfördernden Maßnahmen, als auch im Buch selbst: Die resilienten und erfolgreichen Beispiele sind junge Migrantinnen, die sich über Vorurteile und Stigmatisierungen hinweg in Schule und am Übergang in ein Studium bzw. eine berufliche Ausbildung aber auch privat durchsetzen. Die „Gangsterbeispiele“ sind dagegen von Jungen bzw. jungen Männern besetzt. Der Titel hätte hier eine noch stärkere, vielleicht sogar durchgehende Fokussierung auf männliche Jugendliche – gerade weil sie die „Problemgruppen“ dominieren – erwarten lassen.
Wenngleich Ute Clement einleitend einen wissenschaftlichen Beitrag bzw. ein wissenschaftliches Ansinnen des Buches verneint, rekurriert sie in ihrer Abhandlung auf aktuelle Befunde und Erkenntnisse der Disziplin. Dadurch gelingt ihr ein Theorie-Praxis-Transfer, der das Werk sowohl für die ausgewiesene Zielgruppe der Berufs- und Betriebspädagogen aus der berufsbildenden Praxis als auch für Wissenschaftler_innen und nicht zuletzt auch für Studierende des Feldes interessant macht. Die so angeregte Diskussion ist spannend: Kann ein Konstrukt der Ehre helfen, die Probleme der „Ausbildungsunreife“ bei Jugendlichen und des Scheiterns von beruflichen Ausbildungen (Abbrüche) zu lösen oder zumindest einzudämmen? Ehre allein kann es nicht richten. Das macht die Autorin in ihrem Werk deutlich. Aber auch der Markt alleine wird es nicht richten. Denn klar ist: Die Zielgruppe der schwachen Jugendlichen ist in Zeiten von Fachkräftemangel nicht mehr nur eine Zielgruppe von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, wie das in Zeiten eines Überangebots an potenziellen Auszubildenden der Fall war. Auch für die Unternehmen ist es wichtig, vakante Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu besetzen, um mittelfristig Produktions- und Leistungserstellungsprozesse und somit langfristig die Existenz der Unternehmen abzusichern. Doch die mit einer Ausbildungsstelle unversorgten Jugendlichen sind zumeist diejenigen, die für die Anforderungen (noch) nicht ausreichend vorbereitet sind. Es sind eben diese schwachen Jugendlichen, die an einer Berufsausbildung zu scheitern drohen. Sie „fit für den Beruf“ zu machen, sie kleinschrittiger das erreichen zu lassen, was sie auf herkömmlichen Weg nicht schaffen können, ihnen einen Weg zu bereiten, auf dem sie Teil einer "ehrbaren" Berufsgemeinschaft werden können, ist die Aufgabe, der sich die Betriebe sowie die beteiligten Pädagogen und Pädagoginnen stellen müssen. Das Buch liefert hierzu neben Erklärungen der zu bewältigenden Problemlagen, die durch Perspektivübernahmen anschaulich und klar nachvollziehbar werden, auch eine Leitlinie. Diese Leitlinie bzw. dieser mögliche Handlungsansatz stellt dar, wie sich die beteiligten Akteure den Problemen und Missverständnissen im Kontext beruflicher Ausbildung mit schwachen Jugendlichen stellen können.
Patrick Schaar (Erfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Patrick Schaar: Rezension von: Clement, Ute: Ehrbare Berufe für coole Jungs, Wie Ausbildung für schwache Jugendliche gelingen kann. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2012. In: EWR 11 (2012), Nr. 5 (Veröffentlicht am 12.10.2012), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377992255.html